Leserbrief zum Artikel „Gibt es Bäume, die im Radweg stehen?“ in Frankfurt aktuell 2/2004

Lieber Werner Manzke, liebe Leser, liebe Redaktion,
dem größten Teil dieses Artikels stimme ich voll und ganz zu. Allerdings denke ich, dass wir uns als Radfahrer über dieses äußerst fragwürdige Projekt keine größeren Gedanken machen sollten und eventuell stärkere Schuldgefühle unangebracht wären; wohlgemerkt, als Radfahrer sage ich, als Umweltbewegte natürlich schon.

Wir Radfahrer sind doch überhaupt nicht gemeint, auch wenn wir als Alibi für diese sinnlose Bodenversiegelung herhalten müssen. Wir brauchen uns nur anzusehen, was sonst am Ufer des Mains (wie auch an verschiedenen anderen Stellen) in der Stadt gemacht wurde, nämlich großzügige Asphalt- und/oder Steinversiegelung mit wenig Grün! Seit längerem hege ich den Verdacht, dass es sich dabei entweder um ein neues, mir mysteriöses, Schönheitsideal handeln muss oder aber diese Flächen dadurch einfach nur pflegeleichter, somit billiger, werden. Hereinspielen wird dabei sicherlich auch der Wahn, dass Frankfurt „sauberer“ werden muss. Nun will ich das in Bezug auf herumliegenden Müll überhaupt nicht bestreiten. Leider reicht der Wahn aber noch viel weiter, nämlich bis dahin, dass alles „ordentlich“ aussehen muss, bzw. zu sein hat, fast wie in der guten Stube. Da passt natürlich so ein (gelegentlich) matschiger Weg nicht in die Landschaft, zumal wenn ein gutbürgerliches Wohngebiet in der Nähe entstanden ist, bzw. noch entsteht. Solchen Leuten können wir doch nicht zumuten, dass sie sich bei ihrem sonntäglichen Nachmittagsspaziergang eventuell dreckige Füße holen! Wir sollten froh sein, dass die dann ausnahmsweise mal nicht mit dem Auto fahren. Ach ja, Autos! Die müssen dort natürlich auch endlich gut fahren können, insbesondere die der Hüter unserer Ordnung, die sich ja anders kaum noch bewegen zu können scheinen (zugegeben, ab und an kann man sie auch auf so großen Tieren sehen).

Vielmehr sollten wir uns freuen, dass nur fünf Bäume gefällt wurden, denn wir müssen uns ja nur vor Augen führen, was für teuere und gefährliche Dinger das doch sind. Zum Beispiel werfen sie jeden Herbst mit unangenehmem Zeug um sich, das auf dem Boden glitschig werden kann, worauf wir ausrutschen könnten und das mit solch umweltfreundlichen Geräten wie Laubsaugern entfernt werden „muss“. Unzumutbar! Eigentlich spräche das eher für eine vollständige Beseitigung, ähnlich wie es ja mit den Alleen geplant ist, da die dortigen Bäume auch noch die Autofahrer gefährden (wahrscheinlich dadurch, dass sie ihnen dauernd in den Weg hüpfen!). Auf gutem Wege in diese Richtung befinden wir uns schon. Man sehe sich nur den heldenhaften Kampf eines Amtes im Verein mit seinen beauftragten Helfern an, der an vielen Stellen in unserer Stadt in den letzten Monaten getobt hat und weitflächige Verwüstungen, bzw. Beseitigungen der Rest-Natur hinterlassen hat. Hinzu kommen so sensationelle Projekte wie der Riederwaldtunnel mit der Vernichtung eines der schönsten Stückchen Natur Frankfurts, dem Erlenbruch. Demgegenüber sind fünf Bäume nun aber wirklich „Peanuts“.

Zum Schluss noch ein paar Worte zu Radfahrern und ADFC: Zuerst einmal beweisen Aussagen, wie in dem Artikel angeführt, dass Radfahrer und ADFC`ler nicht per se Naturfreunde sein müssen. Immerhin aber ist deren Art der Mobilität umweltfreundlich – wenn sie denn mit dem Rad fahren. Auch auf ADFC-Touren habe ich schon Forderungen nach Asphaltierung und ähnlichem gehört, und dies durchaus nicht bei In-der-Stadt-Touren, sondern sogar in der „freien“ Landschaft. Ich kann es durchaus verstehen, wenn Radfahrer auf „ordentlichen“, autofreien und schönen Wegen fahren wollen. Das tue ich auch gerne, aber nicht um den Preis weiterer Bodenversiegelung und Naturzerstörung. In einer hoch verdichteten Stadt können solche Wege kaum erwartet werden. In diesem Falle wäre daher zu fordern, dass alternativ der Radweg an der Straße ausgebaut würde, bzw. besser noch, er geschleift würde und dafür beidseitig Radstreifen eingerichtet (dies nur als utopischer Gedankenflug). Als allgemeine Forderung kann man daraus ziehen, dass die Flächen für den Radverkehr auf Kosten der umweltschädlichsten Verkehrsform, des MIV, zurück gewonnen werden müssen und nicht anders.

Übrigens werden derzeit jeden Tag ca. 105 Hektar in Deutschland versiegelt, was hochgerechnet zu einer vollständigen Versiegelung des Bodens bis zum Ende dieses Jahrhunderts führen würde. Wäre das nicht schön? Keine lästige Natur mehr? Na, zum Glück werde ich das nicht mehr erleben (wie die meisten von uns, von denen viele deshalb glauben, das bräuchte sie nicht zu interessieren).

Mit freundlichen Grüßen

Hans-Peter Heinrich

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16. Mai 2004 ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt