Ausgabe 4/1999   Jul. / Aug.


Ein rechter Radfahrer ist in sein Rad verliebt

Eduard Bertz: Philosophie des Fahrrads, Anno 1900

Eigentlich hätte es eine Rezension werden sollen, aber die zum Teil widersprüchlichen und kuriosen, manchmal auch äußerst treffenden Aussagen zum Thema Fahrrad wollen wir unserer Leserschaft nicht vorenthalten. Das Buch "Philosophie des Fahrrads" ist 1900 zum ersten Mal erschienen und 1997 neu herausgegeben worden. Es birgt ein großes Potential zum Schmunzeln und Sich-Freuen, aber auch zum Widerspruch, und es bietet einen Einblick in die Denkweise vor knapp 100 Jahren.

Das Fahrrad und der Friede(?)
Auch das Fahrrad ist eins von den Werkzeugen, vermöge deren der Mensch sowohl sich der Erde wie die Erde sich selbst anpaßt; eine Waffe[!], mit deren Hilfe er ihre Schranken niederzwingt und ihr Herr wird. Und da es ihn so gut wie die Eisenbahnen, ja besser noch, von Land zu Land trägt, so ist es auch seinerseits ein Apostel des Völkerfriedens. (S. 9)

Der Zar fährt Fahrrad ...
Durch diese Interessengemeinschaft aber, die ein Band der Sympathie um die ganze radfahrende Welt schlingt, muß sich allerdings nach und nach eine innere Umwandlung vollziehen, so wenig sie auch zunächst noch manchem zum Bewußtsein kommen mag, und dadurch steht das Rad im Dienste des Fortschritts, der Entwicklung zur Humanität, des Friedens und der Freiheit. Und darum ist es auch keineswegs ausgeschlossen, daß zwischen dem Friedensmanifest des Zaren und seiner Zugehörigkeit zu dem großen kosmopolitischen Volk der radfahrenden Leute ein innerer Zusammenhang besteht. (S. 14)

Das Fahrrad aus kolonialistischer Sicht
Schon blühen in Japan die Damenfahrradclubs, und die Neger in den afrikanischen Kolonien übernehmen jetzt unsere abgelegten Räder so gern wie unsere alten Zylinderhüte. (S. 12)

Sozialpolitik und das Fahrrad
In dem Wohnungselend Wandel zu schaffen, das so grauenvolle Verwüstungen anrichtet, hat nun das Fahrrad begonnen, weil es die Entfernungen verkürzt und den Arbeitern damit die Befreiung aus den scheußlichen Löchern bringt, in denen sie bisher zusammengepfercht waren.

Ist Radfahren sittlich vertretbar?
[...] daß es auch Mendelsohn an der vollen, nur durch praktische Ausübung des Sports erreichbaren Sachkenntnis gefehlt hat. Er behauptet nämlich, daß beim Radfahren die durch die Bewegung erzeugte Wärme und der Blutafflux die sexuelle Libido steigere; es sei daher bei Männern nichts Seltenes, daß sie wiederholt ihren Weg unterbrechen müssen, da die geschlechtlichen Erregungserscheinungen sie hindern, auf dem Fahrrad zu verbleiben. [Dazu der Autor:] Gerade die Entsinnlichung, die Unschuld des Gemüts ist eine von den hauptsächlichsten psychischen Wohltaten, die mit dem Radfahren verbunden sind. (S. 67f)

Psychologie des Radsports
Durch diese Abwechselung der verschiedenen Gehirnzentren in ihrer Arbeit leistet das Radfahren bei Geistesarbeitern etwas Beträchtliches für die von Flechsig geforderte Hygiene des Gehirnlebens. Es hilft zu einer harmonischen Ausbildung der Gehirnkräfte, indem es die überanstrengten entlastet und die vernachlässigten zu ihrem Rechte bringt. Der radfahrende Geistesarbeiter darf sicher sein, daß er nicht zum einseitigen Stubengelehrten entarten wird. (S. 100)

