Riesling-Eis in Bacharach

Drei Tage gemütliches Pfingstradeln von Lorch am Rhein und entlang des Schinderhannesweges im Hunsrück

Frühes Aufstehen für die Bad Vilbeler und Offenbacher Mitreisenden war notwendig, aber durch gutes Timing saßen am Samstag Morgen dreizehn Radler im gleichen Zug Richtung Koblenz! Einige stiegen bereits am Hauptbahnhof Frankfurt ein.

Da Lorch am Rhein an der hessischen Grenze liegt, lösen wir am Fahrkartenautomaten des RMV das Hessenticket für 5 Personen inklusive kostenloser Fahrradmitnahme für 29 €. Das RMV-Ticket kostet ab Frankfurt 30,90 €. Das Wochenendticket der Bahn mit 33 € zuzüglich 4,50 € pro Rad wäre teurer gekommen. Fast zu spät aber doch noch rechtzeitig erreicht Doris in Wiesbaden den Zug. Reni schenkt mir als Organisatorin eine lächelnde, knallbunte, singende Fahrradlenkerblume und Doris leiht mir ihre schwarzweiß geblümte Sonnencappe als Schutz vor Sonnenstichen. Bei unserer Ankunft in Lorch erwartet uns Thomas schon. Er bekommt seine geliebte Frankreich-Fahne zurück, die er als Wegweiser für uns einsetzt. Thomas wohnt in Koblenz und kennt hier die meisten Radwege. Vor uns liegt eine Tagesstrecke von ca. 42 km. Es ist ein sehr heißer Samstag, wir radeln rechtsrheinisch zuerst nach Kaub.

In Kaub setzen einige mit der Fähre zur Burg Pfalzgrafenstein über. Die Burg gehörte dem Pfalzgrafen und diente von 1326 bis 1876 dazu, Rheinzoll von den vorbeifahrenden Schiffen zu erheben.  Zwischenzeitlich passen einige auf die Fahrräder auf und einige strömen in die Festmeile anläßlich der erstmals in Kaub an Pfingsten gefeierten Blüchertage. Blücher überquerte in der Silvesternacht 1813 den Rhein auf Pontons, um die französischen Truppen Napoleons nach der Völkerschlacht bei Leipzig zu verfolgen.

Plötzlich versperrten Zäune den Zugang zur Festmeile, eine Tagesgebühr von 5 € gewährt den Zutritt. Leider bekommt nicht jede/r mit, wann wir weiterfahren wollen, so dass sich die Weiterreise verzögert. Die Fehlenden zurück zu rufen scheitert daran, dass bei den Handies nur die Mailboxen an sind, bzw. klingelt ein Handy in der Gepäcktasche aber die gesuchte Besitzerin ist ohne ihr Handy unterwegs. Alle geloben Besserung bezüglich Zeitabsprachen! Mit der Fähre fahren wir auf die linksrheinischen Seite und besuchen Bacharach, um auf den schmalen, aber ausgesprochen gut placierten Bänken vor dem Eissalon Rieslingeis zu schlecken und das Leben auf der Fußgängerzone zu verfolgen. Doris zeigt uns den idyllischen Malerwinkel. Wir begehen die Reste der Stadtmauer, die unmittelbar neben den viel befahrenen Bahngleisen liegt. Ein paar Züge fahren an uns mit ohrenbetäubendem Lärm vorbei. Deshalb ist es kein Wunder, dass viele Häuser leer stehen. Wir radeln weiter nach Oberwesel, was eine kurze Pause wert ist. Jetzt müssen wir uns aber sputen. Eine Dosis „Epo“ im Blut verleiht uns Flügel, erhöht Ausdauer und Tempo. In Wirklichkeit schieben wir kein Epo ein, um die Anzahl unserer roten Blutkörperchen künstlich zu erhöhen, es reicht uns der Sauerstoff an der frischen Luft, um Ausdauer und Leistung zu erhöhen.

Wir kommen vorbei an den Burgen Katz und Maus bei St. Goarshausen. Die Grafen von Katzenelnbogen hatten einst ihren Sitz auf der Burg Katz und beschimpften die Konkurrenzburg mit dem Namen Maus, weil sie im Gegensatz zu ihrer Burg viel kleiner war. Eigentlich trug ihre Burg den Namen Neukatzenelnbogen, der Volksmund hat diesen auf Burg Katz verkürzt. Vor der Loreley bei St. Goar halten wir für ein Foto an. Thomas erzählt uns die Sage der zwei Burgen der feindlichen Brüder. Diese erzählt von den Brüdern Heinrich, Konrad und dem Waisenkind Hildegard, das der Vater aufgenommen hat und in die sich beide Brüder verliebten. Konrad heiratete Hildegard und der Vater baute für jeden seiner Söhne eine Burg. Heinrich zog aus Liebeskummer als Kreuzritter ins „Heilige Land“. Konrad tat es ihm bald gleich. Heinrich kam zurück und kümmerte sich in Abwesenheit von Heinrich wie ein Bruder um Hildegard. Dann kam Konrad zurück und brachte eine schöne Griechin mit. Hildegard war tief gekränkt und Heinrich wollte sich deshalb mit Konrad duellieren. Hildegard verhinderte dies, indem sie ins Kloster eintrat. Die Griechin verliebte sich in einen anderen Ritter und verließ Konrad. Konrad bereute und die beiden Brüder schlossen Frieden. Konrad stirbt, Heinrich geht ins Kloster. Er und Hildegard sterben am gleichen Tag.

Kurz vor der Ankunft in Boppard hat Andreas einen Platten und die Mehrzahl plötzlich Hunger und Durst. Wir kehren ein im Biergarten eines chinesischen Restaurants, wo wir dann doch länger auf die Salate und Satés warten, so dass ich Frau Melis in Pfalzfeld anrufe, um ihr auszurichten, dass wir erst die Hunsrückbahn um 18.31 Uhr nehmen werden, die stündlich fährt. Eine große Anzahl von Menschen mit Fahrrädern wartet zur Abfahrtszeit auf dem Bahnsteig. Wir lösen eine Gruppenfahrkarte und fahren damit sehr günstig den steilen Berg nach Emmelshausen hinauf. Und unglaublich, in den Zug passen alle Räder und Radler hinein!

Von Emmelshausen bis Pfalzfeld sind auf dem Schinderhannesweg, einer ehemaligen Bahnstrecke, zum Glück nur noch 9 km zu radeln und das ist auch gut so, denn kaum sind wir angekommen, setzt auch schon das angekündigte Gewitter mit Sturmböen, Blitz, Donner und Hagel ein. Frau Melis, Chefin des ehemaligen Bahnhofs Pfalzfeld, sagt uns, wo sich die Bahnabteile zur Zweierbelegung und der Waggon zur Achterbelegung befinden. Die, die sich für den Grilldienst freiwillig melden, bekommen den Vorzug eines intimen Zweierabteils. Wir alle haben Hunger und freuen uns, dass Seppel, Margit und Andreas sich am Gasgrill um das Gelingen unserer Steaks kümmern. Frau Melis bringt emsig die bestellten Getränke. 

Zu den Steaks gibt es reichlich selbst gemachten Kartoffelsalat, Bratkartoffeln und grünen Salat.

Frau Melis setzt sich im Laufe des Abends zu uns und berichtet aus ihrem harten Leben als Betreiberin des Bahnhofes Pfalzfeld (www.bahnhof-pfalzfeld.de).

Am nächsten Morgen macht das Frühstück im Speisewagen viel Spaß. Wir fahren nach Kastellaun, wo wir das Spielzeugmuseum und die Burgruine Sponheim besichtigen. Und gönnen uns anschließend auf der Kerb Bratwurst mit Pommes.

Bedingt durch das schlechte Wetter beeilen wir uns nach Simmern zu kommen. Per Handy kündige ich unsere Ankunft beim „Alten Römer“ (www.zum-alten-roemer.de) an. Vor dem Umbau zu einem sehr hübschen Hotel war es die Lagerhalle eines Dachdeckerbetriebs.

Wenn man morgens aufsteht und hat eine längere Fahrradstrecke hinter sich zu bringen, um wieder nach Hause zu kommen, wird die Freude getrübt, wenn es draußen regnet. Nach dem gemeinsamen Frühstück an der langen Tafel unternehmen wir trotz Dauerregen einen Stadtrundgang durch Simmern. Da es heute auf 13 Grad abgekühlt hat, ziehen wir lange Radlerhosen und Regenjacken an. Auf Tafeln ist viel über die Stadt zu erfahren. Am Gefängnisturm, in dem auch der Räuberhauptmann Schinderhannes bis zu seiner Flucht ein halbes Jahr einsaß, steht noch ein Pranger, an dem man Bösewichte wegen ihrer Taten ankettete. Er war darum bemüht Menschenleben zu schonen, aber seine Gefährten hielten sich nicht immer an seine Anweisungen. Seine Frau hieß Julchen und ging mit ihm auf Beutefang. Als fahrende Händler verkauften sie ihre Beute. Mit Erpresserbriefen drohten sie Überfälle an und verzichteten darauf, wenn die Bedrohten Tribut zahlten. Steckbrieflich wurde Schinderhannes gesucht. Da er der Räuberei überdrüssig wurde, ließ er sich als Rekrut anwerben. Ein Mitrekrut erkannte und verriet ihn, er wurde festgenommen und 1802 an die Franzosen ausgeliefert. Schinderhannes war 28 Jahre alt, als man ihn und weitere 19 Gefährten hinrichtete. Julchen musste nur 2 Jahre absitzen, sie heiratete wieder und bekam 11 Kinder.

Wir beschließen zu erkunden, ob tatsächlich um 13.39 Uhr ein Radlerbus von Simmern nach Bingen fährt. Just als wir den Fahrplan studieren kommt ein Radlerbus an und der freundliche Busfahrer rechnet uns gleich noch den Fahrpreis für 14 Personen mit Fahrrädern nach Bingen aus, der 80,50 € betrug. Bis zur Abfahrt sitzen wir im Eiscafe Rizzardini. Der Busfahrer lädt unsere Räder ein. Wir geben ihm aufgrund unserer Freude über diese fahrradfreundliche Verbindung ein gutes Trinkgeld und los geht die kurvige Fahrt den Berg hinunter. In Bingen kostet es viel Zeit die richtigen Rückfahrscheine am Automaten zu lösen. Für je fünf Personen lösen wir für 30,90 € eine RMV-Tageskarte zurück nach Frankfurt und gerade noch rechtzeitig erwischen wir den Zug nach Mainz, wo wir nach Frankfurt umsteigen.      

Angelika Dietrich und Manfred Feih

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