Ausgabe 5/2000   Sep. / Okt.


Der etwas andere Touren-Bericht

Es war einmal eine bunt gewürfelte Gruppe, die scharte sich an einem Donnerstag im Juli um die ADFC-Tourenleiter Christian und Jürgen, um an einer Radtour entlang des Mains, Rheins, der Nahe und durch die Pfalz teilzunehmen. Nach einem Vortreffen bestens informiert, fanden sich die Teilnehmer voller Erwartungen am Startpunkt Höchster Fähre ein. Dort schälte sich auch Heinz aus seinem Auto, in dem er während der vergangenen Nacht dem Ereignis Radtour entgegen gefiebert hatte. Heinz, mit Beinamen "der wilde Franke" war der einzige Teilnehmer von außerhalb Hessens.

Fast pünktlich starteten siebzehn gut gelaunte Pedaleure zur Fünf-Tages-Tour, zunächst am Main entlang bis zur Mündung und dann, nach einer Mittagspause, durch Mainz in das Obstanbaugebiet entlang des Rhein-Westufers. Dort lockte ein Obst-Stand die Gruppe wie die Sirenen einst Odysseus. Mit Aprikosen und Kirschen beladen, radelte der Tross weiter bis zur Fähre Ingelheim. Hier wurde zu einer kurzen Trinkelpause gehalten. Trinkelpause wurde von Kulti-Christian als neue Wortschöpfung eingebracht. Trotz relativ zügiger Fahrt ergaben sich unterwegs eine Reihe von Gesprächen, die jedoch ab und zu durch Zurufe unterbrochen wurden. Einer der festen Begriffe dieser Tour sollte denn auch werden: Achtung — Pfosten. Die restliche Strecke bis Bingen fuhren die Räder fast von selbst — kein Wunder, ging es doch Rhein abwärts. Am Nahe-Eck, den Mäuseturm fest im Blick, wurde wieder Rast eingelegt. Nachdem Reste des Proviants aufgezehrt waren, stellten sich alle Teilnehmer zu einem Gruppenfoto auf. Und dann wurde zur letzten Etappe des Tages gepfiffen. Pfeifen-Jürgen beherrschte seine Pfeife virtuos und immer der Situation angemessen.

Hoch über Bad Kreuznach steht die Jugendherberge, die als Übernachtungsstätte vorgesehen war. Nun zerfiel die Gruppe in zwei Teile: die Sportler und die Ökonomen. Die Sportler fuhren, von Anja der Berg-Gazelle gezogen, gleich zur Jugendherberge hinauf. Die Ökonomen ließen sich erst das Abendessen bei einem Italiener auf dem Eiermarkt schmecken. Ganz nebenbei brachte die Fußball-Europameisterschaft (Holland : Italien) zusätzlich Dramatik auf den Platz. Zwei Holländer sahen sich mit den Italienern der Gaststätte das Spiel im Fernsehen an und machten Stimmung für zehn. Doch es half ihnen nichts. Zur Schmach mussten sie auch noch einen lautstarken Autokorso über sich ergehen lassen. Der Rest des Abends war vorbestimmt: der Aufstieg zur Jugendherberge sollte die letzte "Action" des ersten Tages sein. An diesem Aufstieg begründete sich ein weiterer fester Begriff dieser Tour, er war bereits in der Tourenbeschreibung vorweg genommen: "einige mittlere Steigungen". Auch Erich der lange Neue nahm diese Hürde, um in der Jugendherberge ein Zwei-Meter-Bett zu suchen und sich der Gruppe bis Sonntag anzuschließen.

Wo es hoch geht, geht es auch wieder runter. Diese Erkenntnis sollte sich vornehmlich beim morgendlichen Start immer wieder einstellen. So auch an diesem Freitag: Der Schwung reichte bis zum Marktplatz in Bad Kreuznach, wo Proviant für den Tag eingekauft wurde. Auf dem Weg nach Bad Münster am Stein konnte Gerd, der rauchende Rennradler mit Schraubertalent, noch etwas Gesundheit an den Salinen schnuppern. In Bad Münster am Stein hielt die Gruppe staunend vor der Felswand des Rheingrafenstein, die sich senkrecht 120 m über die Nahe erhebt. Dort oben soll die Ebernburg stehen, fragten sich ungläubig Sweety-Rainer und der stille Bühnen-Roland. Des Rätsels Lösung war schon nach wenigen hundert Metern offensichtlich: Kaum aus Bad Münster am Stein heraus, erschloss sich den Radlern die Ebernburg linker Hand in voller Größe. Werner der Jüngere wusste gar nicht was er mehr bestaunen sollte, die Burg oder die gegenüber liegende 200 m hohe Felswand des Rotfels.

Die weitere Fahrt verlief beschaulich auf einer stillgelegten Bahntrasse bis zur Mittagsrast in der Klosterruine Disibodenberg. Hier wurde der kulturell-geschichtliche Aspekt der Radtour deutlich: Alexander der Haiden-Hüter dozierte über das Leben der Hildegard von Bingen, die 40 Jahre auf Disibodenberg gelebt hatte. Und Kulti-Christian sorgte mit seiner begeisternden Beschreibung des kleinen Museums am Ort in letzter Minute für eine verzögerte Abfahrt. Irgendwann, so um die Kaffeezeit, erreichte die Gruppe die schöne Altstadt von Meisenheim. Der Genuss des Cappuccino wurde nur durch vorbeikommende Autos gemindert, die wegen der engen Gasse fast über die Untertassen fuhren. Nichts wie fort, sagten sich Edukaten-Gisela und Tax-Helga und fuhren mit den Anderen nach Wolfstein, dem nächsten Etappenziel. Schon im Ort, an einer Bahnschranke wartend, schauten die Radler voller Ehrfurcht himmelwärts. Eva die Ausgeglichene verlor die Fassung und murmelte etwas von "einige mittlere Steigungen". Und Ellen die Plaudertasche verstummte angesichts des vor ihr liegenden Aufstiegs. Da die Jugendherberge auf halbem Weg zum Himmel aber immer noch auf festem Grund steht, kamen alle Teilnehmer doch an. Über die Art der Aufwärtsbewegung schweigt sich der Chronist aus. Nur soviel sei gesagt: Power-Birgit, Anja die Berg-Gazelle und Pfeifen-Jürgen schafften den Berg auf dem Rad durch Anwendung einiger Tricks (z.B. Fahren quer zur Fahrbahn). Den Abstieg nach Wolfstein zum Abendessen (die Speisekammer der Jugendherberge war leer) wurde zu Fuß zurückgelegt. Hier fand ein Treffen mit zwei ADFC-Freunden statt, die Frankfurt den Rücken gekehrt haben und nun in der Pfalz leben. Aus deren Weinkeller stammte auch der Sekt, der nach Erreichen der Jugendherberge in Strömen floss, natürlich aus JH-Tassen.

Die Abfahrt am Samstag morgen sorgte für Schwung, der bei den nachfolgenden "mittleren Steigungen" gut wieder angelegt werden konnte. Derlei auf und ab radelnd erreichte die Gruppe am Mittag den eiskalten Eiswoog, einen schicksalhaften Waldsee, in dem nicht nur lebende Fische schwimmen. Diese traurige Erkenntnis traf ausgerechnet Ellen die lebenslustige, sensible Plaudertasche. Doch das ist eine andere Geschichte.

Das nächste Ziel war die Jugendherberge Burg Leinigen. Dank der Sonderwünsche von Rittern an den Standort ihrer Wohnungen waren wieder einige "mittlere Steigungen" zu überwinden. Nicht nur Eddi der Chef und Thomas der Unrasierte schoben hier. Und kaum hatten die Radler ihre Zimmer in der modernsten Jugendherberge Deutschlands bezogen, da brach ein heftiges Gewitter los, das die letzten Hoffnungen auf einen Besuch im beheizten Freibad der Burg wegspülte. Aber Gewitter sind endlich und bald strebte die hungrige Schar durch aufsteigenden Wasserdampf und Bodennebel nach Altleiningen hinunter.

