Ilbenstadt und kein Ende
Eine Sternfahrt wird zur Tradition

Der ADFC rief und 300 RadlerInnen kamen. Dies ist die Bilanz eines denkwürdigen Karfreitags, der neue Maßstäbe setzt.

Los ging’s von 14 verschiedenen Startorten, neuer Rekord war eine gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelte Teilnehmerzahl. Und dies, obwohl die Frankfurter Rundschau erneut keine Notiz von uns genommen hatte. Die FAZ hatte dagegen alle Startpunkte akkurat in ihrem Veranstaltungskalender aufgeführt. Aber natürlich sorgte vor allem das sonnige Wetter, bei allerdings unangenehmem Gegenwind, für die gute Beteiligung.

Einigen war vor Jahren suspekt, in einer rundum protestantischen Umgebung am Karfreitag gerade eine katholische Kirche anzusteuern. Harald Braunewell, unser verstorbenes ADFC-Gründungsmitglied, ehemaliger Pastor, hatte sogar Probleme, eine katholische Kirche von innen zu betrachten. Er weigerte sich, von seinem Wohnort Bad Nauheim Touren nach Ilbenstadt zu leiten. Ich sehe das viel gelassener. Die Klöster, vor allem die Zisterzienser, die Benediktiner und die Prämonstratenser, haben unsere abendländische Kultur nachhaltig geprägt und verdienen es, für ihre damalige Aufbauarbeit gewürdigt zu werden, ohne die unsere kulturelle Entwicklung wohl anders verlaufen wäre.

Sternfahrt bedeutet, ein Ziel wird von verschiedenen Startpunkten aus angesteuert. Dazu benötigt man viele TourenleiterInnen. Ich war mehr als überrascht, wie viele sich beim Frankfurter TourenleiterTreff spontan für diese Aktion meldeten. Darunter „Alte Hasen“ wie Michael Dorgarten, Michael Bunkenburg, Jean Coquelin, Eva Kuschel und Christian Kümmerlen. Die interne Diskussion bei ADFC-Gliederungen außerhalb Frankfurts konnte ich nicht verfolgen, jedenfalls fanden sich für 11 auswärtige Startorte Tourenleiter- und TeilnehmerInnen, auch hier viele „ErFAHRene“, die seit Jahren an diesem Tag in die Pedale steigen.

Die Organisation hat ihre Tücken. Erst spät wird klar, ob, wann, wo und unter welcher Leitung die Touren starten und mit wem ich noch Details absprechen muss. Oft ist das erst in den letzten zwei Wochen möglich, dank E-Mail aber problemlos zu bewerkstelligen.

Freya, meine rechte Hand, nimmt telefonisch die Essenswünsche von den einzelnen TourenleiterInnen am heimischen Schreibtisch entgegen und verarbeitet sie mit einem selbst gestrickten Excel-Programm. Hier lagen diesmal Fluch und Segen der Technik dicht beieinander. Während ich an der Praunheimer Brücke, dem publikumsträchtigsten Startort, mit einer Flüstertüte die Organisation leite, meldet sie die gesammelten Zahlen aller Startpunkte und gewählten Speisen dem Wirt in Ilbenstadt. Um seine Aufgabe ist der nicht zu beneiden. Erst zwei Stunden, bevor „die Meute“ bei ihm einfällt, erfährt er Teilnehmerzahlen und Speisewünsche und kann los legen. Das Küchen- und Bedienungspersonal wird einbestellt, die Küche fängt an zu dampfen. Nur so ist es möglich, dass bereits um zwölf die erste Essensrunde startet. Einen üblen Streich können dann noch MitfahrerInnen spielen, die sich nicht mehr erinnern, für welches Gericht sie sich ursprünglich entschieden hatten, oder die unterwegs einfach „französisch“ aussteigen.

Das Ganze kann man nur mit einem Wirt organisieren, der flexibel ist und den Mut aufbringt, sich auf dieses Vabanque-Spiel einzulassen. Er muss gewärtig sein, bei schlechter Witterung auch einmal auf seinen Vorräten sitzen zu bleiben. Gute Jahre entschädigen ihn dafür. So wie heuer, wo man auf der Terrasse Sonnenanbeter spielen konnte, umzingelt von einem Räderwald, vom schlichten Dreigangrad bis zum hochgestylten dreitausend-_-Fully. Manchen würde eine Codierung nicht schaden.
Reinhard Schwarz aus Ilbenstadt ist seit Anbeginn unser unverzichtbarer Vertrauter und profunder Kenner der Geschichte dieser ehemaligen Klosterkirche. Sein engagierter und mit Details gespickter Vortrag ist immer wieder ein Genuss. In der ihm zugestandenen Redezeit von einer Stunde packt er alles rein, was sonst zwei Stunden in Anspruch nimmt. Dass eine Kirche im Frühjahr lausig kalt sein kann, sollte man allerdings bedenken.

Nichts spricht dagegen und viel dafür, die Zahl der Startpunkte noch zu erhöhen. Friedrichsdorf, Windecken und Bad Vilbel sind neu eingestiegen und haben sich sofort bewährt. Vielleicht gibt sich sogar OF-Stadt eines Jahres die Ehre?

Freuen würde ich mich, wenn die Idee der Karfreitagstour Nachahmung in anderen ADFC-Regionen fände. Sie ist eine fantastische Gelegenheit, Mitglieder aus vielen Orten zusammen zu bringen, die sich sonst kaum begegnen. So ein richtiges Verwandtschaftstreffen in angenehmer Atmosphäre, mit vielen Hallos. Dabei sollte aber ein Bezug zum Feiertag hergestellt und dessen Würde gewahrt werden.

Neben den vielen vertrauten Gesichtern findet sich immer auch eine große Anzahl von Neulingen, die freimütig zugeben, vom ADFC bis dato kaum Notiz genommen zu haben. Die von uns ausgelegten Tourenprogramme waren schnell vergriffen und „Rauf aufs Rad“ fand ebenfalls Abnehmer. Sicher werden auch dieses Jahr einige davon unterschrieben nach Bremen gehen. Denn fast die Hälfte der Teilnehmer waren Nichtmitglieder, etliche von ihnen haben am Karfreitag bewusst das Auto stehen lassen, um mit dem ADFC auf Tour zu gehen. Ein voller Erfolg aus unserer Sicht.

Alfred Linder

Fotos: Alfred Linder/Sven Hechler

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8. Mai 2003 ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt