Flaches Radeln in einer Parklandschaft
Münster und Münsterland

Allenthalben erfährt man aus Zeitungen und Zeitschriften, dass Münster bei Umfragen in Sachen Radverkehr und den Bedingungen für Radler im Bundesdurchschnitt immer oben steht und am besten abschneidet. Dass eine konservativ geführte Stadt (CDU-Oberbürgermeister) viel für den Radverkehr tun kann und nicht ins Strickmuster fällt, Autoverkehr zu bevorzugen, verdeutlicht diese westfälische Stadt. An dieser Stelle sei einmal berichtet, wie man als Radtourist in und um Münster das Radfahren erleben und – im wahrsten Sinne des Wortes – erfahren kann. Vielleicht macht es Lust und weckt Interesse, das Münsterland per pedes selbst zu entdecken.

Für Radler, die nicht ständig Steigungen abstrampeln wollen, ist die Region bestens geeignet. Lediglich an den Baumbergen im Kreis Coesfeld wird es hügelig. Die kann man meiden oder auch meistern. Die höchste Erhebung des Münsterlandes ist hier der Westerberg mit 187 m. Ansonsten radelt sich’s leicht durch eine vielfach schöne Naturlandschaft, die die Einheimischen selbst als eine Parklandschaft beschreiben. Streckenweise ist diese überwiegend landwirtschaftlich strukturierte Region herrlichst zu erleben. Gerade dann, wenn die Rapsfelder, die Mohnblumen und Rhododendronsträucher blühen. Das Grasgrün unten und das Himmelblau oben sind für das ländliche Panorama die farbliche Grundierung, für Genießer und für diejenigen, die gerne fotografieren.

Ein Meer an Rädern
Hat man eine Unterkunft gefunden oder vorgebucht, was zu empfehlen ist (Münster selbst bietet in der Innenstadt kaum günstige Pensionen oder Fremdenzimmer, hingegen aber viele Hotels), so kann man nach Bahnankunft gleich durch die von Radlern durchflutete Innenstadt strampeln. Man ist überwältigt davon, welche zweirädrigen Massen sich durch die Stadt schlängeln, akzeptiert und respektiert von den Autofahrern. Unglaublich: Beobachtet man den Verkehr in der Rush-hour an einer der Magistralen genauer, muss man feststellen, dass offensichtlich mehr Räder als PKWs unterwegs sind (wir haben aber nicht nachgezählt).

Auffällig ist natürlich die (fast) optimale Ausschilderung im City-Bereich und ins Umland. An einzelnen Kreuzungen endet der Radweg mit Rechts- oder Linksabbiegerspuren mit entsprechender Ampelschaltung und Richtungsschildern. Und alles wartet auch noch bei rotem Signallicht. Ist man nicht von überall gewohnt. Genial ist der aus der alten Stadtbefestigung hergerichtete Panoramaweg: Fast geschlossen zieht sich der von Grün umwobene, kombinierte Rad- und Fußweg um die Innenstadt, gleich einer Schnellstraße, gelegentlich von Ausfall- und Nebenstraßen unterbrochen. Von dieser Radlerstrecke kann man sternförmig vom Citybereich in Richtung Stadtteile und Vororte auf den weiterführenden Radwegen fahren. Dennoch empfiehlt es sich auch hier, bei Touren in die umliegenden Kreise Coesfeld, Warendorf oder Steinfurt eine passende Karte dabeizuhaben. Der Autor bevorzugt die topografische, die 1:50.000er.

Durch Münsters Altstadt braucht man nicht unbedingt einen Stadtplan. Als Ortsfremder empfiehlt es sich aber, diesen zu Anfang des Aufenthalts parat zu haben. Ob der Dom, das gotische Rathaus, der Prinzipalmarkt, das „Kuhviertel“, die gotischen Kirchbauten, die vielen Museen, das Schloss, der Schlosspark und der dahinterliegende Botanische Garten – alles bequem mit dem Rad zu erreichen. Zudem trifft man immer wieder auf Cafés und Gartenlokale zum Verweilen.

Am Aasee, der von den südwestlichen Stadtteilen bis an den Rand der Innenstadt reicht, aalt man sich im Gras, lässt die Seele baumeln, schaut dem kleinen Personenboot nach, und des Nachts zählt man auf einer Parkbank die Sterne ...

Unzählige Wasserschlösser und träumerische Parks
Im ländlichen Umfeld begegnet man auf den vielen und gut ausgeschilderten Radwegen immer wieder Bauernhöfen. Große und kleine, schmucke und schlichte, meist mit farbenfrohem Umfeld – Rhododendronsträucher, Blumenbeete und grüne, gelbe, braune Felder. Immer wieder trifft man auf westfälisches Fachwerk und auf unzählige Wasserschlösser und Wasserburgen. Diese liegen in ruhespendenden Parks mit besagten Wasseranlagen. Äußerst schmuckvoll liegen die Wasserburg Vischering, und die Schlösser Nordkichen und Westerwinkel südlich von Münster.

Ebenso kommt man an vielen früheren, jetzt mit Wohnungen ausgebauten Gutshöfen (meistens „Haus ...“ genannt) vorbei, mit wahren Freizeitparadiesen drum herum. Wer möchte da nicht gleich einziehen? Mit Bus oder Bahn kann man in die nächsten Kleinstädtchen, zur Schule oder zur Arbeit fahren, wenn man nicht das Rad benutzen will. Gelegentlich stehen um Bushaltestellen ein halbes Dutzend Räder herum. Leider nicht immer mit einer Radabstellanlage.

Auch Enttäuschendes mussten wir in dieser Studenten- und Garnisonstadt erleben: Die Gastronomie ist nicht gerade billig, und ein bunter Salatteller in einem Gartenlokal mit etwas Blattgrün, ‘ner halben Karotte, zwei Paprikastreifen, dazu keine Tomate (wie beim Nachbarteller beobachtet) kann einem schon den Appetit verderben. Auch kann man sich Münster an einigen Stellen etwas gepflegter vorstellen. In den kleineren Vororten macht man bessere Erfahrungen.

Neues Radwegesystem
Die Münsteraner haben sich zur Orientierung und Katalogisierung ihres Radwegenetzes außerhalb der Stadt etwas Neues einfallen lassen. Dieses ist für Ortsfremde ziemlich seltsam und ungewohnt, es entbehrt jedoch nicht einer gewissen Logik. So ist das münsterländische Radwegenetz in ein Wabensystem eingeteilt. Eine Radwegstrecke umschließt quasi eine wabenförmige Fläche, und dieser Radweg hat eine Nummer, sagen wir 111. Jetzt grenzt diese Wabe an allen Seiten wieder an andere Waben, sagen wir an die Waben 48 und 26. Fährt man der Strecke 111 entlang, wird man zwangsläufig irgendwann auf die 48 treffen. Nun befindet man sich auf den Strecken der Waben 111 und 48. Und diese Zahlen sind dann auch auf den Radwegeschildern angefügt. Will man auf der 26 weiterfahren, verlässt man an einer Wegekreuzung die 111/48 und radelt auf der 26 weiter, die ihrerseits an die 48 grenzt. Nun bewegt man sich auf der Wabenstrecke 48/26. Unklar, etwas konfus? Macht nichts, es hat bei uns auch gedauert, bis der Groschen fiel. Man muss dann natürlich eine Karte zum Zurechtfinden haben, die die Aufteilung des Münsterlandes in dieses System zeigt. Dann merkt man sich die Nummern, wenn man z. B. von Münster über Telgte nach Warendorf und zurück über Ostbevern radeln will. Schließlich radelt man auf den nummerierten Wegestrecken und braucht – eigentlich – kein Kartenmaterial und kann sich an jeder Weggabelung an den Zahlen orientieren.

Kein guter Zug der Bahn
Mehr hatten wir von der Bahn erwartet! Zwar fahren wir auch gerne mit der Bahn in Urlaub und ergänzen so manche Radtour mit einer Bahnfahrt. Aber die Erlebnisse in dieser einen Woche waren ziemlich ärgerlich. Abgestürztes Computersystem, vom Automat einbehaltenes Wechselgeld, schlecht erkennbare Touch-screen-Monitore, eingeschränkte Annahme von Geldscheinen am Automat, fehlende Anzeigetafeln ... das Personal half verständnisvoll weiter. Leider fehlt im Münsteraner Hauptbahnhof immer noch ein ordentlicher Aufzug, der von den vielen Touristen mit und ohne Rad benutzt werden kann. Zur Bedienung eines alten Lastenaufzugs muss erst Personal angefordert werden, und das kann dauern. Behinderte, Kinderwagenschieber, Radler und andere haben da lieber einen funktionierenden Aufzug.

Beeindruckend hingegen ist die Fahrradstation am Bahnhof. Zwar nicht mehr einmalig in Deutschland, aber dennoch die erste und größte. Insgesamt haben in einer Tiefgarage 2500 Fahrräder gegen ein kleines Salär als Dauer- oder Kurzparker Platz. Sogar in zwei Etagen werden die Velos geparkt. Zudem gibt es in der tiefgelegten Radstation am Bahnhof eine Werkstatt, eine Fahrradwaschanlage und Fahrradvermietung. Sagt, was will ein Radler mehr?

Ebenfalls sind in Münster an allen Ecken und Enden Fahrrad-Abstellanlagen vorhanden. Auch manche Felgenkiller rosten noch vor sich hin. Oft hat man den Eindruck, manche Münsteranerin und mancher Münsteraner ist derart gastfreundlich, dass das eigene Velo gleich unabgeschlossen an die Ecke gestellt wird. Oder man parkt es gleich einladend zur Kneipentour auf dem Trottoir. Natürlich sind das dann nicht gerade die hippen Zweiräder, die da rumstehen. Auch so mancher Achter im Laufrad lässt das wacklige Schutzblech freundlich zuwinken. Angeblich sollen 260.000 Einwohner über 300.000 Fahrräder verfügen. Wer hat die bloß gezählt?

Natürlich kamen alle Fortschritte in Sachen Radverkehr unter Mithilfe und Beratung des ADFC in Münster zustande. Eine regelmäßig erscheinende Zeitschrift informiert über alles, was Kette und Speiche hat. Der „Leezen Kurier“ ist recht umfangreich, vierfarbig und im bequemen DIN A5 Format gehalten. Hier finanzieren viele Anzeigen das Heft.

Das ebenfalls umfangreiche Tourenprogramm für Münster und die umliegenden Orte bietet zudem einige überraschende Radlerangebote (Radfahrer-Kurs, Feierabendtour über 60 km oder eine „Pilstour”).

Nun, alles in allem eine schöne Erfahrung, was alles fürs Rad und die Radler in einer Stadt getan werden kann. Eschborn, unsere Heimatstadt, hat da noch einiges vor sich. Inzwischen haben hier einige kommunalpolitisch Verantwortliche wieder die Startlöcher verlassen. Leider!

Bettina Thau, Helge Wagner (Fotos)

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21. September 2004 ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt