Ausgabe 5/2000   Sep. / Okt.


Leser BRIEFE

Ist die Frauenfrage ein Problem der Geschichte?

Der ADFC hat sich Großes vorgenommen: gesellschaftliche Veränderungen — hin zu einer menschen- und umweltfreundlichen, intelligenten Mobilität.

Zu Beginn des 3. Jahrtausends liegt das 19. Jahrhundert nicht sehr weit zurück. Und doch zu weit, als daß junge Menschen sich noch die Qualen vorstellen könnten, unter denen heute selbstverständlicher Fortschritt geboren wurde. Die dicken Bretter, die es zu bohren gilt, befinden sich meist vor Köpfen.

Wer erinnert sich noch daran, daß die 48-Stunden-Woche eine Errungenschaft war? — Sie kommt gerade wieder, kaum daß die Gewerkschaften verstärkt mit Arbeitsplatzabbau konfrontiert sind! Junge Frauen, die einen richtigen Beruf lernen durften, obwohl sie irgendwann doch mal Kinder bekommen werden, sie können sich nicht vorstellen, daß es erst wenige Jahrzehnte her ist, daß sich Frauen überhaupt an Wahlen beteiligen dürfen.

Na gut — nicht Erlebtes ist schwer nachvollziehbar. Daß aber junge Frauen sich nicht fragen, warum nicht mal 20 % aller Führungskräfte (Profs, Chefs, Politiker, Unternehmer, Grundeigentümer usw.) weiblich sind — das erstaunt. Sind es doch die Herren der Schöpfung, die sich in kreativen Tätigkeiten üben, während Frauen ohne zu fragen das erledigen, was eben sein muß. Seele und Geist nehmen auf Dauer Schaden durch den Mangel an Perspektiven. Auf der Karriereleiter klettert sich’s für mann einfach leichter. Um gesellschaftlichen oder beruflichen Erfolg muß frau viel härter ran und oft genug auch noch männliche Eigenschaften adaptieren. Zumindest das müßte doch jede Frau aufregen. Ich gebe zu, es kann ganz schön sein, an eine Männerbrust anzulehnen und die Augen zu schließen. Aber Ausruhen bedeutet Rückschritt. Vielleicht muß frau etwas länger auf der Welt sein, bis das bewußt wird.

Was hat das mit dem ADFC zu tun? Veränderungen finden im Kopf statt. Einem Verein, der wie unserer Veränderungen anstrebt, dem steht es gut an, auch das Problem der zweitwichtigsten Menschenart im Blick zu behalten. Zumindest, wenn das den eigentlichen Zielen nicht schadet.

Stimmt: die Frauenquote, wie sie derzeit in unserer Satzung steht, stellt eine Gefahr für die Funktionsfähigkeit zukünftiger Vorstände dar. Noch kann es passieren, daß sich zu wenig Frauen wählen lassen, so daß gewählte, qualifizierte Männer deshalb ihr Amt nicht antreten können. Oder daß sich Frauen ohne eigene Ambitionen zur Vorstandskandidatur überreden lassen, um einem Mann ins Amt zu helfen. Muß man die Quote deswegen ganz über Bord werfen, oder sollte man sie den Erfordernissen anpassen? Es gibt zwischen schwarz und weiß noch ein paar Schattierungen.

Mit etwas Nachdenken läßt sich eine vernünftige Lösung für die Frauenfrage im ADFC finden. Eine solche habe ich in meinem Antrag für die JHV im März 2000 vorgeschlagen. Sie wurde im Januar-Heft veröffentlicht, aber bisher der Diskussion nicht für würdig befunden.

Zitat aus Heft 01/2000, Seite 18: (2.) Die Satzung des ADFC Frankfurt e.V. wird geändert. § 7, Absatz 2 lautet (neu): "Frauen werden bei der Wahl so lange bevorzugt, bis ihre Zahl im Vorstand dem Anteil von weiblichen Mitgliedern im ADFC Frankfurt e.V. entspricht".

§ 8, Abs. 7 b lautet neu wie folgt: Die Vorstandsmitglieder werden in geheimer Wahl in drei Wahlgängen gewählt. Im ersten Wahlgang wird der/die Schatzmeister/in gewählt. Im zweiten Wahlgang wird über die kandidierenden Frauen abgestimmt, im dritten über die Männer. § 8, Abs. 7 a gilt unverändert.

(3.) Der alte Vorstand bleibt im Amt, bis die Satzungsänderung beim Registergericht eingetragen ist.

Begründung: Durch die Formulierungen (2.) entfällt die zwingende "Frauenquote", die nach der Satzung aus 1999 die Handlungsfähigkeit des Vereins gefährden kann. Das Interesse von Frauen an Vorstandsarbeit wird trotzdem gefördert, weil gewählte Frauen bevorzugt werden, auch wenn sie nicht die höchste Stimmenzahl erreichen.

Diese Lösung wurde inzwischen auch vom Europäischen Gerichtshof akzeptiert, der über hessische Personaleinstellungs-Regeln zu urteilen hatte. Damit müßten alle Seiten leben können: die Frauenbewegten und auch Leute, die sich (nicht ganz ohne Grund) Sorgen um einen funktionsfähigen Vorstand machen. Meine Sorge ist, daß hinter der Nichtbehandlung dieses Antrags in der JHV 2000 der Wunsch steht, die Frauenquote ersatzlos zu streichen. Für solche Bestrebungen sollte frau sich nicht hergeben!

Freya Linder

 

Sinn oder Unsinn der Frauenquote?

Die Abschaffung der Frauenquote, die in diesem Artikel vorgeschlagen wird, ist eine sehr weitreichende Forderung. Die Frauenquote ist eingeführt worden, um die Interessen von Frauen im Verein angemessen zu vertreten. Bei vielen Themen ist es wichtig, dass frauenspezifische Belange Berücksichtigung finden. Bei der Planung von Radwegen muss verhindert werden, dass sogenannte Angsträume entstehen. Unterführungen, abgelegene, unbeleuchtete und unübersichtliche Wegeführung halten Frauen vom Radfahren ab. Männer sind auf diesem Auge manchmal blind.

Auch auf der technischen Seite unterscheiden sich die Ansprüche der Frauen von denen der Männer. Anatomisch bedingt haben Frauen andere Bedürfnisse in Bezug auf Rahmengeometrie, Kleidung, Sattel etc.

Der Antrag, der auf der letzten Mitgliederversammlung gestellt wurde, ist offensichtlich missverstanden worden. Die Frauenquote sollte keinesfalls abgeschafft werden. Im Gegenteil wurde vorgeschlagen, Frauen solange bevorzugt zu wählen, bis der prozentuale Anteil der Frauen im Vorstand ihrem prozentualen Anteil an der Zahl der Mitglieder entspricht.

Der Vorstand ist durch die Frauenquote in der Pflicht, an der Vereinsarbeit interessierte Frauen zu fördern und ggfs. auch neue Frauen zu gewinnen.

Da im Moment keine aktive Frauengruppe und somit kein Forum existiert, das Thema ausgiebig zu diskutieren, lade ich alle an der Thematik Interessierten ein, sich bei einem Treffen eine Meinung über die Zukunft der Frauenquote zu bilden.

Der einmalige Stammtisch findet statt am Montag, 30. Oktober, 19.30 Uhr in der Gaststätte "Im Hinterhof" in der Egenolffstr. 17.

Christina Romeis

 

Diskussion zum Thema

Frauenquote im ADFC Frankfurt am Main e.V.

Am Montag, 30. Oktober, 19.30 Uhr, findet in der Gaststätte "Im Hinterhof" in der Egenolffstr. 17 eine Diskussion zum Thema "Frauenquote im ADFC Frankfurt e.V." statt (siehe dazu auch den Leserbrief von Christina Romeis). Um rege Teilnahme wird gebeten.

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