Wind
Lästiger noch als der Gegenwind ist aber der Seitenwind, weil ihm der Radfahrer nicht entgegenarbeiten kann; besonders Damen mit langen Kleidern werden, wenn der Stoß heftig genug ist, gepackt und mit ihrer Maschine kampflos zu Boden geworfen. (S. 109)

Das Fahrrad und die Frauenfrage
Für das weibliche Geschlecht ist der Radsport noch ungleich bedeutungsvoller als für das männliche; denn während er dem letzteren im Kampf ums Dasein nur eine neue Waffe zu seinen alten schmiedete, begann er im Dasein des ersteren eine völlige Umwälzung. Er hat die Frauenfrage ihrer Lösung nähergerückt, als es lange Jahrzehnte unermüdlicher Agitation vermocht hätten, indem er einerseits mit der Erziehung des Weibes zur Selbständigkeit im praktischen Leben Ernst machte, andrerseits durch die Macht der Tatsachen einen siegreichen Kampf gegen tief eingewurzelte, kulturfeindliche Vorurteile eröffnete. (S. 116)

Das Fahrrad und die ihm übelgesinnte Presse
Diese Presse machte sich damit nicht nur zur Wortführerin des gedankenlosen Publikums, sondern hetzte gegen die Radfahrer geradezu auf. In Gerechtigkeit muß sie jedoch selbst der Leichtfertigkeit geziehen werden, weil sie stets und immer die ganze und alleinige Schuld auf die Radfahrer wälzte und sich niemals die Mühe gab, zu untersuchen, ob nicht vielleicht einmal der angefahrene Fußgänger der schuldige Teil war. (S.175)

Immanuel Kant und die Fahrradwege
Immanuel Kant pflegte tagtäglich dieselbe Allee für seine Promenade zu benutzen, und sicher hat die Philosophie auf diesen ungestörten Gängen manche Bereicherung erfahren. Ohne Zweifel würde er den Verkehr der Radfahrer auf seinem Wege als Belästigung empfunden haben, und er hätte ein Recht zur Klage gehabt. (S. 178) Aber würde er, der Philosoph, darum so weit gegangen sein, das Recht der Radfahrer zu leugnen? Dann wäre er eben kein Philosoph gewesen. Er hätte wohl zugegeben, daß die Fußgänger auf ihren Wegen durch die Radfahrer in ihrer Freiheit beeinträchtigt werden, und er hätte daraus die Folgerung gezogen, daß Radfahrer und Fußgänger durch die verschiedene Natur ihrer Bewegung auf verschiedene Wege angewiesen sind.

Toleranz!
Da das Radfahren so wohltätig auf das Gemüt wirkt, so vermehrt es die Summe des Glücks in der Welt, und nur ein ganz verknöchertes Herz kann ungerührt bleiben, wenn es die frohen Gesichter aller derer sieht, denen das Rad die Bürde des Lebens leichter macht (S. 185).

Die Liebe zum Drahtesel
Hat man aber endlich durch beständige und energische Übung, durch fleißiges Trainieren, wie der sportliche Ausdruck lautet, sich zum Meister seiner Maschine gemacht, so ist auch die Pflicht schon zur Neigung geworden, und man tut nun freudig, was man eine Weile nur aus vernünftiger Überlegung tat, ja man fühlt sich glücklich, sobald man auf dem Rade sitzt, und weiß nicht genug zu rühmen, wie sehr das Radfahren den intensiven Lebensgenuß, das bewußt frohe Daseinsgefühl steigert. Und daraus entwickelt sich eine ganz persönliche Empfindung der Dankbarkeit und der Freundschaft des Radlers für seine Maschine, wie zwischen zwei Leuten, die sich kennengelernt haben und die sich nun immer besser verstehen, je mehr sie miteinander umgehen. Das ist das Charakteristische: Der Radsport macht fast alle seine Jünger zu Enthusiasten, und man darf geradezu sagen: Ein rechter Radfahrer ist in sein Rad verliebt. (S. 115)
aus: Eduard Bertz: Philosophie des Fahrrads. Neuhgg. von Wulfhard Stahl. Paderborn: Snayder, 1997.

Diesen Beitrag verdanken wir Petra Steiner, Münster, wiedergegeben im Leezen-Kurier 12/98 des ADFC Münster

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