Ganz Schweden radelt für das Klima
Schwedens Zivilgesellschaft mobilisiert vor der Wahl
Als am 20. August 2018 eine 15-jährige Schülerin erstmals vor dem schwedischen Reichstag für mehr Klimaschutz streikte, wurde daraus innerhalb kurzer Zeit eine weltweite Bewegung. Acht Jahre später ist Stockholm erneut Schauplatz großer Klimaproteste: Vor der Parlamentswahl im September fordert die schwedische Zivilgesellschaft von der künftigen Regierung eine entschlossene Klimapolitik – kreativ, vielfältig und überraschend kraftvoll.
Mittendrin: die schwedische Schwesterorganisation des ADFC, Cykelfrämjandet (CF). Gemeinsam mit der Klimaschutzgruppe Protect Our Winters organisierte CF eine Langstreckensternfahrt in die schwedische Hauptstadt. Die Routen starteten in Malmö, Göteborg, Uppsala – und sogar im 1.400 Kilometer entfernten Kiruna. Für die Strecke aus der nördlichsten Stadt Schwedens waren ganze drei Wochen vorgesehen.

Die Sternfahrt stand unter dem ambitionierten Motto „Ganz Schweden radelt fürs Klima“. Sie sollte nicht nur Menschen mit dem Fahrrad zu den Klimaprotesten nach Stockholm bringen, sondern auch dazu motivieren, sich den Demonstrationen anzuschließen – ganz gleich, mit welchem Verkehrsmittel.
Am Freitagnachmittag trafen die Gruppen auf einem zentralen Platz in Stockholm ein und feierten ihre Ankunft mit einem gemeinsamen Picknick. Ganz Schweden war am Ende zwar nicht aufs Fahrrad gestiegen. Aber einige Dutzend Menschen waren es – und das reichte für eine enorme symbolische Wirkung. Wenn sich Menschen aus allen Teilen des Landes allein mit Muskelkraft auf den Weg machen, um für das Klima zu demonstrieren, entsteht ein Bild, das neugierig macht. Zahlreiche Presseberichte und ein großes Social-Media-Echo zeigten: Die Botschaft kam an.
24 Stunden demonstrieren für das Klima
Am Samstagmorgen wurden die Fahrradproteste mit einer Critical Mass durch Stockholm fortgesetzt. Ihr Ziel war eine 24-Stunden-Demonstration für das Klima im Stadtzentrum, die verschiedene Klimagruppen organisiert hatten. Die Radfahrenden wurden dort begeistert empfangen und umjubelt. Ihre Ankunft läutete 24 Stunden ein, in denen auf zwei Bühnen bei Reden, Diskussionen, Musik, Performances und anderen Formaten das Klima in den Mittelpunkt gerückt wurde. Gleich zu Beginn wurden die vier Teamleiterinnen auf die Bühne geholt und gefeiert. Vier Frauen hatten die Langstreckenradler aus Norden, Westen und Süden nach Stockholm geführt. Einen Sonderapplaus erhielt dabei die 75-jährige Dorothee Hildebrandt, die mit ihrem Fahrrad unter anderem bereits von Schweden zu Klimakonferenzen nach Glasgow und Kairo gefahren ist, um für eine ambitioniertere Politik zu protestieren.
An der beeindruckenden rund-um-die-Uhr-Demo hatten sich Aktivist:innen aus Klimaschutzgruppen, Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und viele andere mehr beteiligt. Auch Cykelfrämjandet war dabei. Und Gründe, sich als Fahrrad-NGO an solchen Protesten zu beteiligen, gibt es auch nördlich der Ostsee mehr als genug: In einem umfassenden Wirkungsbericht hatte der schwedische Rechnungshof im vergangenen Jahr kritisiert, dass die Maßnahmen zur Radverkehrsförderung im Land die gesteckten Ziele – eine substanzielle Steigerung des Radverkehrs und der Sicherheit beim Radfahren – nicht erreichen würden. Die Radinfrastruktur sei nicht sicher und nicht vernetzt genug. Planungsprozesse seien zu langwierig und kompliziert und gerade bei zwischenörtlichen Verbindungen gebe es große Mängel. Probleme also, die wohl auch ein Rechnungshof hierzulande erkennen würde – vorausgesetzt, man würde sich dort überhaupt einmal dem Radverkehr zuwenden.
Auf die 24-Stunden-Demo folgte am Sonntagmittag eine Großdemonstration unter dem Motto „Vereint für das Klima“. 280 Organisationen der Zivilgesellschaft hatten sich dafür zusammengeschlossen – neben den üblichen Verdächtigen aus dem Umweltbereich auch Gewerkschaften, Kirchen, Jugend-, Sport- und Freizeitverbände, Wissenschafts-, Menschenrechts- und Mieterorganisationen, Kulturvereine und andere. Mit einer (zumindest scheinbaren) Selbstverständlichkeit, die jedes deutsche Organisationsvermögen in den Schatten stellt, formierten sich die Organisationen in einer vorher genau festgegelegten Reihenfolge auf, um sich von dort, als kilometerlanger Demozug, auf den Weg durch die Stockholmer Innenstadt zu machen. Mindestens 50.000 Menschen sollen sich nach Medienberichten beteiligt haben, womit die Beteiligung nah an die Hochzeiten der Klimabewegung im Jahr 2019 heranreichte.
Kehrtwende in der Umweltpolitik
Dazu beigetragen haben dürfte auch die rechtskonservative schwedische Regierung, die seit vier Jahren eine Kehrtwende in der Klima- und Umweltpolitik des einstigen Umwelt-Musterlandes betreibt. Umkämpft sind allen voran die Energie- und Forstpolitik, aber auch der Verkehrssektor kann, wie in Deutschland, seine Emissionen nicht entscheidend senken. 2024 stiegen die Emissionen des Landes erstmals seit Jahrzehnten wieder an.
Eine separate Fahrraddemo gab es am Sonntag übrigens nicht mehr. Getreu dem Demo-Motto „Vereint für das Klima“ reihten sich die Fahrradgruppen, darunter Cykelfrämjandet, mit ihren Rädern am Ende des Demozugs ein, und bildeten schiebend ihren Abschluss.
Was lässt sich nun aus diesem bunten Protestwochenende im Norden lernen? Ist eine vergleichbare Mobilisierung auch in Deutschland möglich oder ist Schweden mit seiner aktiven Zivilgesellschaft ein Sonderfall? Eine eindeutige Antwort darauf lässt sich aus einem einzigen Wochenende natürlich nicht ableiten. Für die Annahme, dass eine solche Mobilisierung auch hierzulande möglich sein könnte, spricht allerdings der weiterhin große Rückhalt für Klimaschutzpolitik in der Bevölkerung. So forderten in einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung 56 Prozent der Befragten zusätzliche klimapolitische Maßnahmen.
Formate, die motivieren
Breite Bündnisse, die weit über die klassische Umweltbewegung hinausreichen, können dabei ebenso ein Schlüssel sein wie das richtige politische Timing – zum Beispiel kurz vor einer Wahl. Ebenso wichtig dürften Formate sein, die neugierig machen, Menschen zur Beteiligung motivieren und zugleich mediale Aufmerksamkeit erzeugen. Die Langstrecken-Sternfahrt oder die Stockholmer 24-Stunden-Demonstration sind dafür interessante Beispiele.
Und die streikende Schülerin von einst? Sie war auch dieses Mal unter den Teilnehmenden. In einer Rede lobte sie, dass sich nun auch Erwachsene engagieren und Klimaproteste auf den Weg bringen würden. Angesichts des zurückliegenden Sommers macht das dann doch ein wenig Hoffnung.


















