Herr Sch. will über die Alpen

Das rote Lämpchen des Anrufbeantworters signalisiert: Eine Nachricht wurde hinterlassen. Herr Sch. bittet um Rückruf, kurz und bündig, mit Telefonnummer und dem Vermerk, dass sein Interesse einer Alpentour gelte. Ich rufe zurück.

Herr Sch. ist außer sich. Seit Tagen versuche er, jemandem beim ADFC zu erreichen, erhalte aber keine Rückmeldung. Er hinterlasse Nachrichten auf Anrufbeantwortern, trage sein Anliegen Kindern vor (die das Anliegen offensichtlich nicht weiterleiten an den dafür zuständigen Vater), versuche andere Telefonnummern, das könne ja wohl alles nicht sein, die Herren W. und J. seien doch die richtigen Adressaten, die ständen doch hier im Tourenprogramm – aber leider rufe ihn keiner zurück und Herr P. lasse ebenfalls nicht von sich hören. Wenn es am Geld läge – in Ordnung, er würde gerne einen Euro für die Telefonkosten überweisen, das sei gar kein Problem, aber es müsse doch möglich sein, nach Tagen der Telefonversuche endlich eine Rückmeldung zu bekommen.

Hr. Sch. ist verärgert. Sehr verärgert. Ich sei der erste, der ihn zurückrufe, und er wolle sich zu einer Alpenüberquerung anmelden, schnellstmöglich, er müsse auch seinen Urlaub planen, es könne doch nicht so schwer sein, ihn zurückzurufen, gerne würde er die Kosten für das Gespräch übernehmen, und, und, und. Ich unterbreche Herrn Sch. und versuche zu erklären, dass beim ADFC ausschließlich ehrenamtlich Tätige aktiv sind, dass diese Menschen nicht immer greifbar seien, dass sie versuchten, Arbeit, Familie und ADFC unter einen Hut zu bekommen und ob er schon einmal einen Kontaktversuch per E-Mail unternommen habe.

Hier angekommen, höre ich, dass Herr Sch. während meines Einwurfs ununterbrochen weiter redet, wir gemeinsam eine Art avantgardistisches Hörspiel aufführen. ... und die E-Mail Adressen der zuständigen Herren habe er nicht, ob ich ihm helfen könne. Ich kann, verweise ihn auf Seite 2 von Frankfurt aktuell, wo diese zu finden seien. Herr Sch. ist nicht im Besitz von Frankfurt aktuell, Herr  Sch. ist offenbar nicht Mitglied im ADFC und verweist erneut auf das Tourenprogramm. Ich teile Herrn Sch. die E-Mailadressen der zuständigen Herren J. und W. mit. Herr Sch. notiert, buchstabiert, notiert weiter. Dazwischen immer wieder Einwürfe über die Unzuverlässigkeiten der Angerufenen, die doch zuständig seien für sein Problem.

Ich weise darauf hin, dass das Tourenprogramm sicherlich noch nicht ausgereift sei, dass daran noch gearbeitet werde, und frage, warum er sich schon jetzt so dringend für eine Alpenüberquerung im nächsten Jahr anmelden müsse. Und seit wie vielen Tagen er denn probiere, den Frankfurter ADFC zu erreichen. Er probiere es nun bereits seit drei Tagen, und anmelden müsse er sich unbedingt, er wisse doch, wie das ist, die Teilnehmerzahl sei ja dann auf 10 Mitfahrer begrenzt, wenn er da zu spät komme, sei alles ausgebucht, und außerdem müsse er ja seinen Urlaub planen, früher ginge das wegen der Kinder nicht, aber jetzt wolle er endlich über die Alpen.

Letzteres habe ich nun, wie vieles Andere auch, bereits mehrfach vernommen, so dass ich einen weiteren Versuch unternehme, Herrn Sch. zu unterbrechen. Diesmal gelingt es, vielleicht wegen des nun meinerseits aufkommenden Ärgers und des damit verbundenen schärferen Tonfalls. Herr Sch. schweigt zum ersten Mal. Ich erläutere erneut, dass der ADFC von Ehrenamtlichen getragen werde, dass diese Menschen nicht hauptberuflich Fahrradtouren anbieten, dass sie ihre Freizeit für sein Vergnügen einsetzten, dass sie sogar bei Bahnanreisen ihre Kosten selber trügen und dass es keine rund um die Uhr erreichbare „Hotline“ gebe, er nicht den gleichen Service erwarten könne wie bei einem gewerblichen Unternehmen.

Ja, ja, das wisse er genau, sagt Herr Sch., wenn man sich ehrenamtlich engagiere, müsse man sowieso immer Geld mitbringen, und das sei für ihn auch der Grund, warum er nie auf die Idee käme, ehrenamtlich tätig zu werden.

An diesem Punkt des Gesprächs verschlägt es mir die Sprache. So vergesse ich, Herrn Sch. an gewerbliche Reiseveranstalter zu verweisen, ihm zu erzählen, dass man Alpenüberquerungen auch selbst planen und organisieren könne, und dass es wahrscheinlich sowieso besser für alle sei, wenn er alleine durch die Berge führe. Ich verabschiede mich etwas steif von Herrn Sch. und lasse ihn meine Verärgerung spüren.

Am Tag darauf erfahre ich vom vielgescholtenen Herrn W., der mir umgehend auf meine Mailanfrage antwortet, dass der Frankfurter ADFC keine Alpentouren im Programm hat. Weder für 10 Mitfahrer, noch für Herrn Sch.

(ps)

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15 April, 2012 I ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt