Ausgabe 6/2000   Nov. / Dez.


Kleines ABC
großer Radfahr-Irrtümer

20. Fortsetzung Um Hinweise auf weitere Stichwörter bittet Harald Braunewell

RENNLENKER seien auch für Reiseradler - wegen des geringeren Luftwiderstands bei der ja stärker gebeugten Sitzhaltung - jeder anderen Lenkerform vorzuziehen...

Mitnichten: Die Rennprofis wissen um den Vorteil (die sind ja auch jahraus, jahrein im Training) - wir Reise- und Gelegenheits-/ und oder Freizeitradler würden ihn ja auch ganz gerne wahrnehmen, spüren es aber bald im Genick!! Die zurückgebeugte Kopfhaltung - wir wollen ja schließlich auch sehen, wohin wir fahren - überansprucht die Halswirbelsäule und kann zu Entzündungen im Halswirbelbereich führen. Und: wer fährt schon gerne Lenker-Endschalter (die ja die Profis nützen können, weil sie ihren Daumen bzw. den Ringfinger ja dann griffbereit ganz in der Nähe haben!! Ich denke, wir sollten auf den oben genannten, doch erst ordentlich bei hohen Geschwindigkeiten zu Buch schlagenden Vorteil des geringeren Luftwiderstands zugunsten einer weniger anstrengenden Sitzposition verzichten und unser Augenmerk lieber richten auf höchstmöglichst aufgepumpte Reifen, geringe Profiltiefe - es gibt sogar Slicks (profillos, auch für Breitreifen!!) - geringes Gewicht des Rades und des Gepäcks und auf die Verwöhnung unserer Kette, alle 100 km mit ein paar Tropfen Öl...

RENNRÄDER - wie die FR vom 15.7. titelte - könnten schnell zu einem Folterinstrument werden...

Durchaus Mitnichten - aber nur, wenn die das Rad benutzende Person (siehe auch den vorhergehenden Artikel über Rennlenker und darüber hinaus) nicht beachtet, dass das Körpergewicht beim Rennrad fahren infolge des runden Tritts (s. unten den eigenen Artikel) vermehrt auf den Sohlen lastet und nicht auf dem Sitzfleisch, das dadurch erheblich entlastet wird. Die übertrieben gebeugte Sitzhaltung ist freilich für den Reiseradler kein Vergnügen - doch unbestritten ist, dass (wegen des Parallelogramms der Kräfte) senkrecht von unten einwirkende Kräfte bei einer 45-Grad-Neigung der Wirbelsäule noch am besten abgefangen werden können. Glücklicherweise treten Federungen bei Rennrädern eher selten auf - sie vergrößern zudem das Gewicht und sind auch für die Rundtreter (s.unten, eigener Artikel) zudem schlichtweg überflüssig.

Der ROLLWIDERSTAND eines Reifens sei geringer, je schmaler der Reifen ist...

Mitnichten: Was geringer sein kann, ist der Gesamtbetrag des Widerstands, den der Reifen in die Zusammenrechnung aller Widerstände, die zu überwinden sind, einbringt und dazu gehört zusätzlich zum Rollwiderstand auch noch der Widerstand, den die geradlinig und in der Drehung zu beschleunigende Masse des Reifens (wer fährt schon mit exakt konstanter Geschwindigkeit?! - und wer denkt dran, dass die Beschleunigungskräfte mit dem Quadrat der betr. Geschwindigkeiten eingehen und dass die Masse eines breiten Reifens glatt 5mal so groß sein kann wie eines schmalen...)! Der Rollwiderstand selbst ist abhängig von dem Luftdruck, dem Profil, der Gummimischung, der Karkasse (das sind die Gewebefäden, die - kreuzweise innen im Reifen verlegt - die Beschleunigungs- und Bremskräfte von der Felge auf die Straße übertragen) und nicht zuletzt von der Walkerei, die die Verformung des Reifens infolge seiner Belastung durch das Gewicht des Rades und des Fahrers mit sich bringt. Und genau diese Verformung ist beim breiten Reifen geringer - sie ist nämlich in erster Linie abhängig von der Größe der Aufstandsfläche und die ist beim breiten Reifen eher kreisförmig und beim schmalen Reifen eine eher langgestreckte Ellipse. Und bei sonst gleichen Voraussetzungen hat nun einmal die Ellipse die größere...

Der RUNDE TRITT sei als genetische Veranlagung allein denen zuzuordnen, die als Radrennfahrer zur Welt gekommen sind ...

Mitnichten: Das Rundtreten will gelernt sein und das ist, wenn man/frau erst einmal 'falsch' - nämlich 'links-rechts-links-rechts...-stampfend' eintrainiert hat, recht mühsam... Doch schön der Reihe nach: Rundtreten ist besser als Stampfen, weil die Muskulatur schonender beansprucht wird durch fließende Bewegung als durch stoßweise Belastung. Das bedeutet: Pedalieren macht leistungsfähiger, bringt mehr Kraft auf die Straße, und vor allem, lässt einen länger im Sattel sitzen! Unumgängliche Voraussetzung ist und bleibt die willkürliche Lösbarkeit der starren Verbindung zwischen Fuß und Pedal (früher war das mal Haken und Sohlenplatte, jetzt ist das Klicksystem wohl kaum zu übertreffen). Wer sich damit angefreundet hat, sagt, dass damit für ihn / für sie das Rad fahren überhaupt erst angefangen hat. Leider kostet nun mal die Umrüstung Geld. Es müssen neue Pedale her und dazu passende Radschuhe. Sowohl diese Investition, als auch die Mühe des Einfahrens mit der neuen Ausrüstung (je länger 'gestampft', umso zeitaufwendiger) lohnen sich - die Einstellmöglichkeiten des Pedals lassen die anfängliche Zurückhaltung (ich muss doch immer mit den Füssen auf den Boden kommen!!) vergessen: Glück hat auf die Dauer nur der Mutige!

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