Tour de Natur

Eine besondere Art, durchs Land zu radeln

Seit 16 Jahren im Einsatz für eine umwelt- und sozialverträgliche Verkehrspolitik, mit alljährlich 150 Menschen nicht nur aus Deutschland, in einem Tempo, bei dem vom Kind bis zur Greisin alle mithalten und den Sommer genießen können ... und Verkehrspolitik zu machen:

als Demonstration mit Musik und Tanz, Straßentheater und Jonglage, Akrobatik und Transparenten, in inhaltlicher Auseinandersetzung mit den EntscheidungsträgerInnen, durch Unterstützung von Bürgerinitiativen gegen umwelt- und menschenfeindliche Verkehrsprojekte, durch die Entwicklung alternativer Konzepte ...und menschlich zu leben:

bunt und lebendig, phantasievoll und stressfrei, im gemeinsamen Austausch statt im künstlich erzeugten Wettkampf, bestrebt um einen solidarischen und toleranten Umgang miteinander, mit regionaler Bio- und Vollwertkost, selbstverwaltet und basisdemokratisch.

Dies ist ein Auszug aus dem Flyer zur Tour de Natur 2006, die vom 30. Juli bis 12. August stattfand und von Erfurt bis Görlitz führte. Wir haben zu dritt an dieser Tour teilgenommen, meine Frau, unsere sechsjährige Tochter und ich, und mussten feststellen, dass die Versprechen des Flyers voll eingehalten wurden. Wir können guten Gewissens empfehlen, an der Tour 2007 von Nürnberg nach Darmstadt teilzunehmen und werden das auch selbst tun.

Unser Einstieg in die Tour 2006 begann in Naumburg an der Saale und wurde durch das erste von vier Lagerfeuern versüßt. Wie immer bei der Tour entsteht so etwas nur unter spontaner Mithilfe von Teilnehmern. So habe auch ich beim Vorbereiten des Holzmaterials geholfen. Trotz eines anstrengenden Tages auf dem Rad lauschten wir noch bis weit in die Dunkelheit mit unseren Kindern den vorgetragenen Liedern und Musikstücken.

Die Tour am folgenden Tag über 30 Kilometer verlief ohne Besonderheiten. Es ist angenehm, unter Polizeischutz auf normalen Straßen bequem und sorglos voran zu kommen. Gewiss, man muss Einschränkungen beim Fahren in einer so großen Gruppe von weit über 100 TeilnehmerInnen akzeptieren – aber das fällt in angenehmer Gesellschaft Gleichgesinnter leicht. Die Etappe war nur kurz, die Unterkunft in Ordnung, aber leider ohne Zeltmöglichkeit und mit beengten Fahrradabstellmöglichkeiten. Es ging trotzdem. Wie immer zeigte sich, dass sich dieser bunt gemischte Haufen erstaunlich gut selbst organisiert.

Am nächsten Tag begann die Vorbereitung auf den Aktionstag in Leipzig mit Ideensammlungen, Plakatmalerei, Musik-, Gesangs- und Tanzübungen. Besonders angenehm war der musikalische Teil in den Kuranlagen in Bad Dürrenberg. Man konnte sich in lockerer Atmosphäre beteiligen oder einfach zuhören, bei Sonnenschein im Gras in schöner Umgebung.

Das Ergebnis war dann am nächsten Tag in Leipzig zu bestaunen. Es galt, die geplanten Aktionen zur Bahnprivatisierung mit abgesprochenem Vorgehen im Leipziger Hauptbahnhof umzusetzen. Ein wenig vorsichtig beteiligte ich mich lediglich als Fotograf zu Dokumentationszwecken – was sich im Nachhinein als zu vorsichtig herausstellte. Es gab eine Reihe kleiner Aktionen im abgestimmten Zeitrahmen: Musik im Bahnhof, Papierflieger aus Flugblättern, Transparente, Chorgesang, Jonglage. Der Clou war eine zeitgleiche Aktion von Robin Wood zur Bahnprivatisierung mit großen Transparenten und Kletterern in Eingangsportalen des Bahnhofs. Ein Chor der Tour de Natur begleitete die Aktionen von Robin Wood. Da alles ohne Auseinandersetzungen und Aggressionen verlief, waren Sympathien seitens der Bahnangestellten und der herbeigerufenen Polizei zu spüren, die auch mal in hilfreichen Tipps zur Fortführung der Aktionen gipfelten.

Von der nächsten Etappe nach Oschatz berichte ich beispielhaft von der Fahrt mit dem Rad selbst. Man fährt in der Regel in Zweierreihen. Bei Ortsdurchfahrten ertönen Lautsprecherdurchsagen durch ein mitgeführtes Megafon. Spontan werden einfache, aber sehr einprägsame Lieder im Wechselgesang zwischen Vorsängern und TourteilnehmerInnen angestimmt. Bei Steigungen wird untereinander Unterstützung geleistet – denn jeder muss sein Gepäck selbst transportieren. Einige verteilen Flyer der Tour an wartende Autofahrer oder Passanten. Andere unterstützen spontan die Polizei beim Absperren von Kreuzungen und Einmündungen. Nur ganz selten gab es geringfügige Probleme mit unwilligen anderen Verkehrsteilnehmern. Meist wird den Teilnehmern aus den entgegenkommenden, langsam fahrenden oder haltenden Autos sympathisch zugewunken. Strategisch günstig ist dabei sicher auch, dass Kinder fast ganz vorne fahren dürfen...

Am nächsten Tag, der Fahrt von Oschatz nach Dresden, überraschte uns ein kräftiger Regenschauer mitten in der offenen Landschaft. Eine Abfahrt im Regen an die Elbe verlief völlig störungsfrei, in Meissen gab es auf dem Marktplatz in historischer Umgebung eine warme Mittagssuppe aus dem „Mampfmobil“, einem begleitenden Lkw, der die Küchenausrüstung transportiert und die Verpflegung organisiert. Die Weiterfahrt bis kurz vor Dresden auf dem engen Elberadweg forderte etwas mehr Disziplin als gewöhnlich, was aber nicht wirklich störend war. Eine geplante Unterkunft kurz vor Leipzig erwies sich als völlig ungeeignet. Dank des unermüdlichen Einsatzes der Organisatoren konnte die eigentlich für den nächsten Tag geplante Übernachtung in Dresden in einer Schule um einen Tag vorgezogen werden. Bemerkenswert war die Einfahrt der Truppe ohne Polizeischutz bei Regen durch den Stadtverkehr über Kreuzungen und rote Ampeln hinweg als geschlossener Radfahrverband. Die Regelungen der StVO wurden diszipliniert ausgenutzt – und das trotz widriger äußerer Bedingungen, fehlender Polizeiabsicherung und mitten in der Hauptverkehrszeit der Großstadt Dresden. Ein Erlebnis der besonderen Art, das sich so sicher nicht so schnell wiederholen wird.

Dadurch gab es zwei volle Tage im Florenz des Nordens, die sich dank vielfältiger Möglichkeiten kurzweilig gestalteten. Vorbereitet wurde eine ähnliche Aktion wie in Leipzig für den Dresdener Bahnhof, die insgesamt erfolgreich verlief, aber durch dumpfe Fußballfans etwas gestört wurde. Die privaten Sicherheitskräfte waren etwas angespannt und offensichtlich von der Einschätzung der Lage überfordert, während sich die ebenfalls anwesende Polizei völlig im Hintergrund hielt. Außer einem kleineren Handgemenge mit den privaten Sicherheitskräften gab es aber keine Probleme.

In der nächsten Unterkunft auf einem weitläufigen Sportgelände bei Kamenz nahmen wir an Akrobatik-Vorführungen teil. Unter anderem wurde ein mehrstöckiger Menschenturm gebaut, ich habe unten gestanden und einiges auszuhalten gehabt. Den Abschluss des Tages bildete mal wieder ein Lagerfeuer mit musikalischen Einlagen und philosophischem Gedankenaustausch.

Bemerkenswert war auch Bautzen, das folgende Etappenziel. Neben einer inhaltlichen Diskussion über die Waggonindustrie mit kompetenten Vertretern vor allem von Gewerkschaftsseite konnte ich die herrliche Altstadt gleich zweimal genießen: Beim „Freigang“ am Nachmittag nach der Besichtigung des Sorben-Museums, einer völkischen Minderheit, und durch eine kurze Rundfahrt am Abend durch die beeindruckend bestrahlte Altstadt.

Weniger erfolgreich gestaltete sich der Tourauftritt in Löbau. Dort hatte man der Tour eine Kundgebung auf dem zentralen Marktplatz verweigert und diese auf einen unattraktiven Schauplatz am Rande verlegt. Es wäre nicht die Tour de Natur, wenn sie sich diese Ignoranz gefallen ließe: Rein zufällig fanden sich eine Menge „Spaziergänger“ an besagtem Marktplatz ein, um wenigstens einige kleinere Gesangs- und Musikstücke zum Besten zu geben – begleitet von kritischen Polizeibeamten, die aber nicht eingriffen. Mit einer singenden Menschenkette zogen wir zurück zur eigentlichen Tour.

Die letzte Etappe führte schließlich nach Görlitz zu einer etwas außerhalb gelegenen Unterkunft. Auf der Etappe verabschiedeten sich kurz vor Görlitz die Sperrklinken im Inneren meines Zahnkranzes, so dass ich immer wieder ins Leere trat. Das Rad und mit ihm meine angehängte Tochter samt Rad wurde in ein Begleitfahrzeug verladen. Mir verpasste der Fahrer des Begleitfahrzeuges sein Ersatzrad, ein Pedersen-Rad, mit dem ich den Abschnitt bis Görlitz bewältigen konnte. Hier fand ich während der Aktion in der Innenstadt und bei einem kräftigen Regenschauer einen Fahrradhändler, der mühevoll meinen Schraubkranz von der Nabe entfernte und Ersatz da hatte. Das Rad war wieder fahrtüchtig, meine Aufholfahrt zu der inzwischen voran gefahrenen Truppe wurde außerhalb von Görlitz bald von Erfolg gekrönt. An diesem Abend gab es noch zwei weitere Besonderheiten: Ein Festmahl vom Mampfmobil-Team und die Fundsachenversteigerung, bei der gnadenlos alle nicht abgeholten Fundsachen versteigert wurden.

Die Bilanz der Tour habe ich ja schon dem Artikel vorangestellt: nächstes Jahr wieder! Tja, und was bleibt sonst noch? Die Erinnerung an schöne Radtouren, stimmungsvolle Abende, sinnvolle verkehrspolitische Aktivitäten, nette Leute, eine herrliche Gegend, ein Motivationsschub für das eigene Engagement im ADFC und die Erkenntnis, dass manches im Leben auch anders geht, als es sich im Alltag so eingeschlichen hat. 

Infos: www.tourdenatur.net

Text und Fotos: Stefan Pohl

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