Der Sonntag bot eine Fülle unterschiedlichster Erlebnisse. Zunächst bot sich Gerd mit dem Schraubertalent die Gelegenheit, eben dieses bei Thomas dem Unrasierten unter Beweis zu stellen, bei dem eine Schraube locker war (nur am Pedal). Keine 400 m weiter musste Alexander der Haiden-Hüter einen Platten an seinem Hinterrad beheben. Dies gelang ihm souverän mit Hilfe von Ellen der Plaudertasche und trotz des um ihn versammelten fachkundigen Publikums. In Worms angekommen, suchte die Gruppe vergeblich nach der "mittleren Steigung" zur Jugendherberge. So wurde in der Jugendherberge mit Domblick Quartier bezogen und nach einem ausgiebigen Resteessen begann der kulturhistorische Teil. Vor dem sagenumwobenen Tor des Domes lieferte Kulti-Christian eine prägnante Kurzfassung des Nibelungenliedes. Gerne hätten die Radler die Szene live erlebt, in der sich Brunhilde und Krimhilde vor dem Dom-Portal stritten. Die Künstlerinnen waren auch schnell benannt: Madelaine und Ellen. Doch das Vorhaben scheiterte an Bedenken Madelaines der Französin, die glaubte, nach der Aufführung des Landes verwiesen zu werden. Also wurde die Besichtigungstour fortgesetzt (Sand — jüdischer Friedhof, Synagoge, Luther-Denkmal) und endete in einer Eisdiele. Am Abend trafen sich Leistungs- und Genussradler beim Italiener. Zeitgleich mit dem letzten herunter geschluckten Happen zwang ein Gewittersturm nicht nur die Fußballbegeisterten in den Gastraum vor den Fernseher. Das Endspiel Italien : Frankreich lag in den letzten Zügen und doch fielen noch zwei Tore — das war’s für den Tag und unsere Gastgeber.

Am Montag zeigte sich die volle Leistungsbreite und Spontanität des Tourenleiter-Duos. Kaum am Rhein-Radweg angekommen, übernahm Pfeifen-Jürgen die Führung und lenkte die Gruppe auf "Abkürzungswegen" direkt auf einen feuchten Feldweg. Dort bot sich die einmalige Gelegenheit zu einer Schlammschlacht, an deren Ende der Rückzug und die Reinigung der Räder stand. In Guntersblum konnte zur weiter gehenden Radpflege Wasser aus dem Schlossbrunnen geschöpft werden. Während dessen hatte Edukaten-Gisela einen Platten an ihrem Hinterrad, der von ihrem Gatten dem Haiden-Hüter in gewohnter Weise repariert wurde, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit außerhalb des Ortes (da, wo’s passiert war).

Nach der Mittagsrast in Oppenheim mit anschließender Besichtigung der Gebeine-Gruft brachte eine Fähre die Radler an das hessische Rheinufer. Vorbei an zahlreichen Sturmschäden der vergangenen Nacht gelangte die Gruppe ohne weitere Zwischenfälle nach Rüsselsheim-Haßloch. Dort wurde der Flüssigkeitsverlust im Kleinen Brauhaus durch köstliches Bier ausgeglichen und schon von der nächsten größeren Radtour geträumt. Die soll unter Leitung von Kulti-Christian im September 2001 in das Elsaß führen. Mit solcher Perspektive verlief die Fahrt zum Ausgangspunkt Höchster Fähre denn auch wie geölt. Den Ausklang der Tour bildete ein Essen auf dem Höchster Schlossplatz, bevor die bunt gewürfelte Gruppe sich wieder in Einzel-Radler auflöste. Jede und Jeder von ihnen war es wert, kennen gelernt zu werden. Und in der Gruppe waren sie großartig. Das meint der aufrechte Pedersen-Günter.

Günter Tatara

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