Ausgabe 4/1999   Jul. / Aug.


"Arbeit" ohne Bodenberührung

Der Bericht über die ehemalige Fahrradfabrik "Frischauf" in Offenbach (ffa 3/99) erinnert mich daran, daß mein bald 90jähriger Nachbar in seiner Jugend Mitglied der "Solidarität" war. "Der Theo Sennlaub ist in den zwanziger Jahren ein toller Kunstradfahrer gewesen", hieß es. Vielleicht gibt's da ja noch ein paar Fotos und Geschichten, Geschichte von unten, aus der Sicht des ehemaligen Aktiven.


Kunst-Reigen-Truppe Frankfurt a. M., Sektion Bornheim, Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität". So steht es auf einer vergilbten Postkarte, auf der die Mitglieder des Vereins für den Fotografen posieren: In akrobatischen Stellungen, auf "Saalmaschinen" von "Frischauf". Aufgenommen im Hof der Linnéschule in Frankfurt-Bornheim, in deren Turnhalle die Kunst-Reigen-Truppe trainierte und wo in einem separaten Raum die wertvollen Räder untergebracht waren. Die Rahmenrohre sauber verpackt in Stoffmanschetten, um eine Beschädigung der verchromten Saalmaschinen zu vermeiden und sie auf Reisen zu den Auftritten zu schützen.
    Blinkende Chromreflexe im Saallicht, Sprünge und Pyramiden auf dem Rad, 15 (!) Minuten "Action" mit drei Leuten auf einer Maschine, ohne auch nur einmal mit dem Fuß den Boden zu berühren - zirkusreife Akrobatik.
    Wie kam man zur "Solidarität?" Für den Schüler der Linnéschule entstand der Kontakt über die in der Turnhalle trainierenden Kunstfahrer. Technik, Akrobatik und Ausdauer: Der Sport war attraktiv. Werbeaktionen auf der Hauptwache stellten die Sportler vor großem Publikum vor, Meisterschaften auf nationaler Ebene sorgten für Berühmtheit.
    Training immer dienstags und freitags, am Wochenende dann oft Auftritte in den Festsälen der näheren Umgebung. "Show-Einlage" würde man heute sagen, wenn die Radkünstler im Programm eines Schützenfestes oder einer Kerb angekündigt wurden. Die Anreise wird bezahlt vom Veranstalter, dazu Gage für den Auftritt, und, als zusätzliche Einnahmequelle (in einer Zeit, in der Kameras noch nicht in jedem Haushalt vorhanden waren und Erinnerungsfotos Seltenheitswert hatten), der Verkauf der Werbe-Postkarten an die Besucher. So ließ sich das Hobby finanzieren, denn auch die günstigen "Frischauf"-Räder mußten vom Verein bezahlt werden. Dazu ein paar Mark Taschengeld für die Akrobaten und die (auch damals nicht ganz billigen) Reisen zu den sportlichen Wettbewerben.
    Die nächste "Frischauf"-Filiale in der Höhenstraße sorgte für Reparatur und Pflege der Räder. Dort ließ man sich auch ein Straßenrad anpassen, mit extra kleinem Rahmen für den kurzen, leichtgewichtigen Akrobaten (der aber durchaus in der Lage war, während der Vorführung 3,5 Zentner auf seinen Schultern zu tragen). Damit konnten an den freien Wochenenden Touren zur Verwandtschaft nach Heidelberg oder Wetzlar unternommen werden.
    Überhaupt das Reisen: In einer Zeit, als die billige Flugpauschalreise noch nicht erfunden war und der Begriff Autobahn noch nicht zum deutschen Wortschatz gehörte, boten Vereine wie die "Solidarität" die Möglichkeit, mal über die Grenzen der Heimatstadt hinauszukommen. Dabei führten die "Show"-Auftritte und das Tingeln über die Dörfer nur in die nähere Umgebung. Weiter weg kamen die Akrobaten der Kunst-Reigen-Truppe vor allem als Sportler. Regionale Wettbewerbe und nationale Meisterschaften (mit Schiedsrichterloge und Punktesystem ähnlich dem Eiskunstlauf) brachten den Bornheimern große Erfolge. Bezirksmeister, Gaumeister, Gau-Bundmeister, Bundesmeister - Endausscheidung in Berlin - man kam herum im Deutschen Reich. Wettbewerbe in Halle, in Leipzig, in Nürnberg - für Menschen, die ansonsten bestenfalls zu Familienfesten, zur Verwandschaft reisen konnten, bot sich über die Mitarbeit im Sportverein, in einer großen Organisation wie der Solidarität, eine attraktive Möglichkeit, die (nationale) Welt kennenzulernen (Berlin! Da gab's schon Rolltreppen! Welcher Frankfurter hatte so etwas schon mal gesehen?!). Und durch die Arbeiterolympiade 1931 in Wien kam man sogar ins Ausland. Aber da ging es nur noch halbherzig hin, das Berufsleben wurde wichtiger, man brauchte Geld, man sparte für neue Ziele, große Träume: endlich auch zu den (wenigen) Bornheimer Motorradbesitzern zu gehören.

(ps)

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