Fahrradfreie Zeil?
Kritische Anmerkungen zu einer aktuellen Debatte

Frankfurts Stadtplaner tun sich schwer damit, den Radverkehr in ihre planerischen Vorstellungen zur Gestaltung der Zeil zu integrieren. Das war nicht immer so. Die Erfinder der Baumzeil wussten noch, wie man verschiedene Interessen unter einen Hut bringt. Jahrzehntelang leisteten die multifunktionalen Baumschutzgitter aus Eisenrohr gute Dienste. Geht es nach dem Geschmack der Leute, die bei der Diskussion um die Neugestaltung der Zeil das Wort führen, sollen sie verschwinden. Doch was kommt stattdessen?

In den Ergebnissen des Zeil-Wettbewerbs findet man darauf keine Antwort. Auch Frankfurts Stadtplaner haben bisher kein Konzept. In einer Stellungnahme der Verwaltung zu einer Anregung des Ortsbeirats 1 (St 343 vom 3.3.2006) finden sich zwar 20 neue Plätze für die Montage von Fahrradbügeln, aber die wenigsten liegen da, wo der größte Bedarf ist. Abstellmöglichkeiten auf der Zeil? Fehlanzeige! Vier Monate, nachdem die Stellungnahme das Licht der Welt erblickte, hat die Frankfurter Rundschau daraus einen Artikel gemacht (FR vom 6.7.2006), für den ADFC Anlass, das Thema einmal etwas genauer auszuleuchten.

Eigentlich müssten alle zufrieden sein. Während andere Städte sich mit wild abgestellten Fahrradmassen in leergeräumten Einkaufsstraßen herumplagen, geht es in Frankfurt auf der Zeil wohlgeordnet zu. In weiser Voraussicht, dass die Bäume durch an den Stämmen angekettete Fahrräder Schaden leiden könnten, hatten die Planer den Platanen Baumschutzgitter angepasst, die bewusst so gestaltet waren, dass sich daran problemlos Fahrräder anlehnen und festschließen ließen – so weit sie nicht mit Sitzbänken für die Erholung der müden Beine schwer beladener Kunden versehen waren. Der Wurzelbereich wurde durch gusseiserne Baumscheibenroste gegen Beschädigungen geschützt. So weit, so gut.

Während woanders die wild abgestellten Fahrräder schon mal die Feuerwehrzufahrt versperren oder die mangelhafte Standfestigkeit einzelner im Domino-Effekt Hunderte von Fahrrädern zu Fall bringt, die sich dann zu wilden Haufen türmen, geht es in Frankfurt auf der Zeil äußerst gesittet zu. Immer zwei Fahrräder mit einem Baum zu einem flotten Dreier gruppiert, das Ganze in vier Reihen wohlgeordnet, dezentral verteilt über die ganze Länge der Einkaufszone.

Auch die Fußgänger sind es zufrieden. Wo die Bäume stehen, können sie sowieso nicht laufen und der Platz dazwischen bleibt dank des ausreichenden Stellplatzangebots an den praktischen Baumgittern frei. Die Zahl der rostigen Schrotträder ist überschaubar, weil sich die Radler ob der zahlreichen Anschließmöglichkeiten auch mit ihren teuren Hightech-Velos in die Einkaufsmeile trauen. Ein solches Schmuckstück lässt man natürlich auch nicht mal eben als Fahrradleiche zurück, nur weil einem Reifen die Luft ausgegangen ist.

Wo so viel Licht ist, gibt es auch Schatten. So kann es passieren, dass man nach erfolgreichem Konsumtrip schwer beladen zu seinem Fahrzeug zurückkehrt und erst einmal den Sattel vom Taubendreck befreien muss. Wohl dem, der vorsorglich eine Regenkappe darüber gezogen hatte.

Wie gesagt, eigentlich könnten alle zufrieden sein. Die Geschäftsleute könnten sich über die treuen Kunden freuen, die statt mit dem Auto auf die grüne Wiese zum Einkaufen mit dem Fahrrad auf die Zeil fahren. Die Industrie- und Handelskammer könnte sich freuen, dass der sprunghaft steigende Anteil des Radverkehrs am Binnenverkehr die Kapazitäten auf den innerstädtischen Straßen freimacht, die man dringend braucht, um den durch Tausende von neuen Tiefgaragenplätzen erzeugten zusätzlichen Autoverkehr auch nur einigermaßen staufrei abwickeln zu können.

Last but not least freuen sich die radelnden Menschen, dass sie für ihre dem Gemeinwohl so dienliche Verkehrsmittelwahl belohnt werden mit zielnahen Parkmöglichkeiten, für Kenner der Materie eine der stärksten Triebfedern für den Umstieg auf’s Fahrrad. Umfragen zufolge, die die Stadt Münster im Rahmen der Erstellung eines neuen Fahrradparkkonzepts durchführte, gehen die Radler lieber das Risiko ein, dass ihr Velo gestohlen wird, als dass sie auf sichere, aber zielfernere Abstellmöglichkeiten zurückgreifen.

Der falsche Weg

Schaut man sich die vom Magistrat vorgelegten Pläne für neue Fahrradparkplätze unter diesem Aspekt genauer an (siehe Grafik auf Seite 1), wird schnell klar, dass der eingeschlagene Weg nicht erfolgreich sein kann.

Ganze zwei der neuen Standorte sind direkt am Rand der Zeil platziert. Der Rest hält mehr oder weniger respektvollen Abstand von der Einkaufsmeile. Kein Angebot also für die radelnden Einkäufer mit Ziel auf der Zeil.

Es ist sicher kein Zufall, dass der Magistrat in der erwähnten Stellungnahme keinerlei Zahlen nennt. Die Kapazität der geplanten neuen Standorte bleibt im Dunkeln. Die in letzter Zeit mit dem neuen, stadtbildverträglichen Anlehnbügel (s. Foto) eingerichteten Standorte haben eine begrenzte Kapazität (6-10 Bügel) und zielen damit auf den Bedarf in der unmittelbaren Umgebung. Schon von der Größenordnung her sind sie ungeeignet für die zusätzliche Deckung des Bedarfs, der durch den Wegfall der Abstellmöglichkeiten an den Baumgittern der Zeil entstünde.

Der ADFC hat schon vor 10 Jahren über 500 zeitgleich abgestellte Fahrräder im Bereich der Zeil gezählt. Neuere Zählungen kommen zu noch höheren Zahlen, nicht zu vergessen der allseits geteilte Wunsch, dass doch bitte zum Wohle der Stadt noch viel mehr Menschen das Fahrrad als Verkehrsmittel nutzen mögen. Erklärtes Ziel der Stadt Frankfurt ist eine Erhöhung des Radverkehrsanteils auf 15% bis 2012. Weitere Erhöhung darüber hinaus durchaus erwünscht.

Wer ernsthaft die Demontage der Baumschutzgitter in Angriff nähme, der würde auf einen Schlag das Angebot an attraktiven Abstellmöglichkeiten im Kernbereich der Innenstadt mehr als halbieren. Sicher kein guter Weg, wenn man Radverkehrsförderung ernsthaft betreiben will.

Die Diskussion um die Baumschutzgitter ist im Wesentlichen ästhetisch motiviert. Dabei lässt sich über Geschmack trefflich streiten, wie nicht zuletzt die aktuelle Diskussion um die Neugestaltung des Areals um das Technische Rathaus zeigt.

Zweifellos haben sich die Vorstellungen von der Gestaltung einer Fußgängerzone seit der Schaffung der Baumzeil verändert. Das gilt aber für das gesamte Konzept. Warum ausgerechnet die Baumschutzgitter so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ist rational nicht nachvollziehbar.

Stephan Heldmann, Leiter des Grünflächenamts und von Amts wegen Herr über die Bäume auf der Baumzeil, hat festgestellt, dass weder die Baumschutzgitter noch die gusseisernen Roste der Aufgabe gerecht werden, für die sie angeschafft wurden: „Es entstehen jede Menge Schäden an den Bäumen, vor allem an der Rinde und im Wurzelbereich“, so wird er zitiert von der FR. Nun ist es sicher zu spät, den Hersteller wegen mangelhafter Erfüllung der gestellten Aufgabe in Regress zu nehmen, aber statt allfällige Konstruktionsfehler zum Vorwand zu nehmen, das Kind mit dem Bade auszuschütten, könnte man ja die offenbar reichlich vorhandenen Erfahrungen nutzen, um Ideen für eine bessere Lösung, für ein dem Geschmack der Zeit angepasstes Konzept zu entwickeln.

