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Mobilitätswandel braucht Gleichstellung
Lesung und Vortrag mit Buchautor Boris von Heesen
Warum wird um Radwege, Tempo 30 und Parkplätze so erbittert gestritten? Weil das Auto für viele mehr bedeutet als Mobilität: Freiheit, Kontrolle und Status. Boris von Heesen zeigte am 23. September in der Frankfurter Stadtbücherei, warum der Wandel in unserer Mobilität nicht nur an Asphalt und Technik hängt, sondern auch an Rollenbildern, Macht und Gleichstellung.
Großes Interesse an einem ungewohnten Blick auf Mobilität
Eingeladen haben ADFC Hessen und VCD Hessen. Für beide Verbände war es bereits die zweite gemeinsame Aktion in diesem Jahr: Nach dem bunten „Fancy Women Bike Ride“ (vgl. „Frankfurt aktuell 5-26“) folgte nun ein Abend mit Vortrag und Diskussion. Und das traf offenbar einen Nerv. Mehr als 100 Gäste kamen in die gut gefüllte Zentralbibliothek. Bemerkenswert war auch die Zusammensetzung des Publikums: Es waren etwa gleich viele Frauen wie Männer gekommen – bei verkehrspolitischen Veranstaltungen eher die Ausnahme.
Sachlich, empathisch, pointiert
Von Heesen stellte sein Buch „Mann am Steuer“ vor – als Lesung, Vortrag und gesellschaftspolitische Analyse. Wer nun eine pauschale Abrechnung mit dem männlichen Geschlecht befürchtet hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt. Der Abend kam ohne stumpfes Männer-Bashing aus. Stattdessen blickte der Autor empathisch auf erlernte Verhaltensmuster. Seine Argumentation blieb sachlich und stützte sich auf Zahlen, Fakten und Studien. So zeigte von Heesen überzeugend, wie tief patriarchale Muster bis heute im Mobilitätsverhalten und in der Gestaltung unserer Städte nachwirken.
Mobilität zwischen Macht, Freiheit und Rollenbildern
Das Auto, so wurde an diesem Abend deutlich, ist weit mehr als ein Fortbewegungsmittel. Seit Jahrzehnten steht es für Status, Kontrolle und individuelle Freiheit – Begriffe, die historisch stark männlich besetzt sind. Das zeigt sich bis heute: Männer fahren häufiger große und emissionsstarke Fahrzeuge und verursachen statistisch deutlich mehr Unfälle als Frauen. Auch die Stadt, wie wir sie heute kennen, trägt die Spuren dieses Leitbilds. Über Jahrzehnte wurde Verkehrsinfrastruktur vor allem aus Sicht des männlichen Berufspendlers geplant: breite Straßen, schnelle Verbindungen, viel Raum fürs Auto. Gehwege, Radnetze und kleinteilige Wegeketten blieben dagegen zweitrangig. Dabei prägen gerade sie den Alltag vieler Frauen, die noch immer mehr Care-Arbeit für Kinder oder ältere Familienangehörige übernehmen als Männer und dabei mehrere kurze Wege miteinander verbinden.
Der Mobilitätswandel als Kulturfrage
In der anschließenden Diskussion zeigte sich, wie sehr das Thema die Anwesenden beschäftigte. Frauen und Männer meldeten sich gleichermaßen zu Wort, stellten Fragen, ergänzten eigene Erfahrungen und diskutierten über Konsequenzen für die Mobilität der Zukunft. Es ging um weniger Privilegien für den Autoverkehr, um sichere Wege für alle und um die Frage, wie Männer stärker als Verbündete für nachhaltige Mobilität gewonnen werden können.
Am Ende stand die Erkenntnis: Der Mobilitätswandel entscheidet sich nicht allein an Technik, Asphalt oder Radwegen. Er berührt Rollenbilder, Gewohnheiten und Machtverhältnisse – und ist damit auch eine Kulturfrage. Solange das Auto als Schutzraum, Machtraum und Statussymbol verteidigt wird, bleibt Veränderung mühsam. Erst wenn solche Denkmuster aufbrechen, kann der öffentliche Raum für alle gerechter verteilt werden.
Ein Abend mit Nachwirkung
Ein Kontrapunkt, den die Veranstalter beinahe schon erwartet hatten, blieb an diesem Abend aus. Niemand im Publikum wollte die Vorzüge des Autos und die damit verbundenen Privilegien öffentlich verteidigen. An Gesprächsstoff fehlte es dennoch nicht. Den Erkenntnisgewinn brachte ein Gast auf den Punkt: „Die Unterschiede in der Mobilität zwischen den Geschlechtern hatte ich so nicht auf dem Schirm. Nach dem heutigen Abend kann ich viel besser argumentieren.“ Genau darin lag die Stärke der Veranstaltung: Sie bot keine einfachen Antworten, sondern schärfte den Blick für Zusammenhänge, die in der Mobilitätsdebatte oft zu kurz kommen. Der Abend lieferte Argumente, die über die Veranstaltung hinausreichen – und machte Lust auf die nächste gemeinsame Aktion oder Veranstaltung von VCD Hessen und ADFC Hessen.
Helga Hofmann,
Frauennetzwerk des ADFC Hessen
Boris von Heesen: Mann am Steuer. Wie das Patriarchat die Verkehrswende blockiert
Heyne Verlag, 2025.
Erhältlich im Buchhandel und als Buch oder eBook ausleihbar in der Frankfurter Stadtbücherei.
Autor Boris von Heesen in der Frankfurter Stadtbücherei, hier mit Anke Bruß und Anne Wehr vom ADFCDagmar Berges
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