Ausgabe 5/2000   Sep. / Okt.


Berichte aus dem Landesinneren (II)

Unter hessischen Gewitterwolken

Der Radweg verläuft weiter entlang der Lahn. Auf dem Fluss immer wieder große Gruppen von Paddlern, auf dem Uferweg vereinzelte Radler. Ein verzweifelter Mann fragt uns nach einem Fahrradgeschäft — ein Plattfuß ist nicht zu reparieren, das Loch direkt am Ventil. Frau und Sohn warten irgendwo am Weg, Vater sucht Hilfe. Wir bieten unseren Ersatzschlauch an, haben aber nicht die passende Größe. Beim Weiterradeln wundern wir uns über die mangelhafte Ausrüstung mancher Radtouristen und hoffen im Stillen, dass unser Flickzeug nicht an überalterter, eingetrockneter Gummilösung leidet. Aber da wäre ja dann immer noch der Ersatzschlauch.

In Villmar verlässt der Radweg den Fluss, wir schalten wieder in die kleinen Gänge. Hinter dem Ort, am Ende der Steigung, ein riesiger Parkplatz mit brandneuem, unpassend überdimensioniert wirkendem Minimal-Markt. Auch hier stellen wir wieder fest, wie schnell wir beim Radtourismus unsere gewohnte Umgebung hinter uns lassen. Was im Frankfurter Raum noch "normal" erscheint, bekommt hier, zwischen all den kleinen Dörfern, mitten "auf der grünen Wiese", eine ganz andere Dimension. Bleibt die Hoffnung, dass trotzdem der eine oder andere Dorfladen, der den Proviant des Radlers unterwegs deckt, erhalten bleibt.

Auf welliger Straße kämpfen wir uns über zwei Hügel. Im Rückspiegel tauchen immer wieder spoilerbewehrte Boliden auf, die beim Überholen versuchen, dem Gegenverkehr großzügig Raum zu überlassen, dafür lieber den direkten Kontakt zu uns suchen. Wir brechen die Kontaktversuche auf dem zweiten Hügel erleichtert ab und folgen einem steilen Weg hinab zum Fluss, der wieder autofrei als Radweg gekennzeichnet ist.

Nachdem der neue Minimal-Markt verschmäht wurde, hoffen wir auf Aumenau. Der Himmel zieht sich zu, es riecht nach Gewitter, Mückenschwärme belagern den Weg. Da sollte der nächste Campingplatz unser Quartier werden, und davor liegt, laut Karte, nur noch Aumenau. Also rüber über die Lahnbrücke und hinein ins Dorf, direkt vor den kleinen Laden, der vollgestopft ist mit einkaufenden Paddlern und Radlern.

Das Nötigste ist vorhanden, um ein anständiges Abendessen zu kochen. Immerhin bietet der Laden noch kleine Portionen, Kartoffeln oder Karotten müssen nicht in großen Gebinden abgenommen werden. Auch Bier ist flaschenweise erhältlich, aber da verlassen wir uns aus Transportgründen lieber auf die hoffentlich am Campingplatz befindliche Kneipe bzw. einen Kiosk. Und eine Apfelschorle auf die Schnelle hilft, die Zeit bis dahin zu überstehen.

Weiter geht’s durch Mückenschwärme in schwülwarmer Vorgewitterluft. In Gräveneck dann der Campingplatz. Nach langem Hin- und Her erhalten wir einen ganz passablen Platz am Flussufer, zwischen fest installierten Wohnwagenreihen. Interessierte Dauercamper bemühen sich, nicht gar zu auffällig den Durchreisenden beim Einrichten ihrer Bettstatt mit Kochgelegenheit zuzuschauen. Für das Betreten des Waschhauses ist ein Schlüssel erforderlich, um durchreisende Tagestouristen von der Benutzung auszuschließen. Leider gibt es pro Zelt nur einen Schlüssel. Da aber die Waschräume, wie üblich, nach Geschlechtern getrennt angelegt wurden, sind etwas nervende Verabredungen über jeden Toilettengang und Waschraumbesuch notwendig. "Ich schließ’ Dir auf und komme dann mit dem Schlüssel zurück, falls ich früher fertig bin", oder "Wart mal einen Augenblick, dann geh’ ich gleich mit aufs Klo". Komische Sitten in hessischen Landen. Aber immerhin ist ein Wasserhahn direkt am Zeltplatz, so dass Kochen und Zähneputzen nicht unter die oben beschriebenen Probleme fallen.

Ach ja — die Bierversorgung. Leider hat der (erwartete und vorhandene) Kiosk schon nach der ersten Flasche geschlossen. Und im etwas öden Restaurant gibt’s kein Flaschenbier, dass man schwer romantisch am Ufer der Lahn trinken könnte. Also mutig zum unauffällig interessierten Dauercamping-Nachbarn rüberlaufen, sich von dem kleinen Hundchen hinterm Jägerzäunchen nicht abschrecken lassen und nach Bier fragen. Wir Camper müssen in Notlagen doch zusammenhalten, die Flaschen werden natürlich morgen früh nach Öffnung des Kiosks umgehend ersetzt, etc. ’Nee, lassen Sie mal, geben Sie mir lieber das Geld. Wir trinken nur Königspilsener, das hamm die hier eh nich!’. Na denn, dann halt Köpi.

