15% bis 2012
Frankfurts Beitrag zum Nationalen Radverkehrsplan

Es ist nicht mehr zu übersehen, es tut sich was in Sachen Radverkehr in der kleinen Weltstadt am Main. Das ist vielen zu wenig, anderen ist es schon zu viel. Zwar verkündet der Magistrat, er verfolge keine Ziele mit seiner Radverkehrspolitik, er mache den Frankfurtern nur ein Angebot. Die Stadtverordneten sehen das aber anders: mehrheitlich stimmten sie einem Antrag der Grünen zu, der dem Magistrat erstmals klare Vorgaben macht für die weitere Entwicklung des Radverkehrs in Frankfurt.

Danach setzt sich die Stadt Frankfurt zum Ziel, im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans bis zum Jahr 2012 den Radverkehrsanteil an allen zurückgelegten Wegen auf 15 % anzuheben. 1998 lag er, wenn man den Zahlen der letzten Haushaltsbefragung glaubt, bei 6 %.

Mit der Entscheidung für die Radverkehrskonzeption vor mehr als zehn Jahren hat sich Frankfurt auf einen langen Weg gemacht. Das Ziel ist klar: Für immer mehr Menschen soll es attraktiver sein, immer mehr Wege mit dem Fahrrad zurückzulegen, statt mit dem Auto. Nicht, weil es ökologisch korrekter ist, sondern weil es ihnen Spaß macht, weil sie sich weniger ärgern müssen, weil sie ihre Stadt ganz neu entdecken, dabei sogar noch Zeit und Geld sparen und so manchen Gang zum Doktor.

So klar die Vorteile eines hohen Radverkehrsanteils auch auf der Hand liegen, der Weg dahin ist voller Hindernisse. Frankfurt hat schon sehr früh auf das Auto gesetzt und alles getan, um die auch hier durchaus lebendige Fahrradnutzung von ihrer Tradition abzuschneiden. Kilometerweise wurden Radwege zu Parkstreifen umgewidmet und an den Bahnhöfen rosteten die Fahrradständer aus den 50-er Jahren lange Zeit in den hintersten Ecken vor sich hin.

Viel schwerer aber wog die Veränderung des Bewusstseins bei den Menschen. Hatten sich früher auch Radfahrer ganz selbstverständlich auf der Fahrbahn bewegt, entstand nun nach und nach das Bild in den Köpfen, dass die Straße dem Auto gehöre und alles, was keinen Motor hat, dort nichts zu suchen habe. Die Folge war der Rückzug aller nicht Motorisierten in das Gehweg-Reservat.

Radfahren beginnt im Kopf
Für viele Planer und Entscheidungsträger ist Radverkehrsförderung schlicht Radwegebau. Das führt gewöhnlich zu zwei folgenreichen Missverständnissen.

  1. Radwege sind gut für Radfahrer, egal wie schlecht sie sind.
  2. Man muss nur genug Radwege bauen, um dem lahmenden Radverkehr auf die Sprünge zu helfen.

Zweifellos ist eine gut ausgebaute Radverkehrsinfrastruktur eine wichtige Voraussetzung, um mehr Menschen den Spaß am Rad fahren näher zu bringen. An verkehrsreichen Hauptstraßen ist Rad fahren ohne separate Radwege für die meisten heutzutage schlicht unvorstellbar.

Natürlich ist es auch wichtig, dass man sein Fahrrad in öffentlichen Verkehrsmitteln einfach und billig mitnehmen kann und dass man überall, wo man sie braucht, vernünftig gebaute Fahrradständer vorfindet. All das zu planen und zu bauen ist gute, solide Planungs- und Ingenieursarbeit. Ohne sie geht gar nichts.

Aber das reicht nicht! Es braucht mehr, um aus Frankfurt eine fahrradfreundliche Stadt zu machen. Am wichtigsten sind zweifellos langer Atem und Geduld. Schon als Kind bekommt man die Angst vor dem Auto eingetrichtert, das auf wundersame Weise nur dann nicht gefährlich ist, wenn man selbst drin sitzt. Niemand vermittelt uns das Selbstbewusstsein, das nötig ist, um sich als Fußgänger oder Radfahrer von der Allgegenwart des Autos nicht einschüchtern zu lassen. Wir müssen es uns mühsam – manchmal auch schmerzhaft – erarbeiten.

Was bedeutet es für die Lebensqualität einer Stadt, was für ihr Image, das sie nach außen trägt, wenn die Masse der dort Lebenden glaubt, es sei doch viel zu gefährlich, sich auf ihren Straßen mit dem Fahrrad fortzubewegen? Wer möchte in so einer Stadt Kinder groß ziehen?

Wer nimmt den Menschen die Angst, die sie hindert, sich autofrei zu bewegen? Wer vermittelt ihnen den Spaß, den es bedeutet, sich mit eigener Kraft fortzubewegen? Wer erklärt Ihnen, dass der Frankfurter Berg keinesfalls zu hoch ist, um ihn mit dem Fahrrad zu bezwingen und dass das Frankfurter Weinklima der Fahrradnutzung zweifellos zuträglicher ist als holländischer Regen oder dänischer Gegenwind? Und – last but not least – wer fühlt sich verantwortlich für die Schaffung eines Verkehrsklimas, in dem die Rechte der Fußgänger und Radfahrer genauso respektiert werden wie die der motorisierten Verkehrsteilnehmer?

