Unfallstatistiken – und was man daraus lernen kann

Mitglieder der AG Unfall wollen auf der Homepage des ADFC Frankfurt in der nächsten Zeit Unfallstatistiken eingeben und die Situation in Frankfurt am Main besonders darstellen. Ein Teil dieser Informationen soll hier auch den Menschen ohne Internetmöglichkeiten zur Kenntnis gegeben werden. Im September hat die Aktionswoche des Verkehrssicherheitsrates unter dem Motto „Frankfurt braucht Rad(t)“ stattgefunden. Trotz verschiedener Bemühungen der Beteiligten fand sie allerdings ohne großes Interesse der Medien und der Öffentlichkeit statt. Die AG Verkehr des ADFC Frankfurt hatte am 20. und 21. September sowie auf der Abschlussveranstaltung am 24. September jeweils einen Infostand aufgebaut, an dem auf vorbereiteten Tafeln verschiedene Aspekte des Radverkehrs in Frankfurt mit Statistiken, Diagrammen, Bildern und Texten behandelt wurden. Aber auch das Publikum im öffentlichen Raum warf nur selten einen Blick auf diese Tafeln oder kam mit den ADFC’lern in ein Gespräch.

Umso wichtiger ist es uns, dass die Ergebnisse der Arbeit für diese Woche noch anderweitig veröffentlicht werden. Wir haben uns mit Verkehrsunfallstatistiken und Unfallsituationen in Frankfurt befasst. Die Einzelheiten sollen in den nächsten Wochen auf der Homepage des ADFC Frankfurt für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Da aber nicht jede und jeder Zugang zum Internet hat oder die Homepage des ADFC besucht, sollen einige Daten, Hinweise und Informationen hiermit zugänglich gemacht werden.

Die Daten und Kenntnisse stammen zum einen aus Statistiken des Bundes, des Landes Hessen und den jährlich erscheinenden Verkehrsberichten des Polizeipräsidiums Frankfurt. Zum anderen verdanken wir sie der Kooperation mit der Direktion Verkehrssicherheit des Polizeipräsidiums, über die wir bereits in dieser Zeitung im Jahre 2002 unter der Überschrift „Sicherheitspartnerschaft: ADFC und Polizei“ berichtet hatten.

Für die Aktionswoche hatten wir verschiedene Verkehrsunfallstatistiken für Deutschland, Hessen und Frankfurt zusammengestellt. Dies waren jeweils Zahlen für die Jahre 2002 und 2003, welche Verkehrsunfälle allgemein und Unfälle verschiedener Verkehrsteilnehmer betrafen. Eine dieser Statistiken für das Stadtgebiet Frankfurt am Main gibt die Tabelle „Zahlen für das Stadtgebiet Frankfurt am Main“ wieder.Die Zahlen zeigen eine ungewöhnlich starke Zunahme der verletzten Rad- und Motorradfahrer im Jahre 2003 gegenüber 2002. Bei den Radfahrern beträgt diese Zunahme mehr als ein Drittel. Ebenso ist die Zahl der getöteten Radfahrer und Fußgänger in 2003 deutlich höher als in 2002. Die Zunahme bei der Zahl der leichtverletzten und getöteten Verkehrsteilnehmer insgesamt geht also zu Lasten der Radfahrer und Fußgänger.

(Die Leserinnen mögen uns die fast alleinige Verwendung des männlichen Geschlechtes bei den Verkehrsteilnehmern und -teilnehmerinnen in diesem Artikel nachsehen.)Über die Ursachen dieser Zunahme lässt sich nur spekulieren. Sicherlich gibt es ein ganzes Bündel von Gründen. Genannt wird meist an erster Stelle das ungewöhnlich schöne Wetter im Sommer 2003. Eine Schönwetterperiode mit Sonnenschein und hohen Temperaturen, ohne Niederschläge von mehreren Wochen führte sicher zu vermehrter Nutzung des Fahrrades als Verkehrsmittel. Diese erhöhte Nutzung überlagert die allgemeine Steigerung des Radverkehrs in den letzten Jahren. Als ein anderer Grund wird das zunehmende Alter der Verkehrsteilnehmer mit Fahrrad oder zu Fuß angeführt. Aber über die einzelnen Faktoren gibt es keine zuverlässigen Untersuchungen oder Daten.

Interessant ist die Entwicklung der bei Verkehrsunfällen verletzten Radfahrer über einen längeren Zeitraum. Auch wenn nicht jeder Unfall mit Verletzten in die Statistik eingeht, dürften die Zahlen doch die Tendenz widerspiegeln.Das Diagramm „Bei Verkehrsunfällen leicht und schwer verletzte Radfahrer in Frankfurt am Main“ zeigt die Entwicklung der bei Verkehrsunfällen leicht und schwer verletzten Radfahrer in Frankfurt am Main von 1979 bis 2003. Auch hier fällt natürlich der Sprung von 2002 zu 2003 besonders auf. Betrachtet man die Entwicklung über den ganzen Zeitraum so lässt sich feststellen:

Insgesamt zeigt die Zahl der Unfälle in den letzten 25 Jahren eine fallende Tendenz.

  • Die Anzahl der Leichtverletzten nahm von 1979 bis 1989 im Wesentlichen zu, in den folgenden Jahren bis 2002 wieder ab.
  • Über den gesamten Zeitraum der 25 Jahre betrug der Durchschnitt von verletzten Radfahrern 603 pro Jahr.
  • In den Jahren 1979 bis 1990 war der Durchschnitt 637, von 1991 bis 2003 ging er auf 572 zurück.

Das Jahr 2003 mit 644 verletzten Radfahrern liegt also weit über dem Schnitt der letzten 13 Jahre, ja über dem Durchschnitt des gesamten Zeitraums.Im Diagramm nicht wieder gegeben sind die bei Unfällen getöteten Radfahrer. Hier beträgt der Durchschnitt über den gesamten Zeitraum 4. Bis zum Jahr 1990 wurde diese Zahl nicht unterschritten. In den Jahren 1991 bis 2003 war der Durchschnitt 3. In diesem Zeitraum gab es drei Jahre mit nur einem getöteten Radfahrer, aber auch einige Ausschläge nach oben. Im Jahre 2003 waren leider wieder 4 getötete Radfahrer zu beklagen. Es gab kein Jahr, in dem nicht mindestens ein Radfahrer oder eine Radfahrerin bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.

Der zweite Schwerpunkt, den wir für die Aktionswoche aufbereitet hatten, waren die Ergebnisse der Analyse von Unterlagen über Fahrradunfälle, die uns die Direktion Verkehrssicherheit des Polizeipräsidiums zur Verfügung gestellt hat. Dabei handelt es ich um Angaben über gehäuft auftretende Unfälle der gleichen Art an einem Ort. Ein solcher Ort wird dann zu einem Unfallschwerpunkt erklärt, wenn sich an ihm drei Unfälle der gleichen Art ereignen. In dem Artikel vom November/Dezember 2002 in frankfurt aktuell hatten wir bereits auf einige dieser Örtlichkeiten und Gefährdungen hingewiesen. Inzwischen ist die Erfahrungsbasis breiter geworden. Wir haben 69 Unfälle an verschiedenen Unfallschwerpunkten untersucht und festgestellt, dass die meisten Unfälle, nämlich ca. 90 Prozent, den folgenden vier Situationen zuzuordnen sind.

Situation 1:
Ein PKW, der aus einer Nebenstraße oder Ausfahrt nach rechts in die Vorfahrtstraße einbiegt erfasst einen von rechts auf dem Radweg, entgegengesetzt der vorgesehenen Richtung fahrenden Radfahrer. 46 Prozent der erfassten Unfälle betrafen diese Situation.

Dies betrifft unter anderen folgende Örtlichkeiten.

  • Nibelungenallee / Spohrstraße
  • Rothschildallee / Egenolffstraße
  • Saalburgallee / Andreaestraße
  • Am Industriehof/Tilsiter Straße

Situation 2:
Ein PKW, der aus einer Nebenstraße oder Ausfahrt nach rechts in die Vorfahrtstraße einbiegt, erfasst einen Radfahrer, der auf dem Radweg von links kommend vorfahrtsberechtigt ist. – Dies waren 15 Prozent der Unfälle.

Es sind unter anderen die Örtlichkeiten

  • Am Industriehof / Tilsiter Straße
  • Eckenheimer Landstraße /Kühhornshofweg
  • Ginnheimer Landstraße /Markuskrankenhaus
  • Seckbacher Landstraße /Vereinsstraße

Situation 3:
Radfahrer oder Radfahrerinnen fahren gegen eine sich unversehens öffnende Tür eines parkenden Fahrzeuges. – Dies waren 16 Prozent der Unfälle.

  • Schweizer Straße zwischen Schweizer Platz und Untermainbrücke

Situation 4:
Betrifft Unfälle mit rechts abbiegenden Autofahrern, die nicht auf vorfahrtsberechtigte parallel fahrende Radfahrer achten. – 13 Prozent der Unfälle, zum Beispiel

  • Hanauer Landstraße/Grusonstraße
  • Maybachbrücke/Maybachstraße-
  • Dillenburger Straße / Nassauer Straße (H.-P.-Müller Platz) 

Auffällig ist, dass fast die Hälfte der erfassten Unfälle solche sind, bei denen Radfahrer auf einem Einrichtungsradweg entgegen der vorgesehenen Fahrtrichtung unterwegs sind. Und hier sind am häufigsten vertreten Örtlichkeiten auf dem Alleenring östlich der Eckenheimer Landstraße. Das sind zum Beispiel die Einmündungen der Spohrstraße auf beiden Seiten der Allee und die Einmündung der Egenolffstraße, entsprechend der Situation 1.

Der Alleenring weist aber noch andere Stellen auf, an denen Autofahrer mit zu wenig Vorausschau für Radfahrer gefährlich werden können. Das ist zum Beispiel bei der Überquerung der Abbiegespur von der Rothschildallee in die Friedberger Landstraße, insbesondere in Richtung stadtauswärts. Es entspricht der Situation 4. Die Bilder 1 und 2 zeigen Radweg und Abbiegespur an dieser Stelle. Der Radweg verläuft nach rechts verschwenkt, wendet sich wieder nach links und quert dann parallel zum Fußgängerüberweg die Abbiegespur. Solche Verschwenkungen des Radweges, der zunächst die Rechtskurve mitmacht und dann wieder nach links parallel zum Überweg schwenkt findet man an vielen Stellen. Für sich nähernde Autofahrer ist nicht unbedingt klar, ob der Radfahrer auf dem Radweg geradeaus weiter fährt oder nach rechts abbiegt. Dieselbe Situation findet man zum Beispiel auch an der Maybachbrücke, Einmündung Maybachstraße. Diese Örtlichkeit wurde vor etwa einem Jahr als Unfallschwerpunkt gemeldet. Viele Autofahrer nähern sich dem querenden Radweg und Überweg flott und ungebremst, so zum Beispiel der graue Kombi auf dem Bild 2. Der Radfahrer muss auf die sich nähernden Autofahrer achten, ob diese seine Vorfahrt beachten.

Das Bild 1 zeigt noch eine andere Gefahr an dieser Stelle. Eine Radfahrerin kommt auf dem Radweg auf der Friedberger Landstraße von rechts, hinter der Kurve. Sie ist erst zu sehen, wenn sie bereits auf dem die Abbiegespur querenden Radweg ist. Auch dies kann zu Kollisionen mit unaufmerksamen Autofahrern führen. Noch sind an dieser Kreuzung keine drei Unfälle dieser Art gemeldet, ist sie also für Radfahrer kein Unfallschwerpunkt.

Ein zweiter Punkt soll erläutert werden. Die Unfallschwerpunkte werden von der Direktion Verkehrssicherheit der AG Unfall des ADFC, entsprechend der Absprache aus dem Jahre 2002 und eben vor allem der Kommission zur Erfassung und Beseitigung von Unfallschwerpunkten (KEBU) gemeldet. So können wir uns kundig machen und gegebenenfalls der Direktion Verkehrssicherheit und damit mittelbar der KEBU Vorschläge unterbreiten. Die KEBU ihrerseits erarbeitet Vorschläge bzw. Maßnahmen zur Beseitigung oder Minderung von Gefahrenpunkten. Eine von der KEBU veranlasste Maßnahme sei hier in Bildern dokumentiert. Sie betrifft die Örtlichkeit Nibelungenallee/Spohrstraße. Die Bilder 3a und 4a zeigen die Situation im August 2003 an der Einmündung der Spohrstraße auf der Nordseite der Nibelungenallee. Die aus der Spohrstraße nach rechts in die Nibelungenallee einfahrenden Autofahrer haben Sichtbehinderungen durch die in der Kurve parkenden Autos und das Gebüsch. Von rechts, entgegen der vorgesehenen Fahrtrichtung auf dem Radweg kommende Radfahrer werden erst sehr spät oder gar nicht gesehen (Bilder 4a und 4b). Die Radfahrer können ihrerseits die einfahrenden Autos auch erst spät sehen. Die Bilder 3b und 4b zeigen die heutige Situation. Die Veränderungen wurden von der KEBU veranlasst. Um das Parken an dieser Stelle zu verhindern, wurde die Fläche nicht nur schraffiert, es wurden auch Pfosten gesetzt. Das Gebüsch wurde allerdings nur unwesentlich beschnitten, es verstellt weiterhin den Blick der Autofahrer ebenso wie den der Radfahrer.

An anderen Unfallschwerpunkten werden Markierungen aufgebracht oder verändert, es werden Oberflächen umgestaltet und anderes. Was immer es sei, das Gefährdungspotenzial kann nur vermindert, nicht beseitigt werden. Die Verantwortung der Verkehrsteilnehmer bleibt hoch, gegenüber sich selbst und den Mitmenschen.

  • So gilt für das individuelle Verhalten der Verkehrsteilnehmer:           
  • Vorausschauendes Radfahren!
  • Mögliches Verhalten, auch Fehl- und rücksichtsloses Verhalten von anderen Verkehrsteilnehmern mitahnen.

Auf dem Alleenring östlich der Eckenheimer Landstraße werden Radwege besonders häufig in entgegengesetzter Fahrtrichtung benutzt. In diesen besonders unfallträchtigen Gefahrenbereichen gilt:

  • Das Tempo verringern!
  • Nicht auf eventuellen Vorrang vertrauen!
  • Den Blickkontakt und Verständigung mit dem einfahrenden Autofahrer suchen!           

Von den Autofahrern erhoffen wir uns stärkere Rücksichtnahme gegenüber den schwächeren Verkehrsteilnehmern.

  • Vor dem Einfahren in eine Straße lieber zweimal nach rechts schauen als übereilt einfahren.
  • Gegenseitige Rücksichtnahme! Dem Schwächeren gegenüber aus Rücksicht, dem stärkeren gegenüber aus Vorsicht! – Nur im Miteinander vermeiden wir Unfälle.

Vielleicht bleiben dann die Zahlen von 2003 zwar ein trauriges, aber einmaliges Ereignis.

Und zum Schluss eine Bitte: wo immer Leser und Leserinnen von frankfurt aktuell im Stadtgebiet veränderungswürdige Örtlichkeiten finden, melden Sie diese an die AG Verkehr oder wenden Sie sich direkt an die zuständigen Ämter. Siehe dazu auch die Hinweise in Heft 2/2004, S.7.Unsere Erfahrungen mit den Ämtern sind durchaus gut.

Fitz Bergerhoff,Lothar Hennemuth

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