Leserbriefe

Betreff: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.01.09
Im Feuilleton erschien unter der Überschrift „Ein Helm, wer Böses tut“ von Claudius Seidl ein Beitrag, dessen Inhalt unsere Leserin erheblich verärgerte. Ihr Schreiben an die FAS hat sie uns in Kopie zugeleitet. Wir veröffentlichen es leicht gekürzt.
Claudius Seidl schreibt von „Kampf-, Hass- und Racheradler“, von „unerschrockene Zweiradlenker, die offenbar in jedem Fußgänger, dem eigentlich Schwächeren, aber den Stärkeren im Moment seiner Schwäche sahen, (...) grausam wüteteten, Omas erschreckten, Kinder vertrieben, Erwachsenen das Leben zum Kampfsport machten. Die Hassradler trugen nämlich Helme, (...), sind sie dann auch so gefahren: wie jemand, der den Helm dringend braucht. So haben sie unsere Städte in Kriegsschauplätze verwandelt, ...“

Ich wollte ja meinen Augen nicht trauen: so eine „Kampf-, Hass- und Rache“-Tirade (um die Worte des Autors zu benutzen) gegen Radler in der Stadt! Eigentlich sollte der Autor ja seine Meinung äußern zur Helmpflicht für Skifahrer – er nutzt aber mehr als ein Drittel des Artikels, um seiner Abneigung gegen Radler drastisch Ausdruck zu verleihen.

Auch ich habe mir vor vielen Jahren angewöhnt, beim Radeln in der Stadt einen Helm zu tragen - ich pflege sämtliche Wege in der Stadt auf dem Fahrrad zurückzulegen. Für „unerschrocken“ halten mich viele, einfach weil ich es wage, mich dem Großstadtverkehr auf dem Fahrrad auszusetzen. Ich trage den Helm, weil von anderen Verkehrsteilnehmern – in erster Linie vom motorisierten Verkehr – Gefahren für mich ausgehen: wie oft habe ich schon Unfälle vermieden, weil ich Fehler anderer (Abbiegen ohne Umzuschauen, Öffnen von Fahrzeugtüren etc.) durch meine stets gespannte Aufmerksamkeit rechtzeitig erkannt habe! Sollte meine Aufmerksamkeit einmal nicht ausreichen, dann schützt mich bei einem Unfall wenigstens mein Helm, deswegen trage ich ihn! Und er hat mir auch schon zweimal eine Gehirnerschütterung erspart. Keineswegs fühle ich mich durch das Tragen des Helms frei darin, Fußgänger zu jagen, wie uns der Autor unterstellt. Auf Fußwegen fahre ich nur, wenn es gar nicht anders geht: weil beispielsweise parkende Autos das als einzige Ausweichmöglichkeit erzwingen (es ist nicht gerade lustig, vom Radweg abrupt in den fließenden Autoverkehr wechseln zu müssen), und dann scheuche ich keinen Fußgänger beiseite! Wenn allerdings Fußgänger gemütlich auf dem Radweg bummeln und zartes Klingeln nicht hilft, dann muss man halt heftig läuten – oder soll ich absteigen und hinterherlaufen?

Der Autor hat anscheinend nicht begriffen, dass es – zunehmend mehr – Menschen gibt, die das Fahrrad als tägliches Verkehrsmittel nutzen: da will man zügig vorankommen und hat keine Zeit für gemütliches Herumbummeln.
Auch wenn ich zugeben muss, dass es etliche solcher Rowdys auf Rädern gibt, wie der Autor sie vor Augen hat, möchte ich doch festhalten, dass das Gros der Alltagsradler sich so verhält wie ich – nämlich rücksichtsvoll und aufmerksam. Ich bin es langsam leid, immer öfter pauschal als Buhmann abgewatscht zu werden von Leuten, die offensichtlich keine Ahnung davon haben, was es heißt, sich als Radler im Frankfurter Straßenverkehr zu bewegen. Denn trotz aller erkennbaren Verbesserungen, die vor allem der ADFC durch zähe Arbeit erreicht hat, kostet das Radeln in der Stadt immer noch viele Nerven!

Artikel wie der vorliegende bestätigen nur Vorurteile und geben einen Freibrief dafür, diesen „Hassobjekten“ möglichst rücksichtslos zu begegnen. Für die Bemühungen, mehr Individualverkehr aus dem Auto heraus aufs Fahrrad zu bringen, ist so etwas bestimmt nicht förderlich!

Dr. Pia Eschbaumer

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