Sieht man sich die Ergebnisse des Zeil-Wettbewerbs genauer an, welche Vorschläge gemacht werden für eine auch den gewandelten ästhetischen Ansprüchen gerecht werdende Lösung des Fahrradparkens, ist die nächste Enttäuschung programmiert. Kein Teilnehmer hat auch nur ansatzweise versucht, eine befriedigende Lösung für den doch eigentlich unübersehbaren Bedarf zu finden. Weit und breit keine Idee für den Ersatz der ungeliebten Baumschutzgitter. Vielleicht lag das ja an den Vorgaben des Wettbewerbs. Ich kann mir jedenfalls schlicht nicht vorstellen, dass in einer Zeit, die das Radfahren als Stadtverkehr mit Zukunft neu entdeckt, die Kreativität der Planer nicht in der Lage sein soll, diese Aufgabe zu lösen. Es sei denn, man findet Fahrräder per se unästhetisch. Dann hätten wir allerdings ein Problem mit unseren Stadtplanern.

Fahrradstationen –

eine Alternative?

Dieser Artikel wäre nicht komplett, wenn er nicht wenigstens kurz auf zwei Vorschläge einginge, die in der Diskussion eine Rolle spielen.

Der Eine will die Fahrräder unter die Erde bringen. Die Idee ist nicht neu und findet sich auch im Beitrag eines der Wettbewerbsteilnehmer. Sie gründet auf dem Vorhandensein nicht genutzter Hohlräume unter der Zeil. Der andere sieht die Nutzung vorhandener Parkhäuser für die Einrichtung von Fahrradstellplätzen vor.

Beide haben gemeinsam, dass sie überhaupt nur denkbar sind, wenn die Stellplätze bewacht werden. Alles andere wäre die reine Illusion. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Niemand ist bereit, mehr oder weniger unbequem mit seinem Fahrrad in eine unterirdische Katakombe hinabzusteigen, um das teure Stück dann ohne jegliche Kontrolle seinem Schicksal zu überlassen. Das gilt auch für die vorhandenen Parkhäuser. Nur wenn gewährleistet ist, dass man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sein Fahrrad unversehrt wieder findet, haben solche Ansätze überhaupt eine Chance. Das ist aber realistischerweise nur mit einer Bewachung möglich, die über die Anwesenheit einer Videokamera hinausgeht, also entweder einen vollautomatischen Betrieb oder den teuren Einsatz von Personal voraussetzt.

Jeder Ansatz, der die besonderen Bedingungen ignoriert, unter denen allein der Betrieb einer Fahrradstation kostendeckend möglich ist, ist zum Scheitern verurteilt, auch wenn das Ende durch den Einsatz der verschiedensten Formen von Subvention oder Querfinanzierung gelegentlich um einige Jahre hinausgeschoben werden kann.

Dabei gibt es vier Faktoren, die die Akzeptanz beeinflussen:

  1. Die Entfernung vom eigentlichen Ziel
  2. Die geplante Parkdauer
  3. Die Kosten
  4. Die Öffnungszeiten

Nur wer sein Fahrrad für längere Zeit einstellen will, ist bereit, dafür ein begrenztes Maß an „Unbequemlichkeiten“ in Kauf zu nehmen. Wer mit dem Fahrrad zum Einkaufen fährt, hat andere Prioritäten.

Zum Schluss noch ein paar Sätze zu rechtlichen Aspekten des Fahrradparkens. Nach der geltenden Rechtslage ist das Abstellen eines Fahrrads überall erlaubt, solange davon keine Behinderung oder gar Gefährdung ausgeht. Das Parken von Fahrrädern auf der Zeil kann also nicht so ohne Weiteres unterbunden werden. Es gibt gute Gründe, den heutigen geordneten Zustand für allemal besser zu halten, als das wilde Abstellen von Fahrrädern, das überall dort um sich greift, wo kein ausreichendes Angebot an akzeptablen Abstellmöglichkeiten zur Verfügung steht. Unsere Stadtplaner sollten noch einmal darüber nachdenken, ob es nicht doch auch in ihrem Sinne zielführender ist, eine zeitgemäße Lösung des Fahrradparkens auf der Zeil zu finden.

Der ADFC ist bereit, daran mitzuwirken. 

Text und Fotos: Fritz Biel

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17.07.2006 I ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt