Speichenbruch

Viele Jahre ging es gut. Doch das untrügliche „Pling“ mit den umgehend einsetzenden regelmäßigen Schleifgeräuschen der Felge an den Bremsklötzen beweist: diese Jahre haben ein Ende gefunden. Speichenbruch, natürlich am Hinterrad.

Gleich am nächsten Tag wird das Rad ausgebaut, Mantel und Schlauch entfernt. Das Ritzel lässt sich ohne Spezialwerkzeug nicht entfernen, dazu ist die Hilfe einer Fachwerkstatt gefragt.  

Der Mitarbeiter im Stamm-Radladen hört sich mein Anliegen (kurzfristig Ritzel abziehen, neue Speiche montieren, Felge zentrieren) an und wimmelt ab. Keine Zeit, zu viele Aufträge, ich solle mir einen Termin geben lassen. Mein Einwand, dass solch ein Notfall doch auch kurzfristiger behoben werden könne, ohne Terminvergabe, eventuell bis zum nächsten Tag, führt zu nichts. Eine andere Mitarbeiterin, die mich als Stammkunden und als den Käufer des im oberen Preissegment angesiedelten Velos kennt, bekommt mein Leid mit und findet überraschend eine Lücke in der hektischen Werkstattarbeit. Ich hätte ja schon die zeitaufwändigen Vorarbeiten erledigt, Hinterrad ausgebaut, Mantel und Schlauch entfernt. So bleibt das sauber geputzte, reparaturfertig vorbereitete Rad da. Bis zum Abend ist es gemacht, erleichtert zahle ich 18 Euro dafür.
Einige Tage später ertönt erneut dieses untrügliche „Pling“, samstags gegen Mittag, auf der Fahrt durch die weitere Umgebung der Stadt. Zwei ältere Männer, diesseits und jenseits eines Gartenzaunes in ein Gespräch vertieft, verweisen auf Hilfe in der Nähe, wenige Kilometer entfernt. Der Laden dort habe alles Mögliche, Rasenmäher, Gartengeräte, auch Fahrräder. Und müsste samstags bis eins geöffnet haben.
Nach leicht gehetzter Fahrt erkenne ich an der Dorfstraße das Werbeschild eines bekannten Herstellers von Kettensägen. Dort muss die Hilfe sein. Ab nach links in den Hof, hinein in den modernen Laden, hinter dessen großen Glasscheiben Rasenmäher, Gartengeräte, Kettensägen und Fahrräder präsentiert werden.

Der Chef hört sich mein Problem an und schickt mich dann direkt in die Werkstatt, „gerad’ ums Haus ’rum, da über’n Hof“. Hinter einem in Reparatur befindlichen Kleintraktor kommt ein schweigsamer Monteur hervor. Offensichtlich bereits durch den Chef  informiert, ignoriert er meinen Vorschlag, ich könne das Hinterrad selber ausbauen und ihm nur die nackte Felge zur leichteren Bearbeitung überlassen. Der Monteur lässt mich die Fahrrad-Taschen abnehmen, kippt das Velo auf eine kleine (Rasenmäher-?) Hebebühne, entfernt zügig das Hinterrad, ebenso das Ritzel, baut eine meiner mitgebrachten Ersatzspeichen ein und ist nach gut 10 Minuten fertig. „Was kostet’s?“ „Vorne beim Chef fragen“. Ein kurzes Zwiegespräch zwischen Chef und Monteur ergibt: 9,50 Euro. Neun Euro fünfzig.

Es ist immer noch Samstag, es ist immer noch gegen Mittag. Weder der Monteur noch der Chef haben mich je zuvor gesehen. Wir befinden uns weiterhin auf diesem Planeten, kaum 40 Kilometer von der großen Stadt unten am Fluss entfernt. Soforthilfe ohne Aufpreis, ohne Wochenendzuschlag, ohne Wartezeit. Den Tränen nahe vor Glück gehe ich zurück in die Werkstatt und drücke dem Monteur noch 5 Euro Trinkgeld in die Hand. Er dankt und ich fahre weiter, hinein in die wunderbare Umgebung der Stadt.

Peter Sauer

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9 Februar, 2010 I ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt