Burgundisches Kanaldreieck
Eine Radtour für Genießer

Der Nordosten Frankreichs ist mit einem dichten Netz von Kanälen durchzogen. Diese im 18. und 19. Jahrhundert gebauten Wasserstraßen sind seit Erfindung der Eisenbahn schnell funktionslos geworden und liegen nun, genutzt von Freizeitkapitänen auf Miet-Hausbooten, malerisch in der sanfthügeligen Landschaft. Im Hochsommer ist es ein besonderes Vergnügen, an ihnen entlang zu radeln. Man spürt die abkühlende Wirkung einer Wasseroberfläche neben sich, die ganze Landschaft wirkt am Wasser noch idyllischer als sie ohnehin schon ist.

Das Burgund, eine auch für französische Maßstäbe historisch, kulturell und kulinarisch besonders reichhaltige Region, hat gleich drei solcher Kanäle, die zusammen fast ein gleichschenkliges Dreieck bilden – den Canal du Centre, den Canal du Nivernais und den Canal de Bourgogne. Eine solche Konstellation eignet sich ideal für eine Rundtour per Rad. Über das Jura kommend, haben wir im Sommer 2005 mit einigen Abweichungen dieses Kanaldreieck umradelt. Hier ein paar Eindrücke und Empfehlungen.

Der Canal du Centre beginnt in Chalon sur Saone, der Hauptstadt des Departements 71 Saone et Loire. Die ersten ca. 30 km verläuft am Kanal entlang ein als „voie verte“ (grüner Weg) perfekt zur Radler- und Skaterpiste ausgebauter Treidelpfad. Dieser Ausbaustand geht über den Kanalbogen bei Chagny hinaus bis St. Leger. Die nächsten 50 km durchquert der Kanal das teilweise industriell geprägte Gebiet um Montceau les Mines. Hier muss je nach Ausbaustand zwischen Treidelpfad und begleitender Straße gewechselt werden. Kurz vor Paray-le-Monial, bei Volesvres, beginnt wieder eine voie-verte-Strecke, die durch Paray-le-Monial (Wallfahrtsort, berühmte Abtei, hier lohnt sich eine Besichtigungspause) bis zum Ende des Canal du Centre nach Digoin führt. Hier gibt es ein wunderbares Denkmal der Verkehrsbaukunst zu bewundern: die Brücke des Canal du Centre über die Loire. (Das Departement 71 hat noch eine weitere voie verte–Strecke, nämlich eine umgebaute Bahntrasse, die von Givry 10 km westlich Chalon sur Saone 70 km lang über Taizé und Cluny durch einen Tunnel hindurch bis nach Charnay bei Macon an der Saone verläuft.)

Von Digoin aus ist bis zum nächsten Kanal eine Straßen-Etappe von ca. 70 km entlang der Loire oder auch des Canal Lateral de la Loire bis Decize zu bewältigen. Hier beginnt der nächste und landschaftlich schönste Kanal, der Canal du Nivernais. Er liegt größtenteils im Departement 58 Nievre, einem dünnbesiedelten ländlichen Departement. Die Wegführung wird hier durch ein grünes Symbol vorgegeben. Teilweise hat der Kanal keinen Treidelpfad und auch keine begleitende Straße, sodass anstrengende Umwege über die Dörfer in munterem auf und ab zu fahren sind. Entschädigt wird der Radler durch eine idyllische kleinteilige Landschaft und wunderschön mit Blumen geschmückte Schleusenhäuschen. Höhepunkte sind die „echelle des 16 ecluses“ (16 Schleusen-Treppe, eine traumhafte Abfolge von 16 Kanalschleusen durch eine grüne Idylle) 15 km nördlich von Chatillon en Bazois, die Kleinstadt Clamecy, die einen Aufenthalt wert ist sowie die Felsen von Saussois hinter Chatel Censoir, wo man Kletterer beim Üben beobachten kann. Hinter Clamecy wechselt der Kanal du Nivernais ins Departement 89 Yonne, durchquert dessen Hauptstadt Auxerre (gewaltige Kathedrale!) und endet als aufgestaute Yonne bei Migennes im Canal de Bourgogne.

Wir genehmigten uns ab Auxerre eine Abkürzung durch den putzlig-touristischen Weinort Chablis nach Tonnere, um von dort dem Canal de Bourgogne zu folgen. Der Kanal ist breiter und gerader als der Canal du Nivernais. Die Landschaft wird insgesamt weitläufiger, es gibt mehr Chateaux und sonstige Zeichen einer reichen Geschichte. Höhepunkte sind das Schloss von Ancy le Franc und die Abtei Fontenay. Die Wegequalität des Treidelpfades ist allerdings oft schlecht, sodass es sich häufiger empfiehlt, die meist direkt anliegenden kleinen Sträßchen zu nutzen – der Verkehr ist minimal. In Pouilly en Auxois verschwindet der Kanal in einem Tunnel, macht dann einen Bogen nach Norden und folgt dem Flusstal der Ouche (von Pont d’Ouche aus könnte man hier den Kreis zum Canal du Centre wieder schließen – 30 km über einen kleinen Bergrücken nach Chagny). Die wunderschöne Abtei von la Bussiere liegt im Ouche-Tal auf dem Wege. Ab St. Marie, 20 km vor Dijon, bekommt der Weg urplötzlich den voie-verte-Standard. Rennradler und Skater tauchen auf. Der Weg führt fast in die Stadtmitte von Dijon, der boomenden und schicken Hauptstadt des Departements 21 Coté d’Or und Regionalhauptstadt des Burgund. Dijon ist allemal einen Aufenthalt wert und soll hier nicht näher vorgestellt werden. Auf der anderen Seite der Stadt führt der Kanal über 30 km schnurgerade durch eine topfplatte Agrargegend. Der Treidelpfad ist grobschottrig, die parallele Straße D 968 stark befahren. Wir sind auf der Straße, großen Gang aufgelegt, durchgebrettert bis zum Ende des Kanals, dem Freizeitschifferhafen St. Jean de Losne an der Saone. An der Saonepromenade ließen wir die Runde bei einem gepflegten Abendessen ausklingen und fuhren weiter Richtung Jura. Bis Chalon sur Saone wären es jetzt ca. 60 km auf Straßen durchs Saone-Gebiet.

Hier noch ein paar Tipps und Hinweise:

Die 600 – 700 km lange Tour ist für jeden geeignet, die paar Steilstellen am Nivernais-Kanal kann man notfalls schieben. Übernachtungsmöglichkeiten sind genug vorhanden, wobei wir aber – wie generell in Frankreich – die Campingvariante empfehlen. Kulinarisch ist das Burgund eine Gegend der Kategorie „Leben wie Gott in Frankreich“ – Pflichtprogramm und bezahlbar sind der knackige Aligoté-Weißwein, der auch zum Aperitif Kir gehört, der dekadent gute, fast flüssige, würzige Epoisses-Käse, für den Fleichesser ein zartmarmoriertes Entrecote vom Charollais-Rind und in der Saone/Doubs-Region die „Pochouse“ aus Süßwasserfischen. Die gesamte Tour lässt sich nach einer einzigen Landkarte fahren, der Michelin-Karte 320. Wer mit dem Auto anfährt, kann die Runde von jedem beliebigen Punkt aus starten, wobei Dijon und Chalon mit der Bahn am besten zu erreichen sind – für den Fall des Tourabbruchs ein Kriterium. Mit der Bahn von Deutschland am besten zu erreichen über Mulhouse und Besancon ist entweder Dijon oder die im westlichen Jura gelegenen Städte Lons-le-Saunier und Dole, von wo es nicht mehr weit ins Burgund ist.

Wer sich näher für dieses Gebiet interessiert, der sollte den Radreisemarkt am19.03.2006 im Bürgerhaus Bornheim besuchen. Dort gibt es einen Diavortrag mit vielen schönen (Kanal)-Bildern.

text und Fotos: Anne Wehr und Bertram Giebeler

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