Nicht auf alle diese Fragen gibt der Nationale Radverkehrsplan, den die Bundesregierung im April 2002 vorgestellt hat, eine Antwort. Aber er enthält eine Fülle von Anregungen und Hilfestellungen, um welche zu finden. Und er bestätigt erneut die Erfahrung aller Städte, die es bereits versucht haben: Ohne eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit und ohne Dialog der gesellschaftlich und verkehrspolitisch relevanten Kräfte sind nachhaltige Erfolge bei der Radverkehrsförderung schwer zu erreichen.

Frankfurt an den Runden Tisch!
Erhöhte Bedeutung gewinnen Dialog und Öffentlichkeitsarbeit vor dem Hintergrund des ehrgeizigen Ziels, das sich die Stadt Frankfurt im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans mit dem Beschluss der Stadtverordneten gesetzt hat.

Der ADFC Bundesverband erhält vom Umweltbundesamt seit kurzem eine Förderung für das Projekt „Umweltentlastung durch mehr Radverkehr – Begleitung Nationaler Radverkehrsplan“. Mit diesem Projekt soll die Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplanes in den Städten forciert werden. Dabei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von ADFC und BUND in enger Abstimmung mit dem Umweltbundesamt. Es beinhaltet unter anderem die Einrichtung von „Runden Tischen Radverkehr“ in 10 auszuwählenden Städten.

Runde Tische sind hervorragend geeignet, den Dialog über die Radverkehrsförderung voran zu bringen. Sie bieten Gelegenheit, die laufende Arbeit einer kritischen Prüfung zu unterziehen, und die häufig beklagten Defizite in der Öffentlichkeitsarbeit abzubauen. Das Projekt bietet die Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen, das bisher Erreichte zu präsentieren und im Wettbewerb mit den anderen Teilnehmern fortzuentwickeln.

Der ADFC Frankfurt hat die Stadt Frankfurt zur Teilnahme an diesem Projekt vorgeschlagen. Daraufhin wurde Oberbürgermeisterin Petra Roth im August angeschrieben mit der Bitte, bis Ende September zu erklären, ob die Stadt Frankfurt zur Teilnahme bereit ist. Nachdem bis eine Woche vor Ablauf der Frist keine Antwort bei der Projektleitung in Potsdam eingetroffen war, fragte ich im OB-Büro nach. Am 29.9. kam dann die Antwort. Stellvertretend für die Stadt Frankfurt teilte das Stadtplanungsamt in einer dürren Mail mit, dass man „zurzeit weder über die notwendigen personellen Kapazitäten, noch über das erforderliche Reisebudget (verfüge)“, um an dem Projekt teilzunehmen.

Auch hier waren die Stadtverordneten anderer Meinung: Sie stimmten mehrheitlich einem kurzfristig eingebrachten Antrag der Grünen (§ 6196/03 zu NR 1126) zu, in dem der Magistrat aufgefordert wird, die Bereitschaft der Stadt Frankfurt zur Teilnahme an dem Projekt zu erklären.

Bleibt zu hoffen, dass der Beschluss der Stadtverordneten nicht zu spät kommt, um die Teilnahmechancen Frankfurts zu wahren. Schließlich gibt es andere Städte in Deutschland, die schneller begriffen haben, welche Chancen ihnen dieses Projekt bietet.

Radverkehr und GVP
Zeitgleich mit dem Beschluss der Stadtverordneten zum Nationalen Radverkehrsplan (§ 6196/03 zu NR 1126) erging der Auftrag an den Magistrat, im Rahmen der laufenden Arbeiten zum Generalverkehrsplan (Zeithorizont des GVP ist 2015) ein Handlungskonzept vorzulegen, wie dieses Ziel erreicht werden kann.
Bislang hat sich der Magistrat im Rahmen der Vorarbeiten zum GVP in seinen Aussagen zum Radverkehr sehr zurückgehalten, um es wohlwollend zu formulieren. In einem Zukunftsszenario, das vor drei Jahren in dem begleitenden Arbeitskreis vorgestellt wurde, hatten die beauftragten Planer die Anhebung des Radverkehrsanteils bis 2015 auf maximal 9% prognostiziert. Anstatt nun, dem Wunsch des Gremiums entsprechend, ein erweitertes Szenario vorzulegen, wie der Anteil des Radverkehrs weiter gesteigert werden könne, gab es in der Sitzung vor der Sommerpause – mehr als zwei Jahre nach dem letzten Treffen – nichts Neues.
Der ADFC ist nicht bereit, sich weiter auf diese Art hinhalten zu lassen. Wir fordern den Magistrat auf, eine Sondersitzung des GVP-Arbeitskreises zum Radverkehr einzuberufen und dort

die Karten auf den Tisch zu legen und die Ergebnisse seiner bisherigen Vorarbeiten zum Radverkehr vorzustellen.

darzulegen, wie er die einschlägigen Beschlüsse der Stadtverordneten umzusetzen gedenkt.

Fritz Biel

Mehr Informationen zum ADFC-Projekt zum Nationalen Radverkehrsplan finden sich unter

http://www.adfc.de/politik/natradplan

PS: Die Anträge der Grünen NR 1061 und NR 1126 findet man im Internet unter

http://www.stvv.frankfurt.de/ PARLISLINK/DDW?W=DOK_NAME='NR_1061_2003'

bzw.

http://www.stvv.frankfurt.de/ PARLISLINK/DDW?W=DOK_NAME='NR_1126_2003'

Foto: Fritz Biel

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12. November 2003 ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt