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Ü1

Geschichte, Kultur, Kulinarik

In vier Tagen von Aachen nach Brüssel
Eine ADFC-Tour durch Ost-Flandern

Freitag 17. Juli 2026

Früh um 4 Uhr starteten wir in Groß-Zimmern in der Nähe Darmstadts zu unserer viertägigen ADFC-Tour von Aachen nach Brüssel mit Start in Frankfurt. Nach der Ankunft des Zuges aus Dieburg lernten wir die ersten Mitfahrer:innen kennen. Kaum waren die ersten Worte gewechselt, machte Bertram Giebeler uns schon Dampf. Zügig wurden unsere Fahrräder und Taschen in den Transporter geladen und wir selbst bestiegen anschließend den Zug. Nach zweimaligem Umsteigen kamen wir kurz vor halb elf am Aachener Bahnhof Rothe Erde an. Räder raus aus „Eckis“ (bürgerlich: Eckehard Wolf) Transporter und los ging’s zum ersten Ziel, dem Dom zu Aachen. Tourleiterin Anne Wehr gab einige Infos zum über 1200 Jahre alten Sakralbau. Alle nutzten die Gelegenheit, sich einen Eindruck dieses künstlerischen und architektonischen Meisterwerkes zu verschaffen. Der Dom zu Aachen gilt als Symbol der Einigung und des Wiederaufstiegs Westeuropas nach dem Ende des Römischen Reiches. Aufgrund seiner besonderen (architektur-)geschichtlichen Bedeutung wurde der Aachener Dom 1978 als erste Kulturstätte Deutschlands in die UNESCO-Welterbeliste eingetragen. Der heutige Dom wurde als Palastkapelle Karls des Großen zwischen 793 und 813 erbaut und nur ein Jahr nach Fertigstellung zum letzten Ruheort des Kaisers.

Nach einer kurzen Fahrt durch Aachen erreichten wir das imposante Gebäude der Uniklinik Aachen. Auffallend ist die Bauart ähnlich eines Industriekraftwerkes. Das Uniklinikum Aachen ist eines der größten Europas mit ca. 1.400 Betten und 9.000 Mitarbeiter:innen in unmittelbarer Nachbarschaft zum niederländischen Vaals.

Durch eine hügelig imposante Landschaft radelten wir in das an diesem Tag von André Rieu dominierte Maastricht. Der von dort stammende Star der leichten Unterhaltungsmusik beherrschte an diesem Tag nicht nur das Ambiente der Stadt, sondern auch die Übernachtungspreise der Hotels. Dementsprechend war Maastricht während der gesamten Tour das teuerste Pflaster. 30.000 Touristen waren nur wegen Rieu dorthin gekommen. Deshalb konnte auch der bekannteste Platz der Stadt, der Vrijthof, nur aus der Ferne bewundert, aber leider nicht besichtigt werden.

Nach einem gemütlichen Abend in der Jugendherberge und einem insgesamt doch sehr langen Tag, gingen die meisten müde aber rundum zufrieden früh zu Bett.

Samstag 18. Juli 2026

Mit etwa 80 Kilometern stand am zweiten Tag die längste und anstrengendste Etappe an. Direkt hinter Maastricht erwartete uns die erste kleinere sportliche Herausforderung. Aber im kleinsten Gang war der einzige Serpentinenanstieg der gesamten Tour gut zu bewältigen.

