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Sommerfrische

oder:
Mit Anlauf in die Berge! Auf Fluss-Radwegen durch Bayern, Tirol und Graubünden

Wir sollten mal wieder im Sommer in die Berge fahren, überlegen wir uns im Langlauf-Urlaub im Tiroler Winter. Aus der Überlegung wird schnell der  Plan zu einer Frühsommertour, die an Altmühl und Donau beginnt, sich entlang der Isar den Bergen nähert und schließlich mit dem Inn im Hochgebirge endet. AmEnde streifen wir sogar noch den Rhein.

Altmühl

Start am Frankfurter Ostbahnhof, mit dem Zug nach Würzburg, dort Umstieg nach Treuchtlingen. Hier beginnt ein schöner Abschnitt des Altmühl-Radwegs, auf dem wir ins nahe Eichstätt fahren. Eichstätt ist bereits Oberbayern, katholischer Bischofssitz und Sitz der Katholischen Universität. Dom, Erlöserkirche, Schutzengelkirche, Klosterkirche drängeln sich neben dem Katholischen Kirchensteueramt oder dem Diözesanmuseum in der sehenswerten Altstadt. Sehenswert auch die modernen Gebäude der Universität, die immer wieder Ziel für Architekturinteressierte sind. Die weitläufige Anlage der Willibaldisburg, die über der Stadt steht, lohnt einen Spaziergang, bevor man in einem der vielen Gasthäuser in der Stadt wieder zu Kräften kommt.

Donau

Von der Altmühl zur Donau bringt uns die Bahn in wenigen Minuten, vorbei am riesigen Audi-Werk direkt nach Ingolstadt-Nord. Von hier rollen wir durch die Innenstadt, in der zwischen Kirchen, altem Rathaus und historischen Fassaden nichts an die im Umland liegenden Werkshallen und Raffinerien denken lässt. In Ingolstadt ist Markt, wir versorgen uns an den Ständen für den Tag, bevor wir hinunter zur Donau fahren. Der Fluss ist hier breit, der Radweg verläuft meist auf einem Deich, über weite Strecken als Schotterpiste, vorbei an Kläranlage, Müllverbrennung oder einem Gaskraftwerk, dass seine Schornsteine in den blauen bayerischen Himmel reckt. Den Deichweg verlassen wir in Vohburg, dessen Altstadtturm mit Mobilfunkantenne ebenso sichtbar wird wie der Kirchturm und ein Maibaum, direkt nach Passieren der Raffinerie. Die Bäckerei an der Kirche hat geöffnet, ein schattiges Plätzchen im netten Städtchen bietet Erholung von der frühsommerlichen Hitze. Danach zurück zum Fluss, den wir bei Neuburg in Richtung Abensberg verlassen. Abensberg überrascht uns mit dem Kuchlbauer-Turm mit seiner vergoldeten Kuppel, geplant vom Künstler Friedensreich Hundertwasser und erbaut auf dem Gelände der Brauerei Kuchlbauer. Der Turm (inmitten eines Biergartens) kann besichtigt werden, doch wir verzichten und bevorzugen den Biergarten des Gasthofs Jungbräu.

Abensberg ist auch ohne Turm ein hübscher, belebter Ort – Gasthäuser, Pizzerien, Eisdielen finden sich reichlich am Stadtplatz in der Altstadt. Vor dem „Regensburger Tor“ wirbt der Bayerische Bauernverband für das „Bulldog Open Air Kino“ im nahegelegenen Kehlheim. Das große Plakat zeigt eine Bildmontage mit Männern und Frauen in großkarierten Hemden, Traktoren, Biertische und Bierzelte, darüber die monumentale „Befreiungshalle“ bei Kehlheim. Leider passt das Bulldog Open Air nicht in unseren Reisekalender.

