Ausgabe 4/1999   Jul. / Aug.


Pfalz - Elsass - Kaiserstuhl

Wo die guten Tropfen wachsen

"Um acht Uhr morgens am Bahnhof sein. Und das am Feiertag, wenn ich endlich einmal ausschlafen könnte. Außerdem hat mein Fahrrad nur sieben Gänge. Soll ich mir das zumuten? Schließlich ist das Elsass alles andere als ein Flachland" - Ich mutete es mir zu. Der von Natur und Bewegung entwöhnte Stadtmensch will auch mal sportliche Höhepunkte erleben und seinen Körper spüren. In Bezug auf die körperliche Selbsterfahrung kam ich dann bei der viertägigen Tour voll auf meine Kosten.

Die Zugfahrt bis Gernsheim, wo wir per Fähre über den Rhein setzten, war gemütlich. Man döste vor sich hin, schraubte nochmal an seinem Fahrrad, erzählte sich Anekdoten von anderen "Gute-Tropfen-Touren", denn die von Bertram Giebeler und Anne Wehr organisierte Tour über Christi Himmelfahrt gehört schon zum Standardprogramm des ADFC Frankfurt.
Weinstraße. "Wenn die immer so langsam fahren, wird das ja langweilig", dachte ich nach den ersten Kilometern, der ersten Etappe, die mit 95 Kilometern zu der längsten der insgesamt viertägigen Tour gehörte. Die erste Steigung wurde noch angekündigt, sie war locker zu schaffen, doch beim Blick nach rechts auf den Höhenzug des Pfälzer Waldes war mir klar: Das wird so nicht bleiben. Die Fahrt ging gemächlich weiter an der pfälzischen Weinstraße bis nach St. Johann. Und dort kam, wie versprochen, das "dicke Ende", es ging rund zwei Kilometer mal mehr mal weniger steil einen Waldweg hoch bis zum Naturfreundehaus, das wunderschön gelegen mitten im Pfälzer Wald unsere erste Übernachtungsstation war. Nur ein paar "Cracks" schafften die Steigungen, ohne abzusteigen. Der Blick von der Terrasse des Naturfreundehauses in die Rheinebene und das erste Glas Wein versöhnten alle mit der Strapaze zum Tagesende.
    Der zweite Tag begann mit einer wunderbaren Abfahrt. Der Marktplatz von Annweiler war nach wenigen Kilometern erreicht, es war Zeit, sich dort mit lebensnotwendigen Vitaminen und regionalen Köstlichkeiten zu versorgen und das alte Mühlrad im Gerberviertel zu bewundern. Anschließend ging es langsam, aber stetig ansteigend, durch ein idyllisches Pfälzerwald-Tal in Richtung Frankreich. Für Auge und Seele die reinste Erholung: blühende Wiesen, Bäume, ein kleiner Bach, der sich durch das schmale Tal schlängelt. Auf den letzten Kilometern war die Aufmerksamkeit dann aber fast vollständig darauf gerichtet, den kontinuierlichen Aufstieg bis zum Landgasthof nahe der Burg Fleckenstein zu schaffen. Dort war Mittagspause angesagt. Der erste Weinkühler, der auf dem Tisch landete, machte unmißverständlich klar, daß es sich bei der Tour auch um eine kulturelle Reise handelte, die mit den örtlichen Weinen vertraut machen sollte. Die Ruine Fleckenstein, auf einem schmalen Sandsteinriff gelegen, bot darüber hinaus einen guten Einblick in die Wehrarchitektur der Stauferzeit.
    Solchermaßen von Kultur und Kulinarischem verwöhnt, begann die zweite Etappe des Tages mit einer schönen Abfahrt ins Steinbachtal. Ein Regenguß brachte Abwechslung in die gemächliche Fahrt durch kleine Dörfer, in denen man gerne mehr Zeit verbracht hätte. Auch beim zweiten Tag hatten sich Bertram und Anne einen kleinen, aber steilen Höhepunkt für das Ende der rund 60 km langen Etappe aufbewahrt. Beim kurzen Anstieg zum wunderschön gelegenen Hotel zog ich es vor, mein Fahrrad und mich zu schonen und schob. Die abendliche Besichtigung der zwei Burgen, rechts und links des Hotels auf felsigen Anhöhen gelegen, gewährte uns einen Blick in die von der Abendsonne beleuchteten Nordvogesen. Kletterer mühten sich an den Sandsteinfelsen ab, während wir uns auf den Flammekuchen und den Wein freuten.
    Am dritten Tag waren die "Höhepunkte" der Etappe einigermaßen gleichmäßig über den Tag verteilt. Auf schönen Abfahrten konnte man sich von den Strapazen des Aufstiegs erholen. Pausen in kleinen Städtchen, mit Hinweisen auf kulinarisch bedeutende Örtlichkeiten, zeigten: Bertram und Anne verstehen nicht nur etwas von Organisation, sondern auch von Motivation. Bei Rhabarberkuchen, frischem Baguette und Käse verblasste der schwierigste Anstieg schnell zur Anekdote. Weite Ausblicke ins Rheintal und der Sonnenschein taten das Übrige. Nach 85 Kilometern erreichten wir Molsheim, etwas genervt von der "Route Nationale", die auf den letzten Kilometern befahren werden musste. Füsse hochlegen, Duschen und ein Spaziergang in der schönen alten Stadt beendeten den Tag. Und natürlich die obligatorische sinnliche Erfahrung der Eß- und Trinkkultur.
    Der letzte Tag verlief in der beruhigenden, aber auch langweiligen Gewißheit, daß es im wesentlichen bergab geht. Über die Elsässische Weinstraße bis hinab nach Selestat und weiter ins Rheintal nach Freiburg. Zurück in der Ebene, die sich vor uns öffnete, stellte sich das Gefühl ein, etwas sehr Schönes verlassen zu haben. Die Höhen und Tiefen der Landschaft haben eben ihren Preis, wenn man sich ihnen auf dem Fahrrad nähert, aber auch ihren Reiz. Die Sonnenstrahlen auf der Dreisam, an deren Ufer wir bis Freiburg radelten, waren nur ein schwacher Trost für das, was hinter uns lag.

Elisabeth Kapell

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