Ausgabe 6/2001   November/Dezember

Elsaß, das romantische?
Ja, bei 37°C im Schatten

Doch das konnten die 17 Teilnehmer einschließlich Christian, dem Tourenleiter, bei ihrer Abfahrt am Sonntag, dem 19. August noch nicht ahnen. Am Frankfurter Hauptbahnhof trafen wir uns und stellten fest: um viele neue Leute kennen zu lernen, ist diese Tour ungeeignet. Also stürzten sich Alle auf Erdal, den einzigen "Neuen", der von Anfang an durch seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft beeindruckte.
Über die Fahrt mit der Bahn ist nichts zu berichten. Lediglich zwischen zwei Happen aus dem Reiseproviant dachte wohl der Eine oder die Andere daran, wie lange Herr Mehdorn uns diesen InterRegio noch anbieten wird. In Offenburg begann unsere Radtour, die uns über Kehl nach Strasbourg führte. Durch eine Baustelle suchten und fanden wir den Radweg entlang des Canal de la Bruche. Der führte uns vorbei an abwechselungsreicher Landschaft und schönen Schleusenwärter-Häuschen bis kurz vor Molsheim. Nach Besichtigung der ältesten Kirche des Elsaß, dem Dompeter mit der davor wachsenden fast ebenso alten Linde, fuhren wir auf einer zum Radweg ausgebauten Bahntrasse nach Molsheim. Unser Hotel lag ideal in einer kleinen Straße, die direkt auf den Rathausplatz führte. Der Platz hat die Grundfläche eines Tortenstückes und kann als die gute Stube Molsheims bezeichnet werden. Von hier aus starteten wir in den folgenden Tagen unsere Touren. Nach Belegung der Zimmer wurden wir in einem nahe gelegenen Gasthaus zum Flammkuchen essen erwartet. Madelaine, unsere Co-Tourenleiterin, hatte erreicht, dass für die Vegetarier eine fleischlose Version dieser Spezialität angeboten wurde, die dem Original in nichts nachstand.
Französische Frühstücksgewohnheiten stimmen nicht mit denen von Radtouristen überein. Also hatte Madelaine schon bei Reservierung des Hotels ein reichhaltiges Frühstück gebucht. Außerdem war mit dem Hotel vereinbart, dass abends ein vegetarisches Essen angeboten werden sollte. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn Madelaine nicht so vorausschauend gehandelt hätte. Der Montag begann mit einem reichhaltigen Frühstück. Danach hatte Christian zum Eingewöhnen eine Tour durch das leicht hügelige Vogesenvorland nach Schirmeck vorgesehen. Dort angekommen und nach einer Mittagsrast erlebten wir etwas, das man Zellteilung nennen könnte und das sich an den folgenden Tagen wiederholen sollte. Nach der Zwei-, Drei-, Rest-Methode teilte sich die Gruppe. Kamilla und Rolf fuhren kulturinteressiert gemütlich nach Molsheim zurück. Annette, Erdal und Thomas nahmen sich etwa 100 km auf Pass-Straßen durch die Vogesen vor. Und der Rest quälte sich eine ca. 8 km lange, extrem steile Straße bis zum KZ Camp du Struthof hinauf. Das von den Nationalsozialisten angelegte Arbeits- und Vernichtungslager beeindruckte durch seine schöne Lage, die in krassem Gegensatz zu dem einstigen Zweck des Lagers steht. Von hier aus konnte der Blick über die Vogesen schweifen und sich an den bewaldeten Berghängen verlieren. Ein Blick rückwärts zur Bergkuppe mit dem Mahnmal ließ uns aber schnell die Realität des Wetters erkennen. Da half keine Eile mehr: die Abfahrt fand im Regen statt, was angesichts der Vorfreude auf eine rasante Kurvenfahrt bedauerlich war.
Warum ich bei der Zimmerbelegung bevorzugt wurde und mir mit Tourenleiter Christian ein Zimmer teilen durfte, darüber kann ich nur rätseln. Vielleicht wollte er einen gewissen Einfluss auf den Chronisten nehmen. Wie dem auch sei, unsere Zimmergemeinschaft bekam schon bald etwas Rituelles. Dazu gehörte auch die allmorgendliche Abstimmung über Dinge, die auf den Touren mitzunehmen seien.
Ch: Nimmst du Regenkleidung mit?
G: Ja, sicher ist sicher!
Ch: Ach, ich nehme keine mit.
G: Wir sind den ganzen Tag unterwegs. Was machst du, wenn unterwegs plötzlich . . ?
Ch: Also gut, es kann ja nicht schaden.
Dieser Entscheidung mag wohl zu verdanken sein, dass das Wetter von Tag zu Tag besser wurde. Und wie sich das anfühlt, wenn die Strecke bei schönstem Wetter in einer gewissen Regelmäßigkeit hügelauf- und hügelabwärts verläuft, das erlebten wir am Dienstag. Über Marlenheim, Wasselone und Marmoutier fuhren wir zur ehemaligen Bischofsstadt Saverne. In Marmoutier legten wir eine kulturelle Pause ein. Eine alte Kirche stand auf dem Besichtigungsprogramm, in der gerade eine Kunstausstellung stattfand. Kurz vor der Weiterfahrt entdeckten Einige, dass in der Kirche auch eine Gruft zu besichtigen ist. Diese, nennen wir sie mal Grufties, bescherten uns eine unvorhergesehene Verlängerung der Pause. In Saverne reichte dann die Zeit aber noch, um sich die Grande Rue mit ihren schönen Fachwerkhäusern anzusehen, in einem Straßencafé alle Vorräte an Blaubeerkuchen aufzuessen und das Rohan-Schloss zu umfahren.
Der Mittwoch stand ganz im Zeichen des Elsaß europäischer Dimension. Wir fuhren am Canal de la Bruche nach Strasbourg, um uns all‘ das anzusehen, was sich alle ansehen. Beeindruckend war die Sicht vom Münster auf die Stadt. So schön "Petit France" auch ist, wir verließen es frühzeitig, um zu einer Weinprobe nach Molsheim zu fahren. Ein Biowinzer erläuterte uns den Weinbau und ließ uns von seinen edlen Tropfen probieren. Nach dem Motto "Bier auf Wein, das ist fein", fanden sich am Abend noch einige Nachtschwärmer auf dem Rathausplatz ein. Dem nimmermüden Roland folgend setzten wir uns vor das "Mutzig" und warteten bei ein paar Gläschen Gerstensaft auf den nächsten Tag. Mutzig ist ein mittelalterlicher Prachtbau, der von der Metzgerinnung errichtet wurde und der das schräg gegenüber stehende Rathaus in den Schatten stellt (auch nachts).
Am Donnerstag wurde erstmals die Temperatur erreicht, die den Artikel so interessant macht. Unser Vorteil: an diesem Tag war die Bergetappe zum Château du Nideck vorgesehen. Wir befuhren eine lang gestreckte, steile Pass-Straße, die fast ausschließlich durch Wald führte. Schatten begleitete uns also bergauf und bergab. Von der höchsten Stelle des Passes gibt es einen Fußweg hinab zur Burgruine und den darunter gelegenen Wasserfällen. Klaus blieb bei den Rädern und wir anderen machten uns an den Abstieg. Von den Resten des Burgturmes konnten wir die Sicht auf die Vogesen genießen. Mindestens ebenso bemerkenswert war die Ansicht von Christian auf einer Aussichtsplattform über den Wasserfällen, eine der seltenen Gelegenheiten, ihn in kurzen Hosen zu fotografieren. Mit 37°C war vielleicht doch seine ideale Betriebstemperatur erreicht. Auf dem Parkplatz zurück, hatten wir nur noch eines im Sinn: die laaange Abfahrt. Selbst als Genussradler, der keinen Ehrgeiz in hohe Geschwindigkeiten legt, erreichte ich knapp 57 km/h. Es war ein berauschendes Gefühl.
Konnten wir am Donnerstag überwiegend im Schatten fahren, stand uns am Freitag die pralle Sonne im Gesicht, denn wir fuhren nur durch Weinberge. Wir wollten auf der Route du Vin bis nach Riquewir. Und das bei Christians optimaler Betriebstemperatur (s.o.). Hier zeigten sich übrigens seine Tourenleiterqualitäten: Flexibel erklärte er den Tag zum "Tag der was-ihr-wollt-Tour". So bildeten sich drei Gruppen und eine Separatistin. Eva und Klaus betrieben Seelenmassage bei Bettina, die durch eine allergische Reaktion nach einem Insektenstich sehr litt. Helgas Treiben blieb dem Chronisten verborgen. Rolf, Christian, Reiner, Rudi, Christine, Madelaine, Kamilla und Günter passten sich der Wetterbedingung an, machten eine lange Mittagspause und verkürzten die Tour auf Dammbach la Ville. Und die ganz Hartgesottenen Roland, Thomas, Annette, Erdal und Anja? Die ließen sich auf der etwa 100 km langen Tour bis Riquewir und zurück weichkochen. Festzuhalten bleibt: 1. es gibt noch schönere Fachwerk- und Winzerorte als in Nordhessen oder dem Rheingau und 2. Christian glaubt, Sonnenschutzmittel sind zum Baden da.
Am Samstag war Rückreise. Die Fahrt nach Offenburg verlief auf den schon liebgewonnenen Radwegen auf der Bahntrasse und entlang des Canal de la Bruche bzw. auf deutscher Seite entlang der Kinzig (nein, nicht die aus der Wetterau). Unterwegs machten wir einen Abstecher zu einem romantischen Hotel in einem ehemaligen fürstbischöflichen Hofgut. Dort lernte ich das kulinarische Selbstverständnis der Elsässer kennen. Im Gespräch mit dem Hotelier äußerte ich, dass es im Elsaß ein Problem sei, vegetarische Kost zu bekommen. Die prompte Antwort war: "Wir haben damit kein Problem. Sie haben damit ein Problem."
Die Rückreise verlief bis auf kleinere Zwischenfälle reibungslos. Ab und zu fiel mal etwas Gepäck vom Fahrrad. Da es sich immer um das gleiche Rad handelte, wurden Überlegungen laut, ob es etwa überladen sei. Letztendlich kamen wir wohlbehalten und gut gelaunt in Frankfurt an. Zum Abschied verabredeten wir uns zu einem Nachtreffen am 13. Oktober. Dann wollten wir Rolands Geburtstag feiern und mit unseren Fotos in Erinnerungen schwelgen.

Günter Tatara

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