Reise durchs westliche Andalusien - Teil 1

15. April 2003 (Frankfurt – Malaga)

Am späten Vormittag breche ich auf, um mit der S- Bahn zum Flughafen zu gelangen. Dort angekommen, schraube ich die Pedale ab, verstelle den Lenker und lasse die Luft aus den Reifen. Dann wird es abgeholt und ich hoffe inständig, dass ab jetzt nur noch wohlgesonnene Hände sich ihm nähern. Da dies mein erster Flug mit Fahrrad ist, fehlen mir eigene Erfahrungen und die Beiträge auf diversen Internetseiten deuten darauf hin, dass ich immerhin eine etwa 50 prozentige Chance habe, mein Fahrrad auch wieder heil in Empfang nehmen zu können. Aber dann gibt es da ja auch noch die anderen 50 Prozent, doch diese Gedanken verdränge ich gleich wieder aus meinem Kopf. Gegen 17:00 Uhr lande ich in Malaga und bemerke sofort, dass die Wettervorhersage sich nicht geirrt hat: das sonnige und warme vorösterliche Hoch über Deutschland habe ich eingetauscht mit einem Tiefausläufer, leichtem Nieselregen und Temperaturen um die 15°C. Und das an der Costa del Sol. Skandal! Zunächst gilt allerdings mein Hauptaugenmerk weiterhin dem Zustand meines Fahrrades. Gespannt betrete ich die Gepäckhalle und erkundige mich, ob ich mein Fahrrad bei dem normalen Gepäck oder an einer separaten Stelle erwarten darf. Da ich leider keine verbindliche Aussage erhalte, mische ich mich zunächst unter die Mitreisenden und starre gebannt auf das sich in Bewegung setzende Gepäckband. Meine Nervosität steigt allmählich an und jedes scheppernde Geräusch, das aus irgendeiner Ecke der Halle an mein Ohr dringt, bringe ich augenblicklich in unmittelbaren Zusammenhang mit meinem Fahrrad. Die Gedanken an die anderen 50 Prozent nehmen plötzlich wieder größeren Raum ein. Das Band läuft weiter in seine vorherbestimmte Richtung, die Menge der Mitreisenden hat sich bereits verringert, mein Blick ist fokussiert auf den schwarzen Vorhang, der immer wieder neue und bereits bekannte Gepäckstücke freigibt. Plötzlich erkenne ich mein Fahrrad: auf der Seite liegend wirkt es irgendwie deplaziert und exotisch unter den üblichen Koffern und Taschen. In den Kurven hat es Mühe liegen zu bleiben, doch freundliche Mitreisende geben ihm Halt, bis es mich endlich erreicht. Ich nehme es vorsichtig herunter und unterziehe es einer ersten optischen Kontrolle. Na ja, zumindest fehlt nichts. Bald darauf kommt auch meine Fahrradtasche mit dem Werkzeug. Pedale wieder dran, Lenker richten, aufpumpen und ein paar Runden in der Halle drehen. Alles funktioniert. Große Erleichterung macht sich bei mir breit. Ich begebe mich zum Ausgang, wo der nächste spannende Augenblick bevorsteht. Wird mein Bruder da sein? Er war schon zwei Wochen alleine durch den Osten Andalusiens unterwegs und wollte mich am Flughafen abholen. Ich trete durch die Tür, eine Menge Leute steht davor und wartet. Mein Blick schweift suchend umher, kann meinen Bruder allerdings nicht entdecken. Houston, haben wir da ein Problem? Ich warte einige Minuten. Die erhoffte Erscheinung tritt nicht ein. Setze mich Richtung Telefon in Bewegung, um bei unseren Eltern anzurufen. Das hatten wir für potenzielle Schwierigkeiten (z.B. sich verpassen) so verabredet. Ich erreiche das Telefon, im gleichen Moment kommt mein Bruder um die Ecke und steuert ebenfalls das Telefon an. Na also, geht doch. Er hatte sich erkundigt, ob ich überhaupt auf dem Flug eingecheckt war. Befürchtungen in diese Richtung hegte er, weil viel Zeit verstrichen war, bis ich herausgekommen bin (na ja, ich hantiere eben nicht jeden Tag mit dem Werkzeug).

Um den Flughafen zu verlassen gibt es offensichtlich keine andere Möglichkeit, als eine autobahnähnliche Straße zu benutzen. Wir folgen dieser etwa 3 km. Eine ziemlich unerfreuliche Angelegenheit, Fahrspur ohne Standstreifen, links saust und donnert der Verkehr vorbei. Wir sind heilfroh, als wir die Ausfahrt erreichen, um zu unserer ersten Unterkunft (ein im Internet gefundenes privates Bed & Breakfast) zu gelangen. Es ist ein älteres Haus und der Hausherr erklärt uns, dass in unserem Zimmer bereits Ernest Hemingway übernachtet haben soll. Wir glauben das auf der Stelle.

16. April 2003 (Malaga – Ardales, 64 km/770 hm)

17. April 2003 (Ardales – Ronda, 48 km/1060 hm)

Unsere Routenplanung ist recht simpel: von Malaga aus den westlichen Teil Andalusiens erkunden, aber eher durch die Berge/Naturparks als in Richtung Meer. Dabei orientieren wir uns an den in der Karte als „landschaftlich besonders schön“ ausgezeichneten Strecken und bevorzugen die kleinstmöglichen asphaltierten Straßen. Übernachtung in Pension, Bed & Breakfast, Jugendherberge oder Hotel.
Da wir keine Karte gefunden hatten, in der ausführliche Höhenangaben enthalten sind, gibt es anfangs tagtäglich größere Überraschungen hinsichtlich der nicht vermuteten Höhenmeter. Dann haben wir uns darauf eingestellt, dass das Streckenprofil, welches sich auch fast durch die gesamte Reise hindurchzieht, gekennzeichnet ist von häufigem „Auf und Ab“, längere flache Abschnitte kommen nur selten vor.
Am zweiten Tag, auf dem Weg nach Ronda, müssen wir auf den ersten 30 km über verschiedene Anstiege bereits knapp 900 hm überwinden. Beim Berghochfahren hat sich in vielen gemeinsamen Radtouren folgender Ablauf entwickelt: mein Bruder fährt vor – und wartet dann an einer markanten Stelle. Ich befinde mich also auf einem schweißtreibenden Anstieg und habe meinen Bruder bereits aus den Augen verloren. In meinem Kopf verschafft sich der Gedanke an eine Pause mehr und mehr Raum, als ich einen Aussichtspunkt erreiche. Prima denke ich, ein typischer Treffpunkt, doch ich kann meinen Bruder nirgends erkennen. Etwas verwirrt darüber stoppe ich doch noch nicht ab und fahre weiter. Es geht höher und höher, immer stärker spüre ich meine noch nicht auf diese Strapazen eingestellte Muskulatur. Was geht in meinem Bruder vor? Wo will er nur hin? Wenn ich ihn in den nächsten 5 Minuten nicht treffe, werde ich eine individuelle Pause einlegen, vereinbare ich mit mir selbst. Da fährt neben mir ein Auto vorbei, hält an, kurbelt die Fensterscheibe herunter und der Beifahrer fragt mich auf Englisch, ob ich zusammen mit einem Freund unterwegs bin. Ich setze das Wort Freund mit Bruder gleich (auch wenn ich innerlich überzeugt bin, dass ein „Freund“ mich nicht so leiden lassen würde :-)) und bejahe dies. „Dein Freund lässt Dir ausrichten, dass er weit hinter Dir fährt“, informiert mich der Beifahrer. Ich bedanke mich für diese Nachricht, stelle mein Fahrrad sofort am Straßenrand ab und lege mich ins Gras. Endlich Ruhe. Nach gut 30 Minuten taucht mein Bruder auf. Er hatte tatsächlich an jenem Aussichtspunkt gewartet – die Straße aber für wenige Augenblicke verlassen. Tja, so kann’s gehen, wenn man den älteren Bruder unterschätzt. :-)

In Ronda machen wir abends noch einen Stadtrundgang. Berühmt geworden ist Ronda durch seine Lage, erbaut hoch oben auf zwei Seiten einer tiefen, schmalen Schlucht, durch eine knapp 100 m hohe Brücke verbunden.

18. April 2003 (Ronda – Algodonales, 56 km/930hm)

Es ist Karfreitag und alle Geschäfte sind geschlossen. Wir haben noch Lebensmittelreste von gestern, die uns über den Tag helfen. Das Wetter verhält sich wie in den vergangenen Tagen: es ist bewölkt und manchmal hat es den Anschein, als ob jederzeit der Himmel seine Schleusen öffnen könnte. Doch von Regen werden wir noch verschont. Hier und da lugt sogar die Sonne hervor. Temperaturen um 22°C. Nach dieser dritten Etappe mit zahlreichen Steigungen streikt mein Rücken am Abend gänzlich. Ich muss am nächsten Tag in Algodonales eine Zwangspause einlegen. Das mitgebrachte ABC-Pflaster kommt zum Einsatz und verschafft Linderung. Wir befinden uns in der Semana Santa, jener Woche von Palmsonntag bis Ostersonntag, in der in ganz Spanien gefeiert wird und besonders Andalusien mit seinen Dörfern und Städten (vor allem Sevilla) ist bekannt dafür. Auch in unserem Dorf gibt es am späten Samstagabend eine Prozession: Zum Zeichen der Bußfertigkeit werden Kutten mit hohen, spitzen Kapuzen getragen. Musikgruppen begleiten den Zug und riesige, aus Holz geschnitzte Darstellungen aus der Passionsgeschichte werden durch die Straßen getragen.

20. April 2003 (Algodonales – Ubrique, 54 km/890 hm)

Mittlerweile bewegen wir uns auf der Route der sogenannten „weißen Dörfer“, weiß von den Kalkschichten zum Schutz gegen Wetter und Ungeziefer. Malerisch im Hinterland der Costa del Sol gelegen blicken einige auf eine über tausendjährige Geschichte zurück. Viele Dörfer können noch Überbleibsel arabischer Architektur vorweisen. Wir fahren an Zahara vorbei bis auf etwa 900 m hoch nach Grazalema, das der Sierra auch ihren Namen gab, und passieren dabei viele Kork- und Steineichenwälder. Während der Mittagspause kreisen verdächtig viele Adler und Geier über unseren Köpfen – solange sie nur kreisen...

21. April 2003 (Ubrique – Jimena de la Frontera, 73 km, 1370 hm)

Kurz nach dem Aufbruch unter einem strahlend blauen Himmel geht es bereits knapp 450 hm auf etwa 750 m hinauf. Dies nehme ich auch gleich als Test für meinen angespannten Rücken, doch oben angekommen gibt er mir grünes Licht und wir entscheiden uns für die längere Strecke am heutigen Tag, quer durch den Nationalpark „Los Alcornocales“. Eine herrliche Tour auf etwa 800 m Höhe mit wunderschönem Panorama. Als gegen Mittag mein Bruder sich nach einer Pause erkundigt, beantworte ich seine Anfrage mit „fahr‘n wir noch ein bisschen“. Leider stellt sich dieses „bisschen“ als ein etwa 8 km langer Anstieg mit 500 Höhenmeter heraus. Aber wer will da schon rasten? Mit ein paar Traubenzucker gelingt es mir, mich ohne Hungerast nach oben zu bringen. Und die Strapaze wird belohnt mit einem grandiosen Blick auf die Ebene in Richtung Mittelmeer und den etwa 40 km entfernten Felsen von Gibraltar. Näher werden wir ihm auf dieser Tour nicht mehr kommen. Danach geht es 15 km nur bergab, fast bis auf Meereshöhe. Dafür ist das Erreichen unseres Etappenzieles Jimena de la Frontera verbunden mit dem Erklimmen eines letzten Anstieges für heute. Im Dorf selbst muss dann auch der kleinste Gang kapitulieren vor extrem steilen Gassen mit über 30% Steigung (oder ist es die völlig überforderte Beinmuskulatur?). Nachdem wir uns, den Schildern folgend, fast auf den höchsten Punkt schiebend heraufgekämpft haben, stellen wir fest, dass das hier angesiedelte Touristenbüro geschlossen hat. In solchen Situationen gehen wir dann zu Plan B über: fragend durch das Dorf ziehen. Die angesprochenen Bewohner reagieren auch überwiegend freundlich und hilfsbereit: zumindest, wenn sie mit den Fragen, die wir aus unserem eingeschränkten Spanisch-Wortschatz zusammenschustern, etwas anfangen können. In diesem Fall werden wir prompt mit einem ausführlichen Wortschwall beglückt, dessen Inhalt wir nur aufgrund der oft parallel einsetzenden Gestikulierung in Verbindung mit dem partiellen Aufschnappen einiger Codewörter wie „links“, „rechts“ oder „geradeaus“ deuten können. So finden wir auf diese Weise ein „casa rural“. Ein altes Haus, in 10 Jahren aus einer Ruine heraus restauriert, wie uns der Eigentümer stolz berichtet. Es ist liebevoll mit Sinn fürs Detail ausgestattet, im rustikalen Stil, und nach hinten hinaus auch mit den so typischen Innenhöfen versehen. Und es gibt eine Premiere für diese Tour: es ist ruhig gelegen!!! Dieser Umstand wird sofort von unserem häufig des Nachts malträtierten Gehör wahrgenommen. Die sonst üblichen kleinen Höllenmaschinen (Motorroller) nehmen sich hier eine Auszeit oder produzieren ihren Megakrach ausnahmsweise einmal in anderen Gassen. Wir nutzen diese glückliche Fügung zu einem ausgiebigen 11-Stunden-Schlaf. wird fortgesetzt

(cm)

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8. Mai 2003 ADFC Frankfurt am Main e. V. Impressum | Kontakt