(Fast) alle Radschnellwege führen
nach Frankfurt – bloß wann?
Auch wenn Wiesbaden die hessische Landeshauptstadt ist, zentraler Verkehrsknotenpunkt in der Rhein-Main-Region ist unbestritten Frankfurt. Künftig sollen acht Radschnellwege aus allen Himmelsrichtungen hinzu kommen.
Die gute Nachricht vorweg: Bei den meisten Radschnellwegen in Hessen laufen die Planungen und teilweise auch Bauarbeiten, auch wenn sich die politische Lage auf Landesebene beim Radverkehr verändert hat. In anderen Regionen Deutschlands wurden Projekte dieser Art dagegen in letzter Zeit häufig wieder auf Eis gelegt oder komplett eingestampft, weil die politischen Widerstände zu groß wurden. Je konkreter die Planungen vorankamen und je klarer dadurch auch platzbedingte Konfliktpunkte mit dem Kraftverkehr hervortraten, desto größer wurde die Angst der politisch Verantwortlichen.
Entscheidend ist also der Mut der gewählten Vertreterinnen und Vertreter in den politischen Gremien, denn sie müssen im Zweifelsfall ein paar Wochen Gegenwind aushalten. Sobald auch nur ein Parkplatz entfallen würde, kochen die Emotionen schnell hoch und die Presse greift die Wut der in der Regel kleinen, aber lauten Gruppe nur allzu gerne auf. So schnell, wie die Aufregung kommt, verschwindet sie erfahrungsgemäß aber auch wieder. Nicht nur in Gent erhielt der für die Verkehrsberuhigung verantwortliche Bürgermeister anfangs Morddrohungen, bevor dann die positiven Ergebnisse auch die kritisch eingestellten Menschen überzeugten.
Aber selbst wenn sich mutige und engagierte Verantwortliche finden, gibt es Hürden: So dauert es von der Beantragung bis zur Bewilligung der notwendigen Fördermittel beim Land Hessen meist mehrere Monate. In dieser Zeit dürfen noch keine Aufträge vergeben werden, weil der Antrag theoretisch auch scheitern könnte. So vergeht viel Zeit mit Warten.
In Hessen geht es immerhin noch vorwärts, wenn auch für unseren Geschmack nach wie vor zu langsam. Zwar gibt es auch hier und da lokalen Widerstand, aber bisher sind noch keine Morddrohungen im Kontext der Radschnellwege bekannt geworden. Dass es so lange dauert, liegt auch an den komplexen Zuständigkeiten: Während eine Autobahn oder Landesstraße einfach zentral geplant und dann (auch gegen größere lokale Widerstände!) gebaut wird, gibt es für überregionale Radschnellwege keine zentral verantwortliche Stelle. Damit sind die Kommunen verantwortlich, die jedoch in der Regel nicht die Kapazitäten für solche Projekte und die Abstimmung mit ihrer Nachbarschaft haben.
Zum Glück haben in Hessen drei Verbände diese Koordinierung übernommen, damit es überhaupt jemand macht: die Regionalpark RheinMain Südwest GmbH (FRM1), der Regionalverband FrankfurtRheinMain (FRM3-9) und in Kassel der „Zweckverband Raum Kassel“. Abseits dieser Regionen (mit Ausnahme von Groß-Gerau, FRM2) gibt es dementsprechend keine Planungen, weil sich weder das Land Hessen noch Hessen Mobil dafür zuständig fühlen. Auch wenn der ADFC seit Jahren die zentrale Übernahme der Planungen durch das Land fordert, wäre bei diesem Paradigmenwechsel auch nicht automatisch mit einer unmittelbaren starken Planungsbeschleunigung zu rechnen: Der Wille in der Landesregierung hin zu einer freien Wahlmöglichkeit des Verkehrsmittels und der Förderung des Radverkehrs müsste dafür auch vorhanden sein.
