Ausgabe 4/1999   Jul. / Aug.


Call a Bike oder Rufer in der Wüste

Am 9.5.99 war der FAZ zu entnehmen, daß die Münchener "Call a Bike Mobilitätssysteme AG" für das Jahr 2000 oder 2001 plant, ihr Projekt "Callbikes" auf Frankfurt zu übertragen. Auch der Frankfurter Baudezernent Horst Hemzal (CDU) lobe das Vorhaben als sinnvolle Ergänzung der bereits vorhandenen Nahverkehrssysteme. Die 1992 in der Stadtverordnetenversammlung verabschiedete Radverkehrskonzeption, die nun umgesetzt werde, sorge für die erforderliche Infrastruktur.

Call a Bike will an jeder Telefonzelle in der Innenstadt mehrere Fahrräder bereitstellen. Wer eines benutzen möchte, ruft die Zentrale des Fahrradverleihs an, teilt die Nummer des gewünschten Callbikes und seine persönliche Nummer mit und bekommt einen 4stelligen Code mitgeteilt, mit dem er das elektronische Schloß am Fahrrad öffnet. Bis zu 48 Stunden kann es benutzt werden, Abschließen und Öffnen sind jederzeit möglich. Rückgabe erfolgt durch Anschliessen bei einer Telefonzelle. Eine Stunde kostet 1,50 Euro, wobei man mit ca. 40 % Schwundrädern pro Jahr rechnet. Nachdem der Verfasserin vom FAZ-Redakteur bestätigt wurde, daß es sich bei der Meldung nicht um einen verspäteten Aprilscherz handelt, wünscht sie dem Unternehmen viel Erfolg.
    Wird die patentierte Geschäftsidee eine Marktlücke füllen? Warten die FrankfurterInnen sehnsüchtig auf überall verfügbare Räder? Oder rostet in fast jedem Keller irgendein Velo auf Plattfüßen vor sich hin? Das ist nämlich a) leicht antiquiert, und b) müßte man sich aufraffen, es aus dem Verschlag zu holen. Aber vor dem Haus gibt's keine Abstellanlage, der Weg zum Einkaufsziel führt durch den Großstadtdschungel mit Lärm, Mief und Gefahren. Und vor welchem Ziel in der Stadt fände man eine gute Möglichkeit zum Abstellen? Nicht alle sind so leidensfähig wie eingeschworene ADFC-Mitglieder.
    Den Problemen a) und b) gäbe ein Call a Bike tatsächlich einen Kick, laut homepage (www. callabike.de) soll Abstellen überall möglich sein, und originelles, solides Material angeboten werden. Daher wird im Internet schon mal die Anmeldung zum Aktienkauf empfohlen, die jüngste Emission sei Anfang Juni 1999 mehrfach überzeichnet worden. Na, wenn ich schon kein Rad habe, Wertpapiere von Call a bike sind leichter zu parken, und Abstürze übern Aktien-Lenker kommen nur gelegentlich.
    Wie dem auch sei: wenn die Radverkehrskonzeption von 1992 mit sicherer Verkehrsführung auf Stadtteilebene und übergreifend umgesetzt wäre, wenn Vermieter und Läden ordentliche Abstellanlagen für ihre KundInnen zur Verfügung stellen würden - ja, dann würde mancheR auch sein Rad entstauben und bald Appetit auf ein modernes Bike verspüren, mit dem es eine Lust ist, mobil zu sein. Und vielleicht auch gelegentlich mal für Gäste ein Call a Bike rufen. Bis dahin ist das Statement unseres derzeit für Bau zuständigen CDU-Dezernenten, Herrn Hemzal, immerhin ein vorsichtiger Hinweis, daß auch er sieht: die erforderliche Infrastruktur ist (immerhin!) noch Projekt.

Freya Linder

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