Aus dem Gewitter wurde dann doch nichts mehr, das Grollen am frühen Morgen stellt sich als Zug auf der Lahntalbahn heraus, Haltepunkt Gräveneck. Also weiter in schwülwarmer Luft nach Weilburg. Kaffeetrinken und Einkaufen fürs Wochenende. Wer Weilburg kennt, weiß: hier geht es überall bergauf. Kurz und deftig der Anstieg von Süden, gleich hinter dem berühmten Schiffstunnel. Oben dann, in der Altstadt, Cafés, Kneipen und Läden. Nur: wo ist ein Lebensmittelladen? Auf Nachfrage wird der Minimal-Markt empfohlen, bergauf und außerhalb. Nach weiteren Bewohnerinterviews stellt sich heraus, dass doch ein Lebensmittelgeschäft in der Altstadt besteht — neu eröffnet, etwas unauffällig am Rande. Gerettet!, denkt sich der Radtourist, und füllt die (eigentlich schon randvollen) Taschen mit der Wochenendverpflegung. (Überhaupt ein erstaunliches Phänomen bei Radreisen: Die Gepäcktaschen sind immer zu schwer und immer schon voll. Und trotzdem geht immer noch etwas hinein. In schlimmen Ausnahmesituationen lässt sich locker noch ein Liter Milch, zwei Flaschen Bier, zwei Joghurt, ein Pfund Tomaten dazupacken. Und trotzdem wird bei der nächsten Steigung nicht gleich abgestiegen!)

Steil bergab aus Weilburg hinaus, kurzer Halt an der Einfahrt zum Schiffstunnel, und weiter auf gut ausgebautem Weg lahnaufwärts. Irgendwo vor Lohnberg Rast an einer Schleusenanlage, das Gewimmel der Paddler und Kanuten vor Augen. Vor dem kleinen Verkaufsstand stehen Männer unter Sonnenschirmen an Stehtischen und trinken fachsimpelnd Bier. Wir entschließen uns zu Kaffee. Dann überqueren wir den Fluss auf einer Brücke und verlassen das Lahntal — bergauf in Richtung Westerwald. Bei Greifenstein ist ein Campingplatz verzeichnet, kurz hinter Holzhausen. Doch leider liegt zwischen uns und Holzhausen noch ein deftiger Gewitterguss. Natürlich werden Radtouristen von solcher Unbill in der Regel auf offener Strecke heimgesucht, abseits jeglicher Unterstellmöglichkeiten. Ein paar Bäume geben für die ersten Minuten notdürftig Schutz, doch langsam sickert das Nass durchs Blättergrün. Die trockenen Stellen auf dem Waldweg werden immer kleiner, aber noch bevor der letzte Faden am Körper durchweicht ist, lässt der Regen freundlicherweise nach. Vor dem Dorf Ulm scheint dann schon wieder die Sonne. Im Ort selbst bietet die Kreissparkasse noch einmal ein Schutzdach vor letzten Schauern, und schwülwarm geht es weiter, mit Übergewicht und deutlich westerwäldisch bergauf.

Campingplatz Ulmtalsperre. Eine große Wiese am See, der manche Besucher zum Baden einlädt. Es ist wenig los in der Vorsaison, so dass wir den Inhalt unserer Taschen weiträumig verteilen können. Der Verkaufsladen bietet Milch und Flaschenbier, Brötchen auf Vorbestellung. Der Rest der Grundversorgung stammt noch aus Weilburg und wird zu einer warmen Mahlzeit verarbeitet. Hier lässt sichs leben, hier sollte man einen Tag unter schattigen Bäumen verbringen. Und so tun wir das, unterbrochen nur von wenigen Regengüssen schauen wir der Wäsche beim Trocknen zu.

Hinter dem Camping steigt die Straße steil an. Ein Gewitterschauer lässt uns auf halbem Weg (ohne Gesichtsverlust) pausieren. Ab Beilstein, wir nähern uns der 500 m Höhenlinie, sieht die Landschaft schon sehr karg aus, erinnert an die Vegetation in viel größeren Höhen. Das muss wohl der raue Westerwald sein, über dessen Höhen der Wind angeblich so kalt pfeift. Trotzdem schwitzen wir bergauf. Erst ein Regenguss vor der Burganlage Greifenstein bringt Abkühlung und erleichtert die Entscheidung zur Burgbesichtigung. Dabei stellt sich heraus, dass in der Burg ein Glockenmuseum untergebracht ist, natürlich das "Deutsche Glockenmuseum". Und das ist gar nicht schlecht! Riesige Kirchenglocken sind in einem alten Bergfried aufgehängt, und mit dicken Gummihämmern sind sie zum Tönen zu bringen. Wer Lust hat, kann einen ziemlichen Radau veranstalten. Oder aber leise Töne durch den hohen Raum schwingen lassen. Was dem Wirt der Burgschenke, der sichtlich unter den Nachwehen des gestrigen Burgfestes leidet, wahrscheinlich lieber wäre. Seine Kneipe ist eigentlich geschlossen, aber da sowieso gerade die Bierfahrer zur Abrechnung da sind, und die Gemeindearbeiter, die Bänke und Tische abholen, bedient werden wollen, kann er uns auch noch an dem riesigen Tisch unterbringen und zwei Tassen Kaffee servieren. Danach hat dann auch der Regen aufgehört, der Blick geht frei ins Tal der Dill, an dessen Rand der Verkehr auf der Sauerland-Autobahn für ein beruhigendes Rauschen sorgt. Dort werden wir in wenigen Minuten, nach wirklich steiler Abfahrt, langsam Richtung Herborn radeln, immer Richtung Nordhessen.

(ps)

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