Gesamtverkehrsplan – Radverkehrsszenario 15%
Dampf auf den Kessel!

Bereits für Dezember 2004 war er angekündigt, der Entwurf für den neuen Frankfurter Gesamtverkehrsplan. Schon seit Monaten füllte das Thema die Zeitungsspalten, aber erst jetzt, Mitte Februar, war es endlich so weit. Mit dem Magistratsvortrag M 32 leitete der Magistrat das Ergebnis seines jahrelangen Ringens um die Fortschreibung des Generalverkehrsplans (GVP) von 1976/82 dem Stadtparlament zur Beratung und Entscheidung zu. Bestandteil der Vorlage ist auch das sogenannte Szenario „Radverkehr 15 %“. Der nachstehende Artikel gibt einen ersten Einblick.

Lange Zeit präsentierte sich die Welt der Generalverkehrsplanung wohl sortiert. Es gab den IV und den ÖV. IV stand für Individualverkehr, umfasste aber mitnichten alle Wege, die individuell zurückgelegt wurden. Um als Individuum von den Verkehrsplanern wahrgenommen, geschweige denn ernst genommen zu werden, musste man schon motorisiert unterwegs sein. Zwar wurden laut Generalverkehrsplan 1976/82 auch damals über ein Drittel aller Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt. Das reichte aber gerade mal zu einer qualifizierten Erwähnung in dem umfangreichen Planungswerk

Im aktuellen Entwurf zum neuen „Gesamtverkehrsplan Frankfurt am Main“ sieht das schon ein wenig anders aus. Zunächst hatten sich die Planer dem Thema Radverkehr allerdings eher zögerlich genähert. Erst nachdrückliche Interventionen des ADFC und der Fraktionen des Stadtparlaments sorgten dafür, dass kurzfristig ein zusätzlicher Auftrag für das Radverkehrsszenario erteilt wurde.

Grundlage des ganzen Planwerks ist der sogenannte „Basisfall 2015“. Er umfasst als Prognosegrundlage für die Entwicklung bis 2015 „sowohl konkret beschlossene als auch zwischenzeitlich fertiggestellte Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen für das Straßennetz und das Netz des Öffentlichen Personennahverkehrs, aber nicht die im Rahmen der Szenarien zu untersuchenden Maßnahmen.“ (Anlage zur M 32, S. 19)

Ganze 6% der Wege sollten danach in 10 Jahren im Frankfurter Binnenverkehr mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Selbst nach Umsetzung aller im Rahmen der Radverkehrskonzeption Frankfurt am Main vorgesehenen Verbesserungen der Radverkehrsinfrastruktur sollte der Radverkehrsanteil nach diesen Prognosen bis 2015 auf allenfalls 9 % ansteigen. Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass dieser Wert nach den vorliegenden Ergebnissen der jüngsten Frankfurter Haushaltsbefragung bereits im Jahr 2003 erreicht wurde.

Im Oktober 2003 hatten die Stadtverordneten der Stadt Frankfurt zum Ziel gesetzt, im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans bis zum Jahr 2012 den Radverkehrsanteil an allen zurückgelegten Wegen auf 15 % anzuheben. Der Magistrat wurde beauftragt, „im Rahmen des Generalverkehrsplans ein diesem Ziel Rechnung tragendes Szenario zu erarbeiten und ein entsprechendes Handlungskonzept vorzulegen.“ (§ 6196 zu NR 1061 vom 16.10.2003).

Die wichtigsten Eckdaten dieses Szenarios wurden bereits am 10. Dezember auf der zweiten Sitzung des „Runden Tischs Radverkehr“ von Frau Winkelmann vom Stadtplanungsamt vorgestellt. Es baut auf dem Szenario I auf, dem sogenannten Push&Pull-Szenario. Danach könnten mit einer konsequenten Förderung des Fahrradverkehrs der Anteil des Autos an allen Wegen des Binnenverkehrs gegenüber dem Basisfall von 33% auf 26% reduziert werden, bei gleichzeitiger Stabilisierung von Fußverkehr und Öffentlichem Verkehr auf dem erreichten Niveau. Damit stünde Frankfurt im Hinblick auf den Gesamtanteil des sogenannten Umweltverbunds von Fuß-, Rad- und Öffentlichem Verkehr am Binnenverkehr besser da, als heutige Vorreiter umweltfreundlicher Verkehrplanung wie Freiburg, Münster, Basel oder Zürich.

Für das Radverkehrsszenario wurden elf Handlungsfelder definiert und aus einer Vielzahl von Maßnahmen 61 geprüft und bewertet. Nachstehend die wesentlichen Ergebnisse, wie sie sich in den Empfehlungen der Gutachter niederschlugen.

Empfehlungen der Gutachter für Maßnahmen im Fahrradverkehr

Erste Priorität

  • Umsetzung und Weiterentwicklung des bestehenden Radverkehrskonzeptes durch Verfeinerung und Detailausarbeitung der Radverkehrsnetze (Radrouten, Stadtteilnetze, Nachbarschaftsnetze, Innenstadtkonzept), Lösung von Konfliktfällen auf Kosten des MIV
  • intensive Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation durch Schaffung einer Stabsstelle (Radverkehrsbeauftragte(r)) und dauerhafter Einrichtung eines „Runden Tisches Fahrradverkehr“ sowie Beteiligung von Presse, Rundfunk und Fernsehen
  • Sicherung der Rahmenbedingungen zur Stärkung des Fahrradverkehrs (Bau- und Planungsstandards für den Fahrradverkehr, Berücksichtigung in übergeordneten Planungen und anderen Fachplanungen, ausreichende finanzielle Ressourcen für Umsetzung und Öffentlichkeitsarbeit)
  • Verschärfung der Anforderungen an das Radverkehrsnetz hinsichtlich der Verkehrssicherheit für Radfahrer (Behebung von Gefahrenstellen, insbesondere in Knotenpunkten; bauliche Lösungen) und Nutzbarkeit des Netzes durch Radfahrer (Beseitigung von parkenden Autos auf Radverkehrsanlagen; konsequente Ahndung von Falschparken und bauliche Lösungen)
  • konsequente Ausschilderung des Radroutennetzes entsprechend der aktuell geforderten Standards (ERA – Empfehlungen für Radverkehrsanlagen).

Zweite Priorität

  • Weiterentwicklung einer Stellplatzsatzung für Fahrräder sowie Schaffung von ebenerdigen Abstellmöglichkeiten mit hoher Qualität in dicht bebauten Wohngebieten, an Einkaufsschwerpunkten (Innenstadt, Stadtteilzentren, Einkaufszentren, Supermärkte) und an bedeutenden Freizeitzielen
  • Einrichtung von Servicestationen (mit Fahrradverleih, Schnellreparatur, Wartung, Angeboten rund ums Rad) und „Radverkehrsportal“ im Internet
  • Erstellung von Schulradwegeplänen und Einbeziehung des Radfahrens in den Schulunterricht (Verkehrserziehung, Sicherheitstraining, Sport, ...)
  • Förderung und Ausweitung von Bike+Business.

Mit der Vorlage dieses Radverkehrsszenarios betreten die Planer zumindest für Frankfurt Neuland. Erstmals enthält eine übergeordnete Leitplanung zum Verkehr relevante Aussagen zum Radverkehr. Bei aller Vorsicht, die im Umgang mit solchen Planungen und Gutachten immer angebracht ist, gilt es dies zunächst einmal festzuhalten.

Der Erfolg hat immer viele Eltern, aber an erster Stelle ist hier sicher die Konsequenz und Hartnäckigkeit der Stadtverordneten zu nennen, die sich quer durch alle Fraktionen seit vielen Jahren die Förderung des Radverkehrs zum Ziel gesetzt haben. Aber auch in der Verwaltung findet der Radverkehr zunehmend Unterstützung. Nicht zuletzt entfaltet das neue EU-Recht zur Luftreinhaltung einen heilsamen Druck bei der Suche nach stadtverträglicheren Formen der Mobilität.

Dennoch ist nicht zu verkennen, dass es noch einiger Nachhilfe bedarf, um das 15%-Ziel bis 2012 zu erreichen. Es ist nicht zu übersehen, dass es dem Text der Beschlussvorlage gerade für den Bereich des Radverkehrs doch ein wenig an der notwendigen Dynamik und Zielgenauigkeit mangelt. Das Szenario 15% ist zweifellos eine gute Grundlage für die weitere Arbeit, aber es ist eben noch nicht das Handlungskonzept, das vorzulegen der Magistrat den Auftrag hat. Was fehlt ist ein Katalog konkreter Maßnahmen mit Zeit- und Finanzplan für die Schlüsselmaßnahmen der elf benannten Handlungsfelder. Die Debatte der nächsten Monate wird zeigen, ob es gelingen wird, hier nachzubessern und dem Radverkehrsszenario die nötigen Korsettstangen einzuziehen.

Die Richtung stimmt, aber jetzt muss noch Dampf auf den Kessel. Das meint jedenfalls

Fritz Biel

Wer es genauer wissen will, findet die Vorlage zum Geamtverkehrsplan (M 32 vom 18.2.2005) auf den Internetseiten der Stadt Frankfurt unter
http://www.stvv.frankfurt.de/ PARLISLINK/DDW?W=DOK_NAME=’M_32_2005

Der 100-seitige Ergebnisbericht ist als PDF-Datei (41 MB) zu finden unter der Adresse
http://www.stvv.frankfurt.de/ parlisobj/M_32_2005_AN1.pdf
Nähere Informationen zum Runden Tisch Radverkehr gibt es auf derInternetseite
http://www.rundertisch-radver kehr-frankfurt.de/

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