Ausgabe 6/2001   November/Dezember

Korsika – Gebirge im Meer
Aus meinem Tourtagebuch, Teil 2

10. Mai 2001
(Corte – Cozzano)
Zu unserer großen Freude hat sich das Wetter gehalten. Doch nach der gestrigen Etappe sind die Beine müder geworden, und zum ersten Mal verschafft sich ein zwar noch kleiner, aber vorhandener Gedanke an einen halben bis ganzen Ruhetag Zutritt in meine Überlegungen zur Tagesplanung. Doch noch fehlt es ihm an konkretem Durchsetzungsvermögen. Wir brechen erst mal auf und wollen einen kleinen Abstecher in das Tal der Restonica machen. Nach etwa 5 km treffen wir erneut auf jenes am Vortag kennengelernte Verkehrsschild, welches uns darauf aufmerksam macht, dass die Weiterfahrt gesperrt ist. Wieder Pech gehabt! Also lenken wir unsere Drahtesel Richtung Süden, und legen die nächsten gut 20 km auf der Nationalstraße bis Vivario zurück. Dort wollen wir abzweigen, um über den Col de Serba (1310 m) nach Ghisoni zu gelangen. Der Reiseführer kündigt für die ersten 1,5 Kilometer eine respekteinflößende Steigung von 16% an. Daher schiebe ich, zwar nicht das Fahrrad, aber mir noch ein paar Traubenzucker in den Mund. Vielleicht hilft’s ja. Dann fahre ich los, immer darauf wartend, dass endlich die sich erhöhende Schwere des Tritts die ersten Anzeichen gibt für den Beginn der Tortur. Aber es geschieht nichts gravierendes. Der Reiseführer hat geirrt. Das Beäugen des Tachos ergibt mathematisch die Hälfte der angekündigten Wahrheit. Als mir mein Bruder plötzlich wieder entgegenkommt, erfahre ich, dass wir, beginnend mit dem gestrigen Abend, anscheinend wirklich der Route der korsischen Straßenausbesserungstrupps folgen, denn auch diesen Pass werden wir nicht zu sehen bekommen. Leicht genervt werfen wir einen Blick auf die Karte, stellen fest, dass es eine andere, wenn auch längere Alternative gibt, und setzen unsere Tour auf diesem Wege fort. Das mit dem halben Ruhetag verschwindet für heute endgültig aus meinen Gedanken. Dafür ist der Anstieg von ca. 500 Höhenmeter auf den Col d’Erbajo (920 m) mit einer moderaten Steigung versehen, so dass sich die Sinne währenddessen von der Umgebung berühren lassen können. Nachdem wir das Dorf Muracciole auf einem kleinen Sträßchen verlassen haben, herrscht himmlische Ruhe, unterbrochen nur von dem Schlagen der Kirchuhr und dem Gebell eines Hundes. Eine Eidechse taucht auf, rennt am Straßenrand im gleichen Tempo neben mir her, dann verschwindet mein kleiner Begleiter wieder im hohen Gras. Der Ruf des Kuckucks ertönt und ein Bergbach plätschert dahin. Kein motorbetriebenes Vehikel betätigt sich als Störenfried. Idylle pur. Die spärlich aufkommenden Wolken bilden ein sich bewegendes Licht- und Schattenspiel über dem bewaldeten Tal. Und wir schrauben uns höher und höher. Mit jeder Kurve bleibt das Dorf ein Stückchen weiter im Tal unter uns zurück, bis es nach einer weiteren Kurve ganz aus unserem Blickfeld verschwindet. Oben angekommen gibt es eine kleine Rast, bevor das alte Hoch-Runter Spiel sich fortsetzt und es wieder auf 300 m hinab geht. Durch diesen Umweg kommen wir immerhin in den Genuss, zwei weitere interessante Felsschluchten, die Defile de I’Inzecca und die Defile de Strette, zu durchfahren, bis wir unser geplantes Ziel Ghisoni erreichen (660 m). Der optische Eindruck, den wir von dem Ort erhalten, ist kein allzu positiver und daher beschließen wir, noch ein Teilstück an diese heutige Etappe dranzuhängen. Es ist ca. 16:30 Uhr und wir wollen noch über den Col de Verde (1289 m). Am Ortsausgang trauen wir unseren Augen nicht: jenes hässliche, uns wie in einem Alptraum verfolgende Schild taucht urplötzlich aus der Versenkung wieder auf: "Pass gesperrt". Ein Blick auf die Karte überzeugt uns, dass wir diesmal keine andere Option haben, es sei denn wir fahren denselben Weg wieder zurück und schmeißen unsere geplanten Etappen völlig um. Nein, diesmal nicht. Der Anstieg zieht sich über 17 km, und das Schild sagt aus, dass nach 9 km Ende sein soll. Wir riskieren es und setzen uns in Bewegung. Bald darauf kommen uns zwei LKW’s, beladen mit Felsbrocken, entgegen. Danach niemand mehr. An der Sperre angekommen, sehen wir, dass sich dahinter eine neu asphaltierte Straße befindet. Wir fahren weiter, etwa 2 km, dann erscheint ein neues Schild: "Pass gesperrt in 3 km". Als die avisierte Kilometerangabe erreicht ist, merke ich schnell, dass es sich diesmal um eine sehr viel realistischere Sperre handelt: Die Straße existiert nämlich überhaupt nicht mehr, lediglich ein Haufen von weggesprengten Felsbrocken türmt sich vor mir auf. Mein Bruder ist wie vom Erdboden verschwunden. Meine Rufe werden von ihm nach einiger Zeit erwidert, er erscheint etwa 15 m oberhalb, an einer Stelle, zu der ein sehr steil angelegtes Stück felsbrockenfreie Zone führt. Dies ist unser Licht am Ende des Tunnels. Halb schiebend, halb tragend hieve ich mein Rad samt Gepäck den Hang hinauf und treffe auf einen Durchgang, der vorhanden ist, um irgendwie noch den Kontakt zu dem ursprünglichen Straßenverlauf zu erhalten. Auf dieser Verbindung gelangen wir wieder auf den rechten Weg, und können unseren Anstieg fortsetzen. Gut, dass sich die Straßenausbesserungstrupps an die tariflich vorgegebenen Arbeitszeiten gehalten haben, sonst hätten wir wohl ein Problem gehabt. Oben auf dem Col finden wir die potenziell vorhandene Übernachtungsmöglichkeit nicht vor, so dass es gleich wieder in rasanter 18 km langer Abfahrt hinunter geht, bis wir in Cozzano (725 m) gegen 19:15 Uhr eine Gite d’etape entdecken, die uns aufnimmt. Dort treffen wir zwei belgische Wanderer, und mit Hilfe deren Sprachkenntnissen können wir den Wirt überzeugen, unsere seit Tagen mitgeschleppten Nudelvorräte in den vorhandenen Kochvorrichtungen zubereiten zu dürfen. Das wird in anderen Gites nicht so gerne gesehen, aufgrund des i.d.R. angegliederten Restaurantbetriebes. Beim Ablesen der statistischen Daten des Tages fällt dann auf, dass wir uns mit der Königsetappe von gestern glatt vertan haben; heute haben wir noch einen (kleinen) draufgesetzt, ganz ungeplant, vom reparaturbedürftigen korsischen Straßennetz aufgezwungen.
Statistik: 113 km/ 2250 hm.
12. Mai 2001
(Zonza – Aleria)
Der Wecker klingelt nach 11 Stunden Schlaf um 8:30 Uhr ausgesprochen spät, soll es doch heute etwas gemächlicher vonstatten gehen. Für einen Ruhetag ist uns der Ort allerdings nicht passend genug, deshalb wollen wir noch runter an die Ostküste. Der Tag scheint erneut ein trockener zu werden, und damit ist des Radlers größter Wunsch bereits erfüllt. Wir starten gegen 10:00 Uhr und begeben uns schnurstracks zu der bereits am Vorabend ausgekundschafteten Boulangerie. Wir sind noch etwa 50 m entfernt, als eine Frau dieselbige verlässt, in ein Auto springt und davonbraust. Als wir kurz darauf die Stätte der allmorgendlichen Stärkung erreichen, ist diese geschlossen. Wir lugen hinein, kein Mensch zu sehen. Wir warten, klopfen sanft. Nichts geschieht. Klopfen etwas stärker, mit dem gleichen Resultat. Tja, ohne Kenntnis des korrekten Zauberspruchs geht hier offensichtlich gar nichts. Was soll’s, jetzt, wo wir uns die Auswahl der Backwaren etwas genauer ansehen, erscheint uns diese sowieso eher spärlich, und ein konkretes Hungergefühl hat sich eigentlich auch noch nicht eingestellt. Also fahren wir einfach los. Der Col de Bavella (1218 m) lockt auf den folgenden 9 km. Die Strecke verläuft durch Kiefernwald, an einem Hippodrom vorbei, ab der 1000-Meter- Höhenlinie weht einem in einigen Kurven unangenehm der Wind entgegen und wir kommen den Wolken immer näher. Ein paar von den als Notration eingepackten Keksen geben neue Energie. Als wir die Passhöhe erreichen, verhüllt sich diese in Wolken und es herrscht einiger Trubel, verursacht durch mehrere Busladungen Touristen. Anscheinend ist hier oben die Hauptattraktion eine Madonnenstatue, die mit zahlreichen Danksagungsschildern versehen ist, soweit ich das entziffern kann. Uns drängt es angesichts dieses ungewohnten Menschenmassenaufkommens und der deutlich gesunkenen Temperatur recht schnell wieder hinunter. Was dann folgt, ist eine Abfahrt, die es in sich hat – und keine echte Freude aufkommen lässt, weil durch das enorme Gefälle ein permanentes Bremsen von Nöten ist, und zusätzlich sich der Straßenbelag teilweise im Zustand des Flickenteppich befindet. Als wir die erste Senke erreichen, zeigt der Tacho an, dass wir auf 8 km knapp 700 m an Höhe verloren haben. Der Blick auf die schroffen Bergketten ringsherum ist, wie fast immer, atemberaubend, auch wenn die höchsten Gipfel sich leider mit einem Mantel aus Wolken umgeben haben. Nach einem kurzen Anstieg geht es dann weiter sehr steil bergab, Richtung dem am Meer gelegenen Solenzara. Angesichts dieser Abfahrten erscheint die umgekehrte Richtung hinauf zum Col de Bavella aus dem Blickwinkel des Radtouristen die größte Herausforderung auf Korsika zu sein. Je weiter wir hinabfahren, desto mehr spürt man die von der Sonne erwärmte Luft, in der es herrlich nach Kiefern riecht. Plötzlich, nach dem Erklimmen eines kleinen Hügels, sehe ich das blaue Meer in der Ferne auftauchen und bald darauf weht uns auch sein salziger Duft um die Nase. In Solenzara fahren wir zum Hafen, lassen uns auf den dort angehäuften Felsen nieder, lauschen dem Plätschern der Wellen und halten Mittagspause. Anschließend geht es flach weiter, überwiegend an der Küste entlang, notgedrungen auf einer der meistbefahrenen Nationalstraßen. In Aleria wird an Ausgrabungen jener ehemaligen Römerstadt gearbeitet, deren Untergang maßgeblich von zwei unbeugsamen Galliern hervorgerufen wurde, die sich ein paar Jahrtausende vor uns ebenfalls auf eine Reise nach Korsika begeben hatten (nachzulesen im großen Asterix-Band XX, Seite 38 ff). Wir erblicken zum ersten Mal auf unserer Tour ein Chambre d’hote (bed & breakfast), und ergattern glücklicherweise ein Zimmer.
Statistik: 77 km/750 hm.
13. Mai 2001 (Aleria)
Schon als das Wecksignal zum Aufstehen ertönt, wird mir schlagartig bewusst, dass meine Motivation zum Weiterfahren heute nicht nur gegen Null tendiert, sondern definitiv gleich null ist. Mit sanfter Gewalt lässt sich mein Bruder davon überzeugen, und da ist er nun endlich: der Ruhetag. Die Sonne knallt und wir verbringen ihn damit, uns anzuschauen, was nach der damaligen Verwüstung Alerias durch die geballte korsisch-gallische Freundschaft noch übrig geblieben und nun wieder zu Tage gefördert worden ist. Viel ist es nicht mehr, und so statten wir dem 4 km entfernten Strand einen Besuch ab. Dieser ist menschenleer, gefüllt jedoch mit reichlich Strandgut und es gibt kein bisschen Schatten. Um letzteres will ich mich später kümmern, zunächst lockt die Erkundung per pedes des etwa 3 km langen Strandverlaufes bis zur Spitze der Bucht. Dort angekommen stelle ich fest, dass die Bucht tatsächlich zu Ende ist, mache kehrt und begebe mich joggenderweise auf den Weg zu meinem lesenden Bruder zurück, um mir, mittlerweile entsprechend aufgeheizt, ein Abkühlungsbad im Mittelmeer zu gönnen. Und es ist gar nicht so kühl, wie befürchtet, 10 Minuten halte ich es planschend locker aus. Dann beginne ich, aus dem angeschwemmten Treibholz einen schattenspendenden Verschlag aufzutürmen, nicht nur, weil ich uns nicht länger schutzlos der heftig herunterbrennenden Sonne aussetzen möchte, sondern auch, weil’s einfach Spaß macht. Mein Werk ist der Vervollkommnung ziemlich nahe, als wir beschließen, dass die Temperaturen eigentlich doch nichts für uns sind. Wir ziehen eine Siesta vor. Spontan dehnen wir diese dann bis zum nächsten Morgen aus, unterbrochen lediglich vom Einkaufen der notwendigen Zutaten für ein neues Kapitel unserer kulinarischen Entdeckungsreise (Marke "Baguette, Käse, Rotwein"), nebst ausgiebigster Konsumierung desselbigen.
Statistik: 13 km/80 hm.
(wird noch einmal fortgesetzt) (cm)

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