Durch den Freistaat Flaschenhals

In diesem Jahr findet sich erstmalig auch eine Rubrik „Wanderungen“ im Tourenprogramm des Frankfurter ADFC. Außerhalb der Radfahrsaison ist das sicher eine Bereicherung des Angebots; so mancher Stahlrössler erkundet auch gerne mal auf Schusters Rappen die Umgebung. Man kommt leichter in Kontakt, wenn man nicht auf das Rücklicht achtet, äh, achten muss.

Am 21. März ist eine Gruppe von 16 Leuten von Lorch nach Kaub gewandert. Die Tour führte auf einem Höhenweg am Rhein entlang und war mit 12 Kilometern auch für weniger Trainierte geeignet. Plattfüße sind nicht registriert worden. Ein paar Highlights:

Das Lorcher Hilchenhaus wird in Werbeprospekten als der bedeutendste Renaissancebau am Rhein gepriesen. Unter dem Giebel hängt ein Spruchband: „Hilchenhaus: Nix mit Weltkulturerbe?“ – Nein, nix! Man lässt das Gebäude verfallen, ein Anbau ist schon abgerissen.

Berg-Rast bei Lorchhausen.
An der Bank „Panorama-Blick“ wurden die Teilnehmer von heftigen Windböen empfangen. Mit ihren flatternden Jackenhälften erweckten sie den Eindruck, als wollten sie sich gleich in die Lüfte schwingen, dennoch blieben die meisten auf dem ungeschützten Felsvorsprung stehen. Seltsame Bergvögel waren das. 

Im Niedertal, dem Ort der zweiten Rast, herrschte Windstille. Auf einer Informationstafel stellt sich der Mensch, der den Rastplatz in Ordnung hält, als „Grenzvogt vom Niedertal“ vor. Warum als Grenzvogt? Vermutlich deswegen, weil der Weg durchs Niedertal einmal an zwei Grenzen entlang führte: durch den Flaschenhals des gleichnamigen Freistaates, einer Kuriosität der Geschichte.

Nach dem 1. Weltkrieg besetzten die Siegermächte das linksrheinische Gebiet und richteten auf dem rechtsrheinischen zwei halbkreisförmige Besatzungszonen ein, die als militärische Stützpunkte dienen sollten. Doch weil sich die amerikanische nicht mit der französischen Zone überschneiden durfte, blieb dazwischen – das haben Halbkreise so an sich – ein Gebilde in Form eines Flaschenhalses übrig. Das Gebiet reichte von Lorch bis Kaub, umfasste etwa 8000 Einwohner und war von der Weimarer Republik abgeschnitten. Der gesamte Waren- und Postverkehr verlief über Schmuggelwege. Ein Glanzstück jener Zeit war das Kapern eines Güterzuges, der mit Ruhrkohle beladen in Rüdesheim herumstand und zwecks Reparation nach Italien weiterfahren sollte. Ein freistaatlicher Lokführer lenkte den Zug durch das besetzte Gebiet in den Flaschenhals um, wo das Heizmaterial mit Begeisterung ausgeladen und unter der Bevölkerung verteilt wurde. Zum Missfallen der Siegermächte gründeten die Bewohner den Freistaat Flaschenhals. Sogar eine eigene Währung wurde eingeführt: das Freistaatgeld. Dieser Ministaat wurde vom Bürgermeister in Kaub regiert und existierte vom 10. Januar 1919 bis zum 25. Februar 1923. Danach mussten die Siegermächte dem Versailler Vertrag entsprechend ihre Truppen abziehen.

Fluchtartige Einkehr im Kauber Weinlokal Bahles; es hatte zu regnen angefangen. Der Wirt zeigte sich zunächst wenig erfreut. Er könne nur Getränke anbieten, die Küche sei geschlossen. Eine Kleinigkeit vielleicht? Nein. Ein Eis? Nein. Wenig später wurde die Küche doch geöffnet. Flammkuchen, gebratene Blutwurst mit Bratkartoffeln, Fisch wurde serviert und natürlich auch Eis. Auf einem Wandregal fällt ein repräsentativer

1-Liter-Weinkelch auf, der, wie der Wirt behauptet, auch benutzt wird, und zwar von seiner Tochter. Das Foto über dem Weinkelch zeigt das Portrait der Weinkönigin.

Stadtrundgang.
Das mittelalterlich geprägte Kaub kann man auf zwei Ebenen durchqueren: unten auf der Metzgergasse vorbei am Blüchermuseum oder oben auf der ehemaligen Stadtmauer, die überbaut ist und als Hochwasserweg dient; von dort gelangt man durch die Hintertür in den ersten Stock der Wohnhäuser. Die Passage endet am Marktplatz. Als Denkmal fungieren hier zwei erbeutete französische Kanonen, eine milde Gabe von Kaiser Wilhelm zur Erinnerung an die im Krieg von 1871/72 Gefällten. Im heutigen Blüchermuseum befand sich das Hauptquartier von Marschall Blücher. Unter seiner Leitung zog in der Neujahrswoche 1813/ 14 ein Heer – ob genug DIXI-Toiletten zur Verfügung standen, ist mir nicht bekannt – mit 50.000 preußischen und russischen Soldaten, 15.000 Pferden und 182 Geschützen durch das kleine Städtchen und überquerte den Rhein, um Napoleon bis nach Waterloo zu folgen.

Der 21. März war ein warmer Frühlingstag mit blauem Himmel, erst am Nachmittag fiel Regen. Hätten sich die Tage zuvor nicht durch Kälte, Sturm und Regen ausgezeichnet, wären an jenem trüben Sonntagmorgen weniger Absagen gekommen und mir einige Sprints zwischen Zahnbürste und Telefon erspart geblieben. Interesse an radlosen ADFC-Touren ist jedenfalls vorhanden. Ich habe vor, die Tour im nächsten Frühjahr zu wiederholen.

Für Interessierte mit Internetzugang:

www.rheingau.de/flaschenhals/index.htm

www.loreley.de/vbglorel/kaub.htm

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21. September 2004 ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt