Ausgabe 6/2001   November/Dezember

Durch die nördlichen Karpaten
... oder wo die Blockgrenze heute liegt – und zurück durch Tschechien
Reisebericht von Wulfhard (Normalnotext) und Rainer (Kursivnotext)

Weil uns für den Sommerurlaub immer noch nichts besseres einfällt als in Osteuropa rumzuradeln (nicht nur wegen der günstigen Bierpreise), hatten wir uns dieses Jahr vorgenommen, ein Stück Westukraine "mitzunehmen", die Gegend um Lwow/Lemberg.
Um es vorwegzunehmen, daraus wurde nichts. An der Grenze zu diesem Land wurde uns freundlich aber bestimmt erklärt, dass Touristen neuerdings nur noch mit dollarschwerer Eintrittskarte (sprich Visum) reindürfen. Dahinter steckt noch die gute alte Ostblock-Gruppenreisedenke. Die attraktiven Konditionen: Die Buchung aller Übernachtungen muss nachgewiesen werden. In Frage kommen nur bestimmte Hotels in größeren Städten, die z.T. weit auseinanderliegen – optimal also für Radfahrer, die gern improvisieren. So wurde aus der geplanten Reise in Kutschmas Reich eine Tour durch die Slowakei, Polen und Tschechien.
Die Zugfahrt in die Slowakei begann nachts, fahrrad- und bahntechnisch naheliegend über Köln nach Prag. Dort wurde uns verklart, dass die Fahrradmitnahme im Zug über die knapp 10 Jahre alte tschechisch-slowakische Grenze neuerdings nicht mehr möglich wäre. Voller Verständnis für diesen Nachholbedarf an abstrusen Regelungen, "praktizierter Tribalismus" und "aha, die neue EU-Ostgrenze" in die Bärte brummelnd, nahmen wir am Grenzbahnhof Horni Lidec unsere Fahrräder in Empfang und radelten über die Grenze.
Von &Mac255;Zilina aus ging es dann mit der Bahn weiter nach Kysak, dem geplanten Startpunkt der Exkursion. Nach einer Übernachtung auf einem Berg mit bester Aussicht (schwitz) fuhren wir in den nächsten Tagen über Michalovce, eine Schwimmrunde im See als Ausgleichssport einlegend, zur ukrainischen Grenze bei U&Mac255;zgorod. Nachdem uns dort klar gemacht wurde, dass sich dort der neue, nun nicht mehr ganz so extreme Eiserne Vorhang durch Europa befindet, radelten wir Richtung Norden weiter, gen Polen.
Für Liebhaber ursprünglicher Landschaften ist die Strecke durch die Beskiden ein Genuss. In der Region soll es noch (bzw. wieder) Wölfe, Braunbären und andere "Räuber" geben. In einem Naturpark auf dem Weg zur polnischen Grenze bekamen wir es allerdings mit nicht minder beeindruckenden Vertretern der einheimischen Fauna zu tun. Am See unterhalb der Grenzberge hatte jeder von uns einen Pulk von etwa 30 hungrigen Bremsen im Nacken. Abhängen konnten wir sie nicht, trotzdem spornten sie uns noch einmal zu Höchstleistungen an. Obwohl wir schon etwa 100 km hinter uns hatten, strampelten wir "problemlos" (summ, aua, patsch-patsch!) noch etwa 600 Höhenmeter über Schotterwege hoch zum Ruske Sedlo, wo wir die Zelte direkt am Schlagbaum des Fußgängergrenzübergangs aufschlugen. Habe selten so gut geschlafen wie nach diesem satten Trainingspensum.
Slowakische Grenzschützer hatten uns eingeschärft, die Grenze auf keinen Fall vor 8 Uhr am nächsten Morgen zu überqueren. Daraufhin erwarteten wir eine Zeremonie, zumindest dass irgendwelche Uniformierten auftauchen, ein Fähnchen hissen oder sonstwas. Wir wurden aber enttäuscht, und fuhren völlig formlos auf der polnischen Seite runter nach Cisna.
Östlich von diesem Ort ist die Gegend (namens Biesczady) bis zur ukrainischen Grenze touristisch voll erschlossen, kam uns vor wie ein überdimensioniertes Landschulheim. Weiter westlich hingegen sind die Beskiden bis zur Hohen Tatra hin eher ein gottverlassenes Idyll. Wenn man die Hauptstraßen verlässt und sich nicht scheut, das Rad durch den einen oder anderen Bach zu tragen, kommen Naturfreunde voll auf ihre Kosten – begeisterte Trekker und Mauntenbaiker übrigens auch. Orthodoxe Kirchen, verfallene Dörfer und Friedhöfe mit kyrillischen Grabinschriften deuten hier darauf hin, dass die Beskiden früher dichter besiedelt waren. Der Zweite Weltkrieg dauerte hier bis 1947, und während des Kriegs zwischen einheimischen ukrainischen Nationalisten und der polnischen Armee wurde die hiesige Bevölkerung fast komplett deportiert.
Westlich vom Dukla-Pass überquerten wir wieder die Grenze zur Slowakei und fuhren in einer langen Tagesetappe zur Hohen Tatra. Angeblich das kleinste Hochgebirge der Welt – man kann in einem Tag durchlaufen. Wir legten einen Wandertag ein, um uns mal anders anzustrengen, spürend, dass dabei z.T. andere Muskeln beansprucht werden. Bis zur Berghütte Zbojnicka Chata war die Wanderung bei dem dieses Jahr seltenen Superwetter die Teilnahme an einer Massenprozession, mit "Bergsteigern", die mit Badelatschen, Bikinis oder unbedecktem Bierbauch ausgerüstet waren. Richtig in Ruhe bergsteigen kann man erst ab 2.000 m Höhe – da sieht man dann auch keine Badelatschen mehr, aus technischen Gründen ;-). Trotz des Rummels lohnt sich ein Abstecher in die Hohe Tatra immer.
Weiter ging es dann Richtung Tschechien, durch Städte mit hübschem Altstadtkern und weniger hübscher "Architektur für den Neuen Menschen" in den Außenbezirken. Von der Landschaft und vom Straßenzustand her (es gibt auch hübsche autofreie asphaltierte Strecken) ist die Slowakei, wenn man es denn hügelig mag, ein lohnendes Ziel für Radtouren, allerdings kann die etwas schwerfällige Gastronomie hin und wieder ein Bremsklotz sein. Zwei Stunden Fahrtunterbrechung sollte man bei einer "Konsumpause" schon einkalkulieren – Wulfhards Meinung. Lange Wartezeiten sind eigentlich selten, relevanter scheint mir das Problem, in manchen Gegenden zum nächsten warmen Essen evtl. ein paar Stunden fahren zu müssen.
Wieder über &Mac255;Zilina mit seinem glockenspielbewehrten Rathaus ging es dann zurück in die Tschechische Republik, wo wir uns südlich von Olomouc trennten. Ich fuhr die nördliche Route über Königgrätz nach Zittau zur Bahn-Heimreise (zum leidigen Thema Bahn und Rad und damit verbundenen neuen Abenteuern im nächsten Heft mehr); Rainer südlich über den Böhmerwald nach Hause.
Der hatte nun ein bisher unbekanntes Problem: Ich hatte noch fast drei Wochen Zeit, und war rückfahrtmäßig nun schon in Mähren. Bei meinem üblichen Reiseschnitt, 80 bis 100 Luftkilometer pro Tag, wäre ich viel zu schnell wieder zu Hause gewesen. Ich musste ein Arsenal von Tricks anwenden, um langsam genug zu werden: Spät losfahren, früh lagern. Sehenswürdigkeiten mitnehmen (sonst nicht mein Stil). Umwege einbauen, plus zeitintensive "Abkürzungen" durch Naturparks und Militär-Sperrgebiete. Und ausgiebige Konsumpausen, die Mittagshitze nach Art des Landes ablaschend mit ein, swei, dings Bier bekämpfend. Die Maßnahmen waren erfolgreich, sie drückten den Schnitt auf 40 Luftkilometer ;-)
Auf dem Rückweg rollte ich mal wieder den Böhmerwald auf, parallel zur österreichischen und deutschen Grenze. Besonders attraktiv an meiner Lieblingsgegend finde ich die dünne Besiedelung, die schon bei einem Blick auf die Karte ins Auge springt. Zur Zeit des eisernen Vorhangs wurden nicht nur die Deutschen vertrieben, die grenznahen Regionen wurden systematisch entsiedelt. Was auch immer man davon halten mag, Touristen profitieren heute davon.
Man kann tagelang "Wanderwege" fahren, die fast durchgehend asphaltiert sind, die meisten sind für den Autoverkehr gesperrt.
Die von mir gewählte Route durch den Böhmerwald bin ich Anno '96 schon mal gefahren. Der große Unterschied: Damals war ich praktisch der einzige Radtourist, mir die Route aus Wanderkarten zusammenpuzzelnd. Nun aber begegnete ich mehr Radtouris als Wanderern, die meisten tagestourmäßig aus AU oder D kommend. Die Ursache des erstaunlichen Vorher-Nachher-Effekts sind simple Tourismusförderungsmaßnahmen – einheitliche, flächendeckende Markierung von Radwanderrouten und die passenden Karten dazu. Leider gehörte zur Förderung auch, eine hübsche Downhill-Schotterstrecke mit atemraubenden 20% zu asphaltieren – diese Spielverderber!
A propos Radrouten... in Tschechien wurden quasi über Nacht, von einem Jahr aufs nächste, mehrere tausend Radrouten ausgeschildert, fast flächendeckend übers Land verteilt. Die Wegweisungsschilder sind gut sichtbar, verständlich, lückenlos – und einheitlich. Die meisten Routen sind schlicht autoarme Nebenstraßen. Erstaunlich, was man alles machen kann... in Deutschland kriegt man dergleichen ja in absehbarer Zukunft nicht gebacken, dafür gibts viel Getöse um den großengroßen Masterplan Fahrrad.
Spontan bastelte ich schon mal eine Böhmerwald-Campingtour fürs nächste Frankfurter Tourenprogramm zusammen. Was war noch? Ich machte einen Abstecher in ein Militärsperrgebiet, wo ich an einem See zeltete, umgeben von Militärzweckbauten, standesgemäß in Tarnfarben gescheckt bemalt – aber hübsch, babyblau und rosa! Weniger nett fand ich, am nächsten Morgen von Geschützdonner geweckt zu werden und dann quer durch ein Manöver weiterfahren zu müssen, unter den Augen von einigen hundert mit Geschützen beschäftigten Uniformierten, an einem Flugplatz und besetzten Wachtürmen vorbei. Erstaunlicherweise machte keiner Anstalten, mich anzuhalten, man grüßte halt freundlich. Die Bunnzwehr hätte wohl weniger gelassen reagiert, ich fühlte mich an den braven Schwejk erinnert... nein, dieser Abstecher gehört nicht zur angedachten ADFC-Tour ;-)
Mittlerweile hatte die Jagdsaison begonnen. In Tschechien wird sehr viel gejagt, jeden zweiten Tag stieß ich beim Wildzelten auf Waldrand-Wiesen auf Vertreter der Zunft. Die allgemeinen Spielregeln: Zelten und Pirschen passt schlecht zusammen, also entweder oder. Ich halte mich an die Grundregel "wer zuerst kommt, mahlt zuerst" – es sei denn, es dämmert schon, oder die Herren der Zunft sind zu blind, mich wahrzunehmen, dann geschieht es ihnen recht, nichts vor die Flinte zu bekommen, sie würden das Wildbret wohl eh nicht sehen. Ansonsten verdrück' ich mich. Bin ich zuerst da, verdrückt sich Hubertusfraktion. Die meisten sehen den Sachzwang (schlecht gelaufen, gehn wir halt woanders ballern) bereitwillig ein. In hartnäckigeren Fällen reicht etwas Überzeugungsarbeit (beiläufig mit Kochtöpfen klappern, Kippe anstecken, laut reden) zur Förderung der Einsicht.
Zum Schluss noch ein viel schrägeres Outdoor-Erlebnis... ich hatte mein Camp auf einer Waldlichtung im Böhmerwald aufgeschlagen. Erst später, auf dem üblichen Abendspaziergang in der Dämmerung, stieß ich auf ein riesiges Schild, das mein Camp als besonders schutzwürdiges Biotop auswies. Laut Schild war dort (eine eingezäunte Wirtschaftwiese mit Kuhfladen drauf!) so ziemlich alles verboten, was Menschen in freier Wildbahn unternehmen könnten, außer halt auf den Wanderwegen zu bleiben und dabei bitteschön keine Bienen zu stören. "Dumm gelaufen" dachte ich grade, da erschreckte mich ein lautes Scheppern in der Nähe. Urheberin des Geräuschs war eine unbemerkt aufgetauchte ältere Frau, die ihr Fahrrad auf den Weg schmiss, flugs in den Büschen verschwand und alsbald mit zwei großen Plastikeimern, die randvoll mit irgendetwas Schwerem gefüllt waren, wieder auftauchte und sie an den Lenker hängte. Erst dabei bemerkte sie mich, direkt vor ihr stehend. Ich habe selten einen Menschen so erschrecken sehen. Beinahe hätte sie die Heidelbeeren ausgeleert.
Meine trägen grauen Zellen reagierten ausnahmsweise in Echtzeit, ich outete mich sofort als harmloser deutscher Tourist – was sie ungemein beruhigte. Als ich meinen Spaziergang auf dem steilen und sehr unebenen Trampelpfad fortsetzte, schob sie ihr Rad hinter mir her, sie war erstaunlich schnell. Die Beerenklauerin hatte es verdammt eilig, ihre offenbar tagsüber gepflückte und versteckte Fracht im Schutz der Dämmerung heimzubringen. Sie hatte sogar die Puste, mich dabei in ein Gespräch zu verwickeln. Als wir gerade 15 Meter neben meinem (vom Weg aus natürlich nicht sichtbaren) Zelt vorbeiliefen, fragte sie, in welchem Hotel ich wohne. Da näherten sich meine auch so schon bescheidenen Tschechischkenntnisse rapide dem Nullpunkt, und an den Namen meines Hotels konnte ich mich auch nicht erinnern. Schließlich wählte ich aus den von ihr angebotenen Namen einen kernigen aus, irgendwas mit 'Solidarität'. Das Erreichen eines guten Fahrwegs schützte mich vor weiteren naseweisen Fragen; die Frau stieg auf und sprintete los. Ich wäre an ihrer Stelle viel langsamer gefahren, mit den schweren Eimern am Lenker, aber sie hatte offenbar Übung darin. Auf dem Rückweg zum Zelt überkam mich ein Grinsanfall: Naturschutzfrevler unter sich ...

Wulfhard Bäumlein
und Rainer Mai

zur Hauptseite des ADFC Frankfurtzürück zum Inhaltsverzeichniss der Ausgabe 1/2001zum Seitenanfang

frankfurt aktuell 1/2001 (200111)   © Copyright 1999 by ADFC Frankfurt am Main e.V.   
Impressum | Kontakt