Bergfahrt

Zweitausendsiebenhundertsiebenundfünfzig. Das ist nicht nur eine Zahl, sondern, wenn diese Zweitausendsiebenhundertsiebenundfünfzig den Zusatz „Meter über dem Meeresspiegel“ erhält, fast ein Mythos. Ein Mythos wenigstens in der Rad fahrenden Welt, ein Mythos wie „der Tourmalet“, „der Galibier“, „der Iseran“, wie viele andere berühmte Cols und Passstraßen in Alpen und Pyrenäen.

Hier am Stilfserjoch allerdings kommt zu der schieren Höhe noch eine weitere Zahl. Achtundvierzig. Achtundvierzig Kehren hinauf zur Passhöhe, heißt es, jede einzelne Kehre exakt nummeriert und beschildert. Beginnend mit Nummer 48 unterhalb von Trafoi, bald hinter den Bunkerruinen aus vergangenen Kriegszeiten, endend mit der Kehre Nummer 1 wenige Meter vor der Passhöhe. Eine gigantische Straße, in einer gigantischen Landschaft. Serpentine türmt sich über Serpentine, die Kehren bestimmen die Blickrichtung. Nach vorne, nach oben, zu den Stützmauern der nächsten Kehre, zu den weit entfernten Bauten des Sommerskigebietes auf der Passhöhe. Nach hinten, über das karge Tal zurück zu den schneebedeckten Felsen des Ortlermassivs und, links davon, hinunter in den oberen Vintschgau. Langsam und gemächlich geht es voran, jede weitere Kehre bringt einen deutlich sichtbaren Höhengewinn. Kehre 21, Kehre 20, kurze Pause; Kehre 19, Kehre 18, Fotohalt; 17, 16, 15, ein Stück Schokolade; 14, 13, 12 – was sich vor der Reise ein wenig beängstigend anhörte, wird hier zu einer Sensation. Bergfahren in seiner schönsten Form, als stetiges, immer überschaubares, nie überforderndes, gleichmäßiges Höherschrauben. Der Weg ist das Ziel, der Anstieg das Vergnügen, und die Serpentine lässt hier, anders als in hessischen Mittelgebirgswäldern, jeden gewonnenen Höhenmeter mit den Blicken messbar werden.

Das Stilfser Joch, italienisch Passo dello Stelvio, verbindet den oberen Südtiroler Vintschgau mit den Ausläufern der Lombardei. Eine Militärstraße, die um 1825 gebaut wurde, um die damals zu Österreich gehörenden lombardischen Ländereien unter Umgehung Graubündens erreichen zu können. Diese Kunststraße wurde in gleichmäßiger Steigung angelegt, um Pferde- oder Ochsengespannen die Überwindung der Berge zu erleichtern. Das kommt uns heute zugute. Die Steigung ist moderat, nur wenige Stellen sind steiler als 10%. Die Kehren teilen die Strecke in kleine Etappen, in erreichbare Ziele, die zu kurzen Pausen verführen und damit Überanstrengung und völliger Verausgabung vorbeugen. So kommen auch wir mit einigen Kilo Reisegepäck langsam nach oben, ohne Mut und Nerven zu verlieren.

Wintergarderobe raus, Handschuhe an und los
Gestartet sind wir in Frankfurt mit der S-Bahn nach Mainz, um dort in den Intercity nach Innsbruck zu wechseln. Der erreicht St. Anton am Arlberg passend zur Abendessenszeit bei, es ist  Ende September, leichtem Nieselregen und frostigen Temperaturen. Das Thermometer am Pensionsfenster zeigt am Morgen darauf nur wenige Grad über Null, einige Meter oberhalb des Dorfes beginnt die Schneefallgrenze. Wintergarderobe raus, Handschuhe an und los. Auf ruhigen Nebenstraßen (der fortgeschrittene Ausbau der Arlbergautobahn kommt uns hier gelegen) rollen wir bergab nach Landeck zu Kaffee und Kuchen, um anschließend dem Innradweg flussaufwärts zu folgen. Es wird wärmer, die Sonne scheint, die Bergwelt liegt frisch beschneit vor uns und die Handschuhe sind längst in der Tasche verschwunden. Wir übernachten in Pfunds, einem kleinen Städtchen am Inn mit sehenswerter Brücke über den Fluss. Tags darauf müssen die Handschuhe wieder an die frische, frostige Morgenluft, weiter dem Innweg folgend zur Schweizer Grenze. Jetzt sind einige Kilometer auf der wenig befahrenen Hauptstraße bis zur Zollstation zurückzulegen. Irgendwie schaffen wir es dort trotz einer unschlüssig-zögerlichen kanadischen Busreisegruppe, im Kiosk hinter der eidgenössischen Grenze an einen Kaffee zu kommen und dabei das überwältigende Schokoladenangebot zu ignorieren, bevor wir uns in die Steigung nach Nauders hineinbegeben. Diese beginnt direkt hinter der nun wieder österreichischen Grenze, kaum fünfzig Meter vom Kiosk entfernt, gerade jenseits des Inns. Ein paar Serpentinen (nummeriert) und einige hundert Höhenmeter (nicht nummertiert) später fällt der Blick zum letzten Mal ins Inntal zurück. Vor uns liegt Nauders, wenige Kilometer weiter der Reschenpass mit seinen alten, Europa zuliebe verlassenen Zollanlagen, die Österreich und Italien trennten oder verbanden – je nach Sichtweise. Auf ausgeschildertem Radweg erreichen wir den Reschenstausee und rollen jenseits der Staumauer in den Vintschgau hinein – bergab mit Anorak und Handschuhen.

Jahreszeit und Temperatur sorgen für nur mäßigen touristischen Betrieb. Die Wege und Nebensträßchen, auf denen der Radweg ausgeschildert ist, liegen leer vor uns. Nur ein paar Landwirte mähen mit großem Gerät die ausgedehnten Bergwiesen vor dem beeindruckenden Ortlermassiv, andere dagegen bremsen unsere flotte Fahrt mit ihrem straßenfüllenden Treckerzug ab. In Burgeis, einem malerischen Bergstädtchen, sitzen wir beim Kaffee alleine auf der Restaurantterrasse mit Panoramablick; in Glurns, einem mittelalterlichen Kleinod am Fuß der Berge, sitzen wir beim Feierabendbier allein auf dem Balkon der Pension, mit Blick in die ausgedehnten, erntereifen südtiroler Apfelplantagen. Nur im Hotel Post ist später am Abend etwas los – als ob sich all die letzten verbliebenen Reisenden der Saison hier zusammengefunden hätten zu den Knödeln und Gnocci der südtiroler Küche.

Kleines Kettenblatt und großes Ritzel für 48 Kehren
Am nächsten Morgen sind es nur noch wenige Kilometer bis Prad. Prad am Stilfserjoch. Der Ort der Verheißung, das Ziel zum Start in die Berge. Einige Male schon dort gewesen, einige Male wieder fortgefahren, in Richtung Bozen, in Richtung Österreich, in Richtung Schweiz, nie jedoch in Richtung Westen, der Staatsstraße 38, der Beschilderung nach Bormio folgend, den 48 Kehren entgegen. Regen, Schnee, Zeitmangel, vorgezogene Wintersperre – immer gab es Gründe, die die Fahrt verhinderten. Heute endlich scheint es zu passen. Käse, Brot und Obst kaufen, zu einem Kaffee einkehren, und ab auf die Straße. Am Ende des Dorfes werden die Schalthebel ein letztes Mal betätigt, die Kette fällt vorne auf das kleine Kettenblatt, hebt sich hinten sanft auf eines der großen Ritzel und verharrt für die nächsten Stunden in dieser Position. Die Straße steigt, die Geschwindigkeit sinkt, die Uhr zeigt, dass der Tag noch lang ist und der Kopf denkt „jetzt machen wir uns mal gar nicht verrückt, wir kommen da schon hoch“. Zwei holländische Rennfahrer überholen und wünschen viel Glück. Wir überholen sie wenig später während ihres Umkleidehaltes, sie überholen uns wieder, während wir uns der Winterkleidung entledigen.

Prad liegt auf 900 Meter über dem Meerespiegel. Unser Tagesziel, das Hotel Franzenshöhe, ist nur wenige Kilometer entfernt, bei Kehre Nr. 22, auf 2.200 Meter ü.M. Dazwischen irgendwo das Örtchen Gomagoi (im Metzgerladen gibt es auch Wasserflaschen zu kaufen), weiter oben Trafoi (es ist Ferienzeit im Gebirge, Ferienzeit für Wirte; nur ein einsames Café ohne Suppenausschank bietet ungemütlichen Schutz vor der Kälte, die Bushaltestelle mit einer Holzbank neben dem blinkenden Geldautomaten dient als Notpicknickplatz) und ein verlassener Gasthof mit einer historischen Säule, die an die Erstbesteiger des Ortlers erinnert. Ansonsten Kehren, Wald, Felsen, tiefhängende Wolken, vereinzelte Radsportler („Die Straße ist frei bis oben!“ rufen sie uns, talwärts bremsend, aufmunternd zu), seltene Autotouristen. Und natürlich die Testfahrer.  Rudel von Ingolstädter Limousinen in rasanter Fahrt, Gruppen von französischen Kleinwagen. Die Messpunkten auf der Karosserie erinnern an ein EKG. Wagen, die mit quietschenden Reifen durch die Kehren preschen, die Beifahrersitze vollgestopft mit Messtechnik. Gut, dass jedes Auto schon von weitem zu hören ist, von oben herunter, Kehre für Kehre näher kommend. Das erspart unliebsame Überraschungen angesichts des geballten Testingenieur-Adrenalins.

Verrückte Velofahrer und erstklassige Knödel
Nachmittags dann, im Hotel Franzenshöhe, erzählt der ältere Wirt von seiner Tochter (die gerade unterwegs sei und die er hier nur vertritt), von unserem Zimmer (dessen Heizung bereits eingeschaltet sei), von Angela Merkel (ja, die!), die er in vergangenen Jahren in seinem Hotel im benachbarten Sulden beherbergen durfte, und von dem Radfahrer, der immer wieder zum Stilfserjoch kommt und der jetzt der Tochter (des Wirtes) einen selbst fotografierten Bildband geschickt hat. Diesen Bildband dürfen wir ehrfürchtig betrachten. Und stellen schnell fest: Es gibt noch viel verrücktere Velofahrer als uns. Menschen, die die Straße bei allen Wetterlagen befahren und fotografieren, mit Radfahrern und ohne, mit Wolken von oben und Kehren von unten, mit Veloanhänger bergauf oder Tandem bergab. Mythos Stilfserjoch. Offensichtlich nicht nur für uns.

Das urige Hotel stammt aus der Zeit des Baus der Stilfserjochstraße, die Wirtin hat sich aber moderner Gastronomie verschrieben. Die Knödel sind ein Genuss, die Pastete genau die richtige Grundlage für den erstklassigen dunkelroten Lagrein. Der Hauptgang kostet schon ein wenig Mühe, aber bis zum Dessert halten wir eisern durch. Der Wein hilft, die Wirtin (die Tochter des Wirtes, der Angela Merkel bereits in Sulden – ihr erinnert euch ...), Schnaps und Kaffee offerierend, ebenfalls. Das Lokal ist leer, wir sind die einzigen Gäste in dieser Nacht. Draußen herrscht tiefe Dunkelheit, nur selten wischen Autoscheinwerfer hin und her über die Berge – Kehre für Kehre, auch nachts. Nachsaison. In wenigen Tagen soll das Hotel winterfest gemacht werden. Die Saison ist kurz hier, von Ende Mai bis Anfang Oktober. Danach bietet nur noch die Webcam der Banca Popolare di Sondrio Zugang zu der tief verschneiten Passhöhe.

Wir haben uns für zwei Tage in der Franzenshöhe eingerichtet. Danach, noch mit den ungewohnten Schmerzen als Folge einer ausgedehnten Bergwanderung, rollen wir wieder im kleinen Gang auf die Straße, hin zu Kehre 22. Strahlender Sonnenschein und wenig Verkehr machen Lust auf die letzten Höhenmeter hinauf zum Joch. Die Franzenshöhe bleibt schnell unter uns zurück, das Berghotel wird von Kehre zu Kehre kleiner. Noch vor der Mittagszeit erreichen wir die Passhöhe, die inzwischen bevölkert ist von Motorradfahrern, Autotouristen und Skiläufern. Dazu einige wenige Radsportler, meist beängstigend dünne, hagere Männer auf filigranen Rennmaschinen, die zügig und ohne Halt hinauf zum Pass fahren.

Matchbox-Autos unter der Tibethütte
Nachdem wir den ersten Schock über die basarartige Kiosklandschaft überwunden haben, kämpfen wir uns vorbei an Tirolerhüten und Baseball-Kappen, an Wanderstöcken und Postkarten, Skijacken und 48-Kehren-Velotrikots zum unscheinbaren Denkmal von Fausto Coppi, der italienischen Radsportlegende der 40er und 50er Jahre. Danach im Restaurant direkt an der Straße ein Teller Suppe mit Blick auf den Trubel, Strudel und Kaffee dann allerdings in der ein wenig abseits gelegenen „Tibethütte“ mit Blick tief hinunter auf den dramatischen Straßenverlauf. Von dort, ganz da unten, sind wir gekommen. Die in der Sonne glitzernden Wagen erinnern an Matchbox-Autos, sie sind eine ganze Weile unterwegs, verschwinden in Kurven, tauchen wieder auf, überholen zwei Rennradler, überwinden die nächste Kehre, hin und her, vorbei an einem Biker, auch an der kleinen Gruppe von Radsportlern, und erreichen sie nur langsam die Passhöhe. Der Ausblick macht Lust auf einen zweiten Kaffee. Die Zeit drängt nicht, die Beinmuskeln schon gar nicht, und der Kopf weiß: von hier oben geht’s nur noch bergab.

Vorbei an den Kleinbussen von slowenischen und spanischen Skiclubs (hier oben liegt ein schneesicheres Sommerskigebiet) spazieren wir zurück zu den Rädern und kramen die Wintergarderobe aus den Taschen. Um Eisplatten und Schneereste herum manöverieren wir hinüber zur Straße. Trotz strahlenden Sonnenscheins ist es kalt, eiskalt, und die nächsten Kilometer versprechen keine Besserung. Es geht bergab, in Richtung Bormio, zwischen Hotelbauten und riesigen Parkplätzen hindurch windet sich die Straße auf der lombardischen Seite des Passo dello Stelvio, wie das Stilfserjoch jetzt heißt, hinüber zum Umbrail-Pass. Verlassene Ruinen eines Gasthofs markieren dort den Abzweig ins schweizerische Münstertal. Die SS 38 wendet sich nach links, gemächlich fallend durch ein breites Hochtal, bis zu den ersten Steilstufen. Auch hier wieder Kehren, die in die Tiefe führen, jetzt aber neu und gleichmäßig angelegt. In der Ferne ist der weitere Verlauf der Straße zu erahnen, inmitten eines Steilhangs im Valle del Braulio, unterbrochen von kurzen Tunneln. Wir rollen weiter (erleichtert darüber, dass uns die Tunnelstrecke nicht bei der Bergfahrt begegnet ist), pendeln durch die nächsten Serpentinen, geschützt vor der Tiefe durch rostige Leitplanken, und erreichen endlich Bormio, das mittelalterliche Dörfchen mit dem ausfransenden Wintersportzentrum im weiten Tal der Adda. Nach diesem „Sturz“ von 2.757 m auf 1.200 m dröhnt der Schädel unter Mütze und Helm, schmerzen die Finger vom Bremsen und tränen die Augen vom Fahrtwind. Jetzt geht es langsamer weiter, auf einer breiten Hauptstraße ohne Verkehr – dieser verläuft komplett im Tunnel, nachdem in der Vergangenheit Bergrutsche für erhebliche Probleme sorgten. Wir kreuzen die neue Straße, wenn sie zwischen zwei Tunneln auf einer Brücke das Tal quert, werden aber ansonsten, abgesehen von sportlichen Feierabend-Rennradfahrern, allein gelassen. Bei 600 Meter über dem Meeresspiegel ist dann Schluss für heute. Ein „Biker-Hotel“ offeriert auf einem Schild am Straßenrand günstige Zimmer, warme Mahlzeiten und eine Fahrradgarage. Nichts wie hin, auch in der Hoffnung auf ein frisches Bier im letzten Abendlicht auf der Terrasse vor der Bar. Und der Vorfreude auf morgen. Es geht weiterhin bergab – bevor es hinter Tirano und der Grenze zur Schweiz Richtung Engadin wieder steil bergauf geht.

Text und Fotos: (ps)

Bergfahrt-Infos
Die Tour haben wir in moderaten Etappen bewältigt. Am ersten Tag (St. Anton am Arlbeg–Landeck–Pfunds/Inn) waren 300 Höhenmeter zu bewältigen, am zweiten (Pfunds–Reschenpass–Glurns) 600 – bei jeweils ca. 60 Kilometern auf asphaltieren, verkehrsarmen Straßen oder Wegen. Hinauf nach Franzenshöhe ist es am dritten Tag nicht weit (ca. 26 km), aber 1.300 Meter hoch. Von dort nur noch 8 km und knapp 600 Höhenmeter bis zur Passhöhe. KFZ-Verkehr gibt es, aber dank der vielen engen Kehren wird moderat gefahren, größere Busse oder LKW fahren hier nicht. Hinunter nach Tirano (500 Meter ü.M.) sind nochmals gut 60 km zu rollen. Von dort ins Engadin empfiehlt sich wegen des starken Verkehrs auf der Berninastraße die Nutzung der Räthischen Bahn, deren Streckenführung über den Berninapass inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Absolut sehenswert!
Zurück nach Frankfurt sind wir mit Umsteigen in Samedan, Chur, St. Margrethen, Memmingen und Ulm gefahren. Es gibt bessere Verbindungen, die waren aber nicht mehr buchbar.

Wesentliche Teile unserer Tour sind im Bikeline-Führer „3 Länder Rad & Bike Arena“ beschrieben. Den Rest deckt die Velokarte 1:301.000 des VCS (Verkehrsclub der Schweiz) und die „Graubünden Holiday map“ (1:120.000), beide Verlag Kümmerly+Frey, ab.

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