Tschechien–Deutschland
Geschichte und Kultur entlang Eger und Elbe erfahren

Wir treffen Andrew, unseren noch fehlenden Mitradler, gegen 13 Uhr auf dem mittelalterlichen Marktplatz in Cheb – dem ehemaligen Eger. Nachdem wir einige Euros in Kronen getauscht haben, beschließen wir, nicht länger in der hübschen Stadt in Grenznähe zu verweilen, sondern gleich noch ein „paar Kilometer“ zu fahren. Zu viert machen wir uns in Urlaubsstimmung auf den Weg, entlang der Flüsse Eger und Elbe die tschechischen Regionen Karlowarsky kraj (Karlsbad) und Ústecky kraj (Aussig) und das Elbtal bis nach Dresden zu erkunden. Etwa 400 Kilometer auf dieser selbst ausgetüftelten Route liegen vor uns.
Schon bald ereilt uns der erste Schock: Entlang einer Schnellstraße mit Autobahnzubringer, der stark an das Frankfurter Kreuz erinnert, suchen wir den im Reiseführer verzeichneten Fahrradweg in Richtung Frantiskovy Lázne (Franzensbad) – der, nach Karlsbad und Marienbad, kleinsten der drei berühmten westböhmischen Kurstädte. Wo zu k. u. k. Zeiten Persönlichkeiten wie J.W. v. Goethe ihre Krankheiten kurierten und mit jungen Frauen anbandelten, erstrahlen die meisten Kuranlagen und Parks in der Tschechischen Republik heute wieder in altem Glanz. In den Seitenstraßen jedoch besitzt so manche ehemalige Residenz noch den maroden Charme des real existierenden Sozialismus. An unserem ersten Radlernachmittag schaffen wir noch rund 40 Kilometer bis Sokolov (Falkenau). Von einsetzendem Regen bedroht, übernachten wir etwas überteuert im „Parkhotel“ – alle preiswerten Hotels und Pensionen vor Ort sind bereits ausgebucht.

Reifenwechsel in Karlsbad
In der Nacht und bis weit in den Morgen hinein schüttet es wie aus Kübeln. Beim Frühstück kommt unweigerlich die Diskussionen auf, ob wir heute überhaupt weiter fahren sollen. „Wäre es nicht besser, in ein Museum zu gehen?“, fragt sich nicht nur Aviva – unsere einzige Frau im Team. Schließlich klart es ein wenig auf und wir radeln bei leichtem Nieselregen los, der allerdings schon bald heftiger wird. Auf Fahrradwegen entlang der Eger erreichen wir zur Mittagszeit Karlovy Vary, das altehrwürdige Karlsbad. Vordringlicher als ein heißes Thermalbad benötigen wir in der 60.000 Einwohner zählenden Kurstadt einen Fahrradladen. Aviva hat sich unterwegs am Vorderrad einen Platten eingefangen, der auch den Fahrradmantel in Mitleidenschaft zog. „Damit wirst Du die Tour wohl nicht zu Ende fahren können“, lautet die Diagnose von Thomas – dem Sprachentalent und Ingenieur in der Gruppe. Alles nur halb so schlimm: Wir finden ein mit allen Finessen ausgestattetes Fahrradgeschäft. Der freundliche Inhaber hilft sofort – ein vortrefflicher Service, von dem sich so manche heimische Werkstätte eine Scheibe abschneiden könnte.

Kurze giftige Anstiege
Grüne Laubbäume und abgemähte Weizenfelder sind unsere stetigen Begleiter. Wir fahren überwiegend auf Radwegen, manchmal auch auf wenig befahrenen Landstraßen in relativer Flussnähe. Das ständige Auf- und Ab der vielen Hügel mit teilweise sehr giftigen, kurzen Anstiegen, erinnert uns allerdings mehr an eine Odenwald- oder Vogelsberg-Radtour als an eine Flussstrecke. Für diesmal beschließen wir, die Fahrräder bereits gegen 16 Uhr abzustellen. Zu verlockend: Im Dörfchen Vojkovice haben wir eine wunderschöne und auch preiswerte Privatpension gefunden.

Königsetappe nach Laun
Vor dem Start beseitigen wir zunächst wieder die Spuren von Schlamm und Matsch an den Rädern. Das Wetter verspricht aufzulockern. Wir überholen einige Kanuten, die sich auf der Eger tummeln. Schon bald zeigt sich, dass wir auf den holperigen Flussradwegen nur sehr mühsam vorwärts kommen. Wir unternehmen keine Tour mit offenem Ende, sondern haben für die Rückreise einen Platz im IC-Nachtzug mit Fahrradmitnahme ab Dresden fest gebucht. Deshalb müssen wir auch die dafür nötigen Kilometer pro Tag machen. Die Lösung dieses Dilemmas lautet: Wir wechseln auf größere Landstraßen. Das bringt zwar mehr Autoverkehr mit sich, aber wir schaffen gute 80 Kilometer und liegen damit voll im Zeitplan. Im heutigen Etappenziel Louny (Laun) angekommen, sind wir völlig am Ende. „Die vielen Hügel und das gute tschechische Bier fordern halt ihren Tribut“, frotzelt Andrew. Wie jeden Abend in Tschechien, entlohnt schon bald die famose böhmische Küche für die selbst auferlegte Mühsal des Tages.

