Ausgabe 1/1999   Jan. / Feb.


Am Otzberg vorbei nach Dubrovnik

... aber der Weg blieb das Ziel.

 

Text von Wulfhard, angereichert mit kursiven Bemerkungen von Rainer.

kroatien.jpgEnde August '98 starteten wir eine "ökologisch korrekte" Fernreise, obwohl diesbezügliche Steuern noch gar nicht erhoben wurden. Die Wahl war ja erst später.

Erstmal zum Otzberg, die Richtung stimmte, dann immer geradeaus. Wulfhard hatte allen Ernstes einen 220V-Rasierapparat mitgenommen, wohl als Argument fürs Warmduschen auf Campingplätzen. Daraus wurde wenig, wir logierten in Mutter Naturs 1000-Sterne-Hotel, das keine Steckdose zu bieten hatte, leider auch nur kalte Duschen aus der Trinkflasche. Die Bärte sprießten.

Weiter über Süddeutschland und Austri-Land, das uns an einem 16%-Gefälle mit einem "Radfahren verboten"-Schild begrüßte - ein prima Angebot für den Transitverkehr.

Nach der zuchthäuslermäßigen Maloche bei der Erklimmung des Wurzenpasses (18%) kamen wir halbfit in Slowenien an. Dort waren die Alpensteigungen zwar noch nicht zu Ende, aber die liebliche Landschaft und die kurvigen Downhills entschädigten für einige Strapazen.

In diesem Land wurden wir auch das einzige Mal nachts betreffend unserer Wildkampiererei besucht. Die Freunde und Helfer leuchteten mit der Taschenlampe in Wulfhards Zelt meins sah wohl zu futuristisch aus, Eingang nicht gefunden. Wulf managte die Situation sozusagen mit links, dank perfekter Englischkenntnisse. "Wie are tuh bikers fram Germany ... haf not found a camping-place ... wie are totally reddy wis our body and our ghost ..." Und um ökologischen Bedenken vorzubeugen, "wie don't make waist". Angesichts der glänzenden Rhetorik blieb den sprachlosen Ordnungshütern nur noch übrig, uns eine gute Nacht zu wünschen.

Mit der Staatsmacht kamen wir dann ein paar Tage später noch mal in Kontakt; diesmal mit der kroatischen. Als gestandene Weicheier sahen wir uns nämlich außerstande, einen Umweg von etwa 60 km zur Überschreitung der slowenisch-kroatischen Grenze an einem offiziellen Übergang auf uns zu nehmen. Die von uns gewählte Abkürzung entpuppte sich als geschotterter "Schmugglerpfad", an der Grenzlinie mit einem Verbotsschild für Fußgänger ausstaffiert. Da keines für Radfahrer vorhanden war, überquerten wir die Grenze guten Gewissens.

Im ersten kroatischen Dorf gerieten wir in einen Checkpoint der Grenzpolizei. Der Boss kassierte unsere Pässe und verbrachte dann eine halbe Stunde mit Telefonieren. Zwei jüngere Uniformierte filzten derweil unser Gepäck. Am Anfang war die Stimmung etwas gespannt; aber nachdem bei der Untersuchung ein (von Wulf sehr indiskret verpacktes) pornographisches Druckerzeugnis kroatischen Ursprungs zu Tage kam, lockerte sie sich merklich. Für die Grenzer wurden aus den exotischen radfahrenden Grenzverletzern dadurch plötzlich gewöhnliche Menschen wie du und ich. Sie beschenkten uns mit einer deutschen "Wochenend", und nachdem die Bosse fertig telefoniert hatten, durften wir weiterfahren.

Wir durchquerten die Halbinsel Istrien, an deren Westküste schon wieder Remmidemmi-Tourismus tobt wie vor dem Krieg, zum ersten Sprung ins Meer. über die Inseln Cres, Krk und Rab (steile Anstiege bis über 500 m) hüpften wir zurück aufs Festland. Auf der langen Küstenstraße ging es weiter Richtung Süden, über Zadar und Split. Prima zu fahren, mit schwachen, aber zähen Steigungen zwischen 5 und 250 m überm Meer.

Wenn mittags die Sonne zu sehr brannte, betätigten wir uns vorübergehend als Badetouristen und aalten uns an der schönen blauen Adria. Zum Ausgleich kam auch hin und wieder ein ergiebiger Landregen es gibt nicht Schöneres, als bei strömendem Regen mit der Taschenlampe einen Übernachtungsplatz zu suchen und das Zelt aufzubauen. Sagt Wulf, der in vier Wochen nur einmal naß geworden ist! Trotzdem fanden wir meistens gute Plätze, die besten unter Pinien mit exklusivem Meerblick.

Kurz vor Dubrovnik machten wir einen Abstecher nach Mostar, Hauptstadt Herzegowinas. Die Landschaft auf dem Weg dahin war deprimierend. Die Region, psychisch und materiell am Boden, ist gespickt mit niedergebrannten moslemischen Siedlungen neben propagandistisch aufgezogenen kroatischen Neubaugebieten aus der Retorte. Zuerst wird der Fahnenmast aufgebaut und die Flagge gehißt, dann kommen die Häuser.

vorher.jpgDie zerschossene Altstadt von Mostar besteht aus einem kroatischen und moslemischen Teil, getrennt durch die Neretva. Die historische Brücke dazwischen wurde zerstört; eine breite Behelfsbrücke darf nur zu Fuß überquert werden. Die jetzige Normalisierung scheint sich in dem Umstand zu erschöpfen, daß sich die beiden Bevölkerungsgruppen vorläufig am Leben lassen. Jedenfalls so lange die SFOR präsent bleibt. Mit sehr gemischten Gefühlen fuhren wir weiter und waren froh, das Irrenhaus hinter uns zu lassen.

nachher.jpgDie Tour endete in Dubrovnik, das auch der städtebauliche Höhepunkt der Reise war. So eine Altstadt sollte jeder mal gesehen haben, vor allem in der Abenddämmerung. Lange vor der Ankunft in Dubrovnik begannen wir verwilderten Gestalten von einem Friseurbesuch zu phantasieren, mit traditionellem Rasiermesser. Der Traum ging in Erfüllung, danach waren wir wie neu. Wulfhard entpuppte sich als zivilisierter, schneidiger junger Mann, Marke Schwiegermutters Traum. Er paßte prima ins Dubrovniker Straßenbild, es fehlte bloß noch die kroatische Offiziersuniform.

Zurück ging's mit der Fähre nach Rijeka und weiter mit der Bahn, die uns zumutete, noch mal über den Wurzenpaß zu radeln. Eine Beschreibung der sattsam bekannten Probleme des grenzüberschreitenden Fahrradtransports schenken wir uns.

Fazit:

Die kroatische Küste ist eine gute Gegend für gemütliche bis sportliche Urlaubstouren. Der internationale Tourismus hat stark abgenommen. Auf der Küstenstraße tummelt sich weniger (Urlaubs-)Verkehr als vor 20 Jahren, es wird disziplinierter gefahren, und das Meer scheint sauberer geworden zu sein. Obwohl einige Restaurants, Hotels und Campingplätze geschlossen haben, verbleibt eine gute touristische Infrastruktur. Wer sich allerdings ins Landesinnere wagt, muß mit heftigen, schattenlosen Steigungen auf teilweise schlechten Straßen rechnen im Sommer kaum zu empfehlen. Optimale Reisezeiten scheinen Mai/Juni und September/Oktober zu sein.

Am besten gefallen hat uns das Mini-Alpenland Slowenien, das neben einer abwechslungsreichen Landschaft zwischen Gebirge und Flachland relativ gute Straßen bietet, auf denen wenige Autos umsichtig bewegt werden.

Wir überlegen uns, dort dieses Jahr im Juni eine einwöchige Tour anzubieten, Anreise mit der Bahn, Camping (Natur oder/und reguläre Zeltplätze), maximal ein Höhenkilometer pro Tag (oder doch etwas mehr??). Machen wir aber nur, wenn sich baldigst ein paar ernsthafte Interessenten melden:

Telefon 41 30 85 oder Email: raimai@t-online.de

Wulfhard Bäumlein und Rainer Mai

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