Nach zwei kurzen Pausen genossen wir die längere Abfahrt über Wiesen und Felder zum Wasserschloss Alden Biesen im Bilzener Ortsteil Rijkhoven in der Nähe Lüttichs. Auch heute ist Alden Biesen noch eines der größten Schlösser zwischen Loire und Rhein sowie eine beeindruckende Kulturstätte. Einst war es Sitz des Deutschen Ritterordens, heute ist es ein pulsierendes Zentrum für Kultur, Kulturerbe, Tourismus und Kongresse. Im Februar gastierten dort zahlreiche Staatsoberhäupter zum EU-Sondergipfel mit US-Präsident Donald Trump. Dort legten wir eine längere Pause ein und tankten Kraft für den weiteren Streckenverlauf. Einige kleinere Anstiege wurden mit Bravour bewältigt und etwa zwei Stunden später erreichten wir die limburgische Provinzhauptstadt Hasselt. Es war Zeit genug, einen Spaziergang durch die Stadt zu unternehmen oder mit einer Kleinigkeit zwischen den Zähnen Körper und Geist zu erfrischen. Von Hasselt aus ging es zunächst entlang des Albert-Kanals, durch von Wasseradern durchzogene Wälder und Felder. Eine letzte Rast, vor dem Tagesziel Diest, wurde am wunderschönen See des Landschaftsschutzgebiets Schulensbroek eingelegt.

Nach einem kurzen Halt an der Beginenhofkirche St. Katharina fuhren wir zu unserem Hotel. Dort stand Ecki vor seiner ersten großen Herausforderung. „Der Transporter passt nicht in diese Parklücke“ meinte er. Aber Ecki sollte sich täuschen. Begleitet von vielen guten Ratschlägen schaffte er es, unseren Transporter direkt vor der Hoteleinfahrt zu platzieren. Dank Ecki waren nach einem anstrengenden Tag die Wege kurz und die Zimmer nicht mehr weit. Wir hatten uns schließlich ein hervorragendes Abendessen in einer Gaststätte mit belgischen Spezialitäten verdient. Zum Abschluss des Tages flanierten wir über die Stände der dortigen Kirchweih und genossen in einer urigen Kneipe verschiedene heimische Biere.

Sonntag 19. Juli 2026

Aufbruch in Diest zur nächsten Tour, ohne erwähnenswerte Steigungen. Diese Ansage des Tourenleiters sollte sich für den Schreiber dieser Zeilen jedoch als trügerisch erweisen, denn gleich im nächsten Ort, in Scherpenheuvel, mussten wir in den kleinsten Gang schalten, um zur sehenswerten kreisrunden Liebfrauen-Basilika hochzustrampeln. Ein kurzer Halt zum Durchatmen, dann weiter, und nach moderater Steigung erreichten wir die Klosteranlage Averbode. Empfangen von einem der dort lebenden Mönche, der sich auf einem Spaziergang rund um die Klosteranlage befand, legten wir einen zweiten Zwischenstopp ein. Lohnend war ein Gang durch die barocke Kirche. Sehenswert auch die großflächige Außenanlage der Abtei. Bekannt ist die Abtei Averbode für ihre Drucker- und Verlagsaktivitäten, darunter Kinderzeitschriften. Seit 2014 wird dort auch Bier, Brot und Käse produziert. Derzeit zählt die Gemeinschaft circa 70 Mitglieder.

Die mächtige Abtei von Tongerlo, welche monumentale Gemälde des flämischen Meisters Jan Erasmus Quellinus und die beste Kopie des letzten Abendmahls von Da Vinci beherbergt, war das nächste Ziel.

Weiter ging es durch malerische Landschaften mit Wiesen und Feldern. Nach einer längeren Fahrt auf einem Bahnradweg erreichten wir Aarschot. Wegen eines dort stattfindenden Triathlons war das Erreichen des Treffpunktes für unseren zuverlässigen Begleitfahrer Ecki eine weitere Herausforderung. Bei einem Eis oder einem Snack verfolgten viele das bunte sportliche Treiben in der Stadt, oder genossen in einem naheliegenden Restaurant eine andere kulinarische Kleinigkeit.

