Vom Paulus zum Saulus
Immer wieder geraten in Frankfurt Häuser als Ganze oder wenigstens in ihrem Innenbereich unter die Abrissbirne, damit neue, meist größere, Platz finden. So geschah und geschieht dies auch weiterhin in der Innenstadt in der Eschersheimer Landstraße. Hier gibt es inzwischen das Metropolis anstelle des Volksbildungsheimes. Daneben ersetzt ein größerer Bau den vormals kleinen. Eine weitere Baustelle liegt stadtauswärts kurz hinter der Einmündung der Fichardstraße.

Für Fußgänger und Radfahrer sind diese Baustellen immer wieder Begegnungsstätten der besonderen Art. Pflegen doch die Baufirmen in aller Regel im Bereich der Baustelle einen Tunnel einzurichten, der die Passanten vor Unbill von oben schützen soll. Allerdings sind diese Tunnel in der Regel unwesentlich breiter als der Radwegeanteil, nämlich zwischen 1,50 und 1.90 m. Und trotzdem werden sie als gemeinsame Geh- und Radwege ausgezeichnet, für Radfahrer dann benutzungspflichtig. So geschehen auch in der Eschersheimer Landstraße an den genannten Stellen. In aller Regel geht also die Einrichtung von Baustellen zu Lasten der schwächsten Verkehrsteilnehmer, nämlich der Fußgänger und Radfahrer beiderlei Geschlechts. Dagegen kommen die motorisierten Verkehrsteilnehmer ebenso regelhaft (fast) ungeschoren davon. Das heißt, die Fahrbahnen bleiben weitgehend unangetastet.

Die Eschersheimer Landstraße ist, jedenfalls in ihrem unteren Teil, eine beliebte Radfahrstrecke. Und der rechtsseitig stadtauswärts führende Radweg, auf gleicher Höhe mit dem Gehweg, aber getrennt ausgewiesen, wird eifrig benutzt, immer wieder auch von – vorschriftswidrig – stadteinwärts fahrenden Mitmenschen (siehe Abbildungen 3 und 4). Dieser Tatsache wollte die Baufirma zwischen der Bau- und der Fichardstraße wohl Rechnung tragen und ließ vor der Baustelle am Zugang zur U-Bahn an der Baustraße ein Schild „gemeinsamer Geh- und Radweg“ (Z 240) aufstellen (siehe die Abbildung 1). Streng genommen bedeutete dies allerdings auch, dass die stadteinwärts fahrenden Radfahrer an dieser Stelle auf die linke Straßenseite wechseln müssten, um den hier durch das Schild installierten (benutzungspflichtigen) Radweg zu befahren.

All diese Missstände haben wir in einem Schreiben den zuständigen Dezernenten für Planung und Sicherheit sowie für Bau Mitte Dezember mitgeteilt. Nachdem Ende Januar noch keine Reaktion erfolgt war, haben wir auch den Ortsbeirat 3 über unsere Initiative informiert. Der Ortsbeirat hat uns dann in dieser Sache mit einem Antrag an den Magistrat unterstützt. Und siehe da, Anfang Februar erhalten wir ein Schreiben des Stadtrats Zimmermann, in dem die von uns geschilderten Behinderungen bestätigt und Änderungen angekündigt werden.

In den nächsten Wochen geschieht aber nichts. Keiner der geschilderten Missstände wird beseitigt.

In der zweiten Aprilhälfte wird der Bau neben dem Metropolis fertig gestellt, die Baustelle aufgehoben und der Beginn des Radweges an der Eschersheimer Landstraße neu gestaltet. Monatelang lag hier ein Kabel unter einem Holzschacht, über den Radfahrer leicht hätten stürzen können, vielleicht auch tatsächlich gestürzt sind. Das hat jetzt im Zuge des normalen Zeitablaufes ein Ende gefunden. Aber die Behinderungen und Ungereimtheiten an der oberen Baustelle bestehen weiterhin. Also ein Anruf bei Stadtrat Zimmermann, den wir in der Mittagspause persönlich am Telefon erreichen. Sein Schreiben von Anfang Februar wird ihm auf seine Bitte nochmals zugefaxt. Tatsächlich hat unser Bemühen im folgenden Erfolg. Herr Zimmermann kümmert sich um die Angelegenheit und das Straßenbauamt zusammen mit dem Ordnungsamt besorgen eine jedenfalls teilweise Abhilfe. Noch im Mai werden Änderungen in der Beschilderung vorgenommen. Aus dem gemeinsamen Geh- und Radweg wird ein Gehweg, für Radfahrer frei. Damit dürfen die Radfahrer hier auch auf die Straße ausweichen (siehe Abbildung 2 und 3). Und jetzt wird Paulus zu Saulus. Denn zusätzlich wird am Ende der Baustelle, wo zuvor ein gemeinsamer Geh- und Radweg ausgewiesen war (siehe Abbildung 1) ein Schild aufgestellt, das den Radfahrern die Durchfahrt verbietet (siehe Abbildung 4). Dass sie es trotzdem tun, männliche wie weibliche, beweisen die Bilder 3 und 4.

Was die Bilder auch zeigen: die Probleme der Bodengestaltung und der Sichtbehinderungen werden nicht beseitigt.

Warum wir dies so ausführlich schildern? Es ist einerseits wieder ein Beispiel für das Positive. Kümmern und Nachhaken kann durchaus Erfolg haben und wenigstens gangbare Kompromisse werden erreicht. Und die Autofahrer haben keinen Grund mehr die Radfahrer übel zu beschimpfen, die an der Baustelle entlang auf der Straße fahren und zu Zeiten der Beton- oder anderer Materialanlieferungen möglicherweise auf der einzig verbleibenden Spur fahrend, diese Autofahrer auch noch am Rasen hindern!

Es soll aber auch deutlich gemacht werden, dass die hier gefundene Lösung letztlich nur ein schlechter Kompromiss ist. Bei der Einrichtung von Baustellen, die den gesamten Gehwegbereich, möglicherweise noch den Radwegebereich beanspruchen, sollten für die Bauzeit von oft über einem Jahr nicht nur die nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmer in ihrem Fortkommen beeinträchtigt und behindert sein. Bei Vorhandensein eines Radweges müsste sicher gestellt werden, dass für die Radfahrerinnen und Radfahrer ein angemessener Raum der Fahrbahn zur Verfügung bleibt oder mindestens die Fahrbahn mitbenutzt werden darf!
Fitz Bergerhoff

.. Aus dem gemeinsamen Geh und Radweg wurde ein Gehweg, der von Radfahrern benutzt werden darf. Oft stehen die Anlieferfahrzeuge auf der rechten Fahrspur. Dann bleibt nur noch eine Spur, die dann von Radfahrern und Autos gemeinsam benutzt werden muss. Hier empfielt es sich für die Radfahrer schon an der Fichardstraße auf die Straße zu wechseln. Vor der Baustelle wird es eng und unübersichtlich. Außerdem können Radfahrer von Norden auf dem Gehweg entgegen kommen, wie Abbildung 3 zeigt.

Foto: Fitz Bergerhoff

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Hier kommt ein Radfahrer von Norden, zunächst versteckt hinter Bauzaun und Hecke, dem Radler entgegen. Auch daher die Empfehlung, schon an der Fichardstraße auf die Fahrbahn auszuweichen.

Foto: Fitz Bergerhoff

Hier also das neue Schild: Für Radfahrer keine Durchfahrt. Aber offenbar ohne Effekt.

Foto: Fitz Bergerhoff

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15. Juli 2002 ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt