Frankfurt steigt auf
Ein aktuelles Thema – ein bisschen gegen den Strich gebürstet.

Es gibt ein paar Sachen, die sind einfach gesetzt. Wenn es Frühling wird, werden die Fahrräder aus dem Keller geholt und in den Zeitungen erscheinen Artikel zum Radverkehr. Das muss man nutzen.

Die Politiker wissen nicht, was sie wollen, in Frankfurt herrscht Stillstand, wenn nicht Schlimmeres, und Rad fahren kann man hier gleich gar nicht. Noch so ein paar Gewissheiten.

Frankfurts Stadtverordnete wissen, was sie wollen – mehr Radverkehr!

Sie haben 1992 ein neues Radverkehrskonzept für Frankfurt beschlossen und bestehen seitdem darauf, dass der Magistrat es umsetzt.

Sie haben sich über die Jahre in wechselnden Konstellationen zusammengerauft und die Planungen für den Radverkehr über die parlamentarischen Hürden gehievt. Es ist keine hängengeblieben.

Sie haben in all den Jahren trotz der Finanzprobleme ausreichend Mittel bereitgestellt, damit ihre Beschlüsse auch umgesetzt werden können. An ihnen lag es nicht, wenn in so manchem Jahr das im Haushalt bereitgestellte Geld für den Radverkehr nicht ausgegeben wurde.

Sie haben festgelegt, dass mindestens fünf Prozent der jährlichen Einnahmen aus der Stellplatzablöse für Investitionen in den Radverkehr auszugeben sind. Weil man im Magistrat wohl ein bisschen Schwierigkeiten mit der Prozentrechnung hatte, haben sie ihm die fälligen Beträge für das Investitionsprogramm bis 2007 gerade detailliert vorgerechnet.

Sie haben beschlossen, dass es keine Neuplanung oder Grundsanierung einer Hauptverkehrsstraße mehr geben darf ohne die Berücksichtigung von Radverkehrsanlagen.

Sie haben den Magistrat beauftragt, die Radverkehrskonzeption auf Stadtteilebene weiter zu entwickeln, den Hochkai am südlichen Mainufer für den Radverkehr durchgehend befahrbar zu machen, das Waldstadion auch für Rad fahrende Fans zu erschließen und vieles andere mehr.

Sie haben entschieden, dass stadtweit die Einbahnstraßen in den Tempo 30-Zonen für den Radverkehr in Gegenrichtung geöffnet werden sollen.

Sie fragen nach, sie bohren, weisen unzureichende Vorlagen zurück, bestehen auf der Umsetzung ihrer Beschlüsse. Können Stadtverordnete mehr tun?

Im letzten Jahr haben sie sich und der Stadt ein Ziel gesetzt. Als Beitrag Frankfurts zum vor zwei Jahren von der Bundesregierung vorgelegten „Nationalen Radverkehrsplan“ soll der Anteil des Radverkehrs an allen zurückgelegten Wegen bis 2012 auf 15 Prozent gesteigert werden! Der Magistrat hat den Auftrag, „im Rahmen des Generalverkehrsplans ein diesem Ziel Rechnung tragendes Szenario zu erarbeiten und ein entsprechendes Handlungskonzept vorzulegen“.

Um ein Ziel erreichen zu können, ist es gut zu wissen, wo man steht. 1998 ließ der Magistrat die Bürger unter anderem zu ihren Verkehrsgewohnheiten befragen. Glaubt man den Ergebnissen, wurden damals 6 Prozent der Wege in Frankfurt mit dem Fahrrad zurückgelegt. Im letzten Jahr wurde wieder gefragt und siehe da, nun waren es elf Prozent. Das ist eine Steigerung von 80 Prozent in fünf Jahren. 15 Prozent aller Wege bis 2012 – das ist ein realistisches Ziel, zumal es schon heute Städte gibt, die weit höhere Radverkehrsanteile aufweisen. Münster hat als deutsche Fahrradhochburg gerade wieder alle Preise abgeräumt. Dort werden 40 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt.

An der Politik liegt es, wie wir gesehen haben, nicht, dass es in Frankfurt nicht schneller vorangeht mit der Radverkehrsförderung. Woran liegt es dann?

Frankfurt hat sich früh auf den Weg gemacht, eine autogerechte Stadt zu werden. Es hat diesen Weg weiter beschritten, als andere ihn schon als Irrweg erkannt hatten. So mancher träumt noch heute davon, dem Autoverkehr den Weg frei zu räumen bis in die Innenstadt, auch wenn dabei die Lebensqualität den Main runtergeht.

