Paneuropa-Weg und Goldene Straße
Mit dem Rad von Bad Homburg nach Prag

Einstimmung (aus einem Baedeker von 1906):
Wer reisen will,
Der schweig fein still,
Geh steten Schritt,
Nehm nicht viel mit,
Tret an am frühen Morgen
Und lasse heim die Sorgen. 
(Philander von Sittewald, 1650)
Mit einem Fahrrad wird er zwar nie gereist sein, der Philander. Dennoch hat sein Text auch für Radler durchaus Gültigkeit.

Warum nach Prag? Wolfgang Maier, Kassierer des ADFC Hochtaunus, brachte mich auf die Idee mit dem Paneuropa-Radweg Paris-Prag und bot mir am Zielort Unterkunft in seinem Prager Haus an. Ich musste also dieser Reise nur noch ein historisches Fundament geben. Da fiel mir Karl IV ein. Stichworte: Kaiser des Heiligen Römischen Reiches ab 1355, Erlass der Goldenen Bulle 1356 in Nürnberg (Grundgesetz des Reiches, Frankfurt/Main als Ort der Kaiserwahlen), Hersbruck (zahlreiche Aufenthalte des Kaisers), Sulzbach-Rosenberg (ebenfalls viele Aufenthalte), Prag (Sitz des Kaisers, erste Hauptstadt des Reiches, Hradschin, Grab des Kaisers). Ziel der Tour ist das Altstädter Rathaus in Prag mit der seiner Inschrift „Praga Caput Regni“ (Prag – Hauptstadt des Reiches). Alle diese Stationen hat der Paneuropa-Weg im Programm. Soweit die Motivation. Jetzt geht es los:  

             
4. August 2009:
Ich fahre allein per Rad und Gepäck von Bad Homburg zum Frankfurter Römerberg. Dom, Krönungsweg, Brunnen, Römer – die wesentlichen Zutaten der Kaiserwahlen sind noch da. (Karl in Prag wird sich freuen, das zu hören.) Landkarten Schwarz ist ganz in der Nähe und hat mir pünktlich die vier tschechischen Radkarten besorgt, die man laut Internet für den Paneuropa-Weg in Tschechien braucht. Die werde ich ja wohl nicht wirklich benutzen, denke ich, denn das blau-gelbe Logo des Radwegs soll  zwischen Paris und Prag an allen Ecken stehen.

An Main und Tauber kenne ich jeden Meter. Ich begehe also einen kleinen Betrug, spare mir drei Tage Radreise und fahre mit der Eisenbahn nach Oberdachstetten bei Rothenburg o.d.Tauber. Der Paneuropa-Weg und die Fränkische Rezat gehen mitten durch den Ort. Hier bei der Wirtin Gertrud habe ich schon oft übernachtet. Da ich nicht angemeldet bin, erhalte ich Unterkunft im Kinderzimmer. Gertruds Mann Erwin baut gerade eine Treppe und sieht aus wie mit Mehl bestäubt. Leider ist die Kleinbrauerei Haag im Ort pleite: Zu viele Biersorten, sagt Gertrud. Sie hat jetzt Dorn-Bräu aus Bruckberg im Angebot. (Zufall: Neben meinem Geburtshaus in Kiel gab es auch ein Dorn-Bräu.)

5. August:
Gertrud schenkt mir ein weißes T-Shirt, weil ich meines zu Hause vergessen habe. Ich folge der Fränkischen Rezat und dem Paneuropa-Weg. Tatsächlich – das blau-gelbe Logo steht fast an jeder Ecke. Ich klettere hinüber ins Tal der Bibert und folge ihr problemlos bis Fürth. An der Regnitz geht es in die Nürnberger Innenstadt direkt zum Marktplatz mit dem Schönen Brunnen. Ich fotografiere die Frauenkirche gegenüber mit dem von Karl IV aus Anlass der Goldenen Bulle 1356 gestifteten „Männleinlaufen“. (Die „Männlein“ sind die Kurfürsten.) Auch Hans Sachs begegnet mir und wird fotografiert. Ich fahre jetzt auf dem 5-Flüsse-Radweg mit dem Paneuropa-Logo die Pegnitz aufwärts. (Schwäbische Rezat, Fränkische Rezat, Regnitz, Pegnitz, Rednitz – die Franken mögen ihre Flüsse selber sortieren, ich kann da nicht helfen.)

In Schwaig schimpfen im Biergarten neun Rentner über ihre Heimleitung und trinken Sekt. Ich erreiche Hersbruck. Hier war Karl IV mindestens so oft wie in Nürnberg – warum auch immer. Ich ergattere nach einiger Wartezeit in einem Bett&Bike-Laden das Notzimmer ohne Dusche. Zum Trost erhalte ich ein Freibier – auch ich bin  bestechlich. Nach 103 km schmecken mir noch weitere Biere, das Essen ist ausgezeichnet. Im Hause liegen überall „Bike“-Magazine, ich bleibe dennoch bei der Bezeichnung „Fahrrad“. Im Klo hängen Bilder vom Clotopax und vier weiteren Bergen der Anden, wohl um zu zeigen, wie viel angenehmer wir es hier haben. Ich fotografiere in der Prager Straße eine Gedenkplatte „Goldene Straße Nürnberg-Prag“.


6. August:
Es geht weiter nach Osten über die europäische Hauptwasserscheide Nordsee/Schwarzes Meer nach Sulzbach-Rosenberg (Opf). Kurzes Gedenken an Kaiser Karl, dem diese Stadt wichtiger Ort zwischen Prag und Nürnberg war, und schon gerate ich mangels radwegbegleitenden Flusses auf Abwege: das blau-gelbe Logo ist weg, ich bin an der B14. Das ist zunächst ein Vorteil, denn sonst hätte ich nie Hahnbach erreicht. Hier gibt es doch tatsächlich ein „Radträger-Denkmal“ zur Erinnerung an Leute, die ihr Fahrrad wegen schlechter Straßen demonstrativ durch den Ort getragen haben und dafür von Anwohnern verprügelt wurden. Ich folge notgedrungen der B14 bis Hirschau und fahre über Kohlberg, die Heidenaab überquerend, nach Weiden. Hier Mittagsrast mit Zoigl-Bier. Ich bin wieder am Paneuropa-Weg, der hier der Waldnaab aufwärts folgt. So komme ich nach Neustadt/Waldnaab. Der Radweg geht hier über in den sogenannten „Bockl-Weg“ auf einer ehemaligen Bahntrasse.

Das empfinde ich als sehr angenehm, nur mein Ledersattel nicht: Er kündigt mir nach fünf Kilometern seinen Dienst, bricht und kippt nun ständig nach vorne. Ich balanciere weitere fünf Kilometer bis nach Floss, der Sattel bricht hier völlig zusammen. In Floss floss die Floss (ein Fluss), der Verkehr jedoch nicht, denn ein großer Holztransporter versperrt den Ort, und zwar genau vor einem  Bett&Bike-Betrieb. Nach 96 km und ohne Sattel brauche ich dringend Hilfe. Die wird mir zuteil, vom Bett&Bike-Wirt und in ungeahntem Umfang: Er bietet sofort Unterkunft und ein Freibier zum Trost. Dann greift er zum Telefon und stellt fest, dass der örtliche Radladen zu ist. Also schildert er dem Radgeschäft in Neustadt meinen Fall und bietet mir ohne Zögern an, mich samt Fahrrad mit dem Auto dorthin zu bringen, um einen neuen Sattel montieren zu lassen. Wir fahren 10 km nach Neustadt zurück und anschließend samt neuem Ledersattel wieder zurück nach Floss. Als er mir auch noch ein isotonisches Getränk, einen Müsli-Riegel und eine Radkarte schenkt, gebe ich mich als Vorsitzender des ADFC Hochtaunus zu erkennen und verspreche ihm die Nominierung zum Bett&Bike des Monats. 


Natürlich wurde bis Mitternacht gegessen und gezecht, und zwar mit Heinz aus Berlin und Charly aus Floss. Heinz hat in meiner Heimatstadt Kiel einem Mädchen das Leben gerettet, das zwischen Hafendampfer und Kaimauer geraten ist – noch ein Grund mehr zum Zechen.
750 Höhenmeter habe ich heute besiegt. (Für Geographen: Fichtelnaab, Floss und Schweinnaab fließen in die Waldnaab, zusammen mit der Heidenaab wird daraus die Naab und dann alle zusammen ab in die Donau........)

7. August:
Weiter mit neuem Sattel auf dem Bockl-Weg bis an sein Ende in Eslarn. Weißwürste und -bier an einer Schlachterei. Der Schlachter hat Bedenken wegen der tschechischen Infrastruktur und warnt. Jedoch was soll’s – Kaiser Karl ist auch mehrfach hier durch, was der konnte, kann ich schon lange... Also rauf nach Tillyschanz und rein nach Tschechien. Der Weg wird sehr holprig, trägt aber brav das blau-gelbe Logo und nagelneue gelbe Schilder mit einer schwarzen 37 als Radweg nach Pilsen. Im Wald Ruinen des deutschen Dorfes Rosengarten mit einer Ehrentafel für zwei amerikanische Soldaten, die noch Anfang Mai 1945 im Kampf mit der SS fielen bei der Rettung einer Herde von 350 Rassepferden. 

Der neue Sattel ist noch nicht eingeritten. Nach 64 km und 550 Höhenmetern ist Schluss in Bela nad Radbuzou; mein Hintern schmerzt, und es kommt danach lange keine Unterkunft mehr. Ich betrete die örtliche Kneipe und stoße am Tresen auf ein hübsches junges Mädchen, das mich verlegen anlächelt. Ich kann kein Tschechisch und lächele verlegen zurück. Das Wort „Penzion“ macht ihr Lächeln noch verlegener, weil sie vergeblich nach dem deutschen Wort „warten“ sucht. (Warten soll ich nämlich auf ihre Kollegin, die ein wenig Deutsch spricht.) „Pivo?“ Das ist allemal besser als „warten“ und lässt alle Verlegenheit schwinden. Ich bekomme zunächst ein Bier und dann ein Zimmer mit Frühstück für 13 ? oder 325 Kronen. Das Bier kostet 20 Kronen. Die zwei jungen Damen schmeißen alleine den Biergarten, das Nebenzimmer und die Kneipe mit Essen und vor allem Trinken. Es gibt sehr viele Gäste, vor allem junge Leute mit zum Teil ungewöhnlicher Teil-Bekleidung. Ich verstehe kein Wort und kann nur beobachten und Bier trinken.

8. August:
Ich bin der einzige Gast beim Frühstück. Es gibt vier Spiegeleier auf Wurst, Tomaten, Paprika, vier längliche weiche Brötchen, deren Namen ich vergessen habe, und Pulverkaffee. Weiter geht es auf den Wegen und Straßen mit den gelben Schildern „37“, alle blitzblank und neu und zusätzlich mit dem blau-gelben Logo des Paneuropa-Weges. Die Strecke wird stellenweise sehr, sehr schlecht, steil und steinig. Gut, dass mein Rad voll gefedert ist! Mehrfach 17% Steigung oder Gefälle, dazu grobes Geröll vor abrupten 90-Grad-Kurven, alles mit Gepäck – da lacht das Herz des Naturradlers! So oft und weit wie hier habe ich mein Rad lange nicht mehr geschoben. Wo der Weg ganz unsichtbar ist, da glänzen immer noch die gelben Schilder mit der 37, und das an Stellen, für die man bei ihrer Aufstellung sicher einen Hubschrauber benutzen musste. Das Wetter ist schön, leider weht deshalb ständig ein unangenehmer Gegenwind aus Osten. Ich verliere den Paneuropa-Weg zweimal und bin äußerst dankbar für die tschechischen Radkarten. Die letzten zehn Kilometer vor Pilsen fahre ich auf der Straße, weil ich des Radweges überdrüssig bin. Nach 87 km und 910 Höhenmetern erreiche ich Pilsen. Die Pension am westlichen Vorstadtbahnhof kostet 25 ?. Ich bin der einzige Gast.

