Ausgabe 6/2001   November/Dezember

Weil-Tal-Tour

Ei, horsch, mir fahr’n ins Weiltal.
Ei, wo issen dess?
Na, oben – im Hinner-Taunus.

Da stutzt der Frankfurter, den Feldberg kenne me ja, aber des Weiltal muss me erst emal finne.

Ein Sonntag im Oktober, es ist morgens und wir, Birgit, Dieter und Lothar, sitzen beim Frühstück, in wenigen Minuten geht's los. Anradeln bis zur Hauptwache und einsteigen in die U3, Richtung Hohemark. Es ist ca. 10.00 Uhr und unsere Räder stören niemanden, da die Bahn noch recht leer ist. Die übrigen Fahrgäste beäugeln uns eher mittleidig, weil wir bei diesem Wetter radfahren wollen.

Na ja, es stimmt schon, die Wolken hängen etwas tief und ganz sicher sind wir uns eigentlich auch nicht. An der Hohemark steht der Radbus schon bereit, noch 7 Minuten bis zur Abfahrt. Der RMV hat diese Rad-Bus-Linie versuchsweise bis Mitte Oktober 2001 aufgelegt. Sie bringt Radler nach Weilburg und zurück. Wenn alles stimmt, soll ab 2002 ein Dauerbetrieb daraus werden. Die Idee ist jetzt schon gut, zu mal das Rad, wie im übrigen RMV-Bereich, kostenlos mitgenommen werden darf. Am Bus ist ein Hänger angekuppelt und auf seiner Ladefläche haben 15 bis 20 Räder Platz.
Sein Zielort ist Weilburg an der Lahn, mit Zwischenhaltepunkten z.B. in Weilmünster. Sein erster Stopp ist Schmitten, aber wir wollen zum Sandplacken, da wir von der zweiten Quelle der Weil, dem Weilborn bei Oberreifenberg, unsere Tour starten möchten. Es stellt sich leider heraus, dass der Radbus nicht am Sandplacken hält und so fährt er ab, gen Weilburg dahin – ohne uns und völlig leer, schade!
Was tun, aufgeben oder warten auf den Bus Nr.511, Richtung Feldberg. Nun gut, wir warten und kommen mit einem Pärchen ins Gespräch, es wird wild über wandern und radfahren geredet. Als mehrmals das Wort ADFC fällt, fragen wir nach, wie beide heißen und es stellt sich heraus, dass es Doris und Jürgen Schellbach aus Steinbach sind. Sie betreiben dort ein Fahrradgeschäft, heute sind beide zum Wandern in den Taunus aufgebrochen.
Der Busfahrer der Linie 511 hat keine Bedenken, uns und unsere fast sauberen Räder zum Sandplacken mitzunehmen. Die Damen und Herren des VGF haben diese Möglichkeit vor 2-3 Jahren in Zusammenarbeit mit dem ADFC-Frankfurt geschaffen, nochmals vielen Dank dafür. Ausstieg am Sandplacken, noch schnell ein paar nette Worte an den Busfahrer und unsere Gesprächspartner, dann geht's los. Nach kurzer Suche in Oberreifenberg finden wir die zweite Weilquelle, Dieter gelingt es dank seiner Spiegelreflexkamera, die Quelle und uns zu verewigen. Schnell noch die Wasserflasche gefüllt, einige Züge des kostbaren Nass aufgesogen und ab geht's, über Stock und Stein.
Kurz hinter Schmitten stoßen wir auf der Rad-Wander-Weg Weil-Tal der mit dem rechteckigen Symbol eines Eichenblattes und einer stilisiert geschlängelten Flusslinie gekennzeichnet ist. An mehreren Stellen des Weges, hier und da etwas versteckt oder für Radler zu kleingehalten angebracht, zeigen Sie uns den Weg zur Mündung.
Mittlerweile hat sich die Wolkendecke weiter aufgelöst und die Kleidungsfrage vereinfacht. Vorbei geht's an Brombach, dem ein oder anderen Frankfurter ADFC-Mitglied in Erinnerung, da wir in der Naturfreunde-Hütte etliche Male unsere Herbsttreffen veranstaltet haben und nebenbei von Bertrams und Annes Kochkünsten profitieren durften. Bei Hunoldstal macht der Radweg einen steilen Anstieg und gleicht hier eher seinem zweiten Zweck: mehr Wander- als Radweg. Dieter hat auf seinem Liegerad ganz schön zu kurbeln, wir sind froh nach diesem Anstieg, eine lange wilde Abfahrt nach Neu- und Altweilnau zu haben.
Zu spät bemerken wir die Ruine Landstein, die etwas versteckt am Wegrand liegt. Bestimmt ist dort ein wunderbarer Platz zum Rasten. Die Ruhe und Beschaulichkeit der Gemäuer, die Ruhe der Gegend laden geradezu ein, die Glieder auszustrecken und ein Stündchen zu schlafen, leider ist es doch ein bisschen kalt dazu, also vielleicht das nächste Mal.
Durch Wald und Flur geht's weiter nach Weilrod/Rod a.d. Weil. Pferdekoppeln oder Kühe auf den Weiden lassen das Herz eines Städters höher schlagen, rechts am Wegrand türmt sich ein Fels empor, wir glauben es kaum, der Taunus ist mehr als der große und kleine Feldberg. In der "Ziegelhütte" lassen wir uns mit einem leckeren Zwetschgenkuchen mit Schlagsahne und einer Tasse Kaffee verwöhnen, vorher gibt's eine Kürbis- bzw. Blumenkohlsuppe, einfach Spitze. Wer mehr Zeit hat und sich zwei Tage an der Weil vergnügen will, kann in der "Ziegelhütte" übernachten, einen Hinweis dazu findet mann/frau im Bett&Bike Führer des ADFC.
Die Weil schlängelt sich durch die Wiesen weiter, an ihren Ufern wachsen und gedeihen alte Weiden und Birken. Der Radweg selbst besteht meist aus einer wassergebundenen Decke, will sagen gut ausgebautem Forstweg und ist an vielen Stellen asphaltiert. Hinter Weilmünster läuft der Rad-Weg auf bzw. neben der alten Bahntrasse entlang. Gefährliche Uferstücke/ Böschungen wurden durch Holzgeländer gesichert und bieten den kleineren Radlern eine gute Sicherheit. Eltern können hier dem Nachwuchs etwas mehr Spielraum geben, während die Landschaft zur Betrachtung einlädt. Etwas unverständlich erscheinen uns die zu dicht aufgestellten Drängelgitter, wer hier mit einem Fahrradkinderanhänger auf die Reise geht, na der hat echt was zu erzählen. Selbst ein Kinderwagen oder vielleicht sogar ein Rollstuhlfahrer wird so vom Wanderweg ferngehalten. Wir glauben jedoch fest daran, dass hier noch Abhilfe geschaffen wird.
Wir fahren hier nicht nur Rad, wir saugen die leicht feuchte Luft in unsere Großstadtlungen auf und genießen – einfach – den Tag. Es ist wirklich schön geworden und die ersten Herbstblätter fallen verspielt zu Boden. Mittlerweile ist aus der Quelle und dem Rinnsal ein beschaulicher Bach geworden, der mancherorts schon einem kleinen Fluss ähnelt. Zum Verweilen gibt es am Radweg aufgestellte Bänke, die ein oder andere Stelle ist sehr geschickt ausgewählt worden, vielleicht werden ja noch ein paar folgen und die obligaten Mülleimer sollten auch nicht fehlen, da sichtbar nicht alle ihre mitgebrachten Plastikflaschen oder Alu-Büchsen wieder mit nach Hause nehmen wollen.
Wir nutzen die spärlichen, aber warmen Sonnenstrahlen auf einer Bank aus, um Käsestullen und Wurstbrote zu verspeisen. Kurz vor Weilburg ist eine alte Stahlkonstruktionsbrücke der Eisenbahn noch erhalten und im Fels hinten, scheint dunkel der Tunneleingang hervor, beides zeugt von der guten alten Eisenbahnzeit. Die letzte große Schleife der Weil, und vor uns liegt ihre Mündung in die Lahn. Auf der Mündungsbrücke blicken wir in den Fluss und zurück, wir lassen den Weg kurz Revue passieren und schließen eine alles in allen gelungene Radtour ab. Schade, dass wir nur einen Tag Zeit hatten, mit etwas mehr Muße hätten wir die ca. 47 Km langsamer abgefahren, die Besichtigung der ein oder anderen Burg oder Ortskerns wäre sicherlich interessant gewesen. Wünschenswert sind Informationstafeln, z.B. am Ortseingang, in beiden Richtungen des Radweges, die Hinweise auf den Ortsnamen, seine Geschichte, Sehenswürdigkeiten usw. geben und natürlich – den Weg zur nächsten Eisdiele preisgeben.
Mittlerweile ist es 17.00 Uhr, vor 2 Stunden fuhr der Rad-Wander-Bus von Weilburg zur Hohemark ab, leider viel zu früh für uns. Doch die Deutsche Bahn AG bringt uns nach Gießen und weiter nach Frankfurt zurück. Dieter steigt in Friedberg aus, um die letzten 20 km nach Hause zu radeln. Es freut uns sehr ihn jetzt wieder so munter zu sehen, da er vor nicht all zu langer Zeit eine schwere Operation über sich ergehen lassen musste. Das Radfahren hat ihn, wie man so allgemein sagt, wieder auf die Beine gebracht, klasse Dieter!

Info-Hinweise: www.rmv.de oder hochtaunus.naturpark.de

Lothar Hennemuth u. Birgit Semle

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