Mein merkwürdigstes Ferienerlebnis
Was geschah auf dem Maas-Radweg?
Ich stehe am Lenker meines Rades mit einem Schraubenzieher in der Hand. Ich versuche, den Flaschenhalter wieder festzuschrauben. Es will mir nicht gelingen. Ich finde den Schlitz nicht, in den der Schraubenzieher greifen kann. Verzweifelt richte ich den Blick ins Weite. Wo bin ich hier? Alles ist mir fremd. Eine mir völlig fremde Landschaft, eingetaucht in ein seltsames Licht wie eine extrem helle Bühnenbeleuchtung. Wie bin ich hierhergekommen, wo will ich hin? Ich spüre, wie aus der Magengegend langsam Panik in mir hochsteigt. Habe ich mein Gedächtnis verloren?
Mein Rad steht neben einer Bank an einem schattigen Plätzchen. Es gibt da noch eine weitere Bank und einen Brunnen. Ich beschließe, bevor ich von der Panik überwältigt werde, mich erst einmal auf die Bank zu setzen. Dort sehe ich zu meiner Überraschung meinen Helm liegen. Wie kommt der hierher? Wer hat ihn dort hingelegt? Ich hatte ihn doch auf dem Kopf. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, der Helm ist massiv gebrochen. Mir schwant, dass hier etwas Schlimmes passiert sein muss, aber was, wie und warum? Wenn ich gestürzt wäre, müsste ich ja irgendwelche Wunden haben und Schmerz spüren. Doch da ist nichts dergleichen. Von der Bank aus sehe ich die relativ belebte Straße und dahinter einen Radweg. Irgendwo im Hintergrund fließt ein Fluss. Ist das der Main? Dann entdecke ich am Radweg ein Schild mit der Aufschrift „Liège 25 km“. Wer oder was zum Teufel ist Liège? Komischerweise weiß ich aber, dass das Schild nicht zu einer Liege weist, sondern französisch auszusprechen ist. Ich weiß aber nicht, was es bedeutet. Dann fällt der Blick auf mein Rad. Daran hängen zwei vollgepackte Gepäcktaschen. Daraus ziehe ich messerscharf den Schluss, dass ich auf einer größeren Radtour sein muss. Aber wohin sollte diese Tour führen? Da fällt mir ein: Wenn ich auf großer Tour bin, dann muss es auch ein PDF-Dokument auf meinem Handy geben, das den Tourenplan ausweist. Ich zücke mein Smartphone und stelle zunächst fest, dass es völlig unversehrt ist. Ich öffne es und finde zielsicher das Dokument. Es trägt die Überschrift „Maas-Radtour 2026“. Aha, geht es mir durch den Kopf, der Fluss dahinten muss die Maas sein. Nun weiß ich plötzlich auch, dass heute Montag ist. Ich schaue nach, welche Etappe für den Montag ansteht und lese: Namur-Lüttich. Jetzt weiß ich auch, was Liège bedeutet. Es ist der französische Name von Lüttich. Nun versuche ich, nur gelegentlich einen verstohlenen Blick auf den Reiseplan richtend, mich zu erinnern, wo ich losgefahren bin und wohin die Reise gehen soll. Allmählich kommt die Erinnerung wieder. Ich erzähle mir selbst von meiner bisherigen Reise bis zu dem Punkt, als ich mit dem Schraubenzieher neben meinem Rad stehe. Immer wieder erzähle ich mir dieselbe Geschichte und bei jedem Durchgang wird sie etwas detailreicher.
In Offenburg erfahre ich, dass der Anschlusszug nach Straßburg ausfällt
Vor meinem geistigen Auge taucht auf, wie ich vor einer Woche in Frankfurt den ICE nach Offenburg bestieg, wie ich nur mit Hilfe eines anderen Fahrgastes mein schweres Pedelec an den Haken hängen konnte, wie ich in Offenburg per E-Mail darüber unterrichtet werde, dass der Anschlusszug nach Straßburg ausfällt, wie ich dann nur bis Kehl fahre und von dort versuche, rechtzeitig zum Bahnhof in Straßburg zu radeln, um den Anschlusszug nach Mulhouse zu erreichen, wie ich zu spät komme, aber zum Glück einen anderen Zug erreiche. Zum Bahnsteig führt eine Rolltreppe, auf der ich das schwere Rad zum Bahnsteig bringe. In Mulhouse muss ich das Gleis wechseln für den Zug nach Paris, mit dem ich bis Langres in den Vogesen fahren will. Hier gibt es keine Rolltreppen, sondern Aufzüge. Der Aufzug nach unten ist nicht in Betrieb und ich muss das Rad über die steile Treppe schieben. Der Aufzug an dem neuen Abfahrtgleis funktioniert zwar, ist aber für ein Erwachsenenrad zu klein. Später merke ich, dass das für alle Aufzüge an französischen Bahnhöfen gilt. Man muss das Rad hochkant stellen, was bei einem Pedelec und mit schwerem Gepäck ein Kraftakt ist. Dann muss man versuchen, das Rad mit einer Hand festzuhalten, um mit der anderen den Knopf zu drücken. Zum Glück treffe ich hier wie überall an den Bahnhöfen, die ich noch nutzen muss, auf hilfsbereite Menschen. Es sind immer dunkelhäutige Männer und Frauen, die nicht zögern zu helfen, auch wenn sie selbst mit Kinderwagen und Kindern unterwegs sind.