Wohlverdienter Ruhetag
Endlich bricht der schon lange vom Wetterbericht versprochene Hochsommer über uns herein. Auch die Strecke in Richtung Elbe wird zunehmend flacher. Landschaftlich beeindruckt uns am Horizont eine Hügel-Formation vulkanischem Ursprungs. Hopfenanbau, Mais- und Rapsfelder säumen die Landstraßen. In Litomerice (Leitmeritz), wo die Eger in die Elbe mündet, beschließen wir, einen Ruhetag einzulegen. Allgemeiner Tenor ist: „Wir liegen nach der Königsetappe gut in der Zeit und können uns daher mehr Muße für die bislang etwas zu kurz gekommenen Besichtigungen nehmen.“ Nur acht Kilometer vor den Stadttoren liegt Terezín; in Deutschland besser als Theresienstadt bekannt. Die alte österreichisch-ungarische Festungsstadt erlangte während der Naziherrschaft als berüchtigtes Gestapo-Gefängnis und Konzentrationslager für Juden traurige Berühmtheit (siehe Kasten).

Graffiti auf dem Elbe-Radweg
Der Ruhetag hat allen gut getan. An einem heißen Sonntag machen wir uns entlang des Elbe-Radweges, über Ústí (Aussig) und Decín (Tetschen) auf in Richtung Dresden. Noch in Tschechien direkt an der Elbe liegt Burg Schreckenstein. Ein langer Aufstieg führt zu der auf einem gespaltenen Felsen gelegenen mittelalterlichen Feste, wo sich laut Legende sowohl Karl May als auch Richard Wagner Anregungen für Ihr Werk geholt haben sollen. Diese Informationen filtert Thomas aus einer leider nur in Tschechisch angebotenen Burgführung heraus. Ansonsten kommen wir mit Deutsch und Englisch immer gut zurecht. Wir anderen genießen den fantastischen Ausblick über die böhmische Elblandschaft oder kümmern uns um die Funktionsfähigkeit der Fahrräder. Andrew: „Nach den vielen Abfahrten kann es nicht schaden, die Bremsen nachzustellen.“
Auf der jetzt überwiegend flachen Strecke entlang der Elbe kommen wir gut voran. Kurz vor der tschechisch-deutschen Grenze erwartet uns Radler noch eine kleine Überraschung: Ein gymnasiales Kunstprojekt „Elbe – Labe“ hat den Asphalt über mehrere Kilometer mit völkerverständigenden Graffiti verziert. Die letzte Übernachtung auf dieser Tour finden wir in Birkwitz, einem der kleinen Elbedörfer vor den Toren Dresdens. Im nahegelegenen Badesee kommt an diesem wunderschönen Sommertag endlich auch die Badehose noch zu ihrem Einsatz.
Wir haben es geschafft. Noch ein kurzer Zwischenstopp im Schlosspark Pillnitz, und wir  radeln noch früh am Tag nach Dresden hinein. Es bleibt noch genügend Zeit für einen ausführlichen Stadtbummel in der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von alliierten Bombern fast völlig zerstörten ehemaligen Barockstadt. Es beeindrucken vor allem die erst vor kurzem wieder aufgebaute Frauenkirche und das Grüne Gewölbe mit seinen Kunstschätzen. Mit müden Beinen, aber um manches schöne Erlebnis reicher, besteigen wir nach acht ereignisreichen Tagen auf Tour zusammen mit unseren Rädern pünktlich den Nachtzug in Richtung Frankfurt am Main
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Harald Lutz

Informationen, Radkarten, Unterkunft:
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Friedrichstaße 206
10969 Berlin

Telefon und Fax.: (030) 204 47 70
E-Mail: info1-de@czechtourism.com
www.czechtourism.com

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Theresienstadt: Festung, Konzentrationslager und Gedenkstätte
Die Festung Theresienstadt, unterteilt in Kleine und Große Festung, wurde während der Regierungszeit Kaiser Josef II in den Jahren 1780 – 90 in der Nähe des Zusammenflusses von Eger und Elbe gebaut. Sie war dazu bestimmt, die Zugangswege in das Innere Böhmens vor den preußischen Truppen zu schützen. Weltbekannt und berüchtigt wurde Theresienstadt unter der Naziherrschaft. In der Kleinen Festung legte die Prager Gestapo bereits im Juni 1940 ein Polizeigefängnis an. Dort wurden bis 1945 etwa 32.000 tschechische Oppositionelle, Mitglieder des Widerstands und Kriegsgefangene eingesperrt. In der Stadt selbst, der früheren Großen Festung, entstand im November 1941 ein Getto und Konzentrationslager für Juden.
Die Stätte des Grauens Theresienstadt erfüllte beim verbrecherischen Plan der „Endlösung der Judenfrage“ drei Aufgaben gleichzeitig: Sie war Sammel- und Transitlager in die Vernichtungslager überwiegend in Polen, diente der Dezimierung durch schwere körperliche Arbeit bzw. Krankheiten und wurde von den Nazis für Propagandazwecke verklärt. Bis zum Ende des Krieges wurden mehr als 140 000 Männer, Frauen und Kinder nach Theresienstadt deportiert. 38.000 von ihnen starben dort, fast 90.000 wurden in die Vernichtungslager deportiert. In den Jahren 1945 bis 1948 wurde die Kleine Festung als Internierungslager für Sudetendeutsche, die aus der wiederhergestellten Tschechoslowakei ausgesiedelt wurden, verwendet. Auch hierbei starben Menschen. Heute ist die Kleine Festung Theresienstadt eine internationale Gedenkstätte zur Erinnerung an die vernichtenden Folgen der Unterdrückung von Freiheit und Menschenrechten.

H.L.

Weitere Informationen unter: www.pamatnik-terezin.cz

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