Ausgabe 1/2002   Januar/Februar

Geburtstag im Kirchenkeller
Die Technik-AG besteht seit über 10 Jahren

Im Jahr 2001 feierte die Technik-AG ihren zehnten Geburtstag. Dies war ein Grund für das Redaktionsteam, sich das Treiben dieser Leute mal etwas näher anzuschauen, da man von ihnen in FRANKFURT aktuell außer der Terminliste ja eher weniger zu lesen bekommt.

Die Aktivitäten
Alle 14 Tage Samstags bieten zwei Mitglieder der Technik-AG allen, die Probleme mit der Fahrradtechnik haben, kostenlose Hilfe zur Selbsthilfe. In der Saison finden sich dann meist fünf bis zehn Teilnehmer/ innen ein, um sich beim Schrauben am eigenen Rad schwarze Finger zu holen. Diese schwarzen Finger sind garantiert, da es sich bei diesem Angebot explizit nicht um einen Reparaturservice handelt. Man ist offen für alle Fahrradinteressierten und alles rund ums Fahrrad, um Anmeldung wird jedoch gebeten.
Neben den Workshops gibt es noch den Stammtisch, bei dem, dem Vernehmen nach, über alles außer Technik geredet wird.
Termine und Aktivitäten der Technik-AG werden über FRANKFURT aktuell, das Internet und Flugblätter in Radläden und Büchereien verbreitet. Organisiert und koordiniert werden alle Aktivitäten durch Ralf Paul.

Die Geschichte
Angefangen hat die Erfolgsstory der Technik-AG im Juli 1991. Ausgelöst durch einen Zeitungsartikel bot Rainer Mai in seinem eigenen Bastelkeller interessierten Menschen kundige Unterstützung beim Fahrradschrauben.
Leider ließen die räumlichen Verhältnisse kaum mehr als zwei Interessierte zu. Da war der steigenden Nachfrage nach Beratungsleistung bald nicht mehr nachzukommen. So zog man ein Jahr später in die Schulschmiede der Freien Waldorfschule in Eckenheim um.
Da diese Räume jedoch bald anderweitig benötigt wurden, bezog man nach kurzer quartierloser Zeit im September 1994 das Domizil im Keller der St. Nicolai-Gemeinde in der Waldschmidtstraße.
Dort wird auch heute noch mit großer Begeisterung geschraubt. Inzwischen hat eine regelrechte Integration in das Gemeindeleben stattgefunden, es fanden zwei Fahrradgottesdienste und einige (auch mehrtägige) Radtouren mit Gemeindegliedern statt. Außerdem sind einige "Techniker" in den sogenannten Freitagskreis integriert, in dem verschiedene Freizeitaktivitäten für Gemeindeglieder angeboten werden.

Die Werkstatt
In der Kirche kann die Technik-AG einen Teil eines großen Kellerraums als Werkstatt nutzen. Sie teilt sich diesen unter anderem mit einem Puppenspieler, der zahlreichen ADFClern bereits vom Radreisemarkt bekannt sein dürfte. Auch die Codier-AG nutzt seit einiger Zeit diese Räumlichkeiten. Erst kürzlich wurden durch mehr Werkplätze die Kapazitäten erweitert, ohne den Raumbedarf zu erhöhen.
Die Werkstatt verfügt über eine gute Ausstattung mit Werkzeugen und einen Grundstock an häufig benötigten Kleinteilen. Ersatzteile sind selbst mitzubringen, aber bei Bedarf finden sich manchmal passende Alt- oder Neuteile in den Tiefen der Regale, die dann gegen eine Spende auch überlassen werden.