Ich erinnere, dass ich vollkommen erschöpft im Hotel angekommen bin
Ich erinnere dann weiter, wie ich am nächsten Tag – es war der sechste Tag der Hitzewelle im Juni, von Langres zur Quelle der Maas gefahren bin, die hier Meuse genannt wird; wie ich dann durch die Hitze über zahlreiche Steigungen und Abfahrten nach 100 km das Städtchen Neufchâteau erreicht habe; wie ich am nächsten Tag von dort weiter über Domrémy-la-Pucelle, dem Geburtsort von Jeanne d’Arc, nach Commercy gefahren und völlig dehydriert und erschöpft im Hotel angekommen bin; wie ich am nächsten Tag, jetzt waren es schon weit über 40° C, weiter nach Verdun gefahren bin. Jetzt ging es zwar mehr bergab als bergauf. Trotzdem bin ich von der Hitze so gestresst, dass ich beschließe, die für den nächsten Tag anstehenden 115 km nach Sedan mit dem Zug zu absolvieren. Indessen: Es geht kein Zug von Verdun nach Sedan. Ich hätte für Teilstrecken den Bus nehmen und mehrfach umsteigen müssen, was mit dem Rad natürlich ausgeschlossen ist. Also entschließe ich mich, ein Taxi zu buchen. Am nächsten Tag ist der Höhepunkt der Hitzewelle erreicht. Ich verzichte erneut auf die Radtour und nehme den Zug von Sedan nach Haybes, einem kleinen Dorf zwischen Sedan und Namur. Danach gehen die Temperaturen wieder langsam runter und ich setze die Tour fort. Erst geht es nach Namur und am folgenden Tag nach Lüttich. Aber was auf dieser Etappe passiert ist, kann ich noch immer nicht erinnern. Allerdings stelle ich irgendwann fest, dass ich doch Schürfwunden an Knie und Arm davongetragen habe und dass das Schlüsselbein schmerzt, wenn ich den Arm hebe. Also muss es doch ein Sturz gewesen sein. Als ich es nach etwa zwei Stunden schließlich aufgeben will, weiter darüber nachzudenken und mich bereit mache weiterzufahren, kommt mir aur einmal ein Bild: Ich sehe eine plötzlich vor mir auftauchende Verkehrsinsel mitten auf dem Radweg, fahre sie an und falle. Freilich geht es mir mit dieser Erinnerung wie mit einem Ereignis aus der frühen Kindheit, von dem man nicht weiß, ob es sich nur um die Erzählung der Eltern handelt, die zu einer eingebildeten Erinnerung geführt hat oder ob es eine echte Erinnerung ist. Wie ich schließlich auf dem Erdboden angekommen bin, wie ich irgendwann aufgestanden, das Rad aufgestellt, zu dem in der Nähe liegenden schattigen Platz gegangen sein muss, um dort zu versuchen, den Flaschenhalter zu befestigen, an das alles kann ich mich bis heute nicht erinnern.
Weiter fahre ich mit dem zerbrochenen Helm auf dem Kopf nach Lüttich
Jedenfalls setze ich die Reise nach zwei Stunden fort. Nach zwei Kilometern erreiche ich den Ort Huy, wo ich vergeblich nach einem Fahrradladen suche, um mir einen neuen Helm zu kaufen. Ergebnislos fahre ich schließlich mit dem zerbrochenen Helm auf dem Kopf nach Lüttich weiter, wo ich mir am nächsten Tag als erstes einen sehr teuren, aber trotzdem nicht optimalen Helm kaufe. Dann geht es weiter nach Maastricht. Dort komme ich schon zur Mittagszeit an, kann gleich das Hotelzimmer beziehen, mich frisch machen und den Rest des Tages in der Stadt verbringen. Mir geht es gut. Ich habe weder Kopfschmerzen, noch sonstige Ausfälle. Die Schürfwunden bluten nicht mehr. Ich genieße das Treiben auf den Straßen und die Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Von Maastricht aus ging es dann über Aachen nach Düren. Dort habe ich mich auf die „Wasserburgenroute“ eingeklinkt. Diese Route führt eigentlich von Bad Godesberg in mehreren Varianten eines Rundkurses über Aachen wieder an den Rhein zurück. Ich folge dieser Strecke, für die auch ein bikeline-Tourenbuch erschienen ist, über Zülpich nach Bad Godesberg und radle von dort über Boppard schließlich nach Hause. Insgesamt bin ich 850 km mit dem Rad gefahren und 200 km mit Taxi und Zug.
Der Maas-Radweg ist empfehlenswert, wenn auch die Anreise mit dem Zug eine gewisse Leidensbereitschaft voraussetzt. Er führt durch abwechslungsreiche Landschaften und zu beachtlichen kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten. Von Maastricht aus führt der Weg weiter über Venlo, ’s-Hertogenbosch nach Woudrichem, wo die Maas in die Waal fließt, den Hauptarm des Rheindeltas. Von dort kann man über Dordrecht nach Rotterdam fahren und, wenn man will, bis Hoek van Holland. Was man aber nicht tun sollte: Bei solch extremer Hitze zu radeln. Es macht keinen Spaß und es ist für die Gesundheit gefährlich. Der wichtigste Ratschlag, den ich von meiner Tour mitbringe, ist aber folgender: Fahrt niemals ohne Helm, wählt bei der Anschaffung im Zweifel lieber die qualitativ bessere, wenn vielleicht auch teurere Variante und spart auch nicht, wenn es um den Schutz eurer Kinder geht. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ich keinen Helm getragen hätte.



