Die Hallertau: auf und ab zwischen Hopfenstangen

Hinter Abensberg wird aus der flachen Landschaft eine hügelige, kein Fluss hilft bei der Orientierung. Doch die Radweg-Beschilderung ist auch in Niederbayern, durch das wir jetzt reisen, ausgezeichnet und hilft uns durch das Auf und Ab zwischen den Hopfenstangen der Hallertau. Eine „Hopfen-Präparier-Anstalt“ weist in Pfeffenhausen auf die Bedeutung dieser Pflanze hin. Da uns noch nicht nach Hopfensaft ist, peilen wir das Café Graf im Ort an. Doch das Café hat geschlossen, nur der Konditoreiverkauf ist noch in Betrieb. Kaffee aber, so die Inhaberin, gebe es schräg gegenüber im „Central“. Dort sitzen einige Männer vor Bierflaschen auf der Terrasse, Kaffee aber ist ebenfalls zu haben. Sogar Eiskaffee hätte es gegeben, erfahren wir zu spät. „Bei mir gibt es alles“, behauptet die Wirtin, „ihr müsst halt fragen.“ Recht hat sie. Auf der Hauptstraße tuckern derweil einige historische Trecker dahin, wahrscheinlich von einem „Bulldog“-Treffen in der Nähe..

Hinter Pfeffenhausen fahren wir auf einer ehemaligen Bahnlinie, streckenweise auch auf einem Radweg entlang einer Bundesstraße, bevor uns die Radwegbeschilderung durch ausgedehnte Wohngebiete leitet und in die Landshuter Innenstadt bringt. Dort, direkt an der Isar, liegt ein nettes kleines Hotel, nur durch den hier aufgestauten Fluss von der Altstadt entfernt. Eine Brücke führt hinüber. Im Zimmer unter dem Dach staut sich die Wärme.

Isar

Landshut ist die „Hauptstadt“ Niederbayerns. „Die Landshuter Altstadt gilt als einer der baukulturell bedeutendsten und besterhaltenen historischen Stadtkerne in Deutschland“, ist in Wikipedia zu lesen, und dem haben wir nichts hinzuzufügen. Auf den ersten Blick wirkt die Innenstadt fast autofrei, die „Altstadt“ ist eine ruhige Fußgängerzone mit breitem gastronomischen Angebot. Die parallel dazu verlaufende „Neustadt“ jedoch, baukulturell nicht minder bedeutend, hat man dem Auto überlassen, die breite Straße wurde zu einem riesigen Parkplatz, über dem Burg Trausnitz thront und dem Blech trotzt.

Freising erreichen wir auf Radwegen in den schattigen Isarauen, aber zu spät, um auf dem Domberg noch einen Blick in die Kirche werfen zu können. Vorerst nehmen wir Platz in einem Biergarten, bestellen „Saures Radler“ gegen den Durst und einen Brotzeitteller gegen den Hunger und spazieren anschließend durch die Altstadtgassen. Den Dombesuch verschieben wir auf den nächsten Vormittag und wandern nach dem Frühstück noch einmal hinauf auf den Domberg. Dort tut sich dann das auf, was wir von einem katholischen Dom in Bayern erwarten können – der prunkvoll ausgestattete Innenraum mag nicht jedermanns Geschmack treffen, ist aber in seiner künstlerischen Gestaltung geradezu überwältigend und lohnt den Anstieg von der Stadt hinauf. Die Statue, die den Dombrunnen wasserspeiend schmückt, bringt etwas Frische in den Morgen.

Im Biergarten gibt es auch Kaffee und Kuchen

Hinter Freising wird die Idylle am Fluss durch Fluglärm gestört, der Münchner Flughafen liegt nahe. Die weitere Radwegweisung zeigt jetzt nicht nur die Entfernung bis zur Bayernmetropole, sondern auch die zum nächsten Biergarten im Englischen Garten. Am frühen Nachmittag spricht uns das noch nicht an, doch wir lernen schnell: Auch in Biergärten gibt es Kaffee und Kuchen, und die riesigen Areale mit tausenden Sitzplätzen unter Bäumen werden nur von wenigen Besuchern bevölkert. Abends sieht es hier sicherlich anders aus.

