Hauptwache - Für Autos gesperrt, für Fahrräder Schritttempo

Nein, man kann nicht behaupten, dass der Radverkehr eine Rolle gespielt hätte an diesem historischen Tag. „Nichts fährt mehr“ titelte die Frankfurter Rundschau am Tag der Sperrung der Hauptwache für den Autoverkehr. Zwei Tage vorher konnte man in der Frankfurter Neuen Presse lesen: „Die Hauptwache wird von Donnerstag an den Fußgängern vorbehalten bleiben“. Noch am 9. Februar hieß es dort allerdings: „Mit der Sperre kommt das Chaos“.  
Nun ja, ganz so schlimm ist es nun doch nicht gekommen, aber es dauerte immerhin zwei Tage, bis der Leser der Frankfurter Rundschau nach der Sperrung wenigstens in einer Bildunterschrift erfuhr: „Wer Fahrrad fährt, ist klar im Vorteil“. Auch den Verlautbarungen der Stadt und den zahlreichen Interviews des Verkehrsdezernenten Lutz Sikorski (Die Grünen) konnte man keine Information entnehmen, dass die Passage der Hauptwache für den Radverkehr auch in Zukunft erlaubt ist, wenn auch nur noch im Schritttempo.
Das ist nicht wirklich ein Grund zum Feiern, denn mit der Sperrung entfällt die letzte für Fahrradfahrer normal befahrbare Süd-Nord-Verbindung zwischen Opernplatz und Konstablerwache. Wer Wert auf einen separaten Radweg legt, sucht im gesamten Bereich des Anlagenrings vergeblich. Nur in der Gegenrichtung, von Nord nach Süd, gibt es derzeit noch eine mit normalem Tempo befahrbare Passage am Goetheplatz.
Diese Entwicklung hatte sich schon seit einigen Jahren abgezeichnet. Nicht ohne Grund hatte der ADFC 2001 gefordert (Was nun? – Was tun! ADFC Frankfurt aktuell 4/2001):

„Zeil / Innenstadt

Vorlage einer mit den geplanten Änderungen der Verkehrsführung abgestimmten Gesamtkonzeption für den Radverkehr innerhalb des Anlagenrings auf der Basis der Radverkehrskonzeption Ffm vor der Entscheidung über die Sperrung der Hauptwache.

Erarbeitung eines Gestaltungskonzepts zur Berücksichtigung von Fahrradrouten in Fußgängerbereichen (Hauptwache / Goetheplatz / Steinweg, Schillerstraße, Konstablerwache / Ostzeil)“

In Heft 5/2001 konnte man unter dem Titel „Alte Fehler vermeiden – neue Chancen nutzen“ unter anderem lesen:

„Seit Jahrzehnten gibt es in Frankfurt vor allem ein Rezept, wenn die Automobilität der Urbanität keine Chance lässt: man richtet eine Fußgängerzone ein. So reiht sich mittlerweile in der Innenstadt ein Fußgängerbereich an den anderen. Dass die Aufenthaltsqualität dieser Flächen mit ihrem Umsatzvolumen dabei nicht immer Schritt halten kann, gehört zu den Standardklagen der Frankfurtkritiker. Nun schickt sich die Politik an, mit der Sperrung der Hauptwache für den Autoverkehr ein weiteres Kapitel dieser langen Geschichte zu schreiben. Einmal mehr droht die Gefahr, dass bei den unter vielerlei Druck stehenden Verhandlungen ... Entscheidungen fallen ..., deren Folgen mangels ausreichender Beurteilungsgrundlagen nach dem „kaiserlichen“ Motto bewältigt werden: Schaunmermal! Die Interessen der Radfahrer/ innen drohen in diesem komplizierten Interessengeflecht als störende „Randfragen“ untergepflügt zu werden.“

Der ADFC hatte damals die Stadtverordneten aufgefordert, eine Sperrung der Hauptwache erst zu beschließen, wenn klar sei, wo die verdrängten Automassen abbleiben würden und welche Folgen die gravierenden Veränderungen der innerstädtischen Autoströme für den Radverkehr hätten. Das betrifft vor allem die Fahrradstraße Töngesgasse/Bleidenstraße, die sogenannte Zeil-Umfahrung, aber auch auf den Bereich nördlich der Zeil.

Die Grünen hatten die Forderungen des ADFC zur Führung des Radverkehrs im Bereich der Innenstadt damals in einem Antrag aufgegriffen: Betreff: Ein modernes Verkehrskonzept für die Innenstadt (NR 246 vom 17.9.2001)

Der Antrag stand über ein halbes Jahr auf der Tagesordnung, wurde immer wieder zurückgestellt und dann überraschend zurückgezogen. Klar erkennbare Führungen für den Radverkehr waren im Bereich der Fußgängerzonen nicht erwünscht. Daran hat sich bis heute nichts geändert, obwohl immerhin vier Fahrradrouten die Fußgängerzonen im Bereich der Innenstadt an verschiedenen Stellen durchqueren.
Die Führung des Radverkehrs durch die Fußgängerzonen ist ohne Alternative. Dabei geht es weniger um den Radverkehr in Ost-West-Richtung. Für diesen stehen mit den Fahrradstraßen Goethestraße und Töngesgasse zumindest auf Teilen der Route akzeptable Parallelstrecken zur Verfügung. Das gilt auch für die nördliche Zeil-Umfahrung, deren klassische Radwege im Verlauf der Stiftstraße / Stephanstraße / Schäfergasse allerdings nicht mehr den heutigen Anforderungen an moderne Radverkehrsanlagen entsprechen. Das eigentliche Problem sind die Querungen der Zeil an der Konstablerwache, am Brockhausbrunnen und nun eben auch an der Hauptwache.

Ärgerlich ist gar nicht so sehr das Schritttempo. Das lässt sich auf den kurzen Querungsstellen ganz gut ertragen. Es sind vor allem die baulichen Bedingungen, die immer wieder für Verdruss sorgen und die die notwendige Rücksichtnahme beim Queren der Passantenströme nicht gerade erleichtern. Das gilt für die Situation am Brockhausbrunnen, das gilt aber vor allem für die Querung der Konstablerwache im Zuge der beiden dort verlaufenden Fahrradrouten zwischen Fahrgasse und Großer Friedberger Straße. bzw. der Ostzeil. Man darf gespannt sein, ob die laufende Umgestaltung der Zeil hier zu Verbesserungen führt. Und das gilt nun in besonderem Maße auch für die Hauptwache.

Abweichend von den mit dem ADFC abgestimmten Vorplanungen wurde am Übergang von der Großen Eschenheimer Straße in die Biebergasse in den letzten Tagen eine Situation geschaffen, die der Karrikatur auf der Titelseite in der Realität schon ziemlich nahe kommt, wenn auch anders, als von unserem Zeichner Michael Samstag zu Papier gebracht. Im Bemühen, die Autofahrer von einer Durchfahrt zum Goetheplatz über die Biebergasse abzuschrecken, wurde eine Torsituation geschaffen mit einer schmalen Fahrbahn, die von den seitlichen Stellplätzen für Motorräder und Fahrräder durch Poller abgeteilt ist. Für die Fußgänger wurde zwischen Zeil und Biebergasse ein breiter Zebrastreifen angelegt. Wenn nun doch ein Auto von der Großen Eschenheimer Straße in die Biebergasse gelangen will, kann es schon mal vorkommen, dass es eine ganze Weile dauert, bis es den Strom der Passanten queren kann. In dieser Zeit ist die schmale Fahrgasse dann aber blockiert und auch für die Radfahrer in der Gegenrichtung kein Durchkommen. Da sich die Autofahrer gewohnheitsmäßig in der Mitte einordnen, bleibt weder rechts noch links von den stehenden Autos genug Platz, um vorbei zu fahren (s. Foto).
Die Schwierigkeiten sind aber keineswegs auf die eigentliche Fußgängerzone beschränkt. Wer die Situation in den Zufahrten auf die Zeil in der Stiftstraße und der Hasengasse kennt, kann sich unschwer vorstellen, wie sich das bunte Treiben der Lieferanten, Taxifahrer und „Kurzparker“ alsbald auch nördlich und südlich des gesperrten Abschnitts der Hauptwache in der Großen Eschenheimer Straße und Am Rossmarkt entfalten wird. Einen ersten Vorgeschmack liefert seit Monaten die entgegen den ursprünglichen Plänen zwischen Rossmarkt und Hauptwache eingerichtete Ladezone. Eigentlich soll hier der Radverkehr zukünftig in beiden Richtungen auf der Fahrbahn abgewickelt werden. Wahrscheinlicher ist, dass die Autos das Regiment im Schatten der Katharinenkirche vollends übernehmen und die Radfahrer in die angrenzende Fußgängerzone verdrängen. Spannend auch die Frage, wie lange es dauern wird, bis die neumarkierten Radstreifen in der Großen Eschenheimer Straße zu Ladezonen umfunktioniert sein werden. Der allabendliche Andrang wartender Autos auf dem Radfahrstreifen vor dem Kaufhof ist aus der Zeit vor der Großbaustelle noch in Erinnerung.

Hochproblematisch ist derzeit auch die Situation in der Bleidenstraße und Töngesgasse. Die Fahrradstraße war zur Zeit meiner Ortsbesichtigung eine Woche nach der Sperrung (Freitag gegen Mittag) dermaßen zugestaut, dass zeitweise nicht einmal mit dem Fahrrad ein Durchkommen war. Genau vor dieser absehbaren Folge hatte der ADFC immer gewarnt. Zwar ist die Lage dort durch Falschparker und entladende LKW zu bestimmten Zeiten schon immer schwierig gewesen, aber derzeit ist das eher die Karikatur einer Fahrradroute. Das ist um so ärgerlicher, als mit der Markierung der blau/weißen Piktogramme im letzten Herbst gerade erst eine deutliche Verbesserung eingetreten war. Ärgerlich auch, dass zwar in der fast leeren Großen Eschenheimer Straße allein am Kaufhof gleich vier Vertreter der Stadtpolizei zugegen waren, in der chaotischen Situation in der Fahrradstraße aber kein einziger zu sehen war, der wenigstens die in zweiter Reihe gleich rudelweise auf freiwerdende Parkplätze wartenden Autofahrer in der Bleidenstraße zum Weiterfahren hätte auffordern können. Hier muss dringend sofort etwas geschehen. Es wäre fatal, wenn die in den letzten Monaten erreichten Fortschritte in der Akzeptanz der Zeil-Umfahrung sowohl bei Rad- als auch Autofahrern wieder verloren gingen.

Ich verkenne keinesfalls die zahlreichen Zwänge, denen die widerstreitenden Interessen in der engen Innenstadt unterliegen. Die Debatte um Shared-Space-Konzepte mag da für die Gestaltung der angrenzenden Straßen in Zukunft neue Möglichkeiten eröffnen.

Ich will mit diesen Ausführungen auch wahrlich niemand abschrecken, sich mit dem Fahrrad ins Getümmel rund um die Frankfurter Konsummeile zu stürzen, denn alle Alternativen machen eher weniger Freude, weder den Beteiligten, noch der Umwelt.
Eines aber sollte klar sein: Mit jeder Ausweitung der Fußgängerzonen steigt der Zwang, sie auch mit dem Fahrrad zu befahren. Und mit jeder Verschlechterung der Situation auf der Umfahrung steigt die Zahl derer, die statt der Fahrradstraße die Zeil benutzen. Das ist Wasser auf die Mühlen derer, die immer mal wieder versuchen, die Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern anzuheizen.
Das ist jedenfalls die Meinung von

Text und Fotos: Fritz Biel

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