Trotzdem hat Manfred Ockel mit seinem Team der für die Umsetzung des FRM1 verantwortlichen Regionalpark RheinMain Südwest gGmbH erfolgreich gezeigt, dass ein befahrbarer Referenzweg gerade am Anfang deutlich mehr überzeugt als Pläne und Ideen auf Papier. Er hat daher die Verantwortlichen an einen Tisch geholt und gezeigt, wie schnell (für deutsche Verhältnisse) die ersten Meter auf den Gebieten der besonders Interessierten gebaut werden können. Zu dem Zeitpunkt waren manche andere Kommunen noch gar nicht richtig an Bord, aber der Druck zeigte Wirkung: Niemand möchte schließlich die politische Verantwortung dafür übernehmen, wenn an der eigenen Gemeindegrenze der Radschnellweg plötzlich endet – im schlimmsten Fall sogar von beiden Seiten kommend!
Konkrete Zeitangaben für die Fertigstellung gibt es indes nicht. Durch die komplexen Zuständigkeiten lassen diese sich kaum abschätzen. Alle Kommunen, durch die ein Radschnellweg führen soll, müssen sich schließlich einig über die grundsätzliche Notwendigkeit, Route und Finanzierung werden. Dann müssen sie alle zueinander passende Beschlüsse fassen und hoffen, dass es sich mitten in der Planung nicht noch eine Kommune anders überlegt, wie es beim FRM6 in Bad Vilbel und FRM7 in Frankfurt passiert ist. Und auch die Bürokratie kostet unberechenbar viel Zeit, weshalb der ADFC Hessen u. a. die Abschaffung der Prüfung der Umweltverträglichkeit von der Landesregierung fordert. In aller Regel fällt diese Prüfung positiv aus, die Vorteile eines qualitativ hochwertigen Radwegs lassen sich schließlich nicht von der Hand weisen.
Frankfurt – Darmstadt (FRM1)
Das wohl bekannteste und am weitesten vorangeschrittene Vorzeigeprojekt ist zumindest von Darmstadt-Arheilgen bis Langen schon befahrbar. Ein Ausflug lohnt sich, um das Gefühl von qualitativ hochwertigen Radwegen einmal zu erleben! Die kann man, entgegen der landläufigen Meinung, sogar in Deutschland bauen – wenn man es politisch denn möchte.
Zwischen Langen und Frankfurt laufen noch die Planungen, der Druck durch das bereits befahrbare Stück zeigt allerdings Wirkung: Nachdem in Frankfurt über mehrere Jahre hinweg die Planungen ausgerechnet durchs Umweltdezernat behindert wurden, kommt seit dem Wechsel an dessen Spitze spürbar Bewegung in die Sache. Die Planungen werden nun intensiv vorangetrieben und die Wege durch den Stadtwald dürfen auch befestigt werden. So endet der Radschnellweg nun doch nicht in Neu-Isenburg mit einem Übergang auf Frankfurter Schotterwege, wie es zeitweise befürchtet wurde. Erstmals wird der Stadtwald komfortabel mit allen Arten von Fahrrädern erlebbar und beendet die bisherige Abhängigkeit von Mountainbikes.
In Frankfurt soll der FRM1 über Ziegelhüttenweg, Holbeinstraße und dann über den Main in die Moselstraße führen – hier fehlt aus ADFC-Sicht allerdings noch eine zusätzliche Mainbrücke neben dem Holbeinsteg, der schon heute wegen hoher Auslastung keinen Radschnellweg mehr aufnehmen kann.
Über Hintergrundinformationen und Details zur Historie dieses Radschnellwegs hatte Helga Hofmann bereits im FFA 4/2025 unter dem Titel „Ein Radweg für Alltag und Freizeit“ berichtet.
Groß-Gerau – Frankfurt (FRM2)
Der Kreis Groß-Gerau hat auf eigene Faust drei Korridore für mögliche Radschnellwege im Rahmen einer Machbarkeitsstudie prüfen lassen – so viel Eigeninitiative ist sehr selten!
Die möglichen Routen sind:
- Groß-Gerau – Mörfelden-Walldorf – Frankfurt Flughafen (FRM2)
- Mainz – Ginsheim-Gustavsburg – Bischofsheim – Rüsselsheim – Raunheim – Kelsterbach (Stadtgrenze Frankfurt)
- Darmstadt – Weiterstadt – Büttelborn – Groß-Gerau – Nauheim – Königstädten – Rüsselsheim
Bei der 1. Route wurden bereits weitere Planungen beauftragt, bei der 2. Route gibt es leider noch keine bevorzugte Variante und es sind weitere Gespräche zwischen den Kommunen notwendig. Bei der 3. Route sind immerhin schon ein Teil der Kooperationsvereinbarungen zwischen den Kommunen unterzeichnet und weitere Arbeiten in Planung.
Wiesbaden – Frankfurt (FRM3)
Die Machbarkeitsstudie wurde im November 2024 erfolgreich fertiggestellt, nun folgen die jeweils lokal notwendigen Beschlüsse in Frankfurt, Hattersheim, Kriftel, Hofheim und Wiesbaden. Hofheim und Wiesbaden haben die Beschlüsse schon gefasst, die anderen sind momentan in Arbeit.
Bad Soden – Eschborn (FRM4)
Der FRM4 ist eher eine Art Zubringer-Radschnellweg für den FRM5, hat aber durch die Anbindung von Bad Soden, Sulzbach, Schwalbach und Eschborn durchaus Potential. Auch hier wurde die Machbarkeitsstudie erfolgreich abgeschlossen. Allerdings haben sich in diesem Fall die beteiligten Kommunen darauf verständigt, dass sie das Projekt nicht fortsetzen möchten. Die Gemeindevertretung in Sulzbach hatte die Unterstützung des Projektes mehrheitlich abgelehnt. Damit ist der FRM4 der einzige hessische Radschnellweg, der bis auf weiteres nicht in die Umsetzung gehen wird. Es sollen stattdessen einzelne lokale Projekte umgesetzt werden, allerdings nicht nach dem Standard für Radschnellwege.
Frankfurt – Vordertaunus (FRM5)
Dieser Radschnellweg soll praktisch komplett auf bereits vorhandenen Wegen und Straßen verlaufen, was die Bauzeiten in der Theorie deutlich reduzieren dürfte. Allerdings gibt es ein paar Knackpunkte: Unter anderem soll er über die Schloßstraße führen, wofür dann doch die gesamte Straße umgebaut werden müsste. Der aktuelle Zustand der Radverkehrsführung im dichten Mischverkehr ist ungeeignet für einen Radschnellweg. Da aber auch eine neue Straßenbahnlinie 13 vom Industriehof zum Hauptbahnhof in Planung ist, lässt sich der FRM5 hoffentlich gut mit der Ertüchtigung der Straßenbahngleise auf der Schloßstraße kombinieren.
Auch beim FRM5 ist die Machbarkeitsstudie seit einiger Zeit fertig und veröffentlicht. In Frankfurt wurden Mitte 2022 Gelder für die Vorplanung per Beschluss freigegeben, die Verwaltung mit der weiteren Planung beauftragt und inzwischen eine Ausschreibung für einen Teilabschnitt gestartet. Auch außerhalb von Frankfurt laufen die Ausschreibungen für die Planungsabschnitte bereits.
Wetterau – Frankfurt (FRM6)
Der FRM6 sorgte im August 2025 für Aufsehen, als der Bürgermeister der Stadt Friedberg überraschend eine eigene Machbarkeitsstudie veröffentlichte und damit vorschlug, den Radschnellweg als touristischen Weg mitten durch die Innenstadt zu führen. Der sachlich begründete Gegenwind, auch seitens des ADFC und VCD, war unter anderem wegen etlicher Konfliktpunkte und Engstellen groß und somit wurde diese Idee schnell wieder zurückgezogen. Die Planung soll nun als normaler, innerstädtischer Radweg fortgesetzt werden. Der Radschnellweg dagegen soll zusätzlich realisiert werden.
Zunächst war außerdem geplant, den FRM6 von Bad Vilbel (entlang der Bahnstrecke) über Berkersheim zu führen, auf Wunsch von Bad Vilbel soll nun aber die Variante über die Friedberger Straße und Friedberger Landstraße umgesetzt werden. Solche Änderungswünsche verzögern natürlich die Planungen immer weiter.
Frankfurt – Hanau nordmainisch (FRM7)
Auch beim FRM7 gibt es bereits seit 2019 eine fertige Machbarkeitsstudie. Leider sträuben sich manche Frankfurter Behörden gegen die geplante Führung durch den Ostpark, die sowohl von den Steigungen als auch der Routenführung her am attraktivsten ist. Als Grund wird hier der Denkmalschutz vorgeschoben, die momentanen Schlammpisten seien schließlich geschützt und dürften nicht verändert werden. Auch im Riederwald soll der Radschnellweg einen großen Bogen um ein betroffenes Landschaftsschutzgebiet machen, während dasselbe Schutzgebiet auf den Meter genau Aussparungen für die dort existierenden Supermärkte (Metro und LIDL) inkl. ihrer großen asphaltierten Parkplätze und deren Flächenversiegelung lässt – Zufälle gibt es! Auch die Autobahn A661, der Riederwaldtunnel und die Straße „Am Erlenbruch“ sind kein Problem mitten im Landschaftsschutzgebiet. Angesichts dieser gigantischen vorhandenen Versiegelung ist es für die für den Umweltschutz Verantwortlichen offenbar logisch, dass gelebter Umweltschutz durch mehr Rad- und weniger Autofahrten verhindert werden muss.
Ursprünglich geplant war die Führung durch den Ostpark, unter der Ratswegbrücke und A661 durch die vorhandene Unterführung auf die Riederspießstraße und dann entlang der S-Bahn-Gleise. Dort wird ohnehin die nordmainische S-Bahn-Strecke gebaut, sodass der Radschnellweg sogar fast schon „nebenbei“ hätte mit gebaut werden können. Schließlich müssen für diese Bahnprojekte normalerweise „Baustraßen“ angelegt werden, die meistens aber im Anschluss wieder abgerissen werden.
Als „Alternative“ soll der FRM7 nun vom Ostbahnhof über die Ostparkstraße, über den unteren Teil des Bornheimer Hangs und dann entlang der Straßen „Am Erlenbruch“ und Wächtersbacher Straße bzw. als weitere Alternative über die Birsteiner Straße verlaufen.
Immerhin: Es wird aktuell geprüft, ob „Am roten Graben“ eine Querung der Gleise und Hanauer Landstraße eingerichtet werden kann. Das würde einige Konfliktpunkte auf der Alternativroute entschärfen. Und in Hanau wird auch bereits an einem Abschnitt konkret geplant.
Hanau – Frankfurt südmainisch (FRM8)
Frankfurt und Offenbach haben die Grundsatzbeschlüsse für die Weiterführung der Planungen gefasst. In Hanau hat die Stadt selbst bereits die Planungen für den ersten Abschnitt gestartet. Bei den anderen Kommunen gibt es teilweise noch Diskussionen und verschiedene Ideen für Routen, die nun abgestimmt werden müssen. Auch beim FRM8 wurde aber die grundsätzliche Machbarkeit im Rahmen einer Studie bestätigt.
Seligenstadt – Frankfurt Flughafen (FRM9)
Der Frankfurter Flughafen bietet viele Arbeitsplätze, die erreicht werden wollen. Daher soll mit dem FRM9 der Kreis Offenbach besser an den Flughafen angebunden werden. Die Machbarkeitsstudie ist seit 2023 fertig, der erste Abschnitt entlang der K173/K174 ist bereits in der Ausschreibung für die weiteren Planungen.














