Ausgabe 4/1999   Jul. / Aug.


Bike & Bahn: Beide kamen - gut an!

Sonntagmorgen. Aufstehen um halb 8, und fertigmachen für meine erste ADFC-Tour. Durch meinen müden Kopf geistern große Erwartungen vor dem Bike & Bahn-Trip. Das Wetter spielt mit; vom gestrigen Regenwetter ist nicht mehr viel zu sehen. Die Straßen sind noch leer, als ich zum Treffpunkt losstarte. Die Kette kracht in den Ritzeln, und das trotz Ölung und Wartung Tage zuvor. Das macht nicht gerade Mut, 120 km Strecke und Steigungen zu bewältigen. Ein paar Tropfen Öl lösen etwas später das Problem.


Höchst, Wörthspitze. 9 Uhr 30. Einige warten schon. Nach und nach trudeln die restlichen Pedalisten und Bahnbegeisterten ein. Zwei Radlerinnen wollen nur bis Wiesbaden mit. Ab Dotzheim geht es weiter mit der alten Aartal-Bahn in Richtung Hohenstein hinter Bad Schwal-bach. Die Tourenleiter begrüßen alle, reichen eine Teilnehmerliste herum und geben einige aufmunternde Worte zum Besten! Mein Blick schweift über die Räder: Trekkingrad, Tourenbike, Sporträder, und dann durch den Taunus? Nun, ich denke, mit meinem älteren Mountainbike müßte ich bestens gerüstet sein.
    Pünktlich geht's los. Über das Brückchen an der Wörthspitze wird zur Fähre über den Main geradelt. Auf der südlichen Mainseite, ab Kelsterbach wieder nördlich, rollen die zehn Velos zügig Richtung Mainz. So zügig, daß der voranradelnde Tourenleiter um geringeres Tempo gebeten wird. Manch einer ist noch nicht so auf seiner "Betriebstemperatur".
    Die Mainstädtchen liegen noch in ihrem Morgenschlummer. Frühsportler drehen ihre Runden. Sonnenstrahlen tänzeln auf dem Fluß, und manche Blüten betören durch unbeschreiblichen Duft. Kurzer Halt, Pinkelpause. Einen Schluck aus der Flasche, ein Blick auf die Karte: Finden wir den Weg zu unserem ersten Zielpunkt? Die Crew ist sich sicher.
    Dann, nach einiger Zeit, der Mainzer Dom. Bei einer Imbißrast genießt man den Blick auf den Rhein und auf die verbaute Mainzer Stadtsilhouette. Alle genießen den wärmenden Frühlingsmorgen.
    Small talks. Man lernt sich näher kennen. Prima, ältere und jüngere Radbegeisterte wollen mit in den Taunus. Zwei, drei große Bisse in mein dick belegtes Brot stärken mich erst mal wieder, der Rest kommt später dran.
    Nach einer kurzen Fahrt durch Wiesbaden landen wir am Bahnhof in Dotzheim. Die Damen verabschieden sich. Die Bahnstation ist adrett hergerichtet, stehen hier doch einige ältere Dampf- und Dieselrösser. Die Fahrtkarten gekauft, die Räder auf den Bahnsteig geschoben - und jetzt warten. Dann kommt sie, die Bahn. Fotoapparatgeklicke, Camcorders, Snapshots, Staunen: Die Attraktion steht dampfend vor uns. Mit Hilfe eines der ehrenamtlichen Vereinsmitglieder, die die Aartalbahn betreiben, verladen wir unsere Räder. Nach und nach kommen weitere Mitfahrer/innen, Alte, Junge und viele, viele Kinder. Noch ein kurzes Gespräch mit dem Lokführer. Dann zischt die Lok um 2 Uhr nachmittags gen Taunushöhen.
    So ein komisches Knacken, welches beim Fahren zu vernehmen ist, ist hoffentlich kein Radreifenschaden? Alle Stationen werden dennoch sicher angefahren: Chausseehaus, Eiserne Hand, Hahn-Wehen, Bad Schwalbach, Hohenstein. Wanderer, Biker und Autofahrer winken der Bahn und ihren Passagieren zu, freuen sich, daß es so etwas - noch oder wieder - gibt! Die Lok schnauft voran durch blühende Frühlingstäler und geheimnisvolle Wälder. Im Zug herrscht eine Stimmung zwischen Volksfest, Kindergarten, Familienfeier, Geselligkeit. Auf den Plattformen erklären Väter ihren Kindern die Bahntechnik. Ein Mädchen beobachtet mit ihrer Puppe die vorbeiziehende Landschaft. Würstchen und Kaffee kämpfen duftend gegen den rußigen Geruch des Lokdampfes an. Keine Chance! Jetzt Platz genommen; mein restliches Brot und eine Banane müssen dran glauben ...
    Nach eineinhalb Stunden ist der zweite Zielpunkt der Tour erreicht: Hohenstein. Romantisch ist der Anblick vom Bahnhof mit dem qualmend fauchenden Dampfroß hinauf zum felsartigen Hügel, wo hoch oben eine Burg und eine Kirche thronen. Ein faszinierender Blick. Ausgerechnet jetzt ist der Film voll!
    Alle steigen aus, und wir auf unsere Räder. Jetzt rollt die Gruppe erst 'mal über Landstraßen durch den Taunus. Kaum ein Auto begegnet uns. Einige Taunusdörfchen halten gerade ihr Mittagsnickerchen. Irgendwo riecht's nach Gegrilltem. Erste Anstiege vermitteln uns einen Eindruck auf weitere.
    Vorbei an grünen und gelben Feldern zieht die Radlergruppe ihre Route zur ersten hochprozentigen Steigung. Manch einer steigt ab. Aber oben angekommen, wird gewartet und verschnauft, bis alle wieder zusammen sind. Kurze Gespräche lockern und muntern wieder auf. "Wo's bergauf geht, geht's schließlich wieder runter". Und da läßt man es rollen!
    So läuft es bis Niedernhausen, von wo man die S-Bahn nach Hause nehmen kann. Keiner will. Alle sind weiterhin fit und bestens drauf. Die Gruppe hat trotz unterschiedlicher Radtechnik und physischer Leistungsfähigkeit Homogenität gewonnen, die allen Mut macht, die weiteren 30 km durchzustehen.
    Allmählich merkt man die Nähe zur Mainmetropole: der Autoverkehr wird stärker, die ICE-Neubaustrecke frißt sich durch Wald und Wiesen. Autobahnen, Neubausiedlungen, Hektik. Man merkt: Wir sind fast wieder daheim. Aber das Spannende bei längeren Touren ist: jede/r Radler/in lernt immer wieder ein bißchen mehr und Neues seiner Heimatregion kennen. Bislang unbekannte Ecken und pittoreske Winkel: weite Felder, bunte Wiesen, heimelige Wälder, Natur pur - adrette Fachwerkhäuser, gut erhaltene Altstädte, gemütliche Gartenlokale, aber auch verbaute Ortskerne und ideenlose Stadtviertel. Wir strampeln weiter ...
    Abgeschlossen wird die Fahrt bei Essen und Trinken im "Zum Bären" am Höchster Schloßplatz. Alle haben die Tour ohne Blessuren überstanden: Rad ganz, Knie ganz, aber "fürschterlischen Dorscht"!
    "Das war meine schönste Radtour mit dem ADFC", meint ein Teilnehmer. Die anderen stimmen dem zu. Beide Tourenleiter nehmen das Lob dankend und zufrieden zur Kenntnis. Und schon überlegt man eine weitere Bike & Bahn-Tour. Alle versprechen, das nächste Mal wieder dabei zu sein!

Helge Wagner

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