München verlassen wir auf einer erstklassigen breiten Radpiste entlang der Isar nach Süden. In Solln besteigen wir die S-Bahn nach Wolfratshausen, was uns einige Hitzekilometer erspart. Das war eine gute Entscheidung, denn vor unserem Ziel Bad Tölz steigt der Isarradweg heftig an und verläuft auf Waldwegen hoch über dem Fluss, bevor er uns hinunter in den Ort rollen lässt. Auf der Isar-Brücke dort kommen endlich die Berge in Sicht.

Einige Kilometer hinter dem Sylvenstein-Stausee liegt Vorderriß. Die Isar ist hier ein flacher Bergfluss in einem breiten Schotterbett. An manchen Stellen wird gebadet. In Vorderriß, dass aus einem Gasthof und nur wenigen Häusern besteht, zweigt die Straße in „die Eng“ ab. Über 25 Kilometer hinweg leicht ansteigend, erreicht man den „Ahornboden“, ein Hochtal im Naturpark Karwendel, das mit hunderten von Ahornbäumen bewachsen ist – ein beeindruckender Anblick vor der hoch aufragenden Gebirgskulisse. Zurück zum Gasthof in Vorderriß rollt es dann fast von allein.

In Mittenwald verlassen wir die Isar und fahren hinauf nach Leutasch und damit nach Tirol. Hier im flachen, weiten Tal blühen die Wiesen Anfang Juni noch, auf den Bergen sind Reste von Schnee zu sehen, und zu Fronleichnam bremst der lange Prozessionszug Radtouristen aus. Die zeigen sich aber geduldig und respektieren den Vorrang des kirchlichen Umzugs mit Fahnen, Heiligenfiguren, Musikkapelle, Feuerwehr, Gesangsverein und reichlich Gefolge.

Im Süden steigt das Leutaschtal etwas an bis zur Buchener Höhe, hinter der sich das breite Inntal auftut, 600 Meter tiefer gelegen und mit rasanter Fahrt auf einer steilen Straße zu erreichen, während uns – es ist Sonntag – dutzende von Radsportlern und Radsportlerinnen begegnen, die sich die steile Rampe hinaufquälen. Faszination Berge, auch wir sind nicht frei davon.

Inn

Der Rückenwind im flachen Inntal tut auch nach der rasanten Abfahrt am Morgen noch gut. Leider jedoch bremst uns eine Baustelle aus. 800 zusätzliche Höhenmeter werden für die Umleitung kalkuliert, falls nicht alternativ auf die Bahn ausgewichen wird. Wir weichen aus, steigen im Bahnhof Ötztal in den Zug und kommen so entspannt am Tagesziel Landeck an. Der Gasthof Greif serviert „Wasserbier,“ wie sie das Saure Radler auf den Punkt bringen.

Vor Landeck zwängt sich der Inn durch ein enges Tal, das der Radweg etwas abseits mit heftigem Auf und Ab überwindet, bevor wir, Fluss und Radfahrende, wieder vereint sind. Das Tal wird flacher, Pfunds erreichen wir, ohne viel Schweiß vergießen zu müssen. Trotzdem werden wir von einer erfrischenden Fontäne empfangen – ein Landwirt wässert nicht nur seinen Acker, sondern auch noch den Radweg. Sommerfrische, gut gemeint, aber eigentlich nicht nötig, zumal am selben Abend noch Regenschauer durch das Inntal ziehen. Denen trotzen wir vor einer Pizzeria unter einem großen Schirm.

Hinter Pfunds, ab der Schweizer Grenzmarkierung, verläuft der Radweg parallel zur wenig befahrenen Hauptstraße. Der Wegezustand macht uns den Wechsel zur Straße leicht, es rollt besser auf glattem Asphalt und die Steigungen dort sind nicht ganz so ruppig wie auf dem Waldweg. Dass wir wegen einer Baustelle doch wieder über eine steile Schotterpiste hinunter zum Flussradweg geleitet werden, tragen wir mit Fassung und mit quietschenden Bremsen.

Zurück auf der Straße, überholen uns einige Pedelec-Fahrer und rufen erstaunt etwas wie „Oinea eachte! Und oin eachta.“ Wir vermuten, dass wir durch die fehlende elektrische Unterstützung an unseren Rädern als „Echte“ klassifiziert werden. Damit sind wir aber nicht allein. Natürlich sind die meisten Radler und Radlerinnen in Tirol mit Pedelecs unterwegs. Beim Kaffee am kleinen Schweizer Grenzkiosk zählen wir die Radreisenden, die hier vor der Zollstation auf die serpentinenreiche Straße nach Nauders abiegen. Da findet sich dann doch noch eine ganze Menge „Echter“, die mit gepackten Rädern auf der Via Claudia Augusta nach Italien wollen. Weiter innaufwärts, in Richtung Engadiner Berge, will außer uns niemand.

Der Inn-Radweg wird jetzt zur schweizerischen Radroute 65, die sich den Weg mit der No. 6, der „Graubünden-Route“, teilt. Die Wegweiser sind nun rot, Distanzen werden zuverlässig angezeigt, heftige Steigungen angekündigt. „Steigt 150 m auf 2 km“ lässt auf steile Abschnitte schließen, die wir, wenn irgend möglich, auf der weiterhin recht ruhigen Straße umfahren. Zurück im Tal auf dem Flussradweg lassen wir uns Zeit für eine Skulpturen-Ausstellung mitten im Wald, bevor wir hinter einem Campingplatz das Hochplateau, auf dem unser Tagesziel Scuol liegt, sehen können. Bis zur Ankunft sind aber noch einige schweißtreibende Höhenmeter zu überwinden. Der Inn fließt derweil tief unten im Tal.

Scuol hat ein historisches Unterdorf mit alten Engadiner Häusern, einem hübschen Café am Marktplatz und einem Dorfbrunnen mit zwei Wasserspeiern – einer für Trinkwasser, einer für kohlensäurehaltiges Mineralwasser einer örtlichen Quelle, deutlich erkennbar an den rötlichen Verfärbungen im Brunnenbecken. Hier ist Vorsicht geboten, das gesunde Wasser soll eine verdauungsfördernde Wirkung haben. Oberhalb des Unterdorfs verläuft die Hauptstraße, gesäumt von großen alten Hotels und modernen Einkaufszentren. Noch höher am Hang dann liegt der Bahnhof der Rhätischen Bahn mit ihren roten Zügen. Die Fahrradmitnahme ist in jedem Zug möglich. Das aber nicht nur in der Bahn, sondern auch in vielen „Postautos“, wie die gelben Busse in der Schweiz heißen. Die fahren auch zu entlegenen Bergdörfern und transportieren Fahrräder mit einer Hängevorrichtung am Heck. Für alle, die eine Pause vom Bergauffahren brauchen.

In jedem Dorf befindet sich ein Brunnen mit Trinkwasser

Ftan, 400 Höhenmeter über Scuol gelegen, erreichen wir auf einer kurven- und aussichtsreichen Straße, auf der uns das Postauto mit dem Veloanhänger mehrmals begegnet. Wir bleiben beim Rad, erholen uns im Dorf-Café bei Engadiner Nusstorte und folgen danach der schmalen Panoramastraße, die hoch über dem Inn, der Eisenbahn und der Hauptstraße am Hang verläuft. Der Ausblick ist fantastisch, daran ändert auch die heftige Steigung hinter dem hübschen Dörfchen Ardez nichts. „munta 210 m sin 2,5 km“ ist auf einem Schild zu lesen, und wir ahnen auch ohne Rätoromanisch-Kenntnisse, was auf uns zukommt. Gut, dass es in jedem Dorf einen Trinkwasser-Brunnen gibt.

Guarda gilt als Juwel unter den Bergdörfern des Unterengadin, das gut erhaltene Ortsbild auf 1.650 m Höhe zieht viele Touristen an. Nach vielen anderen Dörfern auf unserem Weg wirkt Guarda auf uns museal, zu sauber, zu aufgeräumt. Dazu tragen auch das schicke teure Hotel und der Golfplatz bei, die den Begriff „Bergdorf“ hier nicht so ganz passend erscheinen lassen.

Von Guarda müssen wir wieder hinunter zum Inn und folgen der ausgewiesenen Route auf einer langgezogenen Schotterpiste, von der wir bald auf die Straße nach Zernez wechseln, um rüttelfrei den Tag zu beschließen. In Zernez heißt „Saures Radler“ „Bier mit Mineral“, klein als „Stange“, groß als „Kübel“. Beides löscht den Durst, ohne gleich in den Kopf zu steigen.

Am nächsten Morgen – uns stecken die Anstrengungen des Vortags noch in den Beinen – nehmen wir die Dienste der Rhätischen Bahn in Anspruch und ersparen uns so einige Kilo- und Höhenmeter auf einem weiteren Schotterabschnitt des Innradwegs. Flussabwärts, wie der Inn-Radweg beworben wird, mag man hier gut voran kommen. Bergauf jedoch sind einige Passagen nur mit viel Mühe zu bewältigen oder es wird gleich die Bahnfahrt empfohlen. Die empfehlen wir auch, verlassen in S-chanf den Zug und fahren durch das ab hier relativ flache Inntal in Richtung St. Moritz. Vor dem berühmten Ort liegt aber noch eine kurze Steilstrecke, bevor wir über die Promenade am St. Moritzersee rollen können. Hier befinden wir uns in 1.800 m Höhe, die Luft ist angenehm, die Hitze erträglich, der See kühl und klar. Auf einem breiten Waldweg entlang des Silvaplana-Sees kommen wir nach Sils im Engadin. Dort ist das Ziel der Reise erreicht, wir beziehen für die nächsten Tage eine Ferienwohnung direkt im Dorf. Der Inn fließt auf der gegenüber liegenden Talseite dahin.Seine Quelle im Lunghinsee in rund 2.600 m Höhe liegt fast in Sichtweite oberhalb des Dorfes Maloja, wo er vom Berg herunterstürzt und den Silser See speist. Dass er irgendwann bei Scuol neben einem Kies-Radweg fließen wird oder kurz vor Landeck ein enges Tal durchqueren muss, weiß er da noch nicht.

Das Ziel unserer Reise ist zwar erreicht, der Höhepunkt aber noch nicht. Um Chur, die Hauptstadt Graubündens mit gutem Bahnanschluss, zu erreichen, kann man mit dem Zug durch den Albula-Tunnel in 1.800 m Höhe fahren oder mit dem Fahrrad auf der „Graubünden-Route No. 6“ über den Albula-Pass auf 2.315 m Höhe. Dort waren wir schon, doch die letzte Fahrt über den Pass liegt einige Jahre zurück – wir waren deutlich jünger –, da schönt die Erinnerung einiges. Die Bergstraße aus dem Inntal heraus steigt also steiler an als erwartet, wir ziehen langsam voran, von Kehre zu Kehre, mit häufigen kurzen Halten. Zum Verschnaufen, zum Dehnen der Muskeln, aber auch für einen überwältigenden Blick in die Bergwelt. Die Dörfer im Inntal werden kleiner, die Baumgrenze rückt näher, die nächste Kehre ebenfalls – alles enorm langsam. Überholt werden wir von allen Renn- oder Gravelradler:innen und manchmal sogar von weiteren „Echten“, die mit Reisegepäck am Tourenrad nach oben streben. Auf Pedelecs treffen wir überraschenderweise kaum.

Kehre für Kehre nähern wir uns der Baumgrenze

Das Schild, auf dem die Alp Alesch angekündigt wird, macht uns Hoffnung. Doch der Weg dorthin zieht sich, zwei weitere Kehren mit erheblicher Steigung liegen zwischen uns und dem Gasthaus. Entschädigt für unsere Mühen werden wir mit einem großen Teller Speckknödel-Suppe und Kaffee und Kuchen zum Dessert sowie einem beeindruckenden Ausblick auf die noch vor uns liegende Strecke. Die zeigt sich weiterhin ansteigend. Das Schlimmste liegt jedoch hinter uns, schon weit vor dem Albula Hospiz ist Schluss mit der Steigung, wir fahren entspannt auf die zwischen kahlen Felsen und Schneeresten liegende Passhöhe zu. Nur 14 Kilometer liegen heute hinter uns, doch die haben es in sich.

Das Hospiz ist ein nettes Gasthaus mit einfacher, guter Bergküche und schick renovierten Zimmern. Abends, wenn es ruhig wird auf dem Pass und in der Gaststube, wenn Motorradfahrer und Velotouristen abgefahren sind, der Parkplatz hinter dem Haus sich geleert hat, durchbricht nur selten ein vorüberfahrendes Auto die abendliche Stille inmitten der Berge. Das allein bei einem Spaziergang zu erleben, lohnt die Mühen der Passfahrt.

Rhein

Am nächsten Morgen frühstücken wir auf der Terrrasse des Hospiz, trotz Sonne ist hier oben ein Pullover angeraten. Das bleibt bei der Abfahrt vorerst auch so, ändert sich aber, sobald wir tiefere Regionen erreichen. In Preda treffen wir auf die Bahn, die hier den Albula-Tunnel verlässt und in vielen Schleifen über Viadukte und durch Kehrtunnel an Höhe verliert, dabei mehrmals unsere Straße kreuzend. In Bergün, fast 1.000 Meter tiefer gelegen als die Passhöhe, suchen wir zu einer Picknick-Pause einen Schattenplatz, am Tagesziel Thusis wird das Abendessen auf der Hotelterrasse bei drückender Wärme serviert. Wir sehnen uns bereits zurück zur frischen Bergluft des Engadin, fahren aber trotzdem weiter nach Chur. Dies bei brütender Hitze auf Waldwegen oberhalb des „Vorderrheins“, der hier als grün schimmernder Gebirgsfluss durch die Schlucht fließt, bevor er sich mit dem „Hinterrhein“ zum „Rhein“ vereint und in Richtung Bodensee fließt.

Der ICE nach Frankfurt, direkt und mit Fahrradabteil, verlässt Chur am frühen Abend pünktlich und liefert uns mit wenigen Minuten Verspätung gegen 23 Uhr in Frankfurt ab. Die Hitze, die uns vor dem Bahnhof entgegenschlägt, gibt den Warnungen der Freunde, die uns in den letzten Tagen erreicht haben, Recht. „Bleibt bloß in den Bergen, wenn ihr irgendwie könnt!“. Da war der Zug aber schon gebucht. Was in diesem Sommer noch auf uns zukommen würde, wussten wir da noch nicht.

Peter Sauer
Sommerfrische

In der (Rad-) Sommerfrische waren wir fünf Wochen, unterbrochen von drei mehrtägigen Wanderaufenthalten. Rad gefahren sind wir gut 700 Kilometer, mit moderaten Tagesetappen zwischen 30 und 60 km, dazu aber einigen Höhenmetern. Die Quartiere hatten wir vorher gebucht, um entspannt unterwegs sein zu können. Gerade im Frühsommer mit den vielen Feiertagen ist das sinnvoll.

Die Tour wird in der ADFC-Vortragsreihe „Fernweh im Winter“ ausführlich vorgestellt. Termine und Infos folgen in der nächsten Ausgabe von Frankfurt aktuell.