Die Leute
Zurzeit verfügt die Technik-AG über sechs aktive Schrauber. Nur einer ist auch beruflich mit dem Thema Fahrradtechnik befasst. Die anderen "erarbeiten" sich das Thema über Ausprobieren, Erklärenlassen oder Fahrradtechnik-Bücher lesen.
Der Spaß an der Sache steht bei allen Beteiligten im Vordergrund. So erlebte der Autor, beim Ausbau der Werkstatt mal vorbeischauend, folgendes: Die Vorgabe, vor dem Essen des (durch Ralf Paul) selbstgebackenen Kuchens erst zu arbeiten, wurde formal erfüllt, indem man ein paar Holzböcke zusammenstellte und mit den zukünftigen Arbeitsplatten einen Tisch improvisierte. Einzig Peter Wendt war nicht zu bremsen und installierte schnell noch ein paar Neonlampen an der Decke – Allroundtechniker halt.
Außerdem zeigte sich, wie sehr die Begeisterung sich auf andere überträgt. Ein "Kunde", der sich beraten lassen wollte, sah die Aktivitäten zum Arbeitsplatzausbau, outete sich als Zimmermann, verschwand und tauchte kurze Zeit später mit professionellem Werkzeug wieder auf, das den An- und Aufbau der Arbeitsplätze deutlich erleichterte.

Der Stammtisch
Ein weiterer fester Bestandteil der Technik-AG ist der Technik-Stammtisch in der Kneipe "Heck Meck". Während sich die weiblichen Aktiven der Technik-AG nach Beobachtungen des Autors in der Werkstatt eher zurückhalten, stellten sie hier fast 50%. Über Technik wurde allerdings kaum geredet. Es wurde nur kurz über ein exotisches Rennrad, das später auch in diesem Artikel noch gewürdigt wird, gefachsimpelt und dann drehten sich die Gespräche mehr um Partysalate und die Leiden der Selbständigkeit.
Etwas überraschend für den Autor war das frühe Ende der um 18.15 Uhr beginnenden Veranstaltung um kurz nach 20.00 Uhr. Von anderen Stammtischen ist er mehr Ausdauer gewöhnt.

Die Zukunft ...
... ist inzwischen längst eingetreten, da die meisten im Laufe des letzten Jahres geplanten Änderungen inzwischen umgesetzt sind.
Neuerdings werden im Rahmen der Werkstatttermine keine festen Themen mehr angeboten, da das häufig zu Verwirrung führte. So bestanden Leute bei der Anmeldung unbedingt auf einen Anfängerkurs, obwohl es die Teamer gar nicht so eng sahen. Jetzt gibt es nur noch bei sehr komplexen oder zeitaufwändigen Arbeiten wie Laufradbau entsprechende Themennachmittage, um hier die nötige intensivere Betreuung zu ermöglichen. Zudem wurde die Kursfrequenz auf 14-tägig reduziert. Zum Ausgleich sind jetzt immer mindestens zwei Teamer anwesend, um die Betreuung zu verbessern.
Und schließlich hat man sich eine regelmäßige "interne Weiterbildung" vorgenommen, da auch die Fahrradtechnik immer komplizierter wird und nicht mehr jeder z. B. die korrekte Einstellung von Federgabeln beherrscht.
Auch in FRANKFURT aktuell will man unter der Rubrik "Neues aus dem Kirchenkeller" etwas präsenter werden. Eine Kostprobe gab es bereits in der letzten Ausgabe.
Die Technik-AG leidet, wie andere AGs auch, unter Personalnot. Aber vielleicht fühlt sich der eine oder die andere jetzt animiert, beim Schrauben mitzuwirken.

Ein Erfahrungsbericht
Um sich ein möglichst realistisches Bild zu machen, besuchte der Autor auch einen Workshop. Als vorsichtiger Mensch brachte er nicht das eigene Fahrrad mit – obwohl es das nötig hätte, sondern beobachtete lieber, wie das bei anderen abläuft.
Angemeldet war ein Fall von "Mein Licht geht nicht, nachdem ich einen besseren Dynamo angebaut habe". Es stellte sich dann später heraus, dass der neue Dynamo – wenn überhaupt – nicht die einzige Ursache war.
Zunächst gab Rainer eine Einführung in die korrekte Justage des Dynamos. Anschließend wurde dieser korrekt verkabelt – was bei diesem Typ nicht selbsterklärend war. Leider waren diese Aktionen nicht sehr effektiv. Weder Vorder- noch Rücklicht wollten aktiv werden.
Also wurden Masse und Kabel des Rücklichtes überprüft und schließlich das Kabel zum (überwiegend durch Leukoplast zusammen gehaltenen) Rücklicht ausgetauscht. Dies brachte für diesen Teil den gewünschten Erfolg.
Bei all diesen Aktivitäten hielt sich Rainer streng an das Motto der Veranstaltung und gab durch ausführliche Erklärungen und viele Hinweise (z. B. eine kleine Werkzeugkunde) Hilfe zur Selbsthilfe. Geschraubt wurde durch die Fahrradbesitzerin selbst.
Zwischendurch schaute der eine oder die andere, die zum Fahrradcodieren gekommen war, auch bei der Technik-AG vorbei. Dann erklärte Rainer Eigenheiten und Einstellung von Sattelfederungen, half bei der Zentrierung einer Bremse und auch einige weitere Fahrradzipperlein konnten behoben werden.
Außerdem widmeten sich Rainer und Christof Beschorner einem sehr sportlich aussehenden Rennrad, mit aerodynamisch verkleideten Rädern, das Christof von einer Bekannten zur Reparatur anvertraut war.
Die Verbindung zwischen Tretlagerwelle und Tretkurbel war extrem ausgeschlagen und die Sportlichkeit litt unter dem hohen Gewicht des Rades. Ein Austausch der Kurbelarme war nicht möglich, da es sich um ein sehr exotisches Modell handelte. Die ausgeschlagenen Verbindungen ließen sich jedoch durch viel Handarbeit mit Eisensäge und Feile wieder reparieren.
Den viel zu geringen Luftdruck der Reifen zu beheben stellte sich als ziemlich aufwändig heraus: Die Scheiben behinderten den direkten Zugang zu den Ventilen. Die nicht ganz wirkungsvollen Bremsen wurden noch justiert, bei der extrem schwergängigen Schaltung gaben dann aber auch die Experten von der Technik-AG erstmal auf.
Doch zurück zu den Lichtproblemen. Nachdem die defekte Vorderlampe auch nach Anwendung verschiedener Tricks nicht zum Leuchten gebracht werden konnte, reifte der Entschluss, sie einfach auszutauschen. Außerdem schwand ein wenig der Glaube daran, dass die Lichtanlage vor dem Austausch des Dynamos funktioniert haben soll, aber nun gut.
Der Austausch der Originallampe gegen eine zufällig vorhandene gebrauchte Leuchte aus dem Ersatzteilfundus der Technik-AG zeigte dann auch eine deutlich erhellende Wirkung.
Äußerst zufrieden verließ die Besitzerin des nun verkehrssicheren Fahrrades nach gut zwei Stunden die Werkstatt, nicht ohne sich vorher durch eine kleine Spende an die Technikkasse erkenntlich zu zeigen.
Die Sachkenntnis und Geduld, mit der allen Ratsuchenden geholfen wurde, war beeindruckend. Und der Autor kann sich gut vorstellen, dass ein Teil dieses Wissens auch an die FRANKFURT aktuell-Leser weitergegeben werden könnte. Ein kleines HowTo oder eine Checkliste zur Lichtreparatur würde sich unter der Rubrik "Neues aus dem Kirchenkeller" sicher gut machen. Mal schauen, was die – ggf. personell gestärkten – Aktiven der Technik-AG dazu meinen.(rha)

PS.: Ich wurde dringend gebeten, darauf hinzuweisen, dass Ralf Paul Frösche sammelt, keine lebendigen, sondern solche aus Stoff, Schaumstoff etc. Wer also welche übrig hat...
Außerdem: Rainer sammelt Schnuller – keine vom eigenen Kind, sondern nur zufällig gefundene im authentischen Originalzustand (nicht gereinigt!).
Konflikte bei froschförmigen zufällig gefundenen Schnullern sind vorprogrammiert...

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