Am Tagesziel Leuven wartete ein weiteres Hindernis auf Ecki: Vier Kilometer rund um den Stadtkern keine Parkplätze. Die Innenstadt von Leuven ist autofrei und für Fußgänger und Radfahrer eine reine Oase. Zum Abholen der Gepäcktaschen bedeutete das, einen kleinen Umweg in Kauf nehmen zu müssen. Deshalb wurden auch am dritten Tag wieder knapp über 80 Kilometer gestrampelt. Autofreie Stadt bedeutet jedoch keine leblose Stadt. Beim abendlichen Gang zum berühmtem flamboyantgotischen Rathaus herrschte ein reges Treiben. Die Restaurants waren gut besucht, auch, weil an diesem Abend das Endspiel der Fußball-WM ausgetragen wurde. Auf dem Weg zum beliebten Oude Markt machten wir noch einen Abstecher zu der am Grote Markt gelegenen Sankt-Peters-Kirche. Sie wurde im Jahre 1999 als UNESCO-Welterbe anerkannt und beherbergt eine einzigartige Sammlung an Kunstwerken. Zum Abschluss des Tages gönnten sich viele im Hotel ein Bierchen, andere zog es dann noch in die Nachbarschaft, um das Endspiel der Fußball-WM zu verfolgen.

Montag, 20. Juli 2026

Mit dem großen Beginenhof in Leuven begann die letzte Etappe nach Brüssel. Imposant war der Besuch des aus einem Netz aus Gassen bestehenden, im 13. Jahrhundert entstandenen Beginenhofes, eine Gemeinschaft für unverheiratete Laienfrauen (Beginen). 1998 wurde er mit zwölf weiteren flämischen Beginenhöfen Teil des UNESCO-Welterbes. Heute gehört der Beginenhof zur Universität Leuven und wird teilweise von Studierenden, internationalen Gastprofessoren und Mitarbeitenden in einer der ältesten Universitäten Europas bewohnt.

Anschließend radelten wir gemütlich durch die Parkanlagen von Tervuren. Ein Stopp wurde am Afrika-Museum eingelegt. Das von der Gemeinde Tervuren als Forschungsmuseum betriebene Museum ist im Zuge des belgischen Kolonialismus entstanden. Nach und nach wurde es modernisiert, teilweise werden jetzt auch die belgischen Kolonialverbrechen im Kongo angesprochen. Dennoch bleibt die Ausgestaltung und der Umgang mit der Vergangenheit in Belgien ein umstrittenes Thema.

Auf gut ausgebauten Fahrradwegen tauchten wir zur Mittagszeit in die Großstadt Brüssel ein. Ein ganz besonderes Erlebnis war es, auf einmal direkt vor dem EU-Ratsgebäude zu stehen. Weiter ging es durch die pulsierende Stadt zum EU-Parlament. Dort waren wir die einzige Gruppe, die mit Rädern angereist war. Nach einem längeren Aufenthalt vor der imposanten Kulisse der europäischen Volksvertretung hieß es nun, alle Räder in Eckis Transporter zu laden. Danach ging es fast acht Kilometer auf Schusters Rappen durch Brüssel. Manche gönnten sich eine Fahrt mit dem Riesenrad und erhaschten somit auch einen schönen Blick zum weltberühmten Atomium. Alle anderen genossen die Stadt aus weniger Schwindel erregenden Höhen. Vorbei am berühmten „Mannekin Piss“ hin zum Grand Place gönnten wir uns auf dem Weg zum Bahnhof noch eine kleine Pause. Der Rückweg zum Bahnhof wurde durch eine Baustelle erschwert. Letztendlich führte uns Tourenleiter Bertram dennoch pünktlich zu unserem ICE. Ohne Verspätung erreichten wir gegen 23 Uhr den Frankfurter Hauptbahnhof. Dort erwarteten uns Ecki, Ulrich und Anne mit unserem Gepäck. So endete eine schöne Tour unfallfrei und ohne Pannen und mit vielen schönen Erinnerungen.

Hans Peter Wejwoda

6_2026 November/Dezember

Mönch zwischen Radfahrenden am Kloster Averbode

Hier endete die Tour: Der Grand Place in Brüssel

Hans Peter Wejwoda (5)

frankfurtaktuell

Das Uni-Klinikum in Aachen erinnert eher an einen Industriebau als an ein Krankenhaus

Das Ziel ist erreicht: Radtouristinnen und -touristen vor dem Europäischen Parlament

Die autofreie Innenstadt von Leuven bietet reichlich Platz für Flaneure und Flaneurinnen

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Hans Peter Wejwoda