Skip to content

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main   

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main

Artikel dieser Ausgabe

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt

Artikel dieser Ausgabe

Was ist eigentlich die Italienische Acht?

Was klingt wie der Titel eines Heist Movies – ich denke an eine Mischung aus „Ocean’s 8“ und „The Italian Job“ – bezeichnet eine Technik für die Anbringung von Lenkerband.
Der Rennrad-Lenker ist mit Lenkerband - in Form der italienischen Acht - umwickelt
Das fertige Ergebnis – der Brems-Schalthebel ist komplett verdeckt
Hannah Kessler (4)

Dass diese fast so kompliziert ist, wie den perfekten Juwelenraub zu planen, musste ich am eigenen Leib bzw. Lenker erfahren, als ich letzten Sommer neues Wickelband geschenkt bekam. Mehrfach hatte ich mir die Technik auf Youtube angeschaut, und trotzdem ist nur eine Seite gut geglückt. Auf der anderen schaut am Schalthebel Metall durch, da ich das Band nicht richtig in Form einer Acht herumgewickelt habe. Höchste Zeit also, mich mit zwei Profis zu unterhalten.

Gut gelaunt empfängt mich Arno Bartsch, der stellvertretende Werkstattleiter von Fahrrad Böttgen in Bornheim. Bevor er mir an einem Musteraufbau nochmal Schritt für Schritt zeigt, wie das Band korrekt gewickelt wird (s. Fotos), muss ich eine Frage stellen, die mir unter den Nägeln brennt: Woher kommt eigentlich der Begriff der Italienischen Acht? „Der stammt sicher aus den 70er und 80er Jahren, als die Italiener noch führend in der Fahrradproduktion waren“, sagt Arno. „Man denke nur an Marken wie Pinarello oder Cinelli. Außerdem haben alle Großen damals Komponenten von Campagnolo verbaut. Das gibt es so heute gar nicht mehr.“ Weiter erklärt er, dass damals oft Leder- oder Korkbänder verwendet wurden, auch die sind mittlerweile etwas aus der Mode gekommen. „Die meisten Kunden kaufen heute Bänder aus Kunststoff. Entweder besonders dünne, wenn es darum geht, Gewicht zu sparen oder welche, die leicht mit Schaumstoff gepolstert sind für mehr Komfort beim Fahren.“ Es gib sogar spezielle Gelpads, die man vor dem Wickeln unter das Band legen kann für noch bequemeren Grip. Am meisten beeindruckt mich jedoch ein wiederverwendbares Band aus Silikon, das ohne Klebestreifen am Lenker angebracht wird. Ist es schmutzig, kann es einfach in der Spülmaschine gereinigt werden. Genial!

Beim Rundgang durch das Fahrradgeschäft fällt nicht nur auf, dass fast alle Verkaufsrennräder schwarzes Lenkerband verwenden, bis auf eins sind auch alle mit der Italienischen Acht gewickelt. Sie scheint also der Goldstandard zu sein. Das bestätigt mir auch Jan Paulus vom Fachzentrum Bundesfachschule Zweirad der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, der allerdings direkt nachschiebt, dass Bandwickeln weniger dogmatisch behandelt werden sollte. „Unserer Meinung nach ist es wichtig, Lenkerband vor allem ordentlich am Lenker anzubringen. Wie genau die Brems-Schalthebel dabei umwickelt werden, spielt weniger eine Rolle.“ Er erklärt, dass das Wickeln selbstverständlich auch Teil der Ausbildung zum Zweiradmechatroniker ist, die Methode aber eher zweitrangig. „Im Fokus stehen hier das Ausrichten von Rennlenkern, Brems-Schalthebeln sowie das Befestigen der Züge unter dem Lenkerband – was jeweils auch schon gar nicht so einfach ist.“ Dem kann ich nur zustimmen und staune nicht schlecht, als ich erfahre, dass eine ausgebildete Zweiradmechatronikerin für diesen Vorgang in der Regel nur 18 Minuten Zeit einplant. Zum Abschluss erzählt Jan Paulus noch von einer Wickeltechnik mit dem schillernden Namen Harlekin: „Bei dieser sehr speziellen Methode werden zwei schmale Leinenbänder ineinander verflochten, wodurch ein Rautenmuster entsteht.“ Da werden bei mir Assoziationen an ein ganz anderes Filmgenre geweckt und ich frage mich, ob ich mit meinem frisch gewickelten Rennrad nicht mal wieder Richtung Kino fahren sollte.

Hannah Kessler