Industrie und Verkehr im Veloland
Ein Herbstausflug in die Schweiz, 3. und letzte Folge

Linthal, Bahnhofshotel. Ein Haus aus der Zeit des Eisenbahnbaus, nur wenige Meter von den Gleisen der Linthalbahn entfernt. Endstation vor dem Weg über den Klausenpass. Ein grauer Kasten, etwas heruntergekommen, den man erst einmal langsam umfährt, bevor die Quartiersuche in den anderen Straßen des Örtchens fortgesetzt wird. Aber „Heute Ruhetag“ oder „Truck-Stop“ können auch nicht überzeugen, also zurück zum Bahnhof. Das „Hunde willkommen“- Schild an der Tür zum Restaurant trägt für den in dieser Hinsicht etwas vorsichtigen Touristen nicht gerade zur Beruhigung bei. Im dunklen Schankraum hängt der Geruch von vielen Jahren Wirtshaus, aber Hunde sind keine in Sicht, und ein Zimmer ist noch frei. Eckzimmer, herrlicher Blick auf wartende Triebwagen der Schweizer Eisenbahn und, durch das andere Fenster, auf die Hallen der Spinnerei Linthal AG. Doch die modernen schallschluckenden Doppelfenster beugen der Sorge um eine unruhige Nacht vor, das Rauschen der Fabrikanlage verschwindet hinter Glas.

Das Tal
Wir befinden uns im Kanton Glarus, durch den die Alpenpanorama-Route verläuft, der Veloweg 4. Vom Walensee kommend stößt man bei Niederurnen auf einen Wegweiser, der links nach Glarus weist und, weiter, nach Altdorf. Verschwiegen wird, dass zu den 75 Kilometern nach Altdorf noch 1.600 Höhenmeter zu addieren sind – der Klausenpass liegt zwischen hier und dort. Grund zur Beunruhigung besteht jedoch nicht, denn heute rollt es bequem nur bis Linthal am Fuße der Passstraße.

Die Strecke verläuft auf dem breiten Talboden nach Süden. Fast senkrecht ragen rechts und links die Glarner Berge auf. Immer wieder werden Industrieansiedlungen durchfahren, vielerorts alte Spinnereien oder Textilfärbereien, teilweise längst geschlossen und dem Verfall preisgegeben. Aber auf vielen Fabrikhöfen weisen Schilder wie „Chauffeure hier warten“ oder „Anmeldung im 1. Stock“ darauf hin, dass hier noch gearbeitet wird. Häufig kreuzt der Weg den Fluss oder einen der Kanäle, in denen das Wasser des Linth zu den Fabriken geleitet wird. Große Tafeln am Wegesrand klären über die Geschichte der Industrialisierung in Glarus auf. Das vermeintliche Werbelogo „GIW“, dass auf jeder dieser Tafeln prangt, stellt sich im Laufe des Tages als Kürzel für „Glarner Industrie Weg“ heraus, auf dem die größte Gefahr darin besteht, von einem unachtsam rangierenden Gabelstapler auf die Hörner genommen zu werden.

Irgendwann erreicht man dann die, laut Eigenwerbung, kleinste Hauptstadt, Glarus, namengleich mit dem Kanton. Ein paar Straßenkreuzungen, städtische Bebauung, Geschäfte, Banken, vier Tische vor einer Bäckerei als Straßencafé gegenüber der Buchhandlung und ein Bahnhof. Ein richtiger Bahnhof, schlossartig an der eingleisigen Nebenstrecke gebaut, mit Kiosk, Blumenrabatten und einer Bank als Treffpunkt der hauptstädtischen Trinker und anderer am Rande der Gesellschaft Stehender. Die Zeitungsauswahl im Kiosk ist international – alles wie in einer richtigen Stadt. Dass sich diese hier in guten fünf Minuten per Velo durchqueren lässt, unterscheidet sie von anderen Hauptstädten.

Jenseits der Hauptstadt in Richtung Altdorf verläuft der Radweg auf gut befahrbaren Naturstraßen, entlang der Linth, oft unter herbstlich bunten Bäumen. Weiter oben glitzern die schneebeckten Spitzen der Glarner Alpen. Auf einer sonnigen Bank lässt sich das internationale Zeitungsangebot vom Hauptstadtbahnhofskiosk in Ruhe sichten. Ab und zu zischt ein Velofahrer vorbei, hin und wieder passieren Spaziergänger die Bank. Spätsommeridylle, bei angenehmen Temperaturen und grandiosem Panorama.
Aus dieser lichten Welt kommend betritt der Radtourist am Nachmittag die dunkle, muffige Schankstube des Bahnhofshotels in Linthal. Das Rad wird in der Garage untergebracht und das Gepäck in den zweiten Stock hinter die schalldichten Fenster geschleppt, vorbei an vielen Tierfotos („Hunde willkommen“!) und einer Urkunde, die den Wirt als Gürtelträger einer asiatischen Kampfsportart ausweist. Der anschließende Spaziergang durch den Ort bestätigt dann den ersten Eindruck: Das Bahnhofshotel scheint die bestmögliche Wahl zu sein.

Abends, im hellerleuchteten Speisesaal, am weißgedeckten Tisch, ist die mittägliche Düsternis wie weggeblasen. Das Essen ist gut und, anders als in den touristischen Regionen der Eidgenossenschaft, recht preisgünstig. Der asiatische Kampfsportler entpuppt sich als freundlicher bärtiger älterer Herr, der im karierten Holzfällerhemd bedient. Das Bier schmeckt, und nach der Ankunft des letzten Zuges von Ziegelhütte über Niederurnen, und Glarus stört auch das Surren der Spinnerei Linthal AG kaum mehr den Schlaf des Touristen.

Der Pass
Kaum losgefahren in der kühlen Morgenluft, muss schon die Kleidung gewechselt werden. Es geht bergauf, einige Serpentinen direkt hinter dem Ort machen den Höhengewinn schnell deutlich, da ist die lange Hose einfach zu warm. Hinter dem ersten Tunnel, nach dem Hinweisschild auf die kommenden Mühen („Steigt 1.280 m auf 21 km“), findet sich an der schmalen Straße eine kleine Nische als Umkleidekabine.

Wenig Verkehr macht die Fahrt angenehm. Die Straße verläuft überwiegend in der Sonne, was im kühlen Herbst ganz angenehm ist. Nach 700 Höhenmeter verlässt sie den Kanton Glarus, das Hochtal des Urner Bodens wird erreicht. Ein paar flache Kilometer folgen, in deren Verlauf sich die eine oder andere Gaststätte anbietet, dem Radler eine wärmende und kräftigende Suppe zu verabreichen, auf sonniger Terrasse bei Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt. Am Ende des Tals türmen sich die Berge auf. Die Lichtreflexe von Sonnenstrahlen auf Autoblech, die ab und zu herüberblinken, lassen den weiteren Verlauf der Strecke in dieser Felswand erahnen.

Und so windet sich der Weg, Kurve über Kurve, bergauf zum Pass. Der erste Schnee hat Spuren hinterlassen und taut nur langsam wieder weg. Ein eisiger Wind weht von der Höhe herunter. Dieser flaut kurz vor dem höchsten Punkt des Weges von Glarus nach Altdorf ab und der Schweiß beginnt augenblicklich zu fließen. Wenige Meter weiter dann, auf der Passhöhe, geht der Blick von der Sonnenterrasse über die Berge von Uri, tief unten den südlichen Zipfel des Vierwaldstätter Sees erahnend.

Nach kurzer Pause folgt die grandiose Abfahrt, unterbrochen nur vom mehrmaligen Anpassen der Kleidung an Wind, Geschwindigkeit, Temperatur, von staunenden Blicken in die Tiefen des Schächentals oder auf die darüber thronenden Dreitausender. Viel zu schnell wird Altdorf erreicht, nur knapp hinter dem Postbus, dessen Mercedesstern über weite Strecken immer wieder beängstigend dicht im Rückspiegel zu erkennen war.

Der See
Durch den dichten Feierabendverkehr geht es nach Flüelen, dem Dörfchen am Beginn der Axenstraße, früher direkt am Ufer des Urner Sees gelegen, heute durch die Gotthardbahn und die parallel verlaufende Nationalstraße 2 vom Wasser getrennt.

Pause. Der Kopf summt nach der langen Abfahrt, die Finger schmerzen vom Bremsen, der Magen knurrt. Durch aufwändige Unterführungen erreiche ich das Seeufer, wo eine Bankreihe, im Rücken durch das Donnern der Güterzüge vor dem Lärm der Straße geschützt, Ruhe und Erholung bietet. Elf Kilometer noch bis Brunnen. Die N2 ist teilweise ausgebaut, neue Tunnel mit breitem Radstreifen oder alte, autofreie Tunnel und schmale Wege direkt am Fels, hoch über dem See, machen die Fahrt bis Sisikon zu einem zwar lauten, aber angstfreien Genuss. Ab dort muss Nervenstärke bewiesen werden, wenn im Rückspiegel die Logos aller gängigen LKW-Hersteller dichtauf zu erkennen sind. Dazu klingt das Herunterschalten von 400 PS in den zweiten Gang oder das Zischen der Druckluftbremsen unangenehm in den Ohren.

Das alles kennt der Velotourist schon von früheren Fahrten durchs Schweizerland. Immer wieder wird die Möglichkeit der Bahnfahrt für diese Strecke erwogen, immer wieder wird sie verworfen – das erste Teilstück bis Sisikon ist einfach zu schön, um es in Eisenbahntunneln zu unterfahren. Und immer ist die Hoffnung dabei, dass der Ausbau zu Gunsten des Radverkehrs Fortschritte gemacht hat.

Eine Baustelle direkt hinter Flüelen lässt alle Hoffnung auf Besserung fahren: Wir, das sind überwiegend italienische LKW und ich, drängeln uns durch eine schmale Fahrspur zwischen Baggern und Baulastern hindurch. Erst nach einigen hundert Metern scheint ein Ende in Sicht. Mit einem gewagten Manöver erreiche ich gerade noch den links der Straße verlaufenden Radweg, bevor eine weitere Baustelle uns (die italienischen Trucker und mich) wieder zu Wettbewerbern werden lässt. Ab da geht’s dann wie gewohnt. Sogar im zweiten Teil der Strecke ist es möglich, auf dem schmalen Randstreifen relativ entspannt den Radweg vor Brunnen zu erreichen. Hier entschädigt dann ein Blick nach Westen, in die über dem Vierwaldstätter See untergehende Sonne, wieder für die Mühsal des Tages. Da stört dann auch später die Baustelle hinter dem Hotel, die wahrscheinlich das morgige Wecken mit dem Anlassen eines Baggerdiesels verbindet, kaum noch. Die Angst, den Schnellzug nach Basel mit Anschluss nach Frankfurt zu verpassen, ist damit gebannt. (ps)

Foto: ps

..hier gab es die Vorgeschichte (Teil 2)

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8. Mai 2003 ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt