Leserbrief:

Pro Radwege
Seit fast 40 Jahren fahre ich Rad in Frankfurt. Auf Radwegen und Radstreifen fühle ich mich sicherer als auf der Straße. Das gilt besonders, wenn die Straße viel befahren ist und nicht in einer Tempo-30 Zone liegt. Denn manche AutofahrerInnen überholen sehr dicht. Wichtig ist, dass ich – besonders auf Radwegen – meine Vorfahrt nicht erzwinge. D.h. ich fahre bei Einmündung von Seitenstraßen besonders vorsichtig und aufmerksam und langsam. Bevor ich die Seitenstraße überquere, gucke ich in den Rückspiegel, ob da ein Auto kommt, was mich umlegen könnte.
Auch wenn ich mich statt von meiner subjektiven Angst von Tatsachen leiten lasse, komme ich zu keinem anderen Ergebnis.

Erste Tatsache: Meine Fahrradunfälle. Ich hatte 6 davon.

  • Mein erster als Kind auf einem Radweg, bin ich gegen einen Laternenpfahl gefahren, weil ich mich nach einem Hund umgeguckt habe. Wäre ich auf der Fahrbahn gefahren, wäre Schlimmeres passiert.
  • Beim zweiten Mal bin ich auf dem Radweg von einem Kind umgerannt worden, das über die Straße rennen wollte. Für die Bewertung der Gefährlichkeit Radweg kann ich das nicht zählen: Das Kind hätte mich auf der Fahrbahn genauso umgerannt.
  • Auf einem Radweg, den ich widerrechtlich in die Gegenrichtung gefahren bin, bin ich in der Kurve mit einem anderen Radfahrer zusammengestoßen. Der Unfall lag also nicht am Radweg, sondern an meiner falschen Benutzung.
  • Auf der Fahrbahn bin ich als Hintersitzerin eines Tandems in eine Straßenbahnschiene gefahren worden. (Das war allerdings nicht in Frankfurt.)
  • Auf einer vorfahrtsberechtigten Straße hat mich bei Nebel, Regen und Dunkelheit eine Autofahrerin übersehen, die von einer Seitenstraße nach rechts in die Hauptstraße einbiegen wollte.
  • -Ein Autofahrer fuhr mich an, der auch von einer Seitenstraße einbiegen wollte und mich übersah, obwohl eigentlich gute Sicht war. (Es soll da einen toten Winkel geben.)

Schlussfolgerung: Auf Radwegen waren meine Fahrradunfälle meist selbstverschuldet, auf Straßen konnte ich auch bei vorsichtiger Fahrweise nicht erkennen, dass mich die AutofahrerInnen nicht erkannt hatten. Außerdem bin ich auf der Fahrbahn mehrfach durch sich öffnende Fahrertüren nur dadurch nicht umgehauen worden, weil ich gucke, ob in einem haltenden Auto ein Fahrer sitzt.

Zweite Tasache: Als Mitglied der Grünen im Ortsbeirat werde ich – außer von ADFC-Mitgliedern – in Bezug auf Radwege nur zu einem Thema angesprochen: RadfahrerInnen wünschen sich in Tempo-30-Zonen Radwege. Entweder sollen bestehende erhalten bleiben oder neu eingerichtet werden. Argumentiert wird, dass es sonst – vor allem für Kinder – zu gefährlich ist. Ich kann die Eltern schon verstehen, aber die Neueinrichtung von Radwegen gehört nicht zum Konzept der Tempo-30-Zone: Dort sollen RadfahrerInnen auf der Fahrbahn mit dazu beitragen, dass AutofahrerInnen langsam und vorsichtig fahren. Wenn es mehr RadfahrerInnen gäbe, würde das auch funktionieren. Aber so komme ich mir in Tempo-30-Zonen manchmal eher wie ein vom Auto gehetztes Wild vor.

Ich denke, für den ADFC ist es ein wichtiges Ziel, das Alltagsradfahren zu fördern. Das kann er nicht dadurch erreichen, dass er die Meinung vertritt: RadfahrerInnen sollen auf der Fahrbahn fahren. Sondern dafür müssen erstens bestehende Radverkehrsanlagen gut befahrbar sein und zweitens neue Verbindungen für RadfahrerInnen geschaffen werden. (Ich komme mir übrigens sehr komisch vor, dass ich das ausgerechnet dem ADFC schreiben muss.) Und wenn man das fordert und sich dafür einsetzt, ist es nicht besonders logisch, wenn man argumentiert: Wir wollen zwar neue Radstreifen oder -wege, aber sie sollen nicht benutzungspflichtig sein. Leute! Es ist doch sowieso schon sehr schwierig, Platz für den Radverkehr zu bekommen. Und wenn sich für manche Leute „in der Fläche wenig geändert hat“, dann mag das stimmen, wenn man es mit anderen Städten vergleicht. Aber ich kenne die, bei diesem Thema meist sehr hartleibige, Stadtverwaltung und ich bin immer wieder erstaunt und erfreut, was unser verkehrspolitischer Sprecher so alles erreicht. Für mich ist sein Stil vorbildlich!
Ich finde übrigens, dass die Diskussion sehr belebt wird, wenn auch Meinungsäußerungen ausführlich zu Wort kommen, die nicht der ADFC-Linie entsprechen. Aber persönliche Angriffe sollten meiner Meinung nach in frankfurt aktuell unbedingt vermieden werden.
Freundliche Grüße,

Annegret Brein

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25. März 2003 ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt