Ausgabe 5/2000   Sep. / Okt.


Ode an die Freude

Fahrradroute Nordweststadt-Innenstadt eingeweiht

Nun ist es also endlich geschafft. Vergessen all der Ärger, die Rückschläge und Verzögerungen! Sechs Jahre nach der Einweihung der ersten Fahrradroute von Seckbach in die Innenstadt wurde am Dienstag, dem 12. September, die Fahrradroute Nordweststadt-Innenstadt der Öffentlichkeit von Baudezernent Martin Wentz (SPD) in einer Pressekonferenz am Rande der Strecke vorgestellt und ihrer Bestimmung übergeben. Sie ist die zweite der großen Radialrouten, die das Grundgerüst bilden sollen für das stadtweite Radverkehrsnetz, Dreh- und Angelpunkt der 1992 beschlossenen "Radverkehrskonzeption Frankfurt am Main". Nachdem der Durchbruch bei den Planungen schon vor einigen Jahren gelungen war, kommt nun auch langsam Schwung in die Umsetzung der seit Jahren beschlossenen Planungen. Keine Frage: Martin Wentz macht für den Radverkehr nun auch Druck beim Bau. Für das kommende Jahr kündigte er in der Pressekonferenz die Großoffensive an: Bau aller vom Parlament bereits beschlossenen Fahrradrouten.

Ziel der Fahrradroutenplanung ist nicht der Bau von wie auch immer gearteten Radwegen, sondern die Schaffung von Verbindungen, die durchgehend — d.h. ohne Unterbrechung — sicher, zügig und komfortabel in beiden Richtungen mit dem Fahrrad befahren werden können. Wo immer dies ohne Umwege möglich ist, folgen sie verkehrsarmen Straßen in verkehrsberuhigten Tempo 30-Zonen. Der Bau separater Radverkehrsanlagen beschränkt sich auf die Abschnitte mit größerer Autoverkehrsbelastung bzw. höherer Geschwindigkeit, d.h. im Wesentlichen die Grundnetzstraßen. Integraler Bestandteil der Konzeption ist eine durchgehende, leicht nachvollziehbare und auch unter widrigen Umständen gut sichtbare Wegweisung.

Es geht bergauf mit dem Radverkehr — jedenfalls hier in der Hansaallee   Foto: ms

Im Bild wenig spektakulär, sind die neu markierten Fahrradstreifen in der Hansaallee zwischen Miquelallee und Bremer Straße sicher die wichtigste Veränderung für die Radfahrer. Wo sich seit dem Umbau nach der Stilllegung der Straßenbahn Anfang der 80er-Jahre sechs Autospuren im wahrsten Sinne des Wortes breitmachten und keinen Platz ließen für Bäume und Radwege wie nördlich der Miquelallee, müssen die Autofahrer nun mit bescheidenen fünf Fahrspuren zurechtkommen. Der gewonnene Raum diente zur Anlage von zwei komfortablen Fahrradstreifen (zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Artikels waren die Bauarbeiten im nördlichen Teil dieses Abschnitts wegen Rohrverlegungsarbeiten noch nicht abgeschlossen, deshalb gibt es davon noch keine Bilder).

 

Genau genommen ist es der erste Bauabschnitt der Fahrradroute Nordweststadt-Innenstadt, der jetzt fertiggestellt wurde. Er reicht vom Nordwestzentrum am Erich-Ollenhauer-Ring bis zur Bremer Straße, immerhin eine Strecke von ca. 5 km. Der Baubeginn des weitaus komplizierteren 2. Abschnitts von der Bremer Straße über die Eschersheimer Landstraße bis in die Innenstadt ist für das kommende Jahr angekündigt. Ein 3. Bauabschnitt wird die Route stadtauswärts bis zur Stadtgrenze hinter Niederursel verlängern.

Fahrradrouten entziehen sich den gewohnten Wahrnehmungskategorien im Straßenbau. Sie setzen sich zusammen aus einer Vielzahl unterschiedlichster Einzelmaßnahmen, angefangen von der Schaffung komfortabler Auf- und Abfahrten (s.a. "Nullabsenkungen") bei vorhandenen Radwegen über veränderte Führung zur Verbesserung der Sichtbeziehungen bis zum Komplettumbau ganzer Kreuzungsbereiche zur Reintegration des Radverkehrs in die Abläufe des rollenden Verkehrs. Erst die durchgehende Fahrradwegweisung verklammert für "Unkundige" die Einzelteile zum Ganzen, zur Fahrradroute.

Bild 1: 1,5 Meter breiter Schutzstreifen für direktes Linksabbiegen in der Ernst-Kahn-Straße Foto: ms

 

Einige charakteristische Abschnitte der neuen Fahrradroute stellen wir hier kurz vor.

Bild 1: Die vorhandenen Radwege im Kreuzungsbereich Ernst-Kahn-Straße/In der Römerstadt nerven die linksabbiegenden Radfahrer mit Wartezeiten und Umwegen. Da die Fahrbahn für die Anlage eines Fahrradstreifens zum direkten Linksabbiegen (dieser darf als Sonderweg für Radfahrer vom Autoverkehr nicht überfahren werden) zwischen den beiden Spuren für den Autoverkehr nicht breit genug war, stimmte die Straßenverkehrsbehörde hier erstmals in Frankfurt der Einrichtung eines sogenannten Schutzstreifens zu. Dieser darf im Einzelfall von größeren Fahrzeugen mitbenutzt werden, wobei die Fahrzeugführer dafür Sorge zu tragen haben, dass eine Gefährdung von Radfahrern ausgeschlossen ist. Der Schutzstreifen hat eine Breite von 1,5 Meter und unterscheidet sich in der Markierung von herkömmlichen Fahrradstreifen durch die schmalen, unterbrochenen Striche. Für den PKW-Verkehr reicht die verbleibende Fahrbahn von 2,5 Meter aus, wie man auf dem Bild unschwer erkennen kann.

Bild 2: Bahnunterführung am Ginnheimer "Wäldches" Foto: ms

 

Bild 2: Es ist noch nicht allzu lange her, da fuhren die Radfahrer, die die Bahnunterführung an der Woogstraße benutzten, bis zu 300 Meter auf dem Bürgersteig entlang, bevor sich eine Lücke in den Fußgängerschutzgittern auftat, die die Besucher des nahen Biergartens davon abhalten sollen, den Bürgersteig zuzuparken. Vor einigen Jahren gelang dann der "Durchbruch", auch wenn dieser so schmal geriet, dass er die Radfahrer in Richtung Nidda zu engen Spitzkehren zwang und man mit dem Gegenverkehr ins Gehege geriet. Das ist nun Vergangenheit: Eine bequeme Ausfahrt, Bordsteinabsenkungen vom Feinsten an beiden Ausgängen der Unterführung — so macht radfahren Spaß. Um die Freude komplett zu machen, müssen jetzt nur noch — wie vom Straßenbauamt bereits zugesagt — die überholten Schilder weg, die die Radfahrer wegen längst vergangener Rutschgefahren immer noch zum Absteigen auffordern.

Bild 3: Ginnheimer Hohl — Radstreifen vor der neuen Ampel Foto: ms

 

Bild 3: Der Umbau der Kreuzung Ginnheimer Hohl/Hügelstraße/ Raimundstraße ist sicher der auffälligste Teil der Umbauten im Zusammenhang mit der Fahrradroute, auch wenn der geringste Teil davon direkt auf die Planungen für die Fahrradroute zurückgeht. Den Radverkehr entgegen der bisherigen Einbahnstraße von Alt-Ginnheim zur Hügelstraße zu ermöglichen, wäre auch mit weniger Aufwand realisierbar gewesen. Aber Ginnheim war nicht nur für Radfahrer ein Irrgarten, sondern auch für den Autoverkehr. Die bisherige Verkehrsführung hatte zur Folge, dass immer größere Verkehrsströme kreisförmig wie in einer riesigen Zentrifuge durch den alten Ortskern gezwungen wurden, anstatt auf kürzestem Weg auf die leistungsfähigen Hauptstraßen zurückgeführt zu werden. Der Magistrat hatte schon unter OB Walter Wallmann (CDU) in den 80er-Jahren ein Konzept erarbeitet, wie dieser unhaltbare Zustand zu ändern sei, der Ortsbeirat forderte bei der Beschlussfassung zur Vorplanung der Fahrradroute vehement die große Lösung auch für den Autoverkehr. Nun ist sie da. Und (fast) alle sind zufrieden. Die Radfahrer werden auf Fahrradstreifen direkt über die Kreuzung geführt. Nur an der Einmündung der Raimundstraße werden sie noch daran erinnert, dass auch im Jahr 2000 für sie die Bäume nicht in den Himmel wachsen: Seit Jahren klafft hier bis zur Pfeiferstraße eine gefährliche Lücke in dem Anfang der 90er-Jahre angelegten Radstreifen. Noch hält man es für wichtiger, dass einmal am Tag im abendlichen Berufsverkehr der Autoverkehr in der Gegenrichtung in zwei Reihen etwas schneller abfließen kann. Wir werden dranbleiben!

Bild 4: Fallerslebenstraße — Frankfurts jüngste Fahrradstraße Foto: ms

 

Bild 4: Frankfurt hat eine neue Fahrradstraße! Damit die Radfahrer nicht gezwungen sind, den gefährlichen Abschnitt "Am Dornbusch" zwischen der Raimundstraße und der Platenstraße zu befahren (keine Radverkehrsanlagen, fünf Spuren für viele Autos), wurde die Fallerslebenstraße zur Fahrradstraße. Zwei Radfahrerpforten an beiden Enden halten die Autos in den Einmündungsbereichen auf Abstand und ermöglichen das gefahrlose Befahren in beiden Richtungen, auch wenn die stadtauswärts fahrenden Radfahrer, je nach Ziel, eher den Weg über den Wurmfortsatz der oberen Hansaallee nehmen werden. Beides ist möglich.

Bild 5: Rechtsabbieger an der Bremer Straße Foto: ms

 

Bild 5: Weniger schön stellt sich zurzeit noch die Situation für die Radfahrer dar, die stadteinwärts die Kreuzung mit der Bremer Straße queren wollen. Hier stehen sich unterschiedliche Interessen gegenüber. Der Hauptstrom der Autos will hier nach rechts abbiegen, die Radfahrer in Richtung Innenstadt aber wollen geradeaus. Eine einfache Lösung gibt es nicht. Nach langer Debatte war 1996 eine Kompromißlösung mit allen Beteiligten abgestimmt worden, die nun offensichtlich von einigen wieder in Frage gestellt wurde. Die im Kreuzungsbereich bereits aufgebrachte Furt für die Radfahrer wurde wieder entfernt.

Schlußbemerkung:

Es bleibt festzuhalten: Frankfurts Radfahrer/innen haben Grund zur Freude. Die neue Fahrradroute ist ein Meilenstein auf dem Weg in ein fahrradfreundliches Frankfurt. Sie setzt neue Maßstäbe für umwegefreies und komfortables Radeln, darin liegt ihre große Bedeutung über die einzelne Verbindung hinaus. In ihrem Einzugsbereich bringt sie schon jetzt erhebliche Erleichterungen für den Radverkehr. Damit sie ihre volle Wirkung entfalten kann, müssen die weiteren Bauabschnitte nun rasch folgen. Natürlich wissen wir sehr genau, dass es hier und da noch etwas zu verbessern gibt — der wichtigste Punkt ist die umgehende Anbringung der wegweisenden Beschilderung — aber jetzt wird erst einmal gefeiert!

Im Namen des ADFC danke ich allen Beteiligten für ihre Unterstützung und setze auf weitere gute Zusammenarbeit.

Fritz Biel

zur Hauptseite des ADFC Frankfurtzürück zum Inhaltsverzeichniss der Ausgabe 5/2000zum Seitenanfang

frankfurt aktuell 5/2000 (200051)   © Copyright 1999 by ADFC Frankfurt am Main e.V.   
Impressum | Kontakt