Bausatz Do-it-yourself
An der TH Ostwestfalen-Lippe werden Transporträder aus Holz gebaut
Auf der EuroBike kann man viel entdecken. Die aufgebrezeltsten und hochtechnisiertesten Fahrräder sind ausgestellt, viele Länder sind dabei und zeigen ihre Hochleistungs-hippen-Superräder. Das Angebot ist für uns Normalradler:innen nicht wirklich zu erfassen, aber kaum zu übersehen ist das völlig anders gestaltete E-Lastenfahrrad aus Holz der Technischen Hochschule Ost-Westfalen-Lippe.
Als Ehrenamtliche den Stand des ADFC auf der EuroBike mit zu betreuen macht Spaß, und man findet auch Zeit, eine Runde durch die Ausstellungshalle zu drehen. Dabei macht man die erstaunlichsten Entdeckungen.
Dieses Jahr fiel ein etwas außergewöhnliches Elektro-Lastenbike ins Auge, das sich von vielen anderen Ausstellungsstücken abhob, und das nicht nur wegen seines Aussehens. Professor Dr. Adrian Riegel (selbst begeisterter Radfahrer) hat es zusammen mit seinen Studenten konzipiert. Obwohl ziemlich sperrig, hat er es mit der Bahn bis nach Frankfurt geschafft. Von der Technischen Hochschule Ost-Westfalen-Lippe in Lemgo gestartet, ist es zwar eine lange Anreise, aber der Welt ein innovatives Fahrradprojekt zu zeigen, das nachhaltige Mobilität mit moderner Technik verbindet, ist Antrieb genug.
Da auf der Messe die Zeit für umfassende Erläuterungen zur Faktenlage nicht ausreichte und die Schreiberin dieses Textes gute Kontakte nach Lemgo hat, wurde schnell klar: Das muss vor Ort genauer unter die Lupe genommen werden.
Als erstes fällt auf, dass der Uni-Campus für eine Kleinstadt wie Lemgo bemerkenswert groß und weitläufig ist, mit äußerst vielen schicken, neuen Gebäuden, und insgesamt sehr modernistisch wirkt. Viele Studiengänge werden angeboten, unter anderem der Studiengang Produktions- und Holztechnik. Kaum zu glauben, dass gerade im Fachbereich Holztechnik Fahrräder entworfen werden. Aber Professor Adrian Riegel ist immer auf der Suche nach neuen und fortschrittlichen Projekten für seine Studenten und Studentinnen. So kam er über Umwege auf die Idee, sich mit der Konstruktion und dem Bau von Lastenfahrrädern aus Holz zu beschäftigen. Nach einigen Experimenten wurde daraus eine größere Sache. Schnell war klar, dass hier die Form strikt der Funktion folgen soll. Dass mit den so hergestellten Rädern der im Möbelbau begehrte „Preis der guten Form“ nicht gewonnen werden kann, war schnell klar. Auch gibt es schon genug teure und schicke Räder, auch Lastenräder aus Holz, so Adrian Riegel.
Deshalb wird der Ansatz, im niedrigen Low-Cost-Sektor einzusteigen, verfolgt. Ein E-Lastenrad aus Holz, das im Do-it-yourself-Verfahren zusammengebaut werden kann, dabei günstig, nachhaltig, klimafreundlich und mit moderner Technik ausgestattet ist, dazu vom Gewicht her super leicht. Das alles und noch viel mehr sollte in die Entwicklung des innovativen Vorhabens einfließen. Inzwischen ist das Projekt realisiert und für zehn Studierende ausgelegt, insgesamt acht unterschiedliche Modelle sind mit der Zeit entstanden.
Räder und Rahmen sind Upcycling und tragen so zum Ressourcenschutz bei und damit auch zum Natur- und Umweltschutz. Verwendung finden zum Beispiel einfach zu beschaffende gebrauchte 26-Zoll-Räder von Mountainbikes, dazu Sperrholz, Fichte und andere Holzmaterialien. Um die erhöhten Anforderungen an die Bremsleistung zu gewährleisten, werden diese dann mit hydraulischen Felgenbremsen nachgerüstet.
In der Werkshalle des Fachbereichs Holztechnik zeigen die Studenten (Studentinnen sind nicht dabei und eher unterrepräsentiert) die unterschiedlichen Prototypen. Verschiedene Bauarten von LongJohn-Rädern, E-Trike und E-Trailer werden vorgeführt, alles Konstruktionen, die mit mehr oder weniger handwerklichem Geschick eigenständig zuhause nachgebaut werden können. Vorteilhaft ist dabei der Zugang zu einer Holzwerkstatt (sägen, fräsen, bohren, biegen, kleben) oder einem entsprechend ausgerüsteten Makersspace.
Unter Berücksichtigung der Anforderungen hinsichtlich Nutzgewicht und Abmessungen werden umfangreiche Berechnungen erstellt, dann daraus 3D-CAE-Modelle entwickelt und abschließend detaillierte Konstruktionszeichnungen erstellt. Einer der Clous dieser Entwicklung ist dabei die selbsttragende Holzkonstruktion.
Nach der Fertigung in der Holzwerkstatt erfolgen professionelle Belastungstests zur Prüfung der Praxistauglichkeit der Konstruktion nach der Europäischer Norm für Lastenräder. Im sogenannten „Affenkäfig“ wird zum Beispiel genauestens die Belastbarkeit und Stabilität von Verbindungsstücken getestet, bis zu 100.000 Zyklen sind für die Erfüllung der EU-Norm 79010 notwendig.
Obwohl alles optimal berechnet und ausgelegt und getestet „safe“ ist, werden die Bauteile nicht kommerziell oder im Lizenzbau vertrieben. „Dann wäre man in der Haftung“, so Adrian Riegel. Die Verantwortung bleibt damit beim kreativen „Bastler“. Die Open Source Plattform des Fachbereichs ist frei zugänglich und für jeden nutzbar. Die Bauanleitungen für die Selbstbausätze sind dabei so genau wie nötig, d. h. sehr detailliert für Anfänger, aber für Profibastler genau richtig.
Immer wieder kommen Anfragen für Selbstbau-Projekte in Schulen und sozialen Werkstätten. Deshalb ist inzwischen auch ein Design mit weniger komplizierten Fertigungsverfahren verfügbar. „Es muss nur noch an zwei Stellen geschweißt werden“, erläutert Adrian Riegel. Nun laufen Tests mit einer besonderen Technik, bei der die Holzteile mittels gewickelten Fasern mit dem Metallrahmen verbunden werden. Dafür werden Lein- oder Flachsfasern in Epoxidharz getränkt und fest um die zu verbindenden Teile gewickelt. Nach dem Trocknen und Aushärten hält das bombenfest. Für die noch zu beschaffenden Anbauteile gilt die Regel: einfach und kostengünstig. Da dürfen es auch mal Rückspiegel von Aldi sein.
Die Studenten konstruieren gerade ein Lasten-Trike mit einer Kiste am Hinterrad. Zukünftig auch verschließbar, ansonsten für den Transport von Handwerkerequipment gedacht. Das ganze mit Antrieb, der Anhänger schiebt das Fahrrad, Auflaufbremse inklusive. „Es fährt sehr schön“, so Adrian Riegel. Eine Haube als Abdeckung ist darüber hinaus geplant. Außerdem ist angedacht, als Masterstudienprojekt eine Produktionsanlage dafür zu konstruieren. „Nach dem Motto: Wir wollen das in Großserien herstellen“. Es bleibt also spannend in Ostwestfalen! Auch in Zukunft werden Professor Adrian Riegel innovative, klimafreundliche, ressourcenschonende und eigenwillige Ideen für seine Studenten, und vielleicht für die ein oder andere Studentin, garantiert nicht ausgehen.
Informationen und Bauanleitungen zu allen Fahrrad-Modellen:
www.th-owl.de/produktion/fachbereich/labore/lastenrad/
Informationen zum Studium: th-owl.de
Studienort: TH OWL/Lemgo
Studiengang: Holztechnik/Produktion- und Holztechnik
Abschlüsse: Bachelor/Master














