Ausgabe 5/1999   Sep. / Okt.


Arbeitsgemeinschaft fahrRad Eschborn

Einrichtung eines kostenlosen Fahrrad-Verleihs für Kinder und Jugendliche

Im Oktober 1995 eröffneten wir einen Fahrradverleih für Eschborner Kinder und Jugendliche. Beteiligt daran sind vier Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, die sich über die Stadt verteilen. MitarbeiterInnen des Jugendzentrums, des Abenteuerspielplatzes, des Kinderhortes Südwest und der Kindertagesstätte Schillerstraße haben sich zur "AG fahrRad" zusammengeschlossen und organisieren den Verleih.

Eingebunden als Freizeitangebot in die alltägliche Arbeit der Einrichtungen schrauben Kinder und Jugendliche in den Fahrradwerkstätten, reparieren ihre eigenen Fahrräder, warten und reparieren aber auch die Fahrräder aus dem Bestand des Verleihs. Der Verleih wird kostenlos angeboten. Begonnen hatte alles im Sommer 1993 auf dem Abenteuerspielplatz (ASP).

Das Radfahren war schon vor diesem Zeitpunkt für unsere Arbeit von Bedeutung. Fahrradausflüge und die alljährliche Radfreizeit waren schon seit einigen Jahren fester Bestandteil unserer Angebote. Es gab auch schon vereinzelt Werkzeuge für kleinere Reparaturen. Wir befaßten uns in diesem Jahr etwas intensiver mit dem Thema Fahrrad, das im Erleben der Kinder und Jugendlichen unterschiedliche Bedeutung hat.

Eine wesentliche Bedeutung hat das Fahrrad als Alltags-Verkehrsmittel. Da der Platz etwas abgelegen ist und Kinder aus Niederhöchstadt und Eschborn oder von weiter entlegenen Siedlungen mit dem Fahrrad zu uns kommen, empfahl sich die Beschäftigung mit diesem Fahrzeug. Denn schon ein Defekt an Licht oder Bremse läßt den Heimweg vom ASP für die Kinder problematisch werden.

Weiterhin wird das Fahrrad als Sportgerät genutzt (Mountainbike, BMX-Fahrrad etc.). Die Technik dieser relativ neuen Fahrradgeneration hat sich gegenüber der konventionellen gravierend verändert. Die Auseinandersetzung mit diesen neuen Fahrradtypen erkannten wir als ein weiteres Interesse.

Der dritte Nutzungsbereich ist das Neukonstruieren von Fahrrädern; der Bau von Doppelfahrrädern und "Spaßrädern" mit exzentrisch eingespeichtem Vorderrad.

Wir richteten auf dem Abenteuerspielplatz eine Fahrradwerkstatt ein. Über dieses Angebot formulierten sich künftig o.g. Interessen der Kinder. Sie reparierten ihre eigenen Fahrräder, bauten ein BMX-Rad mit neuen Teilen wieder auf und sprangen damit über die selbstgebaute Sprungschanze. Sie legten Parcours im ASP-Gelände an. Sie brachten Fahrradbroschüren mit und tauschten sich untereinander über Neuheiten aus. Sie brachten ihre Eigenkonstruktionen mit und diskutierten mit anderen Konstrukteuren. In der Werkstatt und über den Umgang mit zum Teil speziellen Werkzeugen wurde die Technik des Fahrrades vermittelt. Die Kinder zentrierten Laufräder und reparierten Tretlager.

Die Instandsetzung und Instandhaltung von Fahrrädern war zwar nur eine Funktion der Fahrradwerkstatt, sie war aber ein Auslöser zur Idee, einen Fahrradverleih einzurichten. War die Reparatur am Fahrrad eines Kindes am selben Tage nicht zu bewältigen, so beließen wir es über Nacht in der Werkstatt und verliehen ein platzeigenes Rad.

Aus Spenden von Eltern, Schrotteln und Sammeln hatten wir im Laufe der Zeit ein beachtliches Teilelager angelegt, aus dem wir auch einige platzeigene Fahrräder herstellen konnten. Diese benutzten wir auch für Ausflüge.

Der Umgang mit dem Fahrrad ist von uns somit nicht initiiert, sondern aufgegriffen worden. Beispielsweise bekamen wir über die Fahrradwerkstatt Kontakt zu einer Gruppe türkischer Jungen, die in ihrer Freizeit im Fahrradkeller ihres Wohnblocks schraubten. Diese Gruppe nutzt gelegentlich die Werkstatt des ASP’s aufgrund des besseren Werkzeugs, oder um sich bei einem technischen Problem helfen zu lassen.

Auch die Doppelfahrräder sind nicht in unserer Werkstatt konstruiert oder gebaut worden. In den Gärten, Kellern und Hinterhöfen reparieren und bauen die Kinder an ihren Fahrzeugen. Gelegentliche Reparaturen werden aber auch an diesen Fahrzeugen auf dem ASP ausgeführt.

Um diese und ähnliche Aktivitäten zu fördern, entwickelten wir die Idee der "Mobilen Fahrradwerkstatt", an deren Realisierung noch gearbeitet wird. Ebenso wichtig wie eine notwendige Reparatur ist für die Kinder der Kontakt zu anderen Schraubern, nicht alleine zu werkeln, sondern sich gegenseitig zu beraten und auszutauschen. Diese Möglichkeit ist u.a. in unserer Fahrradwerkstatt gegeben. Zu einigen Kindern bekamen wir durch dieses Angebot erstmals Zugang.

Wir suchten den Kontakt zu anderen Kindereinrichtungen der Stadt und den Austausch zum Thema Radfahren. Wir fanden heraus, daß die Beobachtungen in allen Einrichtungen ähnliche waren. Die Kinder bewältigten zum Teil die Strecke zur Einrichtung mit dem Fahrrad. Sie besitzen in der Regel ein eigenes Fahrrad, das meist nicht verkehrssicher ist.

Wir beschlossen. daß wir das Radfahren bei Kindern und Jugendlichen fördern wollen, weil

• es die Kinder selbständiger, selbstverantwortlicher macht;

• es die Motorik, die Lebens- und Bewegungsfreude fördert;

• es naturverbunden, natur- und umweltfreundlich ist;

• es die Möglichkeit gibt, selbständig entfernte "Räume" zu entdecken und zu erfahren;

• es ein billiges Verkehrsmittel ist;

• es dem Konsumverhalten entgegenwirkt;

• es eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung ist, u.v.m.

In unseren Einrichtungen sollen Kinder und Jugendliche die Möglichkeit erhalten, Fahrräder auszuleihen und zu reparieren. Da unsere Einrichtungen im ganzen Stadtgebiet verteilt sind, können wir Leihfahrräder für die Bewältigung von Wegstrecken innerhalb Eschborns flächendeckend anbieten.

Eine Voraussetzung war die Einrichtung von Fahrradwerkstätten in allen am Verleih beteiligten Einrichtungen. Hier sollten gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen Leihfahrräder instandgehalten werden.

Um die MitarbeiterInnen in die Technik des Fahrrades einzuweisen und um Hilfen für die Einrichtung einer Werkstatt zu geben, organisierten wir eine entsprechende Fortbildung für die MitarbeiterInnen der Kindertagesstätten.

Wir entwarfen ein Logo für unsere Arbeitsgruppe "fahrRAD" und warben in einer Broschüre für unseren Fahrradverleih. In den pädagogischen Arbeitsgruppen der Stadt Eschborn und des Main-Taunus-Kreises stellten wir unsere Idee vor und berichteten über die jeweilige Entwicklung. Die Resonanz in den Fachgruppen war positiv.

Bevor wir an eine Eröffnung des Fahrradverleihs denken konnten, mußten noch rechtliche und versicherungstechnische Fragen geklärt werden. Diesbezüglich konnte uns das Fachamt für Recht der Stadt Eschborn weiterhelfen.

Wir begrenzten das untere Alter zur Teilnahme am Verleih auf acht Jahre. Das Einverständnis der Eltern ist eine weitere Voraussetzung zur Teilnahme. Auf Antrag der Eltern geben wir einen Leihausweis aus (ähnliches System wie bei Stadtbüchereien). Das Antragsformular informiert die Eltern über die Verleihbedingungen und enthält eine Einverständniserklärung.

Eine Frage, die bei neuen Projekten immer gestellt wird, ist die nach den entstehenden Kosten. Der Umstand, daß die Fahrräder gespendet wurden und mit Teilen aufgearbeitet werden, die aus alten Fahrrädern abgeschraubt wurden, hält die Reparaturkosten niedrig. Ein großer Posten ist die Anschaffung von Werkzeugen. In einigen Einrichtungen ist die Schaffung von Lagerraum zur Aufbewahrung der Leihräder ein weiteres Problem. Die weiteren Kosten des Projektes schätzen wir auf weniger als DM 2.000 pro Jahr und wollen sie aus den laufenden Haushaltsmitteln bestreiten.

Wir eröffneten den Verleih mit einer Veranstaltung auf dem ASP. Die Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) beteiligte sich mit einem Fahrradcheck. Infostände informierten aus den Einrichtungen über die Aktivitäten mit dem Fahrrad. Wir stellten die Arbeitsgruppe fahrRad der Öffentlichkeit vor.

Mit dem Leihausweis können nun Kinder und Jugendliche ein Fahrrad bei jeder der angeschlossenen Einrichtungen ausleihen. Zurückgegeben werden kann das Rad auch an einer anderen Station als der, die es ausgegeben hat.

Möglicherweise dadurch notwendig werdende Transporte der Fahrräder zwischen den Einrichtungen sind eine weitere Serviceleistung des Verleihs. Fahrzeugüberführungen werden auch von Kindern und Jugendlichen, die Spaß am Radfahren haben, übernommen.

Die Kooperation mit dem ADFC wird von allen Beteiligten positiv bewertet. Der Kontakt mit Einzelpersonen und Gruppen, die im Zusammenhang mit dem Fahrrad in Eschborn aktiv sind, wird von uns angestrebt. Um das Radfahren bei Kindern und Jugendlichen fördern zu können, müssen wir uns auch mit den verkehrspolitischen Problemen auseinandersetzen.

Grosser Zuspruch war bei der Eröffnungsveranstaltung gegeben, aber wir müssen eine grössere Popularität bei den Erwachsenen erreichen. Sie sind in der Stadt für die Verkehrspolitik verantwortlich und nicht die Kinder und Jugendlichen, für die wir mit der AG fahrRad etwas erreichen wollen.

Jugendpflege und Kindertagesstätten der Stadt Eschborn,
Karl-Heinz Niemann - Jürgen Radeck

Infos: Stadt Eschborn
            Der Magistrat
            Jugendpflege
            Rathausplatz 36
            65760 Eschborn
            Telefon: 06196/490320
                                06196/490322

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