Frankfurt hat erst 1992 die erste Tempo 30-Zone eingerichtet, zu einem Zeitpunkt, als Andere sie schon flächendeckend eingeführt hatten.

In Frankfurt gibt es bis heute keine einzige Einfallstraße, die beidseitig durchgehend über Radverkehrsanlagen verfügt.

Es liegt aber auch an dem Bild von Frankfurt in unseren Köpfen. Da hat sich in vielen Jahren die Vorstellung festgesetzt, dass man trotz kurzer Entfernungen, günstiger Topografie und Weinklima in dieser Stadt nicht Fahrrad fahren kann. Der Pflege dieser Legende widmen sich leider noch immer stärkere Bataillone als der Förderung des Radverkehrs. Das betrifft nicht zuletzt die Medien, für die viel zu oft die schlechte Nachricht die bessere ist.

Nicht ganz unschuldig am schleppenden Gang der Dinge ist zweifellos die Verwaltung. Bei allem Verständnis für die Probleme, die sich aus den Sparzwängen ergeben: Sieben Jahre Ämterabstimmung für die Verlängerung der Fahrradroute Nordweststadt-Innenstadt bis zur Stadtgrenze bei Weißkirchen sind einfach zu viel. Wenn drei Jahre nach der Einweihung des ersten Bauabschnitts an dieser Route noch immer die Wegweiser fehlen, ist das nicht mehr nachzuvollziehen.

Aber auch hier muss man genau hinsehen. Wo die Einen Verbesserungsvorschläge der Bürger oder Anregungen der Ortsbeiräte ungerührt in der Flachablage vergilben lassen, sind Andere bemüht, schnell und unkompliziert für Abhilfe zu sorgen. Es hängt, wie so oft, stark vom Einzelnen ab, ob er sich bewegt.

Diese Ausgangslage gilt es zu berücksichtigen, wenn man nicht ungerecht urteilen will über das seit 1992 Erreichte. Sie grundlegend zu ändern, ist eine Aufgabe, die mehr als eine Generation beschäftigen wird.

So viel ist klar: Wenn wir das gesteckte Ziel erreichen wollen, müssen wir schneller werden in Planung und Umsetzung, Widerstände abbauen, Reibungsverluste zwischen den beteiligten Dezernaten reduzieren, mehr Projekte parallel vorantreiben. Dazu müssen Kontrolle und Koordinierung verbessert werden.

Es gibt bei der Stadt Frankfurt bis heute keine Stelle, die für die Radverkehrsförderung als Ganzes verantwortlich zeichnet. Die zaghaften Ansätze mit der Einrichtung eines Fahrradbeauftragten im Straßenbauamt endeten 1995 mit dessen Weggang. Derzeit mehren sich die Anzeichen, dass die Finanzlage der Stadt besser wird. Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, wie die Zuständigkeiten für den Radverkehr in der Stadtverwaltung neu geordnet und gebündelt werden können, um die Durchschlagskraft zu erhöhen.

Zur Radverkehrsförderung gehört mehr als Verkehrsplanung und Straßenbau. Der Aufbau einer fahrradfreundlichen Infrastruktur ist wichtig. Mindestens genauso wichtig ist aber die Schaffung eines weniger aggressiven Verkehrsklimas, ist eine systematische Öffentlichkeitsarbeit zugunsten des Fahrrads. Nur wenn sich die Menschen als Radfahrer vom Autoverkehr nicht ständig bedrängt, geschoben und geschnitten fühlen, nur wenn sie sich als nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer respektiert sehen, kann sich der Spaß am Radfahren entwickeln. In dieser Beziehung ist Frankfurt noch ein gutes Stück vom Ziel entfernt.

Damit sich das ändert, beteiligt sich Frankfurt gemeinsam mit zehn weiteren Städten an einem bundesweiten Projekt des Umweltbundesamtes. Wichtigster Punkt ist die Schaffung Runder Tische zum Radverkehr und der Austausch von Erfahrungen. Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Verkehrsverbände und –initiativen sollen sich gemeinsam der Aufgabe stellen, wie das Ziel zu erreichen ist, das sich in zwei Worten zusammenfassen lässt – mehr Radverkehr. Mehr Lebensqualität für alle wird der Lohn sein für diese unbestritten große Anstrengung.

Letztlich liegt es an uns allen. Wir sind es, die aufsteigen müssen auf das Fahrrad, damit Frankfurt aufsteigen kann in die erste Liga der fahrradfreundlichen Städte.

Fritz Biel

(unveränderter Nachdruck des Artikels aus der Frankfurter Rundschau vom 08.04.2004)

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