Ausgabe 6/1999   Nov. / Dez.


Von Politikern lernen?

Wie schon im letzten ffa berichtet, fand ein Fahrradprojekt der Albert-Schweitzer-Schule, Peter-Petersen-Schule und der Wöhlerschule, geleitet vom Verein Umweltlernen Ffm, statt. Während der Projektwoche lernten die Schüler aus drei fünften Klassen bei einer Rally rund um ihre Schulen erst einmal wieder die Verkehrszeichen.

Als erstes ging es darum, den Kids begreiflich zu machen, was der Tote Winkel ist. Es wurde ein Auto auf den Schulhof gestellt. Die Kinder stellten sich darum herum auf und hielten Nummern in der Hand. Dann durfte sich jeder mal hinters Steuer setzten und schauen, welche Nummern man erkennen konnte.
    Da das Projekt mit dem Fahrrad auch in die Umgebung der Schulen führen sollte, wurde vor die großen Taten ein Reparaturtag gesetzt, an dem so mancher Schlauch geflickt und andere scheinbar große Probleme gelöst wurden. Dann gab es noch einen Geschicklichkeitsparcours zu bewältigen und endlich konnte es losgehen.
    Die Kids befuhren in Gruppen ihre Schulwege nach Eschersheim, Ginnheim und Berkersheim. Dabei achteten sie streng darauf, ob sich ihnen irgendein Hindernis in den Weg stellte, wo ihre Sicht behindert wurde und wo sich sonst irgendwelche Gefahrenstellen boten.
    Das ganze wurde von Evi Abt vom Verein Umweltlernen mit tollen Fotos dokomentiert, auf denen man eindrucksvoll nicht nur die Gefahrenstellen an sich kennenlernt, sondern oft auch den Kontrast zwischen dem Kind auf dem Fahrrad und dem großen schwarzen LKW, der ein auf dem Radweg fahrendes Kind womöglich übersieht.
    Um das Ganze auch gleich an den zuständigen Mann zu bringen, trafen einige der beteiligten Kinder im Rahmen der Kinderkarawane auf der IAA im September mit Frankfurts Bürgermeister Achim Vandreike zusammen. Auf Einladung des Vereins Umweltlernen war auch der ADFC vor Ort. Auf der Bühne der Kinderkarawane nahmen ungefähr 15 Kinder Herrn Vandreike ins Verhör. Sie bemängelten, dass die meisten Autofahrer an Zebrastreifen nicht anhalten, und forderten vor allem an einem in der Nähe der Peter-Petersen-Schule gelegenen Überweg Kontrollen oder andere Maßnahmen, die Herr Vandreike leider ablehnen mußte, da es der Stadt ja an Geld und Personal fehle.
    Zwei Kinder beschwerten sich, daß auf ihren Schulwegen in der Ahornstraße und der Zuckschwerdtstraße Ampeln vorhanden seien, die eine zu kurze Grünphase haben. Die Kinder könnten die Straßen nicht schnell genug überqueren. Herr Vandreike antwortete darauf, die Kids müssten sich keine Sorgen machen, denn es sei genug Zeit, bis die Autos losfahren dürften. Dass dem nicht so ist, weiß ich aus eigener Erfahrung.
    Weiter monierten die Kinder, an vielen Ampeln müsse man sehr lange warten, bis sie grün zeigen, an einer hatte ein Mädchen sogar fast 5 Minuten gemessen. Ein Junge wollte damit sein Zuspätkommen zur Schule entschuldigen, aber das gab meiner Meinung nach Herrn Vandreike kein Recht, die Kids dermaßen wenig ernst zu nehmen, ja sie einfach unterzubuttern, mit der Behauptung, in Frankfurt sei keine Ampel für Fußgänger länger als 90 Sekunden Rot. Die Erfahrungen der Kids wurden mit einer Armbewegung weggewischt, als wäre überhaupt nichts daran. Immerhin: damit sich Herr Vandreike von der Situation an dieser Ampel selbst überzeugen konnte, wurde auf Initiative der Kinder ein Ortstermin ausgemacht: am Montag nach der Diskussion, vor Schulbeginn.
    Als letztes sprach ein Junge das Problem an, daß er sich nicht traue, auf der Eschersheimer Landstraße die Fahrbahn zu benutzen. Wenn er aber auf dem Bürgersteig fährt, werde er oft von Erwachsenen auf die Straße verwiesen. An diesem Punkt hat Herr Vandreike die Perspektive der Kids noch einmal geprägt, mit der Antwort (und weiten Armbewegungen) " ...Das ist ja auch eine Autostraße und keine Fahrradstraße". Insgesamt war ich von den Aussagen von Bürgermeister Vandreike sehr enttäuscht. Ich habe natürlich nicht erwartet, daß er irgendwelche Versprechen abgeben würde. Zumindest aber hätte er die Kids wesentlich ernster nehmen sollen, denn das war das Mindeste, was auch sie erwarten durften.

Alexandra Schmehl

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