Ausgabe 6/1999   Nov. / Dez.


Radfahrer - eine Stadtplage?

TV-Live-Diskussion im Rahmen der Reihe "Stadtgespräch" in Hessen 3

Es war am 16. September, pünktlich zur IAA. Ganz Bockenheim und Westend waren zugeparkt, auf den Autobahnen staute sich’s bis in die angrenzenden Bundesländer, die Stadt wimmelte von begeisterten Automobilisten. Ausgerechnet da überkam es den Hessischen Rundfunk, ein Live-Streitgespräch mit dem Titel "Radfahrer - eine Stadtplage" aufs Programm zu setzen. Nach längerer Seelenmassage war es Fritz Biel gelungen, daß wenigstens noch ein Fragezeichen dahinter gesetzt wurde. An dem milden Herbstabend hatte der HR die Aufnahmen im Freien vor dem Café Hauptwache arrangiert, Uwe Günzler moderierte. Auf dem Podium saßen Bernd Irrgang, Vorsitzender Bund der Fußgänger, der Verkehrspsychologe Horst Ziegler und last but not least Fritz für den ADFC.

Hauptsächlich ging es um Differenzen, die Leute zu Fuß mit denen zu Rad so haben. Das Auto, eigentlich Hauptproblem beider Verkehrsteilnehmergruppen, stand weniger zur Diskussion. Die Sendung war im HR angekündigt, entsprechende Infos gab es auch übers Internet.
    Falls beim HR die Absicht bestand, die Radfahrer als notorische Verkehrsrüpel an den Pranger zu stellen oder die erreichten Liberalisierungen für Radfahrer in Fußgängerzonen in Zweifel zu ziehen, so wäre die Sendung ein Fehlschlag gewesen. Gewiß, eine vorn vor dem Podium plazierte Pressure-Group versuchte mit erstaunlichen Beinahe- und Unfallgeschichten in diese Richtung Stimmung zu machen. So berichtete eine Fußgängerin, innerhalb von 3 Monaten dreimal von Radfahrern angefahren worden zu sein, die allesamt auch noch Unfallflucht begangen hätten. In das gleiche Horn stießen unisono zahlreiche ZuschauerInnen (HR3 sieht man auch jenseits der Landesgrenzen) - die bei ihren Anrufen kein gutes Haar an der radelnden Zunft ließen. (Also, ich habe mich da richtig geschämt.) Natürlich wurde gefordert, Fußgängerzonen für Radler zu sperren (besonders für die geplante Offenbacher Zone).
    Die Radkuriergruppe und vor allem die ADFC-ler argumentierten sachlicher. Trotz aufgeheizter Stimmung gelang es, etliche Gründe für unorthodoxes Verkehrsverhalten ins Feld zuführen. Radler fahren umsichtig und beherrschen ihr Fahrzeug; sie überblicken die Situation aus der Fahrrad-Perspektive besser als mancher andere Verkehrsteilnehmer. Wichtig ist, daß niemand gefährdet wird (§1 StVO). Dann kann man (und muß - leider - angesichts der Verhältnisse auf den Straßen) auch mal alle fünfe gerade sein lassen. Ein 78jähriger Zuschauer schließlich hielt es mit Wilhelm Tell: "ich grüße keine leeren Hüte" - rote Ampeln ohne Verkehr mißachte er.
    Allmählich kippte die radfahrerfeindliche Stimmung, auch mit Hilfe anrufender Zuschauer. Es kamen die zahlreichen Schikanen zur Sprache: zugeparkte Radwege und -Streifen, zu KFZ-Parkstreifen umgewidmete Radwege, Sicherung bzw. Einrichtung von Radverkehrsanlagen auch bei neugestalteten Straßen verweigert, desolater Zustand der Radverkehrsanlagen allgemein. Dagegen die überraschende Feststellung einer Vertreterin des Straßenbauamts: seit 10 Jahren tut man nichts anderes, als den Radverkehr zu fördern. Aber selbst die Polizei-Fahrradstreife ließ ein klitzekleines Verständnis für unsere Nöte durchschimmern, sie erleben unsere Probleme täglich hautnah bei ihrer Arbeit.
    Schließlich brachte Fritz es auf den Punkt: wenn Autos überall in der Stadt langsamer fahren (z. B. 30 km/h), dann kehrt sowohl für Radfahrer als auch für Fußgänger ein Klima von Ruhe und Sicherheit ein. Dieser Forderung konnte sich auch Herr Irrgang nicht entziehen. In seinem Schlußwort bezweifelte der Verkehrspsychologe Horst Ziegler, daß das vernünftige Miteinander von Fußgängern und Radfahrern gelingen kann, wenn amtlicherseits nicht mehr für den Radverkehr getan wird. Untermalt wurde diese Feststellung vom Reifenquietschen eines gerade vorbeifahrenden Autos.

Interessant für Leute, die dabei waren: die Videoaufzeichnung gibt die Gesamtwirkung der Sendung wieder, und es erscheint manches in milderem Licht, als es der Titel der Sendung zunächst erwarten ließ. Wer Lust hat, kann sich den Streifen bei der Weihnachtsfeier des ADFC Frankfurt e.V. nochmal ansehen am 9. Dezember um 19 Uhr im Bürgerhaus Bockenheim, Schwälmer Straße Ecke Kurfürstenplatz.

Bertram Giebeler, (fl)

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