9. August:
In Pilsen muss ich auf den Radweg Nr. 3 nach Prag wechseln. Mehrere Wege treffen sich hier an einem Radwegknoten, die Beschilderung ist unübersichtlich, ich weiß zunächst nicht recht, wohin meines Lenkers Schaft ich wenden soll und fahre hin und her. Schließlich finde ich das gelbe Schild mit der 3 und der Inschrift „Prag 111 km“, eine Schnapszahl, glücklicherweise. Vorbei an dem Brauereitor, aus dem das Pilsner Urquell quillt. Rokycany heißt das nächste Ziel. Ich erreiche es, nachdem ich den Radweg an einer Baustelle mangels Schildes verloren habe. Nochmals Danke für die Radkarten! Nach einer schier endlosen Fahrt bei leichter Steigung und Gegenwind erreiche ich Horovice. Leider gerate ich danach sofort wieder auf Abwege.

Ortsnamen fast vokalfrei, mit vielen Konsonanten und unterschiedlichen Akzenten obendrauf kann ich mir nur schwer merken und muss immer wieder in die Karten sehen. Nach erheblichem Umweg über Stasov erreiche ich in Neumetely wieder den Radweg 3. Ich folge jetzt stur der wenig befahrenen Straße nach Revnice. 107 km sind das heute, plus 969 Höhenmeter. In Revnice bin ich kaum am vereinbarten Treffpunkt, dem Hotel Grand am Bahnhof, angekommen, als Wolfgang Maier, seine Frau Andrea, Marta (ADFC Bad Homburg) und ihr Neffe Radim  auftauchen. Es sind noch 15 flache Kilometer an der Berounka bis Radotin, dem ersten Vorort Prags, in dem Wolfgangs Haus steht. Die letzten Meter allerdings haben es in sich und sind nur schiebend zu bewältigen.  

10. August:
Es sind 15 km bis Prag Innenstadt. Wir fahren zunächst steil bergab an die Moldau und steigen samt Rädern zu fünft auf den Hradschin. Karl IV liegt dort oben im Veitsdom, mit dem Rad nicht zu erreichen. Ich kann ihm nur von ferne zuraunen, dass ich mich auf meiner Reise durch seine Kronländer davon überzeugt habe, dass alles so weit in Ordnung ist. Nur um den Radweg zwischen der Oberpfalz und Pilsen solle er sich doch gelegentlich mal kümmern... wenn’s passt.

Wir schieben über die Karlsbrücke und kommen zum Altstädter Markt mit dem Rathaus und der Inschrift „Praga Caput Regni“. Andrea fotografiert mich davor. Das Ziel ist erreicht.
Wir fahren nach dem Essen am Ufer der Moldau auf angenehmen Radwegen wieder zurück, überqueren Moldau und Berounka und erreichen Wolfgangs Haus.
Andreas Vater ist ein alter weiser Tscheche. „Glückliche Reise“, wünscht er mir, nicht einfach „Gute Reise“. Wie recht er hat!

11. August:
Zum Bahnhof in Prag-Smichov. Wolfgang zeigt mir freundlicherweise den Weg. Der Zug braucht über zwei Stunden bis Pilsen, danach geht es deutlich schneller. Es ist also genau umgekehrt wie mit dem Rad. Umsteigen muss ich in Schwandorf. Ein Franke mit Fahrrad setzt sich zu mir. Er redet wie ein Maschinengewehr: mal ratternd schnell, dann wieder mit Ladehemmung. Über John Cage und sein Schloss bei Hersbruck, über die neue Nürnberger S-Bahn, verschiedene Triebwagen-Typen, Frankfurt-Nied und -Griesheim etc, etc. Ich sehne mich zurück nach Tschechien, da brauchte ich wenigstens nichts zu verstehen.
Umsteigen in Nürnberg und noch einmal in Würzburg. Ab Frankfurt Hbf fahre ich mit dem Rad nach Hause. Nach über zwölfstündiger Reise bin ich abends um 21 Uhr da.

Text und Fotos: Günther Gräning

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9 Februar, 2010 I ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt